Der blick vom schlossberg auf die Alte Brücke hatte für George über jahre hinweg etwas beinahe alltägliches. Im april 1900 war Gundolf von München nach Heidelberg gezogen um dort sein studium fortzusetzen. Er bezog zunächst ein zimmer in der pension Schildecker (Plöck 101). Zehn jahre danach war er erneut am Neckar · diesmal um sich mit erfolg zu habilitieren. „Und je mehr sich der Dichter der Öffentlichkeit entzog, desto mehr galt der außerordentliche Professor für deutsche Literatur an der Universität Heidelberg als sein Stellvertreter auf Erden” (Karlauf 2007, 373). Aber George der in den jahren zuvor viel zeit mit Gundolf verbracht hatte - vor allem in dessen Darmstädter elternhaus (im Grünen Weg 37) und bei gemeinsamen reisen - besuchte ihn nun eben auch in Heidelberg. Meist stand die arbeit an Shakespeare-übertragungen im vordergrund. Man logierte in der pension Neuer (Schlossberg 49 · ab november 1915 in der pension Bezner in der Gaisbergstrasse 16a) wohin auch die zahlreichen besucher bestellt wurden die George damals empfing - oft zur besprechung ihrer veröffentlichungen im verlag der BfdK. Natürlich war auch Morwitz in Heidelberg wo er 1910 promovierte.
Die alte universitätsstadt brachte George wichtige neue begegnungen: schon 1910 mit dem vierzehnjährigen Percy Gothein (das war auf eben dieser brücke) und seinen in Heidelberg hoch angesehenen eltern · aber auch mit dem berühmten Max Weber und jüngeren gelehrten wie den nationalökonomen Edgar Salin (der George der ihn stiefmütterlich behandelte noch über die nachkriegszeit hinaus lebenslang die treue hielt) und Artur Salz (der 1919 in München Eugen und Rosa Leviné bei sich versteckte). Im übrigen war George auch weiterhin viel in München (im „kugelzimmer” von Wolfskehls haus in der Römerstrasse 16) · Berlin (bei Vallentin oder meistens bei Bondi in der Herbertstrasse 15 in Grunewald - so auch während der Novemberrevolution) und tagsüber in Thormaehlens Pompeianum in der Neuen Ansbacher Strasse 18) · Basel (bei der familie Landmann) und schliesslich auch in Mainz (auf dem Kästrich bei Boehringer). Die urlaube verbrachte er in der Schweiz oder in Italien bis der krieg den auslandsreisen ein ende sezte.
Gleich nach kriegsende bezog Gundolf eine wohnung in der Villa Lobstein auf dem Heidelberger Schlossberg 55 (deren zimmer heute von der Studentenhilfe an studierende vermietet werden). Als George seine Schwabinger wohnung aufgeben musste holte Gundolf ihn im april 1919 zu sich. Dass Heidelberg damals als hauptstadt des „Staats” gelten konnte zeigte sich wenig später. Beim legendär gewordenen pfingsttreffen in der Villa Lobstein war beinahe der ganze innere Kreis versammelt - ausser George und Gundolf Berthold Vallentin · Ernst Morwitz · Ernst Glöckner · Ernst Gundolf · Woldemar v. Uxkull · Albrecht v. Blumenthal · Ludwig Thormaehlen (dessen erinnerungen die teilnehmerliste zu verdanken ist) und die neu hinzugekommenen Erich Boehringer und Percy Gothein. Verhindert waren - teilweise wegen der politischen gegebenheiten oder krankheitshalber - Robert Boehringer · Melchior Lechter · Karl Wolfskehl und Friedrich Wolters. Es fehlten aber eben auch alle die wie Wolfgang Heyer oder Norbert v. Hellingrath im krieg geblieben waren. Ihrer wurde gedacht indem Percy Gothein Bernhard von Uxkulls Sternwandel-gedichte vortrug.
Bald nach diesem höhepunkt begann Georges zunehmende enttäuschung über Gundolf der sich von der heirat mit Elli Salomon nicht mehr abbringen liess. George war nun immer häufiger in Marburg bei Wolters der ihn zudem mit vielen seiner studenten in verbindung brachte. Als sich 1922 Max Kommerell und Johann Anton George anschlossen begann für ihn eine neue epoche. Im jahr darauf wohnte er bei aufenthalten in Heidelberg bereits bei Uxkulls freund Ernst Kantorowicz (Haus Schlosspark im Wolfsbrunnenweg 12) - dem aufgehenden stern unter den jungen wissenschaftlern im Kreis · ebenfalls einem volkswirtschaftler der sich nun aber anschickte mit der darstellung Friedrichs des zweiten buchstäblich geschichte zu schreiben.
8 DER STERN DES BUNDES
ZWEITES BUCH 8201-30
Nur scheinbar stehen hier freunde des Dichters im mittelpunkt die ihm viel bedeuteten nachdem er sich von den kosmikern gelöst und abstand zum tod Kronbergers (1904) gewonnen hatte. Doch sollen hier gerade nicht ereignisse und besonderheiten dokumentiert werden - der STERN DES BUNDES wäre sonst nie ein gesetzbuch genannt worden - und einzelne namen oder anfangsbuchstaben bleiben ungenannt. Es überwiegt also das lehrhafte und zugleich sind doch viele gedichte auch als liebeslyrik zu verstehen.
8201 BREIT’ IN DER STILLE DEN GEIST
Die gedichte der ersten zehnergruppe beziehen sich auf Ernst Morwitz (M). Der siebzehnjährige gymnasiast hatte im august 1905 an George geschrieben und ein eigenes gedicht beigelegt. Es dauerte nur monate bis er Georges zuneigung gewann aber fünf jahre bis er George duzen durfte. Nach dem studium der rechtswissenschaften und der dissertation führte Morwitz’ karriere ihn bis zum richter am Berliner Kammergericht. Wegen des berufsverbots 1935 ging er kurz vor der pogromnacht 1938 in die USA und arbeitete als instructor und lecturer an verschiedenen universitäten. Zudem übersezte er Georges werke ins englische · ebenso Homer und überhaupt werke der griechischen mythologie. Er starb 1971 bei einem seiner seit 1954 jährlich durchgeführten besuche in Europa wie George im krankenhaus Sant’Agnese in Locarno. Bemerkenswert ist sein zeitlebens unbürgerlicher lebensstil. In seiner abneigung gegen alle besitztümer übertraf er sogar George selbst. Streng vermied er nicht notwendige kontakte zu menschen die sich nicht an George orientierten · stand aber immer im austausch mit seinen ihm immer noch verbundenen schülern. Seine lezten fünfzehn jahre verbrachte er in New York · lebte in hotelzimmern arbeitete an den George-kommentaren und ass - auch wenn ihn die durch die Bundesrepublik zuerkannte pension eines Senatspräsidenten finanziell unabhängig machte - am liebsten in schnellrestaurants die so nüchtern waren wie er selbst.
Dieser wesenszug wird hier eher als hemmschwelle angesehen. Dass der angesprochene seinen allzu spröden verstand einmal zur ruhe in die nacht hinausschicken möge um sich so von der "inneren Verkrustung" (M, 366) zu befreien und für die stimme des Eros in ihm selbst zugänglicher zu werden ist der wunsch den der sprecher an ihn heranträgt. Es dürfte gerade dieser befreiende anstoss gewesen sein der Morwitz’ dankbarkeit gegenüber George begründete.
