Drittes Buch · Schlusschor

8  DER STERN DES BUNDES

83  DRITTES BUCH 8301-30

84 SCHLUSSCHOR

In München waren Karl und Hanna Wolfskehl Georges bevorzugte gastgeber. Das ehepaar lebte ursprünglich in der Hermann-Schmid-Strasse 7 - George wohnte schon im april 1899 bei ihnen - und zog wol ende 1904 in die Leopoldstrasse 87 · im februar 1909 aber in die Römerstrasse 16. Im oktober ergab sich die gelegenheit für Georges aufenthalte die kleine dachgeschosswohnung zu mieten so dass er künftig besucher in dem nach seinen wünschen ganz schmucklos eingerichteten kugelzimmer - benannt nach der form der deckenlampe - empfangen konnte. Der raum verfügte auch über einen kleinen balkon (im bild mit dem runden geländer). 

Dort wurde gelesen und nach antiker weise zu festlichen - aber nie üppigen - gastmählern geladen wenn Wolters Vallenthin Morwitz oder Hildebrandt aus Berlin gekommen waren. In 8307 spricht George sogar von dem „geweihten haus". 

Ludwig Thormaehlen traf hier während seines studiums in München zum ersten mal auf George · später besuchten ihn Ernst Glöckner und Hans Brasch. Nach dem krieg war Percy Gothein oft zu gast. Auch die turbulenten wochen um die ermordung Kurt Eisners verbrachte George in Schwabing. Damit war 1919 schluss als Wolfskehl das haus aufgab und nach Kiechlinsbergen verzog.

83  DRITTES BUCH 8301-30

8301 VON WELCHEN WUNDERN LACHT DIE MORGEN-ERDE

Nur die ersten beiden gedichte der ersten zehnergruppe erschienen schon vorab in den BfdK deren drucklegung im januar 1910 erfolgte.

In gedichten über die wirkung Maximins darf die mit ihm verbundene licht-erscheinung nicht fehlen. So deuten hier die beiden lezten zeilen den grund für die jubelnde aufbruch-stimmung des lyrischen ichs an dem sogar die silhouette der berge nun anders vorkommt als zuvor („sieht” steht verkürzt für „sieht aus”). Sogar das glücksgefühl der kindheit ist in der heimatlich wirkenden umgebung - wofür vornehmlich der strom sorgt - neu erwacht und der staub ganzer jahre geradezu weggeschwemmt. Die ganze „schöpfung” wird in einem zustand paradiesischer unschuld erlebt so dass sogar jeder mensch in neuer würde erscheint. Maximin wird damit eine erlöser-rolle zugeschrieben obwol sein name ungenannt bleibt. Obwol diese verse die durch nichts getrübte feier der neuen zeit schlechthin sind ist auch von einem Herrn der Wende keine rede. Das mag daran liegen dass es um göttliches gar nicht mehr gehen soll wie schon das nächste gedicht beweist. 

8302 Dies ist reich des Geistes: abglanz

Georges „reich des Geistes” - DAS NEUE REICH wird der nächste band heissen - ist als „Abglanz seines vordem nur im Traum geschauten Reiches” (M) ein „hof und hain” · also kultur und natur umfassendes universum und durchaus nicht nur geistiger natur: seine einwohner sind ganz lebendige söhne. Gemeint ist nicht die gesamtheit junger männer die der natürliche zufall gebar der jeden einzelnen aus der fülle der möglichkeiten den vätern wie in einem losverfahren „erloste”. Ohnmächtig musste dabei jeder nehmen was kam · während der sprecher aus ihnen allen „meine herrn der welt” in einem weit überlegenen verfahren „kürt” (frei erwählt). Diese auserlesenen also bilden das reich wobei sie so „umgeboren” werden dass ihnen ihre ursprüngliche „heimat” nur noch weit entrückt im gedächtnis bleibt - etwa so wie es die märchen seiner kindheit dem erwachsenen sind (der ihnen aber - wie 6108 zeigte - damit immer noch einen rest von ehrfurcht entgegenbringt). Vater und mutter spielen keine rolle mehr in ihrem leben und ihre von den eltern gegebenen namen werden durch neue ersezt (wie es George bei fast allen kreisangehörigen handhabte). 

