8 DER STERN DES BUNDES
83 DRITTES BUCH 8301-30
In München waren Karl und Hanna Wolfskehl Georges bevorzugte gastgeber. Das ehepaar lebte ursprünglich in der Hermann-Schmid-Strasse 7 - George wohnte schon im april 1899 bei ihnen - und zog wol ende 1904 in die Leopoldstrasse 87 · im februar 1909 aber in die Römerstrasse 16. Im oktober ergab sich die gelegenheit für Georges aufenthalte die kleine dachgeschosswohnung zu mieten so dass er künftig besucher in dem nach seinen wünschen ganz schmucklos eingerichteten kugelzimmer - benannt nach der form der deckenlampe - empfangen konnte. Der raum verfügte auch über einen kleinen balkon (im bild mit dem runden geländer).
Dort wurde gelesen und nach antiker weise zu festlichen - aber nie üppigen - gastmählern geladen wenn Wolters Vallenthin Morwitz oder Hildebrandt aus Berlin gekommen waren. In 8307 spricht George sogar von dem „geweihten haus". „Wie hier die Einrichtung des Dachzimmers, so hatte er als Knabe eine eigne Sprache entworfen, ein eignes Reich erträumt, so in seiner Jugend eine Zeitschrift gegründet, zu der nur Zutritt hatte, wen er wählte, eine eigne Druckschrift gezeichnet für seine und der Seinen Werke, so ging er als Mann daran, seine eigne, hierarchisch gestufte Welt zu schaffen, deren Mitte und Herr er war, einen eignen Gott, dessen Künder er war, und, von ihm umgeschaffen, dieses Gottes Gemeinde" schrieb Herbert Steiner der ihn dort vier tage lang besuchte als er siebzehn jahre alt war (1963, 19).
Im DRITTEN BUCH bezeugt 8325 den tiefen eindruck den er bei George hinterliess. Ludwig Thormaehlen traf hier während seines studiums in München zum ersten mal auf George · später besuchten ihn Ernst Glöckner und Hans Brasch. Nach dem krieg war Percy Gothein oft zu gast. Auch die turbulenten wochen um die ermordung Kurt Eisners verbrachte George in Schwabing. Damit war 1919 schluss als Wolfskehl das haus aufgab und nach Kiechlinsbergen verzog.
83 DRITTES BUCH 8301-30
8301 VON WELCHEN WUNDERN LACHT DIE MORGEN-ERDE
Nur die ersten beiden gedichte der ersten zehnergruppe erschienen schon vorab in den BfdK deren drucklegung im januar 1910 erfolgte.
In gedichten über die wirkung Maximins darf die mit ihm verbundene licht-erscheinung nicht fehlen. So deuten hier die beiden lezten zeilen den grund für die jubelnde aufbruch-stimmung des lyrischen ichs an dem sogar die silhouette der berge nun anders vorkommt als zuvor („sieht” steht verkürzt für „sieht aus”). Sogar das glücksgefühl der kindheit ist in der heimatlich wirkenden umgebung - wofür vornehmlich der strom sorgt - neu erwacht und der staub ganzer jahre geradezu weggeschwemmt. Die ganze „schöpfung” wird in einem zustand paradiesischer unschuld erlebt so dass sogar jeder mensch in neuer würde erscheint. Maximin wird damit eine erlöser-rolle zugeschrieben obwol sein name ungenannt bleibt. Obwol diese verse die durch nichts getrübte feier der neuen zeit schlechthin sind ist auch von einem Herrn der Wende keine rede. Das mag daran liegen dass es um göttliches gar nicht mehr gehen soll wie schon das nächste gedicht beweist.
8302 Dies ist reich des Geistes: abglanz
Georges „reich des Geistes” - DAS NEUE REICH wird der nächste band heissen - ist als „Abglanz seines vordem nur im Traum geschauten Reiches” (M) ein „hof und hain” · also kultur und natur umfassendes universum und durchaus nicht nur geistiger natur: seine einwohner sind ganz lebendige söhne. Gemeint ist nicht die gesamtheit junger männer die der natürliche zufall gebar der jeden einzelnen aus der fülle der möglichkeiten den vätern wie in einem losverfahren „erloste”. Ohnmächtig musste dabei jeder nehmen was kam · während der sprecher aus ihnen allen „meine herrn der welt” in einem weit überlegenen verfahren „kürt” (frei erwählt). Diese auserlesenen also bilden das reich wobei sie so „umgeboren” werden dass ihnen ihre ursprüngliche „heimat” nur noch weit entrückt im gedächtnis bleibt - etwa so wie es die märchen seiner kindheit dem erwachsenen sind (der ihnen aber - wie 6108 zeigte - damit immer noch einen rest von ehrfurcht entgegenbringt). Vater und mutter spielen keine rolle mehr in ihrem leben und ihre von den eltern gegebenen namen werden durch neue ersezt (wie es George bei fast allen kreisangehörigen handhabte).
Man wird sich die gesellschaft dieses reiches - der begriff ist wegen der weitgehend fehlenden gliederung eigentlich unpassend - kaum als eine bunt-offene vorstellen können. Ihre angehörigen werden vom lyrischen ich „herrn der welt” genannt - aber vor allem „meine”. Sie werden also seiner art zu denken verpflichtet sein: ohne jede gemeinsamkeit zwischen ihnen könnte von einem „reich" gar nicht gesprochen werden. Dass dieses „reich des Geistes” nicht jede beliebigkeit des denkens zulassen kann wird gar nicht erst ummäntelt · vielmehr in provozierender deutlichkeit selbstbewusst vertreten. Aber anders als in den totalitären systemen die der bevorstehende weltkrieg bald hervorbringen sollte wird in Georges reich keinem gewalt angetan. Es kennt weder arbeitslager noch geheimpolizei und ähnelt eher einem orden in den niemand eintreten muss den aber jeder verlassen kann - auch wenn dies nicht erwünscht ist (wie das nächste gedicht zeigen wird). Auch die aus dem christlichen gottesdienst bekannten begriffe „sendung" und „segen" sollen an eine glaubens- und kultgemeinschaft denken lassen.
Im übrigen ist es nie verkehrt sich daran zu erinnern dass im gedicht den beiden ersten zeilen zum trotz nur eine vorstellung skizziert wird auch wenn es sich den anschein einer dokumentation zu geben versteht.