Egyptien denkt aber dass in diesem eingangsgedicht zugleich der leser gemeint sei. Schon hier ist ja von der begegnung mit dem göttlichen die rede. Das macht das im gedicht ebenfalls angesprochene reinigungsritual geradezu erforderlich. Der imperativ „BREIT(E)" klingt deshalb für Egyptien fast schon wie „bereit(e)" (Wk, 532).
8202 Entbinde mich vom leichten eingangsworte
Angesichts der „heissen kraft" des überlegenen älteren (im nächsten gedicht wird deutlicher vom „brande dieser liebe" die rede sein) meint dieser freund aber immer stärker ein eigenes unvermögen zu empfinden. Er glaubt den erfordernissen „für die weitre weihe” nicht gewachsen zu sein und bittet darum von seiner aus seiner sicht zu leichtfertig gegebenen zusage entbunden und damit unter das „dumpfe volk” zurückgeschickt zu werden. Es fällt ihm also schwer die inneren „hüllen” loszuwerden von denen im ersten gedicht die rede war. Sie verstellen ihm den blick auf alles in ihm vorhandene das ihn für die aufnahme in den kreis des gesprächspartners qualifizieren würde. Da müsste ihn die einprägsame sentenz eines besseren belehren: „Denk nicht dass dort nichts ist wo du nichts siehst.” Diese feinfühlige antwort des älteren - also des sprechers des ersten gedichts - lässt sich als versuch verstehen das noch geringe selbstbewusstsein des neuen freundes zu stärken. Er habe - offenbar bei einem zweiten oder späteren abendlichen treffen - in dessen gesichtszügen sogar das „gottesantlitz” bereits durchscheinen sehen. Dass er nicht anders spricht als jeder halbwegs begabte sektenführer · jeder geschickte rattenfänger zu einem ähnlich unsicheren novizen entwertet seine worte nicht. Gelehrte erläuterungen zu dem begriff „gottesantlitz” erübrigen sich gerade hier wo es nur darauf ankommt einen ganz ungefähren eindruck zu erzeugen weil sich der jugendliche angesprochene in den einzelheiten der Kabbala ohnehin gar nicht auskennt. Egyptien hat recht wenn er annimmt dass „der liebevolle Blick von außen Qualitäten des Partners wahrnimmt, die dessen Selbstwahrnehmung verborgen bleiben" - wobei dieser blick nicht „etwas in den Partner 'hineinsieht'". Vielmehr spricht Egyptien - mit bemerkenswertem mut - von der besonderen „Sensibilität" des „erotischen Blicks" für „eine verborgene Qualität" (Wk, 533).
8203 Auf der brust an deines herzens stelle
3 schwären : eiterbeule oder geschwür
4 heilungstein : Egyptien verweist (wie Ute Oelmann in SW VIII, 139) auf Jean Pauls roman „Hesperus” wo „ein Leichen- oder Schlangenstein auf die Brust gelegt” wird „um alles Gift auszusaugen” (Wk, 534). Das ist überzeugend weil diese art der behandlung in einem abschnitt des romans angesprochen wird der in Georges und Wolfskehls Jean-Paul-band (1900) aufnahme fand. Dort heisst es in Giulias sterbebrief: „Aber ich werde antworten: Schau diese untergegangnen Wangen an und diese ermüdeten Augen und drücke sie nur zu - o lege den Leichenstein an meine Brust, damit er alle Wunden aussauge und nicht eher abfalle, als bis sie ausgeheilet sind”. Und eine fussnote zu „Leichenstein” erläutert: „Der Schlangenstein saugt sich so lange an die Wunde an, bis er ihren Gift weggezogen.” (Kapitel 59)
In diesem gedicht wird dem schüler vor augen geführt dass der sprecher - das zulassen körperlicher berührung durch mund und hand an brust und hand (so viel penibilität muss sein) vorausgesezt - geradezu heilende wirkung auszuüben vermag: das erste bild stammt aus dem bereich barocker medizin und das zweite aus dem der elektrizität. Sollte der novize durch das aufsteigen „schwarzer dünste” verunsichert sein beruhigt die auskunft: die genesung des hirns sei bereits im gange und die dünste seien lediglich durch das beseitigen abgestorbenen (alp-)träume „im brande dieser liebe” bedingt - ein rasch vorübergehender vorgang. Gleichwol dürfte diese therapie aus heutiger sicht nicht mehr jedem als unumstritten gelten. Es wäre lächerlich die genannten körperlichen vorgänge als nicht wörtlich zu nehmende bilder umzudeuten. Allerdings ist eine günstige wirkung einvernehmlicher körperlicher berührung in der medizinischen forschung inzwischen immer wieder nachgewiesen worden. Dass sie Morwitz nach eigener aussage gerettet hat steht ausser frage. Aber längst nicht mehr taugt die wirksamkeit einer behandlung als hinreichendes kriterium ihrer beurteilung. Das gilt in der medizin nicht anders als in der pädagogik.
8204 Mich den finstren musst du fesseln
Wie selbstzerstörerisch das empfinden eines schülers von schuld und eigener wertlosigkeit sein kann lassen die ersten drei verse ahnen die von ihm gesprochen werden. Er nennt sich „den finstren” und „den tollen” und verlangt eine behandlung die nur mit dem wunsch nach strafe und sühne zu erklären ist: ersterer soll gefesselt und lezterer getötet werden. Der sprecher weist solche vorstellungen zurück und wandelt das „fesseln” um zu einem blossen „binden” das freilich mehr ist als die körperliche verbindung durch das unterhaken der arme. Statt von tod spricht er von freude und verspricht den „bann” unter dem der freund leidet durch ein „sonne-walten” zu brechen. Es mag sein dass er dabei auf göttliche unterstützung baut: das übernächste gedicht wird das leuchten des Eros besingen. Der eigentliche „sonnentag" findet aber erst in 8208 statt ohne dass dort von höheren mächten irgendeiner art die rede wäre.
8205 Heilige nacht von Ihm befohlen
Auch wenn die selbstbezichtigungen des schülers erkennen liessen dass dieses „sonne-walten" noch nicht eingetreten ist wird die nacht in der er sich noch immer befindet bereits eine heilige genannt. Der sprecher hat erkannt dass sie aus gutem grund von dem gott verhängt wurde - es kann nur der Eros gemeint sein - und so beschwört er sie ihren schatten noch nicht zu lüften solange er nicht das ihm durch sie zuteil gewordene glück ganz verstanden und er ihr werk - es ist nicht ganz klar ob ihr werk an dem schüler oder gar an ihm selbst gemeint ist - zum abschluss gebracht oder ganz genossen hat.
Ihm genüge gegen dunkelheit und kälte vorerst noch allein das von dem gott gesandte licht wie es durch den schüler bereits auf ihn übergeht. So dreht sich das aus 8203 bekannte bild des überfliessens von strom aus seiner in die hand des schülers hier bereits um - des schülers der im vorigen gedicht bereits wusste dass auch dem sprecher es „zum lohne" nicht mehr weit habe. Das verfrühte hereinbrechen des tages und damit des zuvor genannten „sonne-waltens" wird folgerichtig nicht gewünscht. Das gedicht spiegelt die auffassung Georges wider dass krisen und abschnitte des niedergangs ganz durchlaufen werden müssen. Erstaunlicher ist wie unverhüllt doch auch das eigeninteresse des sprechers nun zutage tritt.