Man wird sich die gesellschaft dieses reiches - der begriff ist wegen der weitgehend fehlenden gliederung eigentlich unpassend - kaum als eine bunt-offene vorstellen können. Ihre angehörigen werden vom lyrischen ich „herrn der welt” genannt - aber vor allem „meine”. Sie werden also seiner art zu denken verpflichtet sein: ohne jede gemeinsamkeit zwischen ihnen könnte von einem „reich" gar nicht gesprochen werden. Dass dieses „reich des Geistes” nicht jede beliebigkeit des denkens zulassen kann wird gar nicht erst ummäntelt · vielmehr in provozierender deutlichkeit selbstbewusst vertreten. Aber anders als in den totalitären systemen die der bevorstehende weltkrieg bald hervorbringen sollte wird in Georges reich keinem gewalt angetan. Es kennt weder arbeitslager noch geheimpolizei und ähnelt eher einem orden in den niemand eintreten muss den aber jeder verlassen kann - auch wenn dies nicht erwünscht ist (wie das nächste gedicht zeigen wird). Auch die aus dem christlichen gottesdienst bekannten begriffe „sendung" und „segen" sollen an eine glaubens- und kultgemeinschaft denken lassen.

Im übrigen ist es nie verkehrt sich daran zu erinnern dass im gedicht den beiden ersten zeilen zum trotz nur eine vorstellung skizziert wird auch wenn es sich den anschein einer dokumentation zu geben versteht. 

8303 Wer je die flamme umschritt

Das ziemlich missratene gedicht wurde oft erstaunlich wohlwollend besprochen auch wenn sein reiz eigentlich nur in der suggestiven kosmischen bildlichkeit besteht die dienst oder gefolgschaft als ein naturprinzip darzustellen weiss: der kreisangehörige wird als satellit gesehen der um eine mitte oder flamme kreist und „zerstiebend ins all” treibt falls er sie aus dem auge und die anziehungskraft damit ihre wirkung verliert. Als ursache wird der vermeintliche „eigene schimmer” ausgemacht der den eitlen trabanten trügerisch auf irrwege lockt. Dass es dem erfolg der mannschaft nicht zuträglich ist wenn es dem einzelnen nur darum geht selbst zu glänzen ist eine oft gehörte binsenweisheit · und nicht erst die erkenntnis unserer „Team”-versessenen zeit. Allerdings wirkt die warnung vor dem absturz ins bodenlose wie eine aus fragwürdigen sekten bekannte einschüchterung. Wer ein überzeugendes weltbild bietet könnte dem natürlichen verlust einzelner anhänger gelassener begegnen. Schon die voraussetzungen sind unrichtig: nicht jeder braucht bis zulezt George um annehmbar durchs leben zu kommen. Und menschen sind nur so lange trabanten gleich wie sie es sein möchten. Wer seine umlaufbahn nicht jederzeit verlassen kann hat sich dem toten gestein schon so gleichgemacht dass sein menschsein unkenntlich wurde.

Die botschaft der strengen daktylen könnte zudem misszuverstehen sein: als sei dem bevormundeten einzelnen im Kreis die jede möglichkeit mit eigenständiger leistung hervorzutreten verwehrt worden. Es war doch gerade das gegenteil der fall. 