8303 Wer je die flamme umschritt
Das ziemlich missratene gedicht wurde oft erstaunlich wohlwollend besprochen auch wenn sein reiz eigentlich nur in der suggestiven kosmischen bildlichkeit besteht die dienst oder gefolgschaft als ein naturprinzip darzustellen weiss: der kreisangehörige wird als satellit gesehen der um eine mitte oder flamme kreist und „zerstiebend ins all” treibt falls er sie aus dem auge und die anziehungskraft damit ihre wirkung verliert. Als ursache wird der vermeintliche „eigene schimmer” ausgemacht der den eitlen trabanten trügerisch auf irrwege lockt. Dass es dem erfolg der mannschaft nicht zuträglich ist wenn es dem einzelnen nur darum geht selbst zu glänzen ist eine oft gehörte binsenweisheit · und nicht erst die erkenntnis unserer „Team”-versessenen zeit. Allerdings wirkt die warnung vor dem absturz ins bodenlose wie eine aus fragwürdigen sekten bekannte einschüchterung. Wer ein überzeugendes weltbild bietet könnte dem natürlichen verlust einzelner anhänger gelassener begegnen. Schon die voraussetzungen sind unrichtig: nicht jeder braucht bis zulezt George um annehmbar durchs leben zu kommen. Und menschen sind nur so lange trabanten gleich wie sie es sein möchten. Wer seine umlaufbahn nicht jederzeit verlassen kann hat sich dem toten gestein schon so gleichgemacht dass sein menschsein unkenntlich wurde.
Die botschaft der strengen daktylen könnte zudem misszuverstehen sein: als sei dem bevormundeten einzelnen im Kreis die jede möglichkeit mit eigenständiger leistung hervorzutreten verwehrt worden. Es war doch gerade das gegenteil der fall.
8304 Neuen adel den ihr suchet
Hier wird festgelegt dass im herkömmlichen sinn adlige - die sich durch „schild und krone” also durch ein adliges familienwappen oder sogar durch die zugehörigkeit zu einer regierenden familie auszeichnen - keine bevorzugung verdienen. Sie kann genauso wie die aus anderen gesellschaftlichen stufen hervorgegangenen ein ordinärer oder animalischer gesichtsausdruck verraten. Für die auswahl neuer kreisangehöriger sollen die mentoren - nur sie können hier angesprochen sein - alle gleichberechtigt berücksichtigen die ohne adligen stammbaum „im gewühle” des ganzen volkes aufwuchsen und ihren rang stattdessen der eigenen persönlichkeit verdanken. Erkennbar sind auch diese seltenen sprösslinge: an der besonderen glut ihres augenausdrucks. Die zu diesem „neuen adel” gehören werden „mitgeburten” genannt. M verweist dazu auf 8105 wo als mitgeborene jene bezeichnet werden die bereits unter dem einfluss der dichtung Georges gross wurden - wie etwa die jungen grafen Woldemar und Bernhard von Uxkull-Gyllenband von denen Morwitz dem Dichter erstmals ende 1906 berichtet hatte. Das gedicht soll schon „Anfang 1907 entstanden” (M) sein. Glücklicherweise liess Morwitz sich von Georges zurückhaltender reaktion nicht beeinflussen.
8305 Mit den frauen fremder ordnung
Den grössten teil des gedichts nimmt die vorstellung vom wirken einer mythischen frauengestalt ein die nur scheinbar mit der germanischen seherin Veleda zu identifizieren ist von der Tacitus berichtet. Ihr ähnlicher name soll also bewusst irreführen und verdecken dass es sich um eine blosse erfindung handelt. Sie sorgt durch ihren geheimnisvollen und männern nicht durchschaubaren einfluss auf junge mädchen dafür dass kein samen verschwendet sondern immer dem geeignetsten („reifen”) schooss zugeführt wurde. Ihr kundiges wirken sei auch heute nicht so tot als dass es nicht erneut geweckt werden könnte.
Das gedicht warnt also die jüngeren kreisangehörigen vor unbedachtem geschlechtsverkehr mit ihrer nicht würdigen „frauen fremder ordnung” und rät lieber zu warten bis die Wellede ihre wirkung entfalten konnte. Die drastische ausdrucksweise mag manchen etwas verstört haben: eine für den kreisangehörigen ungeeignete frau („pfau”) sollte dem ihr besser entsprechenden partner („affe”) nicht entzogen werden. M zufolge hielt George nichts von ehen „bei denen Mann und Frau, plötzlichen Impulsen nachgebend ebenso rasch zusammen- wie auseinanderlaufen.” Er habe bisweilen „über heutige, fast sträfliche, alllgemein verbreitete Verantwortungslosigkeit beim Erzeugen von Kindern” gesprochen. Es mag sein dass George durch ähnliche gedanken Schopenhauers in dessen „Metaphysik der Geschlechtsliebe” (im zweiten band der „Welt als Wille und Vorstellung”) angeregt wurde wobei der filosof - wie der Dichter auf die güte der neuen generation blickend - doch zu anderen schlussfolgerungen gekommen war.
8306 Durch die gärten lispeln zitternd
Die ersten sieben verse klingen wie eine wenn auch durchaus nicht übelwollende · jedenfalls milde Trakl-parodie. Erst nach den eine ausgeprägte unterbrechung anzeigenden drei punkten meldet sich der sprecher des STERN und ruft die angesprochenen auf den ort des geschehens schnell zu verlassen: hier werde nur ein „herbstgesang” geboten - und derlei „gift und welker glanz” sei es nicht wonach sie verlangten. Das wirft die frage auf warum die aufgescheuchten offenbar noch gern ein weilchen geblieben wären. Die antwort ergibt sich aus dem gedicht das die verführerische wirkung der wehmütig schmeichelnden klänge auch dem leser nicht vorenthält. Die warnung - von einem verbot zu sprechen wäre kaum übertrieben - ist aber unmissverständlich: solche töne „saugen süss die seele” . . an? oder sogar aus wie ein vampir den körper? Es ist allerdings nicht klar ob George nur eine die tatkraft oder das „klare Denken” (M) junger menschen betäubende musik anprangern wollte - und ob er schon ahnte wie sehr sie gerade bei ihnen der lyrik einmal den rang ablaufen würde. Noch ist ja nur von einer einzelnen „irr-gestalt” die rede. Aus ihr aber sollten einmal die massen hervorgehen. George hatte sich - wie M erwähnt - den weitsichtigen satz Eberhard Gotheins - rektor der Heidelberger universität und vater von Percy - notiert dass musik eine geistige bildung weder fordere noch voraussetze. Grammofon und schallplatten gab es ja damals bereits.