8206 Er ist Helle . . wenn er leuchtet
Der gott wird dem novizen als ein doppelgesichtiger vorgestellt. Jeder seiner beiden seiten sind vier zeilen gewidmet und die anapher betont die gleichwertigkeit beider. Natürlich steckt dahinter ein „Nietzsche-Echo” (Wk, 534): der gott „ist” sowol apollinische „Helle” wie dionysisches „Dunkel” und beidem - so die eigentliche lehre für den jungen - soll er sich öffnen ohne widerstand zu leisten: (erneut mit Nietzsche) „der dinge lachen in kristallner Höh” wo die helligkeit das auge fast überfordert und das „schauern” ertragen wenn der rausch „uns” mit sich reisst und die selbstkontrolle nimmt. Die anklänge an Maximins zweites gebet (7417) wurden schon oft bemerkt. Der leicht durchschaubare versuch sowol sich selbst als auch dem schüler die frage nach der verantwortung auszutreiben · dafür den gott zu instrumentalisieren und zulezt sich und den jüngeren wie siamesische zwillinge in dasselbe boot zu setzen wirkt billig und erinnert an den ähnlich missglückten achten abschnitt der VORREDE (T09).
8207 Wenn meine lippen sich an deine drängen
2 oden : nebenform von „odem" (wie in 8212)
M lässt keinen zweifel daran dass der sprecher mit dem Dichter gleichzusetzen ist. Ihm ausgerechnet bei diesen gedichten zu widersprechen wäre gewagt. Zudem klingt der sprecher selbstbewusster als es dem gerade erst geheilten jüngeren zukäme der wol kaum die seherhafte fähigkeit für sich beanspruchen würde eine uralte gemeinsame abstammung beider festzustellen. Der gesenkte blick ist bei George kein zeichen für beschämung - schon gar nicht wegen der erkenntnis eines inzestuösen vergehens und einem damit verbundenen schuldgefühl. Die geste drückt vielmehr die ehrfurcht aus vor den „schreckensfernen” - den „für den menschlichen Geist unmessbar fernen Epochen” (M) hinter denen jener „königstamm” lebte auf den nicht nur der geliebte zurückgeführt wird. Auch in Georges familie mütterlicherseits war man überzeugt von der existenz eines vorfahren mit nahöstlichen wurzeln. In der tat wiederholte sich in der familie Schmitt der vorname Saladin in jeder generation. Georges 1883 in Bingen geborener verwandter Saladin Schmitt war mit seinen gedichten ein zuverlässiger beiträger der Blätter für die Kunst auch wenn er schliesslich auf und hinter der bühne weitaus erfolgreicher als mit seinen versen wurde (und gerade dafür bei George natürlich keine lorbeeren erntete): der platz vor dem Bochumer theater dessen intendant Schmitt von 1918 bis 1949 war trägt heute seinen namen. George sagte noch in GEHEIMES DEUTSCHLAND (9117) von ihm er sei von seinem „eigensten blut” gewesen. Dies zeigt wie bewusst ihm diese besonderheit seiner familiengeschichte war die ihm in 8207 zur heilkräftigen quelle gerät.
Denn die lezten vier zeilen beeindrucken nicht nur als geistreiche veranschaulichung eines empfindens engster verwandtschaft oder innigsten verschlungenseins wie es die ersten vier schon gepriesen hatten · zuerst nur in körperlicher hinsicht. Darüber hinaus aber werten sie den jüngeren entschieden auf: machte dem gymnasiasten Morwitz sein judentum noch zu schaffen (in einer zeit als noch kein mensch das gemobbtwerden an schulen überhaupt ernstnahm) wird es durch Georges geniestreich zur unersetzlichen bedingung einer exklusiven gemeinsamkeit auf augenhöhe. Das in 8203 gegebene versprechen der heilung - dort klang es noch als preise sich ein fragwürdiger wunderheiler an - wird wirklich eingelöst indem Morwitz verstehen konnte: wir beide hatten in ältester zeit semitische vorfahren und führen uns beide - wie jeder der alten könige Judas oder Israels - auf den einen stamm Abrahams zurück. Dass du „mein eigen fleisch bist" wird mir zur unmittelbaren gewissheit wenn ich „in deinem innren oden lebe". So gestaltet 8207 auch eine liebeserfahrung wie sie inniger nicht mehr vorgestellt werden kann.
Morwitz der auch nach dem krieg nie aufhebens von seiner jüdischen herkunft machte dürfte es unangenehm gewesen sein in seinem kommentar nun alle hintergründe auszubreiten. Lieber trieb er die spröde seiner parafrasen gerade bei diesem gedicht demonstrativ auf die spitze. Seinen dank an George formulierte er an weniger auffälliger stelle: in seinen gedichten die lange nur in den BfdK zugänglich waren - und dort ohne namensnennung.
8208 Die uns nur eignet: dein und meine runde
An diesem schon in 8204 versprochenen „sonnentag” wird der freund in den hier „runde” genannten Kreis eingeführt. Das bedeutet aber gerade nicht dass es etwa zu einem gegenseitigen sichvorstellen und kennenlernen käme. Die bedeutung des (im grunde also ganz abstrakten) ereignisses ist so gross dass die sicht nicht nur auf die zukunft sondern sogar zurück auf das vergangene sich dadurch verändern kann. Egyptien spricht hier von einem „erfüllten Moment” oder der „zentralen Idee des ewigen Augenblicks” (Wk, 535). Allerdings gibt es viele unterschiedliche bestimmungen dieses begriffs.
Dieser Kreis geht nur „uns” beide etwas an: er ist also - so die ungewöhnliche wiederholung - nur „dein und meine runde” - „ohne dass die Einzelnen zueinander in persönlicher Bindung stehen oder zu stehen haben” (M) also nicht „gesellschaftlichem Kontakt ähnlich” (M). „Der Kreis bestand in den Radien, die zum Mittelpunkt führten - die einzelnen Punkte des Kreisumfanges waren kaum miteinander verbunden.” (M) Die unverhüllteste formulierung des grundsatzes lautet im gedicht dass in der runde „du nur mir bist” - und weil dies für alle gilt: „und alle so mir blühn”. Seine strenge lockerte sich allerdings seit den späten zwanzigerjahren erheblich als der Kreis von den vielen sehr jungen der lezten generation bestimmt wurde die alle der gleichen altersstufe angehörten. Freilich galt auch für sie weiterhin dass jeder einzelne sich „schenkt” und dadurch doch selbst gewinnt · dass jedes neue dieser paare den raum in der runde enger macht - streng räumlich gedacht - und doch weitet im sinn einer bereicherung durch die beiden selbst bereicherten.
8209 Du kamst zu mir aus einem vollen leben
Der selbstbewusste ton des jungen freundes ist der beste beweis für seine erfolgreiche heilung. „Du kamst zu mir” behauptet er in erstaunlichem stolz. Aber so wie er in seiner unerfahrenheit alles fordert scheint er auch alles geben zu wollen. Ihm geht es um mehr als gefolgschaft.