8304 Neuen adel den ihr suchet

Hier wird festgelegt dass im herkömmlichen sinn adlige - die sich durch „schild und krone” also durch ein adliges familienwappen oder sogar durch die zugehörigkeit zu einer regierenden familie auszeichnen - keine bevorzugung verdienen. Sie kann genauso wie die aus anderen gesellschaftlichen stufen hervorgegangenen ein ordinärer oder animalischer gesichtsausdruck verraten. Für die auswahl neuer kreisangehöriger sollen die mentoren - nur sie können hier angesprochen sein - alle gleichberechtigt berücksichtigen die ohne adligen stammbaum „im gewühle” des ganzen volkes aufwuchsen und ihren rang stattdessen der eigenen persönlichkeit verdanken. Erkennbar sind auch diese seltenen sprösslinge: an der besonderen glut ihres augenausdrucks. Die zu diesem „neuen adel” gehören werden „mitgeburten” genannt. M verweist dazu auf 8105 wo als mitgeborene jene bezeichnet werden die bereits unter dem einfluss der dichtung Georges gross wurden - wie etwa die jungen grafen Woldemar und Bernhard von Uxkull-Gyllenband von denen Morwitz dem Dichter erstmals ende 1906 berichtet hatte. Das gedicht soll schon „Anfang 1907 entstanden” (M) sein. Glücklicherweise liess Morwitz sich von Georges zurückhaltender reaktion nicht beeinflussen.

8305 Mit den frauen fremder ordnung

Den grössten teil des gedichts nimmt die vorstellung vom wirken einer mythischen frauengestalt ein die nur scheinbar mit der germanischen seherin Veleda zu identifizieren ist von der Tacitus berichtet. Ihr ähnlicher name soll also bewusst irreführen und verdecken dass es sich um eine blosse erfindung handelt. Sie sorgt durch ihren geheimnisvollen und männern nicht durchschaubaren einfluss auf junge mädchen dafür dass kein samen verschwendet sondern immer dem geeignetsten („reifen”) schooss zugeführt wurde. Ihr kundiges wirken sei auch heute nicht so tot als dass es nicht erneut geweckt werden könnte. 

Das gedicht warnt also die jüngeren kreisangehörigen vor unbedachtem geschlechtsverkehr mit ihrer nicht würdigen „frauen fremder ordnung” und rät lieber zu warten bis die Wellede ihre wirkung entfalten konnte. Die drastische ausdrucksweise mag manchen etwas verstört haben: eine für den kreisangehörigen ungeeignete frau („pfau”) sollte dem ihr besser entsprechenden partner („affe”) nicht entzogen werden. M zufolge hielt George nichts von ehen „bei denen Mann und Frau, plötzlichen Impulsen nachgebend ebenso rasch zusammen- wie auseinanderlaufen.” Er habe bisweilen „über heutige, fast sträfliche, alllgemein verbreitete Verantwortungslosigkeit beim Erzeugen von Kindern” gesprochen. Es mag sein dass George durch ähnliche gedanken Schopenhauers in dessen „Metaphysik der Geschlechtsliebe” (im zweiten band der „Welt als Wille und Vorstellung”) angeregt wurde wobei der filosof - wie der Dichter auf die güte der neuen generation blickend - doch zu anderen schlussfolgerungen gekommen war. 

8306 Durch die gärten lispeln zitternd 

Die ersten sieben verse klingen wie eine wenn auch durchaus nicht übelwollende · jedenfalls milde Trakl-parodie. Erst nach den eine ausgeprägte unterbrechung anzeigenden drei punkten meldet sich der sprecher des STERN und ruft die angesprochenen auf den ort des geschehens schnell zu verlassen: hier werde nur ein „herbstgesang” geboten - und derlei „gift und welker glanz” sei es nicht wonach sie verlangten. Das wirft die frage auf warum die aufgescheuchten offenbar noch gern ein weilchen geblieben wären. Die antwort ergibt sich aus dem gedicht das die verführerische wirkung der wehmütig schmeichelnden klänge auch dem leser nicht vorenthält. Die warnung - von einem verbot zu sprechen wäre kaum übertrieben - ist aber unmissverständlich: solche töne „saugen süss die seele” . .  an? oder sogar aus wie ein vampir den körper? Es ist allerdings nicht klar ob George nur eine die tatkraft oder das „klare Denken” (M) junger menschen betäubende musik anprangern wollte - und ob er schon ahnte wie sehr sie gerade bei ihnen der lyrik einmal den rang ablaufen würde. Noch ist ja nur von einer einzelnen „irr-gestalt” die rede. Aus ihr aber sollten einmal die massen hervorgehen. George hatte sich - wie M erwähnt - den weitsichtigen satz Eberhard Gotheins - rektor der Heidelberger universität und vater von Percy - notiert dass musik eine geistige bildung weder fordere noch voraussetze. Grammofon und schallplatten gab es ja damals bereits. 