8307 Da zur begehung an des freundes arm
1 begehung : begehung eines fests
Das gedicht nimmt bezug auf die innere erschütterung die Friedrich Wolters erfasste als George ihn im märz 1910 im „kugelzimmer” empfing. Der erwähnte freund ist M zufolge George selbst doch könnte auch der hausherr gemeint sein: Karl Wolfskehl. Im anschluss geht es um die hingabe des jüngers „an ein all” zu dem ihm die die gedankliche welt Georges nun geworden ist. Es wird gezeigt wie der dadurch gewonnene stolz an der haltung des ganzen leibes erkennbar wurde. Jeder bisher nur nüchterne alltag wird nun auch zu einem heiligen („heilig nüchtern” wird allgemein mit der bekannten zeile aus Hölderlins „Hälfte des Lebens” in verbindung gebracht”. Im februar 1910 hatte Hellingrath Hölderlins übertragungen Pindars in den BfdK veröffentlicht).
Zu recht hat M im eifer die für Wolters bezeichnendste eigenschaft gesehen. Das unmittelbar davor genannte „herz voll liebe” dürfte aber Georges eigenes herz meinen welches Wolters’ „herz voll eifer” erst eigentlich zum schlagen brachte und damit den ganzen aufschwung in gang sezte.
8308 Ihr seid bekenner mit all-offnem blick
Das soeben in reinster form dargestellte „schöne leben” der nun als „bekenner” angesprochenen wird von zwei möglichen gefahren flankiert: der eigenen inneren weichheit (vergleiche 8306) sowie dem neid und spott aussenstehender. „Bekenner” lässt an ein religiöses glaubensbekenntnis denken und tatsächlich wird zulezt von einem neuen glauben gesprochen: er ist als „kraft von blut” also nicht jedem verfügbar und ist die kraft die das „schöne leben” erst ermöglicht. Diese kraft ist erforderlich um sich vom spott der anderen nicht schwächen zu lassen deren „zweifeln” eben einen mangel an glaubensfähigkeit bedeutet und zu „müdigkeit und lähme” führt. Der „all-offne blick” ist das äusserliche erkennungszeichen der bekenner und M widmet ihm etliche zeilen. Er sei bei deutschen kindern nach auffassung Georges recht oft zu finden · bei erwachsenen hingegen kaum noch - dann aber als „Zeichen innerer Frömmigkeit und innerer Freiheit”. Griechische erziehung - so habe George geglaubt - habe sich um seinen erhalt ebenso bemüht wie nun „das neue Leben” im Kreis (M). Der mangel an glaubensfähigkeit ist auch hintergrund des dialogs in 923.
Dass der glaube kraft und glück im allgemeinen stärker empfinden lässt als der zweifel es vermag gehört zum grundgerüst Georgeschen denkens. Daraus folgt allerdings nicht zwingend die grundsätzliche ablehnung des zweifelns als habe es nie seine berechtigung. Es ist nicht so einfach zu entscheiden ob glauben und zweifeln einander ausschliessen oder ob sie nicht sogar eher zusammengehören können. Das gedicht macht es sich mit der unversöhnlichen entgegenstellung recht einfach. Richtig ist der gedanke dass zweifel nicht unbedingt und immer der freiheit entspringt. Er kann aber doch als notwendiger bezwinger der unfreiheit auftreten.
8309 Vor dem glanz der stetigen sterne
6 satz von ebb und flut : das gesetz oder der grundsatz von wechsel und wandel. M denkt hingegen an den „Bodensatz”.
Als sprecher stellt sich M zu recht „die Teilhaber am neuen Leben” vor. Sie bekräftigen ihre unempfindlichkeit gegen die erfahrung der vergänglichkeit die ihnen bewusst wird angesichts des wandels der gesellschaft und sogar der geistigen welt die immer wieder auch zeiten der „dürre” durchlebt anstatt beständig zu wachsen und sich zu entwickeln. Selbst die ruhmreichsten staaten unterlagen dem gesetz von aufstieg und niedergang - nur nicht die „stetigen sterne” die hier wie oft bei George das ewige symbolisieren (wobei die aus naturwissenschaftlicher sicht berechtigte frage ob nicht auch himmelskörper von begrenzter lebensdauer seien als eine hier nebensächliche spitzfindigkeit abzutun wäre).
Das gedicht führt eindrucksvoll vor augen dass George einen fortschritt in der geschichte bestreitet. Seine hier sprechenden anhänger empfinden in dieser geschichtsauffassung keine bedrückende sinnlosigkeit. Schliesslich wird „Unser jahr” mit den anfang höhepunkt niedergang und ende verkörpernden jahreszeiten als ein auch dem menschlichen tun vorgegebenes modell und „grenze” hingenommen und nicht beklagt. M stimmt auch der damit verbundenen konsequenz zu: die menschen Georges „glauben nicht an und leben nicht für ein Jenseits, sie erfüllen sich im irdischen Dasein” und er fährt fort: „Sie nehmen ihr Licht aus der eigenen Seelenglut, die wiederum die Flamme im Kreis erzeugt und nährt (...). Ihr Ziel und ihr Glück besteht darin, dass sie diese Glut durch ihren Dienst erhalten.”
8310 Wir schaun nicht mehr auf landes starre
5 entspündet : bildlich für das entspringen der quelle als ob plötzlich der spund eines vollen fasses entfernt wurde
Die erste zehnergruppe mündet in diesen besonders schönen abschluss mit seinen zwei kreuzreimen. Das nun überwundene alte leben wird als landschaft dargestellt die sich von dem verdorrten Deutschland des sommers 2026 kaum unterscheidet. Im gedicht allerdings gehören waldbrand und trockenheit bereits der vergangenheit an. Im Deutschland unserer tage hingegen entspringt kein frischer quell · das volk döst weiter und ein wirklich „neues wort” will weit und breit niemand hören und niemand aussprechen. Die beiden lezten zeilen beweisen dass auch dieses gedicht wie ein „Chorlied” (M) von den „Teilhabern am neuen Leben” (M) vorgetragen wird die sich als das vom „neuen wort” des Dichters erweckte „neue volk” empfinden.