Auch die blumigen liebes-versicherungen des älteren neigen nicht zur untertreibung. Doch sollen alle schwüre nur gelten „solang das los es fodert”. Dabei wünschte sich der jüngere doch gerade „alles für allzeit”. Das lezte wort behält der andere: Er weiss genau dass er der liebe des jüngeren nicht mit unbegrenzter hingabe wird begegnen können. Und das sagt er - ihm und allen künftigen - mit gleicher deutlichkeit wie raffinesse indem er flugs den vom „los” - in wahrheit also von ihm jederzeit nach seinem gusto - zu beendenden „umlauf” (was die vorstellung einer von menschen nicht zu beeinflussenden umdrehung eines uhrzeigers oder gestirns weckt und damit gerade die möglichkeit des willkürlichen abbruchs etwa anlässlich einer neuen begegnung leugnet) ungeniert zur „ewigkeit” erklärt. Die konditionen sind immerhin klar formuliert. Hier wird eben keine romantische liebe beschworen · keine ehe in aussicht gestellt. Der ältere gibt „alles” allenfalls für einen von ihm zu bestimmenden zeitraum. Man muss ihm zugutehalten dass er nicht ehrlich wäre würde er mehr versprechen - und nichts verspricht was nicht im empfinden des schülers doch wirklich werden kann.
Georges insofern nicht unberechtigte chuzpe sogar rechtfertigend fügte sich Morwitz noch ein halbes jahrhundert danach den gegebenheiten: „Für eine Zeitspanne, deren Dauer dem Los beider entspricht (als ginge es M um eine späte bestätigung des Leibnizschen uhrengleichnisses) und (...) schon infolge der Intensität Ewigkeit bedeutet, ist dieser Freund für den Dichter das Herz, das heisst die Mitte seines ganzen Lebens und Erlebens. (...) Über die Zeitspanne des Erglühens und Erfülltseins hinaus vermag der Mensch ebensowenig frei zu bestimmen wie über Dauer und Ablauf der eignen Existenz.” In solchem realitätssinn scheint seine nüchternheit doch wieder auf. Und dennoch wird man den eindruck nicht los als habe er wenigstens bei diesen worten die illusion einer symmetrie vor augen gehabt die es nie so richtig gab. Sie beweisen wie er Georges sichtweise nachzuempfinden versuchte (wobei er sich unter vier augen auch gegen den Meister stellte wenn dies misslang) · und wie treffend Georges vers im vorigen gedicht doch den anspruch erhob dass „du nur mir bist und alle mir so blühn": in 8209 vollendet sich das muster für alle die jünger waren und einmal zum innersten kreis gehören wollten. Ein abweichendes empfinden brachte Morwitz öffentlich nie zur sprache · nicht einmal im rückblick auf die jahrzehnte die auf die „ewigkeit” gefolgt waren. Da war dann nur noch die gefolgschaft geblieben.
8210 Was gelitten ist beschwichte !
3 gibt die richte : in der schwebe zwischen „die richtung vorgeben” und „als richter urteilen”
Der durchlittene kampf gegen die hier „widergeist” genannten selbstzweifel des schülers kann nun als beendet gelten. Der leitung durch den Eros steht nichts mehr im wege. Das vergangene bleibt nur noch wie ein „wilder traum” zurück · und auch der ältere hat sich in der auseinandersetzung mit den in seinem neuen freund wirkenden dämonen so verändert dass er vieles von sich geradezu vernichtet fühlt. Vor ihm aber liegt seine neue vollendung in dieser freundschaft. Alles wird nun in der macht der „höheren sende” liegen (die auch über dem Eros steht und im vorigen gedicht „das los” hiess).
In München waren Karl und Hanna Wolfskehl Georges bevorzugte gastgeber. Das ehepaar lebte ursprünglich in der Hermann-Schmid-Strasse 7 - George wohnte schon im april 1899 bei ihnen - und zog wol ende 1904 in die Leopoldstrasse 87 · im februar 1909 aber in die Römerstrasse 16. Im oktober ergab sich die gelegenheit für Georges aufenthalte die kleine dachgeschosswohnung zu mieten so dass er künftig besucher in dem nach seinen wünschen ganz schmucklos eingerichteten kugelzimmer - benannt nach der form der deckenlampe - empfangen konnte. Der raum verfügte auch über einen kleinen balkon (im bild mit dem runden geländer).
Dort wurde gelesen und nach antiker weise zu festlichen - aber nie üppigen - gastmählern geladen wenn Wolters Vallenthin Morwitz oder Hildebrandt aus Berlin gekommen waren. Ludwig Thormaehlen traf hier während seines studiums in München zum ersten mal auf George · später besuchten ihn Ernst Glöckner und Hans Brasch. Nach dem krieg war Percy Gothein oft zu gast. Auch die turbulenten wochen um die ermordung Kurt Eisners verbrachte George in Schwabing. Damit war 1919 schluss als Wolfskehl das haus aufgab und nach Kiechlinsbergen verzog.
8211 WER SEINES REICHTUMS UNWERT IHN NICHT NÜZT
Das verhältnis zwischen dem jüngeren · den zugang zum Dichter und die aufnahme in den Kreis begehrenden schüler und dem mal wie ein liebender · mal wie ein lehrender klingenden älteren wird hier - so teilt es M mit - anhand von erfahrungen beleuchtet die George mit zwei recht unterschiedlichen schülern machte: Percy Gothein und Ludwig Thormaehlen. Gothein hat selbst überliefert wie er 1911 kurz vor seinem fünfzehnten geburtstag bei George in Bingen den Dichter diese verse vor sich hersagen hörte und dann auf sich bezog. Aber auch sie enthalten keinen namen und sind deshalb geeignet jeden zu warnen der über einen reichtum an nicht genuzten begabungen verfügt. Selbst armut oder verlust seien weniger beklagenswert. Der angesprochene wird mit einem wünschelrutengänger gleichgesezt der das glück einer so seltenen und besonderen befähigung nicht zu schätzen weiss oder als unverdient empfindet und „das wunderding” am liebsten wegwerfen würde. Ihm wird der rat erteilt sein privileg stattdessen zu geniessen und hilfreich einzusetzen solange es wirkt. M fasst die wünschelrute als symbol der „unbewussten Macht über eine andere Seele” auf und meint damit zweifellos die seele des Dichters der wol schon damals trotzdem nicht blind war für die sich bereits andeutenden gefährdungen denen Gothein dann schliesslich unterlag.
8212 Selbst nicht wissend was ich suchte
Es spricht ein seit dem kennenlernen des Meisters schon nicht mehr im „Schlaf der Jugend” (M) dämmernder schüler dessen „jugendliches Ungewissein” (M) ihn aber noch immer in einer starre ähnlich der des eises hält obwol er sich seiner vielfältigen begabungen schon bewusst ist. Die in ihm liegenden möglichkeiten deutet das bild des baumes an. Eine mehrdeutigkeit wie sie etwa dem auch religiös besetzten erweckenden „odem" innewohnt · der aber auch körperliche nähe voraussetzt · macht nachvollziehbar dass der STERN bis in unsere zeit für schlagzeilen taugte. Sie wurden ja vom Dichter durchaus provoziert. So ist auch die verwendung des begriffs „triebe” im zusammenhang dieses gedichts besonders raffiniert.
Jedenfalls waren unzählige menschen die wie in diesem gedicht dargestellt von sich aus und in bittender haltung sich an den Dichter als einen „helfer” wandten bis an ihr ende dafür dankbar zu ihrem eigentlichen leben aufgetaut worden zu sein. Ähnliches mag freilich für alle möglichen sekten und erweckungsbewegungen gelten. Auch könnte darauf hingewiesen werden dass im jahreszyklus unserer breiten jegliches eis schliesslich von selbst taut. Im menschlichen lebenszyklus muss es sich aber nicht so verhalten. Und das eigentümliche der erweckung durch George war nicht eine umpolung oder gehirnwäsche sondern die bestätigung zuvor ins verborgene gedrängter anlagen und die ehrgeizige förderung der begabungen. Das ist auch hier gemeint wenn der schüler darum bittet wachsen zu können und damit das bild der sich ausbreitenden baumkrone noch einmal aufnimmt. Einer mag sich dafür loben die beeinflussende kraft des gedichts durchschaut zu haben · ein anderer von seiner wahrheit überzeugt sein. Auch beides zugleich ist möglich.