8307 Da zur begehung an des freundes arm

1 begehung : begehung eines fests

Das gedicht nimmt bezug auf die innere erschütterung die Friedrich Wolters erfasste als George ihn im märz 1910 im „kugelzimmer” empfing. Der erwähnte freund ist M zufolge George selbst doch könnte auch der hausherr gemeint sein: Karl Wolfskehl. Im anschluss geht es um die hingabe des jüngers „an ein all” zu dem ihm die die gedankliche welt Georges nun geworden ist. Es wird gezeigt wie der dadurch gewonnene stolz an der haltung des ganzen leibes erkennbar wurde. Jeder bisher nur nüchterne alltag wird nun auch zu einem heiligen („heilig nüchtern” wird allgemein mit der bekannten zeile aus Hölderlins „Hälfte des Lebens” in verbindung gebracht”. Im februar 1910 hatte Hellingrath Hölderlins übertragungen Pindars in den BfdK veröffentlicht). 

Zu recht hat M im eifer die für Wolters bezeichnendste eigenschaft gesehen. Das unmittelbar davor genannte „herz voll liebe” dürfte aber Georges eigenes herz meinen welches Wolters’ „herz voll eifer” erst eigentlich zum schlagen brachte und damit den ganzen aufschwung in gang sezte.

8308 Ihr seid bekenner mit all-offnem blick

Das soeben in reinster form dargestellte „schöne leben” der nun als „bekenner” angesprochenen wird von zwei möglichen gefahren flankiert: der eigenen inneren weichheit (vergleiche 8306) sowie dem neid und spott aussenstehender. „Bekenner” lässt an ein religiöses glaubensbekenntnis denken und tatsächlich wird zulezt von einem neuen glauben gesprochen: er ist als „kraft von blut” also nicht jedem verfügbar und ist die kraft die das „schöne leben” erst ermöglicht. Diese kraft ist erforderlich um sich vom spott der anderen nicht schwächen zu lassen deren „zweifeln” eben einen mangel an glaubensfähigkeit bedeutet und zu „müdigkeit und lähme” führt. Der „all-offne blick” ist das äusserliche erkennungszeichen der bekenner und M widmet ihm etliche zeilen. Er sei bei deutschen kindern nach auffassung Georges recht oft zu finden · bei erwachsenen hingegen kaum noch - dann aber als „Zeichen innerer Frömmigkeit und innerer Freiheit”. Griechische erziehung - so habe George geglaubt - habe sich um seinen erhalt ebenso bemüht wie nun „das neue Leben” im Kreis (M). Der mangel an glaubensfähigkeit ist auch hintergrund des dialogs in 923.

Dass der glaube kraft und glück im allgemeinen stärker empfinden lässt als der zweifel es vermag gehört zum grundgerüst Georgeschen denkens. Daraus folgt allerdings nicht zwingend die grundsätzliche ablehnung des zweifelns als habe es nie seine berechtigung. Es ist nicht so einfach zu entscheiden ob glauben und zweifeln einander ausschliessen oder ob sie nicht sogar eher zusammengehören können. Das gedicht macht es sich mit der unversöhnlichen entgegenstellung recht einfach. Richtig ist der gedanke dass zweifel nicht unbedingt und immer der freiheit entspringt. Er kann aber doch als notwendiger bezwinger der unfreiheit auftreten. 

8309 Vor dem glanz der stetigen sterne

6 satz von ebb und flut : das gesetz oder der grundsatz von wechsel und wandel. M denkt hingegen an den „Bodensatz”.