8311 AUF NEUE TAFELN SCHREIBT DER NEUE STAND:
Nach dem untergang der tyrannis wurden den zu heroen erhobenen attentätern in Athen bronzene denkmäler errichtet die einerseits den augenblick der tat dokumentieren · andererseits die täter durch gottgleiche nacktheit verherrlichen. Im archäologischen Nationalmuseum zu Neapel - hier eine fotografie aus dem späten neunzehnten jahrhundert - finden sich diese römischen marmor-kopien aus der Hadriansvilla in Tivoli. Der bärtige Aristogeiton mit der chlamys über dem linken arm und der jüngere Harmodios - beide mit einem kurzschwert - stehen auf separaten plinthen. Das könnte beim original anders gewesen sein das vielleicht auch den toten darstellte. Alles nähere zum allerheiligsten der attischen demokratie ganz aktuell (2026) hier:
https://www.arsdocendi.eu/sites/default/files/uploads/artikel/dokumente/26%20Freyberger%20Tyrannenmörder.pdf
1 NEUE TAFELN : anders als das jüdische volk empfängt der „NEUE STAND” seine künftigen regeln nicht von gott aber auch nicht von George sondern gibt sie sich - so jedenfalls die vorstellung - selbst. Die gleichsetzung mit den gesetzestafeln die Moses auf dem Sinai erhielt bewahrt andererseits die Kreis-regeln davor weniger ernst genommen zu werden.
1 DER NEUE STAND : der altertümelnde begriff ist eher als provozierende ehrerweisung für voraufklärerische strukturen zu verstehen und dürfte mit der im frühen zwanzigsten jahrhundert aufkommenden idee des ständestaats noch nichts zu tun haben. Er dient hier lediglich als bildliche bezeichnung für den George-Kreis und gibt ihm die erscheinung einer verhältnismässig geschlossenen gesellschaftlichen gruppe.
8 den dolch im lorbeerstrausse tragen : In Athen hatte Peisistratos eine berühmt gewordene tyrannis begründet. Seine söhne Hippias und Hipparch besassen nicht mehr das format des vaters und entsprechend sank das ansehen der tyrannis. Die freunde Harmodios und Aristogeiton töteten während der Grossen Panathinäen des jahres 514 den Hipparch mittels eines eingeschmuggelten dolches (oder kurzschwerts) · bezahlten den anschlag aber mit ihrem leben. Auch wenn es ihnen vielleicht gar nicht so sehr um die volksherrschaft ging wurden sie doch als gründungsväter der attischen demokratie nicht nur an einem tag im jahr verehrt. Xerxes liess daher ihr denkmal nach Susa verschleppen aber gleich nach der persischen niederlage von Salamis wurde ein neues errichtet.
9 Wal : das eigentlich längst ausgestorbene wort wurde von Richard Wagner wieder salonfähig gemacht. Hier deutet es eine bevorstehende auseinandersetzung an die als so schicksalsschwer angesehen wird dass George sogar zur gross-schreibung greift.
Greise sind es gewohnt bei George einen schweren stand zu haben. Hier haben sie nichts höheres mehr im sinn als den genuss ihres „erworbnen guts”. Und sei es aus übergrossem stolz auf ihr lebenswerk · sei es wegen ihrer notorischen schwerhörigkeit: die zeichen der zeit verstehen sie nicht die ihrem erbe ein eben gar nicht günstiges zeugnis ausstellen das sie nicht wahrhaben möchten. Am schlimmsten trifft sie der gönnerhafte ton des gesetzes: es verlangt die selbstsüchtigen alten einfach links liegen zu lassen. Der jugend aber - und nur auf sie kommt es an - soll es angesichts des nahen „abgrunds” nicht gestattet sein sich mit musik zu betäuben und die zeit mit tändelei zu vergeuden. Von ihr wird verlangt - der ton wird strenger - das dekadent-„morsche” zu verachten und sich zur tat vorzubereiten: opferbereit wie Harmodios und Aristogeiton zu sein. Das motiv der versteckten mordwaffe entstammt einem vom jungen Hölderlin unter dem titel „Reliquie von Alzäus” (d. i. Alkaios von Mytilene) übersezten skolion auf die beiden attentäter. Sein freund Hegel kannte es und klagte 1796 dass es Deutschland der „Harmodiusse und Aristogitone” ermangele.
8312 Was euch betraf ist euch das band aus erz
Hier geht es um das richtige verhalten im fall von unstimmigkeiten zwischen zwei kreismitgliedern. Den Kreis deswegen zu verlassen widerspräche dem „band aus erz” das jeden an ihn bindet. Wer erkennt dass er sich selbst einen peinlichen irrtum oder fehler vorzuwerfen hat und nun das licht der wahrheit - also das ausmass seiner schuld - nicht mehr aushält mag sich den tod geben wie es unter den (antiken) helden üblich war. M erinnert an Aias (den Telamonier) der sich nach einem streit mit Odysseus auf eine schafherde - und nach dem ende seines wahns aus scham ins eigene schwert stürzte. Im fall einer weniger schwerwiegenden verfehlung soll niemand um verzeihung flehen oder gar seinerseits verzeihen: das wäre eine schändung der würde beider und hat daher als „greuel” zu gelten. Eine wiedergutmachung soll gleichwol herbeigeführt werden. Sie kann allein durch die tat desjenigen erfolgen der die sühne zu leisten schuldig ist - und zwar schweigend. Danach hat er in die gruppe zurückzukehren (der aus dem vorgang also keine schwächung erwuchs).
Der spruch belegt die unantastbarkeit des stolzes in der Georgeschen ethik. Jegliche beschämung ist zu vermeiden · erst recht die aus einem grosszügigen verzeihen erwachsende die also unverdient wäre. Schuldausgleich kann nur aus eigener tat erwachsen und ist nie einem anderen zu verdanken. Dies erspart das demütigende gefühl einem anderen zu dankbarkeit verpflichtet zu sein. Jemandem scham zu ersparen nannte Nietzsche das Menschlichste überhaupt · sich nicht mehr vor sich selbst zu schämen „das Siegel der erreichten Freiheit” (Die fröhliche Wissenschaft III, 274 und 275).
8313 So will der fug: von aussen kommt kein feind . .
1 fug : das von schicksalsmächten als das sich ziemende Bestimmte. Oder auch diese höchsten mächte selbst.
Vom äusseren feind handeln die lezten vier verse sowie der erste nach dem er als (dem Kreis) gefährlicher und ernst zu nehmender gar nicht existiert weshalb danach nur noch von „fremden schadern” gesprochen wird. Vernichten können sie nichts mehr: weder durch gegnerschaft noch durch scheinbare gunst. Denn „das wort” ist längst „untilgbar” geworden und wird reicher und reicher blühen (die doppelte wiederholung von „blüht” am versende findet sich bei George sonst nie) würde auch an einzelnen ein „mord” verübt werden der dem gegner nicht mehr hülfe - weshalb der sprecher sich den anschein gibt zu diesem mord sogar aufzurufen.