M deutet an dass das gedicht die erfahrung mit dem einundzwanzigjährigen Ludwig Thormaehlen zum auslöser hatte. Dessen bildhaueratelier in Berlin - dem Pompeianum folgte das Achilleion - war in den zwanziger-jahren der wichtigste stützpunkt des »Staates« wo George besucher empfing und lesungen abhielt. Der promovierte kunsthistoriker Thormaehlen hatte - gefördert von dem nachfolger v. Tschudis an der Nationalgalerie Ludwig Justi - schon früh eine bedeutende funktion im Berliner museumsleben und veröffentlichte in den fünfziger-jahren die nicht unumstrittenen aber doch überaus lesenswerten und anschaulichen „Erinnerungen an Stefan George”. Besonders durch Thormaehlen und mit Georges unterstützung wurde die bildhauerei im Kreis populär. Der junge Victor Frank liess sich von ihm anleiten und übernahm nach Georges tod auch die Berliner werkstatt.
8213 Du hast empfangen hast gegeben
2 gesetz : ein allgemeines lebens-gesetz „nach dem jedes Leben auf Wechselseitigkeit beruht” das der angesprochene befolgt hat (M).
4 lauf: wie „umlauf” (8215) ein fingerzeig auf das einmal zwangsläufig eintretende ende der liebesbeziehung
9 begehung : „Einführung in das neue Leben durch den Dichter”
Die ersten zeilen drücken des sprechers zufriedenheit mit dem angesprochenen aus - M vermutet wieder Thormaehlen dahinter - und ein grösseres vertrauen als es etwa Gothein entgegengebracht wurde. Eine solche zufriedenheit wird nun aber auch von ihm erwartet. Mehr als er schon bekam soll er nicht verlangen. Den „wein des gottes” - so die sentenz - geniesst man nur in kleinen zügen.
Und „in der begehung schatten” - also im alltag - soll er den „stolz” auf seine „bürde” entwickeln und den gott loben der ihm nie solche wirbel schickt die ihn in den abgrund reissen würden (auch hier lässt sich ein unterschied zur sicht auf Gothein erkennen). Zwischen den zeilen ist erkennbar dass sie einem vielleicht nicht für die allerhöchsten lorbeeren vorgesehenen novizen gelten dem aber auch nicht der tiefste absturz zugetraut wird.
8214 Da ich mit allen fibern an dir hänge
Der eben noch mit ratschlägen zur selbstbescheidung bedachte spricht über seinen aus freiem willen erfolgten weg in die gefolgschaft die er den „dienst der liebe” nennt und vor der jeder andere wunsch und jedes andere persönliche band zurückzustehen habe. Was Jesus einst von den jüngern forderte verlangen jene Georges sich also aus eigenem antrieb selbst ab. Die bitte „Vernichte mich!” lässt sich als wunsch nach einer neugeburt verstehen. Nur „die heilige ehre” möge bleiben weil sie „stärker zärter” sei. Allzu konventionell und plump und für jüngere leser wenig motivierend und zudem sprachlich kaum durchschaubar versteht M darunter lediglich die „Ehrfurcht des Jüngeren vor dem Genius des Älteren” · Egyptien aber die „eigene Ehre”. Indem sie bewahrt bleibt werde „der sich frei zu eigen Gebende durch sein Tun nicht unfrei, sein Selbstwertgefühl wird durch die Bindung an den Meister gehoben, nicht gebrochen.” (Wk, 537) Als eine fortsetzung könnte 8216 aufzufassen sein wo die neugeburt ihre darstellung findet.
8215 Was kann ich mehr wenn ich dir dies vergönne?
7 wenn ich bete : „sein Werk” (M) · „seine Wünsche” (Wk, 537)
8 in meinem wort der sterne : „Gedicht des Dichters” (M) · „seine Dichtung” (Wk. 537)
Es war schon eindrucksvoll als es in bezug auf Robert Boehringer hiess: „Und alles kam weil du es so bestimmt” (7318). Wie oft die nicht mehr steigerungsfähige bereitschaft zur hingabe bis buchstäblich zur einverleibung des anderen und damit zur eigenen auflösung wirklich zu Georges praxis des liebens gehörte ist hier nicht zu beurteilen. In seiner dichtung wird sie zweifellos verherrlicht - aber nie so unbedingt wie hier mit der unübertrefflichen zeile „dass mich dein mark in mir dir leise ähnelt”. Sie wäre ganz ohne eigenes erleben kaum denkbar und erleichtert auch das verständnis von worten der gegenseite (zugegeben: ein nun denkbar ungeeigneter begriff) wie zulezt „Vernichte mich!”. Bürgerlichen bedenkenträgern könnte hier der zeigefinger zucken wenn ihnen ein solches erfahren gänzlich fremd geblieben ist.
8216 Was ist geschehn dass ich mich kaum noch kenne
Der jünger beschreibt das glück seiner neugeburt in ungläubigem staunen. Sie hat ihm keine opfer abverlangt: er ist beliebt und wird geliebt wie zuvor · freunde suchen ihn auf „mit schöner scheu”: seine entscheidung findet ihre bewunderung. Sein lebensgefühl ist ein höheres geworden. Wenn er zurückblickt erkennt er seine armut als er sich noch zu bewahren suchte und glaubte sich wehren zu müssen. Inzwischen spürt er wie er durch völlige hingabe an vollkommenheit gewonnen hat.
Schöner kann propaganda nicht klingen. Und ihre wahrheit ist durch unzählige berichte beglaubigt die sehr ähnlich lauten und nie widerrufen wurden.
8217 Du nennst es viel dass du zu eigen nimmst
Der schüler scheint sich anerkennend oder dankbar für alles geäussert zu haben was er von dem sprecher gelernt hat. Dieses „gut” sei aber - entgegnet dieser - „nichts” im vergleich zu allen belastungen die der schüler verursacht ohne dass sie ihm bislang bewusst geworden wären. Von dem schüler geht druck aus: er erwartet dass seine bitten wie befehle aufgefasst werden. Unterlaufen ihm aber fehler hat der sprecher dafür geradezustehen so wie er überhaupt gefahren und gegner lieber auf sich lenkt um den jungen zu schützen. Lasten die diesem zu schwer sind so dass er sie abwirft muss der sprecher tragen · tränen vergiessen die eigentlich der andere weinen sollte. Anschauliche beispiele nennt das gedicht nicht · es kann aber davon ausgegangen werden dass sie aus dem universitären bereich zu entnehmen wären in dem weltanschauliche und fachwissenschaftliche richtungen aufeinanderprallten. Auch an erwartungen der eltern mag gedacht werden die nicht zu enttäuschen waren wofür sich George nun verantwortlich fühlte. Am schwersten aber wogen die tragödien durch persönliches scheitern und die verluste wie sie besonders der bevorstehende krieg mit sich bringen sollte.