Als sprecher stellt sich M zu recht „die Teilhaber am neuen Leben” vor. Sie bekräftigen ihre unempfindlichkeit gegen die erfahrung der vergänglichkeit die ihnen bewusst wird angesichts des wandels der gesellschaft und sogar der geistigen welt die immer wieder auch zeiten der „dürre” durchlebt anstatt beständig zu wachsen und sich zu entwickeln. Selbst die ruhmreichsten staaten unterlagen dem gesetz von aufstieg und niedergang - nur nicht die „stetigen sterne” die hier wie oft bei George das ewige symbolisieren (wobei die aus naturwissenschaftlicher sicht berechtigte frage ob nicht auch himmelskörper von begrenzter lebensdauer seien als eine hier nebensächliche spitzfindigkeit abzutun wäre). 

Das gedicht führt eindrucksvoll vor augen dass George einen fortschritt in der geschichte bestreitet. Seine hier sprechenden anhänger empfinden in dieser geschichtsauffassung keine bedrückende sinnlosigkeit. Schliesslich wird „Unser jahr” mit den anfang höhepunkt niedergang und ende verkörpernden jahreszeiten als ein auch dem menschlichen tun vorgegebenes modell und „grenze” hingenommen und nicht beklagt. M stimmt auch der damit verbundenen konsequenz zu: die menschen Georges „glauben nicht an und leben nicht für ein Jenseits, sie erfüllen sich im irdischen Dasein” und er fährt fort: „Sie nehmen ihr Licht aus der eigenen Seelenglut, die wiederum die Flamme im Kreis erzeugt und nährt (...). Ihr Ziel und ihr Glück besteht darin, dass sie diese Glut durch ihren Dienst erhalten.”

8310 Wir schaun nicht mehr auf landes starre

5 entspündet : bildlich für das entspringen der quelle als ob plötzlich der spund eines vollen fasses entfernt wurde

Die erste zehnergruppe mündet in diesen besonders schönen abschluss mit seinen zwei kreuzreimen. Das nun überwundene alte leben wird als landschaft dargestellt die sich von dem verdorrten Deutschland des sommers 2026 kaum unterscheidet. Im gedicht allerdings gehören waldbrand und trockenheit bereits der vergangenheit an. Im Deutschland unserer tage hingegen entspringt kein frischer quell · das volk döst weiter und ein wirklich „neues wort” will weit und breit niemand hören und niemand aussprechen. Die beiden lezten zeilen beweisen dass auch dieses gedicht wie ein „Chorlied” (M) von den „Teilhabern am neuen Leben” (M) vorgetragen wird die sich als das vom „neuen wort” des Dichters erweckte „neue volk” empfinden. 

 

8311 AUF NEUE TAFELN SCHREIBT DER NEUE STAND:

Nach dem untergang der tyrannis wurden den zu heroen erhobenen attentätern in Athen bronzene denkmäler errichtet die einerseits den augenblick der tat dokumentieren · andererseits die täter durch gottgleiche nacktheit verherrlichen. Im archäologischen Nationalmuseum zu Neapel - hier eine fotografie aus dem späten neunzehnten jahrhundert - finden sich diese römischen marmor-kopien aus der Hadriansvilla in Tivoli. Der bärtige Aristogeiton mit der chlamys über dem linken arm und der jüngere Harmodios - beide mit einem kurzschwert - stehen auf separaten plinthen. Das könnte beim original anders gewesen sein das vielleicht auch den toten darstellte. Alles nähere zu dem allerheiligsten der attischen demokratie ganz aktuell (2026) hier: 

https://www.arsdocendi.eu/sites/default/files/uploads/artikel/dokumente/26%20Freyberger%20Tyrannenmörder.pdf

1 NEUE TAFELN : anders als das jüdische volk empfängt der „NEUE STAND” seine künftigen regeln nicht von gott aber auch nicht von George sondern gibt sie sich - so jedenfalls die vorstellung - selbst. Die gleichsetzung mit den gesetzestafeln die Moses auf dem Sinai erhielt bewahrt andererseits die Kreis-regeln davor weniger ernst genommen zu werden. 