Dass es einen tödlichen äusseren feind gar nicht mehr gibt ist durchaus nicht nur begrüssenswert. Er wäre es doch der die verteidiger dazu brächte „die waffen zu schärfen” und „die guten kräfte anzuspornen” und erforderliche arzneien („nötige gifte”) einzunehmen. Deshalb sieht es der sprechende gesetzgeber als angebracht einen solchen feind selbst zu erschaffen. Da seine unnatürliche herkunft nie ganz durchschaubar bleiben soll wird er - mit einem wort Goethes für mischlinge (M) - „blendling” genannt . . der aber doch „im gegenstoss” seinen notwendigen „dienst versieht”.
Die aufgabe dieses gedichts ist die stärkung des selbstbewusstseins aller die am neuen leben teilhaben. Ihnen wird ihre unbesiegbarkeit vor augen gestellt. Zudem erweist sich George als psychologe der weiss dass feindbilder den zusammenhalt einer gruppe stärken können. Man könnte in erwägung ziehen ob die langjährige akademische fehde des Kreises mit Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff als beispiel einer solchen gewollten und geschürten auseinandersetzung taugen würde auch wenn ihre ursprünge in methodischen differenzen lagen die angesichts der Platon-übersetzungen des Berliner altfilologen zutage getreten waren.
8314 Ein wissen gleich für alle heisst betrug.
Als erster grad des wissens gilt jenes ahnen über das sogar die „dumpfen menge” verfügt. Es ist als habe jeder es schon mit der geburt erworben. Sich darum bemühen muss niemand. Schule und bücher - auch ältere - tragen zum zweiten grad bei. Hier spielt nun der lerneifer eine rolle - wobei George lieber von „schaun und fassen” spricht. Der dritte grad ist nur erreichbar durch eine „weihe” oder - so sagt es der lezte vers - durch den beischlaf mit dem gott für den M belege aus der griechischen mythologie dem alten testament und der christlichen mystik nennt. Die formulierung wird aber nur bildlich gemeint sein. Dass es damit auch drei „stufen” von „wissern” gibt ist folgerichtig. Die zur zeit Georges längst aufgekommene und heute noch immer nicht überwundene vorstellung dass der ganze fundus des wissens - unabhängig von einer göttlicher begünstigung zu verdankenden begabung - jedem gleichermaassen erwerbbar sei wenn nur der technische zugang zur verfügung gestellt würde - was jegliche elite obsolet erscheinen lassen soll - wird mit diesem gedicht bestritten und sogar als betrügerisch bezeichnet.
8315 Die weltzeit die wir kennen schuf der geist
9f. ‚Ich bin gekommen / Des weibes werke aufzulösen.’ Zitat Christi aus dem dritten der sieben bücher der Stromateis des Clemens von Alexandria (neuntes kapitel) der es wiederum dem apokryphen griechischen Ägypterevangelium entnahm.
Die Münchner kosmiker begeisterten sich für Bachofens 1861 erschienenes und zuerst von Wolfskehl und Klages verfochtenes werk „Das Mutterrecht” mit der entdeckung dass frauen in vorgeschichtlicher zeit nicht immer den männern so nachgeordnet waren wie es in der historischen „weltzeit die wir kennen” zur zeit Georges noch die regel war. Daraus liess sich freilich auch der schluss ziehen dass seit dem ende des matriarchats der rechtmässige vorrang des manns nicht in frage gestellt werden darf. George aber findet geeignete worte um jede geringschätzung der auf die hinteren plätze verwiesenen zu unterbinden. Ist es der immer männliche geist der dieser weltzeit den stempel aufdrückt so ist „das weib” für alles stoffliche zuständig. Es gebiert den menschen der hier - solange es ihm an geist mangelt - „das tier” genannt wird. Erst später lässt der unter männlicher mitwirkung hinzutretende geist daraus „mann und weib” entstehen.
Der stoff aber gilt nicht als „mindres heiligtum”: auch die frau hat es verdient geehrt zu werden. Das ist nicht nur dahergesagt: die imperative des gedichts richten sich an jeden im Kreis. Da die frau - wie aus dem buch Genesis bekannt - aus der männlichen · also „aus eurer rippe” geschaffen ist kann sie nicht besser oder schlechter als der mann sein sondern ist „verrucht (also böse) und gut” wie er. Ihr wirkungsort ist das haus · der kreis der familie wo sie „ordnend” unentbehrlich ist. Aber in der öffentlichkeit der agora („am markte”) zu wirken wäre „ungesetz und frevel”. An diesem „geheimnis” - so die forderung des gedichts - darf nicht gerüttelt werden. Warum wählt George den begriff „geheimnis” wo er es doch offen ausspricht? Weil das fragliche gebot als teil des naturrechts aufgefasst wird: nirgendwo ausdrücklich begründet · und sichtbar nur in seinen auswirkungen. Oder als teil göttlichen rechts das von zeit zu zeit - in jeder „wendewelt” - durch Christus wieder durchgesezt wird. Wie viel ernst hinter diesem auch durch das gar zu exotische zitat nicht allzu felsenfest begründeten gedanken steht bleibt offen.
Im BRAND DES TEMPELS (924) der zweifellos in einer „wendezeit” spielt wird der mutter des herrschers ihr bislang durchaus nicht unerwünschter politischer einfluss entzogen der zwar zuvor zu einer humanisierung beitrug · in diesem besonderen abschnitt eines epochen-übergangs aber zu nachsicht und verweichlichung geführt hätte die für die herrschaft so bedrohlich hätten werden können dass deren geschichtlicher auftrag gefährdet worden wäre.
8316 Trifft euch einer von den siedlern
Die ersten dreissig jahre des zwanzigsten jahrhunderts brachten eine vielzahl nicht immer vertrauenswürdiger glücksboten hervor. Manche standen unter dem einfluss fernöstlicher heilslehren. Meist ging es um eine naturnahe bis asketische lebensführung. Die kolonie der künstler und lebensreformer von Ascona die auf dem Monte Verità hausten blieb wol am längsten im gedächtnis. Solche „siedler” - man soll sich bei dem wort recht schrullige einsiedler vorstellen - werden hier karikiert: „Hager mit zerzaustem haare” raten sie die „schau” auf ein „Eins das alles wäre” und vermutlich weniger in der welt als im eigenen inneren zu finden ist. Die anweisung an jeden im Kreis: ihnen eine ablehnende antwort zu erteilen wäre eigentlich nicht mehr erforderlich. „Leibes furcht und erden-reue” - „Furcht vor den Trieben des Leibes” (M) und eine mit schlechtem gewissen einhergehende abkehr von sinnlichen genüssen - hätte niemand nötig der „sein herz nie weggeworfen” also „an Unwürdige oder Unwürdiges verschwendet und dies später erkannt” hatte (M).