8218 Was einst verhohlen quälte ward entschleiert
Der jünger denkt zurück wie er „mit vollem sturm der jugend” sich einst dem älteren näherte und wird sich bewusst dass er insgeheim qual empfand bei dem gedanken an eine schwächung oder lockerung seiner stellung zu ihm. In diesen jugendjahren eines geliebten aber hat ihm der „glühende schwung” - die „von ihm gefühlte Lebenserhöhung” (M) zu einer inneren stärkung verholfen die ihm nun einen wandel seiner stelle als harmonischen übergang empfinden lässt · dem wechsel von jahreszeiten gleich. Ihm wird bewusst dass er den wechsel „in die andere riege” - also „die Reihe älterer Freunde” (M) - bereits durchlaufen hat: und zwar „schweigsam” (also ohne den verlust von glück und daher ohne inneren widerwillen oder gar lautes klagen). Das gedicht beabsichtigt also den künftigen novizen auf die begrenzte dauer seiner stellung vorzubereiten und ihm den erwünschten umgang mit der womöglich erschütternden erfahrung nahezulegen. M geht noch einen schritt weiter wenn er von einem „Erstarken zur eignen Tat” spricht und sogar erläiutert dass damit das reifen des geliebten zum liebenden gemeint sei (dem also die aufgabe zufällt den Kreis durch neue mitglieder zu verjüngen). Dieses system erlebte nach dem erscheinen des STERN seine blüte und bewahrte den George-Kreis bis zum tod des Dichters vor seiner erstarrung.
8219 Wie man zurücksieht nach dem klippensteg
Der ältere folgt dem jüngeren in dessen blick zurück und stimmt ihm zu wenn er mit schaudern erkennt wie gefährlich dieses gemeinsame beginnen war das dem schüler schliesslich doch gelang. Er vergleicht mit dem riskanten weg über einen „klippensteg” den man nicht erfolgreich gegangen wäre hätte man alle gefährlichen stellen schon zuvor gekannt. M weist auf die herkunft des gleichnisses aus Dantes Inferno hin · Egyptien zitiert aus Georges eigener Dante-übersetzung in SW X/XI, 7f. (Wk, 544).
Das nichtwissen wird somit als vorteil · ja gerade als bedingung des gelingens aufgefasst. Der ältere lenkt den blick jedoch auf die gefahr in der er selbst sich befand als er sich dem angesprochenen „befahl” (dasselbe verb schon in 7318. Der Gekreuzigte verwendet es als er zu seinem göttlichen vater spricht: „In deine Hände befehle ich meinen Geist” (Luk. 23,46). Die pointe bei George liegt darin dass bei ihm eben der jüngere der angesprochene ist dem sich der ältere anbefiehlt). Wären dessen hände von denen er sich damit abhängig machte „leichter” (also weniger fest zupackend) oder „mürber” gewesen: dann wäre der sprecher - das bild vom klippensteg aufnehmend - „zerschellt”. Der in kommentaren schon wiederholt vorgebrachte hinweis dass gerade die gemeinsam überwundene gefährdung zusammenschweisst ist natürlich richtig.
Das zu beginn nicht bekannte oder nicht abzuschätzende · also im dunkel liegende risiko wird „das dunkle opfer” genannt ohne das sich „menschenwesen” nicht erhalten kann (man könnte sagen: ohne welches das menschenwesen sich zu bürgerwesen mindern würde). Dieser grundsatz ist das „unbeugbare gesetz” das auch der jüngere ehrfürchtig anerkennen soll. Es zu befolgen bedeutet also opferbereitschaft zu entwickeln.
Dazu immer wieder bereit zu sein (dem bürgerlichen streben nach wohliger sicherheit also nicht zu folgen) ist die „form” in der der sprecher dem gesetz genügt. Sie anzuerkennen ist bestandteil der neugeburt in dem erstrebten hellenischen oder tragischen lebensgefühl. Bedenkenswert ist freilich auch Egyptiens deutung der mit dem „dunklen opfer” · der „potentiellen Preisgabe des eigenen Menschseins zur Erhaltung des Menschenwesens” den „Anspruch einer imitatio Christi” einhergehen sieht (Wk, 545).
8220 Mir sagt das samenkorn im untern schacht:
Den abschluss der gruppe bildet wieder ein gereimtes gedicht das den gedanken aufgreift wonach das durchstehen einer krise dem aufschwung vorausgeht. Der sprecher überlässt in vier der sieben zeilen das wort einem samenkorn das - selbst auch nur im „untren schacht” sein dasein fristend und insofern vom fach - schon weil es samenkorn ist seine ganze hoffnung in die zukunft setzen muss. Denn es weiss dass überhaupt alles sich aus dem „düster” hervorringt und fordert den sprecher daher auf das zu beginn empfundene „grausen” nicht zu verurteilen und mit den „mühen der notwendigen trage” - die den eindruck eines lebens im dunkel auslösen - nicht zu hadern. M versteht „trage” als hinweis auf eine „zu bewältigende Last” und sogar ein „geistiges Schwangersein” · und diese schwangerschaft ist notwendig. Darauf kommt es an wie die metrische hervorhebung zeigt. Bald wird die nacht vorbei sein: wenn die frucht das licht der welt erblickt und damit auch die eltern des lachenden kindes im „licht" stehen. Diese geburt ist das ziel auf das hin die ganze zehnergruppe angelegt ist - und der die mühe des Dichters gilt die in ihr beschrieben ist. So ist Georges Eros auch ein gott der dichtung. Dabei ist dieser begriff noch zu eng wenn man an Gundolfs oder Kantorowicz' wissenschaftliche werke denkt auf die George einfluss nahm.
Wer aber ist der sprecher? Es ist die pointe des gedichts dass sich die frage kaum eindeutig beantworten lässt auch wenn sie üblicherweise gar nicht gestellt wird: man geht davon aus dass der Dichter spricht. Aber die aufforderung des sprechenden samenkorns das „grausen" nicht zu verdammen lässt eher an den schüler als gesprächspartner denken. Er allein hatte doch geklagt und sein unglück verdammt (in 8203 und -04). Am ende sind lehrer und schüler nicht mehr zu unterscheiden - für einen augenblick.
8221 ÜBER WUNDER SANN ICH NACH
Ob Maximin - denn um ihn geht es hier zweifellos - als erleuchtender gott und erschienener geist tatsächlich einer himmlischen sfäre entstammte oder einfach als schöpfung des Dichters aufzufassen ist gilt hier als frage für die eher die „untern kammern” der weisheit zuständig sind - also das herz (M). Dann aber verbietet sich der Dichter dieses nachsinnen über den entstehungsgrund der wundererscheinung. Stattdessen weist er seine seele an zu beten und rückt Maximin damit einmal mehr in den bereich des religiösen. Die gestellte frage findet (anders als M behauptet) doch noch eine antwort - die in der mitte liegt: als stern (auch hier findet der buchtitel eine erklärung) mag Maximin »unermessnen höhn« entstammen · doch ohne die zwingende kraft der liebe des Dichters wäre er nicht zu irdischer erscheinung gelangt. Der profet schreibt sich also die entscheidende rolle als bedingung des wunders zu dem kein anderes gleichkommt · weshalb es nicht als widerspruch aufzufassen ist dass dieses »wunder« nun doch dem erklären zugänglich gemacht wurde. Ein wunderbares (und eigentlich auch Göttliches) bleibt aber gleichwol diese kraft der im Dichter wirkmächtig gewordenen liebe. Ohne sie wäre Maximilian Maximilian geblieben und Maximin ein ferner stern..