1 DER NEUE STAND : der altertümelnde begriff ist eher als provozierende ehrerweisung für voraufklärerische strukturen zu verstehen und dürfte mit der im frühen zwanzigsten jahrhundert aufkommenden idee des ständestaats noch nichts zu tun haben. Er dient hier lediglich als bildliche bezeichnung für den George-Kreis und gibt ihm die erscheinung einer verhältnismässig geschlossenen gesellschaftlichen gruppe. 

8 den dolch im lorbeerstrausse tragen : In Athen hatte Peisistratos eine berühmt gewordene tyrannis begründet. Seine söhne Hippias und Hipparch besassen nicht mehr das format des vaters und entsprechend sank das ansehen der tyrannis. Die freunde Harmodios und Aristogeiton töteten während der Grossen Panathinäen des jahres 514 den Hipparch mittels eines eingeschmuggelten dolches (oder kurzschwerts) · bezahlten den anschlag aber mit ihrem leben. Auch wenn es ihnen vielleicht gar nicht so sehr um die volksherrschaft ging wurden sie doch als gründungsväter der attischen demokratie nicht nur an einem tag im jahr verehrt. Xerxes liess daher ihr denkmal nach Susa verschleppen aber gleich nach der persischen niederlage von Salamis wurde ein neues errichtet. 

9 Wal : das eigentlich längst ausgestorbene wort wurde von Richard Wagner wieder salonfähig gemacht. Hier deutet es eine bevorstehende auseinandersetzung an die als so schicksalsschwer angesehen wird dass George sogar zur gross-schreibung greift. 

Greise sind es gewohnt bei George einen schweren stand zu haben. Hier haben sie nichts anderes im sinn als den genuss ihres „erworbnen guts”. Und sei es aus übergrossem stolz auf ihr lebenswerk · sei es wegen ihrer notorischen schwerhörigkeit: die zeichen der zeit verstehen sie nicht die ihrem erbe ein eben gar nicht günstiges zeugnis ausstellen das sie nicht wahrhaben möchten. Am schlimmsten trifft sie der gönnerhafte ton des gesetzes: es verlangt die selbstsüchtigen alten einfach links liegen zu lassen. Der jugend aber - und nur auf sie kommt es an - soll es angesichts des nahen „abgrunds” nicht gestattet sein sich mit musik zu betäuben und die zeit mit tändelei zu vergeuden. Von ihr wird verlangt - der ton wird strenger - das dekadent-„morsche” zu verachten und sich zur tat vorzubereiten: opferbereit wie Harmodios und Aristogeiton. Das motiv der versteckten mordwaffe entstammt einem vom jungen Hölderlin unter dem titel „Reliquie von Alzäus” (d. i. Alkaios von Mytilene) übersezten skolion auf die beiden attentäter. Sein freund Hegel kannte es und klagte 1796 dass es Deutschland der „Harmodiusse und Aristogitone” ermangele. 

8312 Was euch betraf ist euch das band aus erz

Hier geht es um das richtige verhalten im fall von unstimmigkeiten zwischen zwei kreismitgliedern. Den Kreis deswegen zu verlassen widerspräche dem „band aus erz” das jeden an ihn bindet. Wer erkennt dass er sich selbst einen peinlichen irrtum oder fehler vorzuwerfen hat und nun das licht der wahrheit - also das ausmass seiner schuld - nicht mehr aushält mag sich den tod geben wie es unter den (antiken) helden üblich war. M erinnert an Aias (den Telamonier) der sich nach einem streit mit Odysseus auf eine schafherde - und nach dem ende seines wahns aus scham ins eigene schwert stürzte. Im fall einer weniger schwerwiegenden verfehlung soll niemand um verzeihung flehen oder gar seinerseits verzeihen: das wäre eine schändung der würde beider und hat daher als „greuel” zu gelten. Eine wiedergutmachung soll gleichwol herbeigeführt werden. Sie kann allein durch die tat desjenigen erfolgen der die sühne zu leisten schuldig ist - und zwar schweigend. Danach hat er in die gruppe zurückzukehren (der aus dem vorgang also keine schwächung erwuchs). 