Die leib-feindlichkeit der verhärmten konkurrenten - es gab ja durchaus ähnlichkeiten zwischen beiden weltanschauungen - wird hier im sinne einer ganz einseitigen darstellung ein wenig überzeichnet. Georges freude an wein- und tabakgenuss teilten sie · denen es eigentlich doch mehr um einen gesunden leib als um die angebliche vorbereitung „aufs Nichts” ging jedenfalls nicht. Für den Dichter aber wäre der entzug aller riskanten genüsse einem verrat am schönen leben des leibes gleichgekommen.
8317 Brich nun unsrer lippe siegel
2 die rune lösen : der immer schon etwas geheimnisumwitterte begriff der „rune” eignet sich gut zur bezeichnung eines wissens das den jüngern bekannt ist ohne dass ihnen gestattet wäre es weiterzugeben - also die rune von dem sie noch verschliessenden verbot zu „lösen” im sinne von „befreien”.
Ungeduldig fordern die jünger den Dichter auf ihnen die erlaubnis zur „lösung” der „rune” zu erteilen. Denn das „volk” rufe hungernd nach orientierung. Der Dichter aber weist das verlangen zurück. Er hält die gegnerischen kräfte der „blöden” noch für zu stark die von den jüngern offenbar unterschäzt werden.
In diesem gedicht ähnelt der Kreis einer politischen bewegung. Man denkt unwillkürlich an die Sozialdemokratische Arbeiterpartei im Russland jener jahre mit ihren ganz ähnlichen auseinandersetzungen über den richtigen zeitpunkt um aus der deckung zu gehen. Auch im Kreis geht es nun darum die autorität der führung durchzusetzen. Der Dichter nennt sich hier „meister” - wie er sich ja auch üblicherweise ansprechen liess - und beansprucht das wissen um die richtigen abläufe ganz für sich. Nicht zufällig folgt das gedicht auf die verse über die anarchistischen lebensreformer auf ihrer bunten spielwiese. Mit diesen kauzigen heiligen will George seinen Kreis nicht verwechselt sehen. Die bolschewiki mochten ihm weniger peinlich erschienen sein. Vielleicht war es gar nicht so abwegig dass Morwitz beim lesen des von Ili befohlenen BRAND DES TEMPELS (924) an „Iljitsch" dachte. George hatte als der freund ihm davon erzählte jedenfalls seine freude daran (M, 455).
8318 Nennst du dich täuscher für ein ganz geschlecht
1 geschlecht : gemeint ist die gesamtheit des volkes oder auch die eigene generation
Auch hier sprechen wieder die jünger zuerst. Angesichts der tatsache dass die des rechten sehens und fühlens unfähigen · allenfalls reflexe zeigenden zeitgenossen sich über den Dichter täuschen - der sich nur deshalb selbst als „täuscher” bezeichnet - fragen sie ihren meister (im anschluss an 8316) welche verwirrung einst herrschen wird wenn noch mehr falsche führer mit gleissnerischen worten ihren weg als den allein richtigen anpreisen und dazu aufrufen werden ihnen folge zu leisten.
Der gefragte verweist sie auf „das wahre auge” das er ihnen gegeben habe: im gegensatz zu den anderen vermögen sie also zu sehen und „den Echten” an „antlitz und wuchs” zu erkennen. Das ist bezeichnend für George: auf die worte und theorien der prätendenten - die ohnehin nur „das hirn” täuschen - gibt er nichts. Dem einzigen „Echten” aber ist das merkmal der auserwähltheit anzusehen - als habe das schicksal ihn bei der wahl geküsst und dabei ein zeichen hinterlassen. Dieses zeichen ist schon früh - „im ersten siebenjahr” sichtbar wenn das kindliche individuum zum bewusstsein gelangt: dann prägt sich auch das berufensein zur „herrschaft” als „abbild” in der äusseren erscheinung aus. M erwähnt Georges aussage in einem brief an ihn: wenn es geniale männer gibt müsse es auch geniale kinder geben.
Das gedicht ist ein gutes beispiel für Georges bevorzugung der intuition und seine unverhohlen zur schau gestellte geringschätzung wissenschaftlicher oder auch nur rationaler erkenntnis. Im Kreis wurde diese haltung von allen geteilt. Zwangsläufig waren an den hochschulen widerstände gegen die berufung von jungen anhängern Georges auf lehrstühle geradezu die regel. Es wäre kein grosser schritt dieses gedicht nicht nur auf die wahl weltanschaulicher sondern auch politischer führer zu beziehen · spricht das gedicht doch selbst von „herrschaft”. Es spräche aber den meisten der wähler das vermögen sich richtig zu entscheiden ebenso ab wie den meisten der kandidaten ihre eignung. Eine demokratische ordnung liesse sich mit diesem George also nicht begründen. Die aussage des gedichts ist damit aber nicht widerlegt.
8319 Hier schliesst das tor: schickt unbereite fort.
5 fülle : erfüllung oder umsetzung
Schon 8317 hatte angedeutet dass von jedem im Kreis eine gewisse verschwiegenheit erwartet wurde. Nun bestätigt der sechste vers diesen eindruck. Insbesondere soll über den „hehren Ahnen” noch mit „scheu” gesprochen · sein name gar nicht genannt werden. George verrät ihn dennoch: man muss nur den ersten buchstaben des ersten verses · den zweiten des zweiten und so weiter aneinanderreihen. Der so genannte war der erste „verheisser” der welt die allen im Kreis immer vor augen stehen sollte. Dasselbe gebot wiederholte George noch nach dem krieg (EL, 87) und wich erst im NEUEN REICH davon ab.