8222 Rückgekehrt vom land des rausches
Es war zwar einer der vergleichsweise „spröden” wenn auch nicht reizlosen frühlinge Deutschlands - im märz 1902 - in dem George erstmals auf Max Kronberger traf. Der ist hier allerdings nicht namentlich genannt und im ganzen jahr 1901 war George nicht einmal im „land des rausches” sondern nur im juni im ausland - aber ganz woanders: in Noordwijk bei Verwey. An Maximin ist diesmal nicht zu denken.
Im märz 1913 aber waren George und Gundolf nach Italien gefahren um Rom und Neapel zu besuchen. Es war die reise bei der George den in 9106 angesprochenen neapolitaner gesehen hatte. Der sprecher erinnert sich an seine rückkehr aus dem süden - wo frucht und blüte (zu den stränden nicht so ganz passend) gleichzeitig erscheinen und diese üppigkeit hochstimmung auslöste.
Wer aber begegnete im april 1913 dem nach München zurückgekehrten? Es war der bereits achtundzwanzig jahre alte Ernst Glöckner auf den eine anmerkung Ute Oelmanns (SW VIII, 141) auch hinweist. Dass er hier tatsächlich gemeint sein soll ist trotzdem schwer vorstellbar: das göttliche ging dem seelisch und körperlich labilen und eigentlich wenig bedeutenden kunsthistoriker ab zumal er das jugendliche alter zu weit überschritten hatte um noch als hüllenloser „gott der frühe” besungen zu werden.
Den sich der sprecher in diesem preisgedicht vergegenwärtigt (wobei er sogar ins präsens wechselt) und den er anspricht dürfte daher ein lediglich steinerner jüngling sein: dass sein stand „fest” ist wird besonders hervorgehoben. Vers 6 wirkt wie ein apokoinou - er scheint sich im gang des lesens zunächst auf den zuvor genannten weissen birkenstamm (die birke gilt als eher nordischer baum und wird daher vom aus dem süden kommenden sprecher besonders wahrgenommen) zu beziehen · gilt aber dann auch für den besungenen um dessen gesundheit man sich gleichwol nicht sorgen muss wenn er splitternackt im kühlen deutschen lenz auf einer blumenwiese friert.
Seine nacktheit soll - sofern sie an ein antikes götterbild denken lässt - seine anrede als gott vorbereiten: er wird ein „gott der nähe” genannt (kontrastierend vielleicht bezug nehmend auf den weit entfernten stern des vorgedichts) da leib-haftig und greifbar · und ein „gott der frühe”. Denn er steht in so frühem jugendalter dass seine augen noch keine zeichen von leiderfahrung und skepsis zeigen · aber auch in einer frühen weltzeit in der „noch kein Sehnen nach Erlösung in einem Jenseits die Seele belastet” (M der sich an eine entsprechende aussage Georges zur bedeutung schattenloser augen erinnert). Da das gedicht selbst bemerkt dass er in seiner körperlichen entwicklung bereits einem hirten ähnelt soll bestimmt auch an den singenden „jungen hüter” vom anfang der HIRTENGEDICHTE (4104) gedacht werden.
Die weiten reisen zu den götterbildern im süden wirken also zunehmend überflüssig und die heimat wird aufgewertet wo sie doch - wie das klassizistische München - ganz ähnliches bietet. Insofern erinnert das gedicht an ROM-FAHRER (6215). Georges gestiegene wertschätzung Deutschlands wiederholt sich in 8225 und durfte im STERN - wenn er als darstellung der im Kreis gültigen werte gelten soll - keinesfalls fehlen.
8223 Ist dies der knabe längster sage
Gespielt ungläubig wird gefragt: ist nicht der hier ins bild gesezte gott der Eros wie ihn das frühe griechentum (von Hesiods Kosmogonie her) kannte? Er ist nämlich kein aufguss des seit der klassischen zeit vertrauten fast noch kindlichen schmeichlers · schon gar nicht der pummeligen putti und verspielten eroten. Selbstbewusst modelliert George den alten gott mit neuen zügen nach seinem geschmack und seinen bedürfnissen · nennt ihn gleichwol den ältesten (also den eigentlich authentischen) und verschafft ihm damit respekt. Und wie er bei anderer gelegenheit den katholizismus benuzt so taugt ihm auch die griechisch-heidnische religion als ein setzkasten aus dem er sich bedient um sein eigenes produkt einzuführen. Der neue alte Eros ist ein zwar jugendlicher aber körperlich schon gestählter held des willens und der tat den es zu arbeit und kampf drängt. Zuvor bringt er nach kurzem kuss das zeugen als eine notwendige pflicht hinter sich die ohne nennenswerte lustempfindung erfüllt wird. Mit wem? Das ist nicht der rede wert. Für werbung und geturtel ist keine zeit · stattdessen wird beherzt zugegriffen.
Dieser ziemlich deutsche Eros hat den ernst eines kriegsgotts · ist aber lediglich ein Eros für die anderen und nicht zu verwechseln mit dem Eros den George seinen herrn nannte und an den er den LOBGESANG (7321) richtete - nachdem er ihn ebenso selbst zusammengesezt hatte.
8224 Wenn holde freiheit kehrt und holder friede
2 zu allen Mächtigen : Der vers bezieht sich auf an die götter · nicht etwa an fürsten oder politiker gerichtete preislieder.
Das gedicht fällt durch die scharfe zweiteilung auf: die ersten vier zeilen füllt eine allgemein gehaltene sentenz · die vier lezten zeilen sprechen von ich und du und sind an Ernst Morwitz gerichtet (M) ohne ihn namentlich zu erwähnen. Die botschaft wonach vor dem im kampf erst noch zu erringenden sieg keine zeit für privates glück sei hat Georg Herwegh in dem berühmten aufruf von 1841 »Reisst die Kreuze aus der Erden!« zwar drastischer zum ausdruck gebracht · George aber erspart sich den kriegerischen ton indem er lieber von den paradiesischen folgen spricht die den kämpfern nach dem sieg winken. Morwitz gegenüber wäre es nie angebracht gewesen den zeigefinger zu heben. Den ersezt hier allerdings eine feine ironie. Die unbeholfen wirkende wiederholung des ebenso wie »hainen« bewusst altertümlichen adjektivs »hold« schon in der ersten verszeile wirkt leicht abwertend so als glaube der Dichter selbst nicht an die baldige wieder„kehr” eines friedenszeitalters.
Die adjektive „leicht” und „unbedacht” lassen die vorbehalte noch deutlicher erkennen ohne dem gegenüber direkt zu widersprechen. Sich selbst sieht der sprecher hingegen unter dem zwang schwerer verantwortung gegenüber „unserm glück”: meint dies sogar das glück des ganzen volkes? Geklagt wird nicht · verleiht das bewusstsein der notwendigkeit ihm doch eine „würde” für die der jugendlich unbedarfte träumer allerdings noch kein auge hat. Seine innere reifung soll abgewartet werden. Wenn ihm dann bewusst wird wie sehr der Dichter in dieser (krisen-)zeit seinen und seiner kunst eigentlichen und vom schicksal gegebenen wert und rang in der einflussnahme auf das öffentliche leben erblickt wird er verstehen dass die persönliche beziehung vorerst zurückzustehen hat. Dann (also nicht erst in der fraglichen zukunft einer friedens-epoche) ist es möglich dass „ich mich dir ergebe”. Es ist bemerkenswert wie eindeutig die leidenschaft in diesem gedicht dem kalkül des verstandes nachgeordnet ist und von dem jüngeren die anerkennung dieser rangordnung eingefordert wird.