Der spruch belegt die unantastbarkeit des stolzes in der Georgeschen ethik. Jegliche beschämung ist zu vermeiden · erst recht die aus einem grosszügigen verzeihen erwachsende die also unverdient wäre. Schuldausgleich kann nur aus eigener tat erwachsen und ist nie einem anderen zu verdanken. Dies erspart das demütigende gefühl einem anderen zu dankbarkeit verpflichtet zu sein. Jemandem Scham zu ersparen nannte Nietzsche das Menschlichste überhaupt · sich nicht mehr vor sich selbst zu schämen „das Siegel der erreichten Freiheit” (Die fröhliche Wissenschaft III, 274 und 275).

8313 So will der fug: von aussen kommt kein feind . . 

Vom äusseren feind handeln die lezten vier verse sowie der erste nach dem er als (dem Kreis) gefährlicher und ernst zu nehmender gar nicht existiert weshalb danach nur noch von „fremden schadern” gesprochen wird. Vernichten können sie nichts mehr: weder durch gegnerschaft noch durch scheinbare gunst. Denn „das wort” ist längst „untilgbar” geworden und wird reicher und reicher blühen (die doppelte wiederholung von „blüht” am versende findet sich bei George sonst nie) würde auch an einzelnen ein „mord” verübt werden der dem gegner nicht mehr hülfe - weshalb der sprecher sich den anschein gibt zu diesem mord sogar aufzurufen). 

Dass es einen tödlichen äusseren feind gar nicht mehr gibt ist durchaus nicht nur begrüssenswert. Er wäre es doch der die verteidiger dazu brächte „die waffen zu schärfen” und „die guten kräfte anzuspornen” und erforderliche arzneien („nötige gifte”) einzunehmen. Deshalb sieht es der sprechende gesetzgeber als angebracht einen solchen feind selbst zu erschaffen. Er wird ein „blendling” genannt der aber doch „im gegenstoss” seinen notwendigen „dienst versieht”. Die aufgabe dieses gedichts ist die stärkung des selbstbewusstseins aller die am neuen leben teilhaben. Ihnen wird ihre unbesiegbarkeit vor augen gestellt. 

8314 Ein wissen gleich für alle heisst betrug.

8315 Die weltzeit die wir kennen schuf der geist

8316 Trifft euch einer von den siedlern

8317 Brich nun unsrer lippe siegel

8318 Nennst du dich täuscher für ein ganz geschlecht

8319 Hier schliesst das tor: schickt unbereite fort.

8320 So weit eröffne sich geheime kunde

8321 IHR SEID DIE GRÜNDUNG WIE ICH JEZT EUCH PREISE

8322 Wer schauen durfte bis hinab zum grund

8323 Als nach der seligen erweckung frist

8324 Ich liess mich von den schulen krönen

8325 Wer soll dich anders wünschen wenn du so

8326 Denk nicht zuviel von dem was keiner weiss !

8327 Du trugst in holder scham die stirn gesenkt

8328 Spruch und ratschlag freund und lehrer

8329 Entlassen seid ihr aus dem innern raum

8330 Nachdem der kampf gekämpft das feld gewonnen 

84 SCHLUSSCHOR

Gottes pfad ist uns geweitet

Gottes land ist uns bestimmt

Gottes krieg ist uns entzündet

Gottes kranz ist uns erkannt.

Gottes ruh in unsren herzen 

Gottes kraft in unsrer brust

Gottes zorn auf unsren stirnen

Gottes brunst auf unsrem mund. 

Gottes band hat uns umschlossen

Gottes blitz hat uns durchglüht

Gottes heil ist uns ergossen

Gottes glück ist uns erblüht.

Die dreigeteilte reihung nennt M „das heilige Loblied” und verweist auf seine einzelstellung die ihm das angemessene gewicht verleiht. Der SCHLUSSCHOR wurde zum abschluss der morgendlichen totenfeier am sechsten dezember 1933 von Walter Anton · Victor Frank und Cajo Partsch vorgetragen als das grab bereits geschlossen war.

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