Zur abschliessung des Kreises rufen aber schon die ersten fünf verse auf. Für die „lehre” nicht wirklich reife sollen - auch zu ihrem eigenen schutz - fortgeschickt werden (wie es der Herr in 923 mit dem hauptmann volllzieht). „Volle Erkenntnis würde für sie tödlich sein, da es ihnen ihre eigne Schwäche offenbaren und dadurch den Mut zum Weiterleben rauben würde.” (M) Im übrigen ist die lehre „behütet” durch ihre einkleidung in formen der kunst: Genannt werden die bildliche sprache (oder - wie M meint - die bildende kunst) · der dichterische klang und der (ebenfalls in 923 wieder aufgegriffene) „reigen”. Zwischen den jüngern sollen ihre (unverhüllten) „weisungen” nur flüsternd weitergegeben werden. Grossspurige worte über die künftig von ihr erzeugte wirkung sind zu vermeiden.
Das gedicht belegt aber eigentlich nur Georges neigung gegenüber der öffentlichkeit vorsicht und zurückhaltung walten zu lassen. Nicht alles darin darf wörtlich genommen werden. „In Wahrheit hat der Dichter niemals Schwüre irgendwelcher Art von seinen Freunden verlangt oder erhalten, auch hat er ihnen niemals Stillschweigen über irgend etwas, was sie von ihm gehört hatten, feierlich auferlegt.” (M)
8320 So weit eröffne sich geheime kunde
2 tucht : mittelhochdeutsch für „kraft” (daher heute noch „tüchtig”)
6 Tempeleis : bezeichnung für einen tempelritter. George hat wiederholt das bild der ordensgemeinschaft gewählt wenn er vom Kreis sprechen wollte. Ein beispiel wäre TEMPLER (7209).
Auch die zweite zehnergruppe endet mit vier kreuzreimen · verherrlicht aber den Kreis - die „runde” genannt” - als eine art kraftmaschine deren erzeugte energie grösser ist als die summe der von allen einzelnen erzeugbaren. Und diese grössere kraft befördert nicht nur den durchbruch des „neuen wesens” - also der lehre - sondern steigert auch jene der einzelnen. In dem begriff „liebesring” (vergleiche dazu auch 7104, IV) findet sich die erklärung für das fysikalische wunderwerk welches ganz besonders das neue oder junge „einzelglied” stärkt das somit wiederum einen umso gewichtigeren beitrag zum Kreis zu leisten vermag. M erklärt eine bemerkenswerte bedeutung des begriffs „vollzahl” der ja eigentlich die vorstellung einer höchstzahl mit sich bringt. Die „Zahl seiner nahen Freunde” habe George bewusst beschränkt: sie durfte „niemals mehr als zwölf zur gleichen Zeit” (M) überschreiten.
8321 IHR SEID DIE GRÜNDUNG WIE ICH JEZT EUCH PREISE
Die lezte zehnergruppe beginnt mit einem preislied auf die an der gründung des Kreises beteiligten die in 8329 „entlassen" werden. Dazwischen liegen sieben gedichte in denen jeweils ein einzelner aus dieser ersten generation im mittelpunkt zu stehen scheint ohne dass namen genannt oder eindeutige hinweise gegeben werden. Die rede von ähnlichem geschehen „auf andrem stern” und einer „krönungszahl” dürfte esoterische einflüsse verraten die das ganze ins obskure rücken. Das gedicht hinterlässt den erwünschten tiefen eindruck gerade nicht. Dazu noch krächzt und holpert der vorlezte vers ungelenk wie kaum ein anderer von George.
8322 Wer schauen durfte bis hinab zum grund
5 dem ein auge fehlt : Hildebrandt glaubt hierin Odin zu erkennen · den „Gott, der für übermenschliche Erkenntnis ein Auge opferte" (HW, 388) - M gar die zyklopen „für die das apollinisch-delphische 'Erkenne dich selbst' nicht gilt". Es geht aber vielleicht auch einfacher.
Könnten die menschen „bis hinab zum grund” des seins schauen: dann brächen auch die mutigsten zusammen. Der anblick dieses „Andren” wäre ihnen unerträglich. Seinen schrecken stellen die lezten verse eindrucksvoll dar - und schreiben es sogar gross als träte mit ihm eine göttliche macht auf die überwältigen kann. M denkt hingegen an das sichtbarwerden der „Kehrseite der Dinge” und das (nie vielen erträgliche) verstehen ihrer gleichen berechtigung und notwendigkeit - ein zu George besonders gut passender vorschlag (man denke nur etwa an DER GEHENKTE 921).
Es ist jedenfalls sinnvoll wenn der menge diese schau verwehrt ist. Ganz wenigen aber steht der zugang frei. Wer zu ihnen gehört ist ein „gefeiter” dem diese kraft nichts anhaben will. Er bringt den anderen zu ihrem eigenen wohl „den zauber” als „Bild” und als „Begehung”. Deshalb schreibt M hier werde „die magische Kraft, die durch den Einzelnen für alle wirksam wird” gepriesen. Würde der Einzelne dabei aus mangel an ausgeglichener befähigung versagen als sei er ein einäugiger (weil ihm die verletzbarkeit der anderen nicht bewusst ist) der andererseits zu weit (oder zu scharf) sieht: er würde die anderen und sich selbst auslöschen. Daher muss vermieden werden über das gesehene in zu direkten worten zu sprechen. Dahinter steht wol die vorstellung der antiken Pythia die dem besucher des delphischen orakels die erschütternde wahrheit stets nur in verhüllter form mitteilte · sei es um sich vor der wut des widerspruchs oder den fragenden vor gänzlicher verzweiflung zu bewahren. Mit dieser berühmten priesterin - zwischen gottheit und mensch vermittelnd - wird hier der künstler gleichgestellt · wenn nicht doch ebenso oder mehr schon jener gemeint ist der die mitte des Kreises bildet und dessen einzigartig herausgehobene stellung das gedicht zu preisen beansprucht. Ute Oelkrugs anmerkung bringt allerdings einen bezug auf Karl Wolfskehl ins spiel dessen unerschütterlichkeit durch Wolters bezeugt ist (SW VIII, 148).
8323 Als nach der seligen erweckung frist
7 lebte : erlebte
Der Dichter bringt noch einmal seine „erweckung” zur sprache und nennt sich daher den „ersten ganz Gewandelten”. Es ist naheliegend mit M an Maximin zu denken der hier angesprochen wird als derjenige der ihn durch seinen tod verliess - nicht ohne als goldener stern über seinem haus doch gegenwärtig zu bleiben und dem sprecher in einem vorgestellten gespräch noch die möglichkeit einer frage zu geben. Der aber entscheidet sich nach kurzem zögern dazu sich das geschehen nicht weiter ausdeuten zu lassen: Maximin wird inzwischen die aura des gottes zugestanden den vollständig zu ergründen die ehrfurcht - aber auch der verstand - dem menschen verbieten. Mit den beiden lezten versen kommt die dankbarkeit hinzu. Sie spielen auf ein diktum des Archimedes an (dessen hebel einen solchen festen platz voraussezt will er grosse mengen erde bewegen). George verwendet es hier natürlich im übertragenen sinn.