Schwach muss man die beiden lezten gedichte nicht nennen (Wk, 539): sie gaben jedem jungen und manchmal ungeduldigen kreismitglied klare orientierung in fragen die George wichtig waren. Und selten wurden normen in so dichterische sprache und geistreiche bilder gekleidet.
8225 Vor-abend war es unsrer bergesfeier
Ebenfalls an Ernst Morwitz gerichtet (M, 376) ist diese erinnerung an einen gemeinsamen bergwanderung in Bingen im frühjahr 1907 während der stunden vor einer abendlichen „bergesfeier” bei der beide in Georges elternhaus wein „aus einem silbernen Familienbecher” tranken (M).
Der im präteritum gehaltene bericht beginnt mit dem aufstieg - es läge nahe an den Rochusberg zu denken - und gipfelt im erlebnis der farben die den sprecher - oder eben sicher beide beteiligte die buchten der ägäis empfinden lässt. Mit Morwitz' worten: „Zugleich schien der Traum, nämlich das Bild Griechenlands, wie es der Dichter und sein Freund in sich trugen, zur Wirklichkeit erwacht zu sein." (M) Die blosse erinnerung wird damit weit überschritten: das erlebnis der antike lässt sich geradezu beliebig oft und gleichwertig in der rheinischen landschaft wiederholen. So entsteht das „zeitlose nu” oder der „ewige augenblick” den man am „schauder” des „grössten glückes” erkennt der beide dann erfasste als der „goldschein” der tief stehenden sonne die landschaft in ein licht tauchte das sie zum „sitz der Seligen” - also der griechischen götter - werden liess.
Dass die identität von geträumtem ideal und wirklichkeit - die nähe des göttlichen das nicht wie man bisher meinte an einen fernen ort gebunden ist - am Rhein in wenigstens gleicher intensität erfahren werden kann bekräftigt die in 8222 angedeutete absage an die mittelmeerreisen. Zum hochgefühl beigetragen hat sicher auch die anwesenheit des hier nun anders als noch in 8224 ebenbürtigen freundes der diesen abend nicht weniger stark erlebt. Welch ein unterschied zu dem oft gegensätzlichen fühlen des paares in NACH DER LESE - beispielsweise in 5105 ! Das im zweiten vers vorweggenommene abendliche trinken aus dem gemeinsamen becher ist dem bericht nicht umsonst bedeutungsvoll vorangestellt.
8226 Dem Lenker dank der mich am künftigen tag
„Du träumst von ruhm ich von willkommner rast”: nicht spricht hier · in morgendlicher stunde nach arbeitsbeginn · der lehrling zum chef sondern - wir sind am anfang des zwanzigsten jahrhunderts - ein müde gewordener älterer zu einem jüngeren „bruder” dem es noch viel bedeutet wenigstens nicht ganz spurlos aus dem leben zu gehen. Zulezt sind alle eufemismen · sind „rast” und „frieden” abgelegt: unmissverständlich „mit Dir zum tod !” endet die lezte zeile dieses nur scheinbar martialischen „Schlachtengesangs” (für den M sogleich eine art entschuldigung einfügt wonach es sich „um eine Grundform der Dichtung handelt” die „jeder Dichter zu Zeiten” anstrebe) der aber eigentlich ein liebesgedicht darstellt in dem am tag vor der schlacht dieser jüngere angesprochen wird.
Denn das pathos der rede resultiert weit mehr aus der innigkeit der den sprecher ganz erfüllenden beziehung · während die kriegsrhetorik abgedroschen klingt. Dazu trägt bei dass der bevorstehende kampf gar nicht thematisiert wird - nicht sinn noch anlass des krieges sind einer erwähnung wert obwol der für beide tödliche ausgang schon festzustehen scheint. Allenfalls von einem nebulösen „preis der sterne” ist - hier wie in der lezten zeile die sprache der kriegspropaganda parodierend - die rede wenn man nach einem ziel dieses opfergangs sucht der einen inneren wert daher nur durch die bindung an den freund gewinnt. Allein die vorfreude auf das „einzige glück” einer lezten gemeinsamen nacht und eines rauschhaften morgens berührt den sprecher. Die bindung ist so stark dass sie nur durch eine „blutige taufe” in der schlacht - also den soldatentod - gelöst werden kann. So ist der vermeintliche schlachtengesang im grunde ein antikriegslied.
Egyptien fasst das gedicht als antwort auf eine an George gerichtete vorlage von Ernst Morwitz auf und schlägt vor „die Schlachtmetaphorik als Liebeskampf zu deuten” (Wk, 540). In der tat scheint sich Georges sprecher in den mittleren zeilen als ein durch eine „flamme” entzündeter · durch eine „kraft” gebundener darzustellen · als ein in einem solchen kampf besiegter also den nur der gemeinsame tod aus diesem zustand wieder lösen oder erlösen kann (wobei diese lösung natürlich nicht ernsthaft erwünscht ist).
8227 Der trunkne Herr des Herbstes sprach mir so:
Auch dieses gedicht gehört zu denen die eine abwendung vom süden und eine hinwendung zu Deutschland verkünden. Vordergründig äussert sich Dionysos dem die neue ausrichtung des Dichters nicht entgangen ist über den wein - und das „klingt wie ein kritisches Echo zur Utopie des Vor-abend-Gedichts” (Wk, 541). Dabei macht er - er ist eben trunken - einen scherz: er unterstellt dem dichter die kühne und überschwängliche hybris sogar eine art von deutschem Dionysos als zwilling des mediterranen antiken erfinden zu wollen („im eigenleib”: aus sich selbst heraus - oder in eigener gestalt?).
Doch möge der dichter (der sich ja wieder in Deutschland befindet) sich lieber an das hier von ihm gereichte halten. Denn nur die mittleren qualitäten seien im süden besser · „des edlen edelstes” aber - bekanntlich löst alkohol die zunge - „gedeiht nur hier”. Die doppeldeutige formulierung der pointe verweist - erst recht im zusammenhang des STERN der ja kein weinführer sein will - auf das gemeinte: der Dionysos ist ein Eros · und der denkt nicht an wein wenn er vom edelsten spricht.
8228 Ich weiss nicht ob ich würdig euch gepriesen
Nach dieser ungewöhnlich launigen behandlung des Göttlichen ist die zweifelnde frage ob das preisen des verkörperten und des transzendenten gottes würdig genug war verständlich. Doch ist sie nur die überleitung zu der lehre wie man sich das wirken des Eros zu denken hat: als eine vielgestaltige verkörperung, ein vernichtetwerden und erneutes füllen unterschiedlicher formen · aber stets »in gleicher herrlichkeit« was auf das hochgefühl hinweist welches liebende und geliebte erfasst - und nach einer »nacht der reinigung« (insofern in deren verlauf hemmungen und bedenken · alles was manchmal auch hüllen genannt wird überwunden werden).
Betont wird allerdings auch dass jede verkörperung (in form der konkreten beziehung) auch wieder vernichtet werden »will«. Das ende einer jeden dieser religiös aufgewerteten liebesbeziehungen ist ihr jederzeit innewohnend und nicht von der willkür der beteiligten abhängig. Es kommt insofern nicht überraschend · muss nicht besonders schmerzhaft sein · muss keineswegs das ende der verbindung überhaupt sein (wenn der geliebte wie üblich nur die »riege« wechselt) und erfolgt im wissen dass eine »neue flamme« den Eros in einer anderen »form« wieder aufleben lassen kann.
8229 Die einen lehren: irdisch da - dort ewig . .
8230 Wo sind die perlen süsse zähren