Ute Oelmann sieht in dem gedicht - darin Hildebrandt folgend (HW, 388) - bezüge zu versen von Friedrich Wolters und einen zusammenhang mit „Georges Besuch bei Wolters 1909, der wohl als gründendes Ereignis des Jahrbuch-Kreises gelten kann” (SW VIII, 148). Das erscheint denkbar wenn eben das ganze gedicht Wolters in den mund gelegt würde - so wie das anschliessende Berthold Vallentin. Eine entscheidung gegen eine der beiden auffassungen ist keineswegs erforderlich. Es spräche manches für den schnöden vorschlag das so konstruiert wirkende Maximin-erlebnis auf die funktion eines modells für die verehrung zu reduzieren die der Kreis dem Meister entgegenbringen sollte. Hildebrandt dachte diesen gedanken noch nicht ganz zu ende: „Der Jünger steht jetzt ähnlich vor dem Meister wie einst der Dichter vor dem vergöttlichten Maximin." (HW, 389)
8324 Ich liess mich von den schulen krönen
5 kennen : erkennen. Hier: in kenntnis der echten lehre (also im nachhinein) erkennen dass sie feil (ist).
M allerdings sieht auch hier den Dichter als sprecher und das Maximin-erlebnis als hintergrund. Der sprecher lächelt über seine eigene einfalt als ihm die ehrungen durch schulische institutionen (es soll wol an frühneuzeitliche dichterkrönungen als bild gedacht werden) noch viel bedeuteten. Inzwischen ist - das zeigen die beiden punkte - einige zeit verflossen. Sie brachte die erkenntnis „echter lehre” die eigentlich - anders als jene der „schulen” - recht „feil” also nicht käuflich sondern sogar umsonst zu haben war: durch begabung oder begünstigung. Die sechste zeile „Ein weiser ist nur wer vom gott aus weiss” ist als zitat „Tycho Mommsens Übersetzung der Oden Pindars” (M) entnommen (genauer: der zweiten olympischen). Als dieser gott wird hier Maximin gesehen von dem im unmittelbaren anschluss die rede ist wenn des gemeinsamen wegs über das „heilige feld” erinnert wird (wol jenes feld dessen saat Maximins fusstritt in 7401 „sogleich erblühen” liess). Auch dieser schon jahre zurückliegenden erinnerung folgen zwei punkte. Sie unterstreichen die dauer des „glücks” das seitdem das leben des sprechers nicht mehr verliess. Es hat damit zu tun dass er „keim und welke” als zusammengehörig und gleichberechtigt anzuerkennen (und damit eine innere gelassenheit) gelernt hat. Dies scheint den aus 8322 bekannten gedanken vom blick in den tiefsten „grund” nur in der ausgestaltung leicht abzuwandeln.
8325 Wer soll dich anders wünschen wenn du so
Der in Wien geborene fabrikantensohn Herbert Steiner hatte als fünfzehnjähriger im august 1908 ein gedicht an George geschickt und so mit Gundolfs unterstützung tatsächlich zwei besuche bei George erwirkt: im märz 1909 in Wien und ein knappes jahr später sogar für sechs tage in München wo George ihm diese verse - natürlich noch ohne die antwort in den lezten drei - schon vortrug. Steiner galt damals schon als (wirklich blondes) wunderkind seiner zeit und studierte später romanistik und germanistik. Das gedicht verschweigt seine anmut und gewinnende art so wenig wie seine der altersstufe nicht entsprechende geistige reife die auch aus den selbstbewussten zeilen spricht in denen George ihn auf eine mahnung antworten und die bevorstehende trennung vorwegnehmen lässt. M glaubt sich zu erinnern dass die von Steiner - der freilich ungenannt bleibt - dabei mit feiner ironie aufgegriffene bezeichnung „blondes wunder” ursprünglich von Gundolf stammte. In der mahnung ging es um den wunsch dass es dem jungen gelingen möge einen „rest von asche” aus seinem „goldnen haar” zu schütteln. Damit seien - so M - „die Überbleibsel einer früheren, schon überalterten Lebensform” gemeint. Der besucher aber erfasst die hinter freundlichkeit verborgene zurechtweisung sofort und und weist ihre „strenge” ebenso freundlich aber doch bestimmt zurück. Es spricht sehr für George wie er dem jüngeren hier das lezte wort überlässt dessen überlegene souveränität ihn fast ein wenig beschämen müsste.
8326 Denk nicht zuviel von dem was keiner weiss !
2 lebenbilder : „Lebenbilder sind Eindrücke, die sich dem äusseren Auge bieten und zum Symbol für Erscheinungen des Lebens werden, deren Sinn aber durch den zerlegenden Verstand nicht erschöpft werden kann” (M) - das heisst nicht hinreichend erklärt werden kann.
Albrecht von Blumenthal war auf einem märkischen rittergut aufgewachsen und hatte in Berlin und Oxford filosofie und alte sprachen studiert. Als zweiundzwanzigjähriger wandte er sich 1911 an George · fühlte sich nach dem ersten treffen völlig verwandelt und blieb bis zu seinem Tod 1945 an ihm orientiert. Es war seine freundin Maria Fehling die 1922 in Stuttgart die brüder Stauffenberg für den Kreis entdeckte und vorschlug. Ihr name hat dafür eigentlich unsterblichkeit verdient. Blumenthal führte die drei gymnasiasten - und in deren gefolge den jungen Frank Mehnert - dann als mentor an den Kreis heran gleich nachdem er sich als altfilologe in Jena habilitiert hatte. Ihre begeisterung für die alten sprachen erlosch unter diesem erstklassigen lehrer nie und mündete schliesslich in die entstehung des so denkwürdigen Delfinverlags.
Ihm (M) gilt die aufforderung sich über „lebenbilder” den kopf nicht zu zermartern die ohnehin für niemanden auflösbar seien. Das ist weniger liebevoller trost als eine durchaus strenge mahnung zur ehrfurcht vor dem unergründlichen - und eine warnung den menschlichen verstand nicht zu überschätzen. Das beanstandete verhalten wurde ausgelöst durch ein jagdliches ereignis das den jungen adligen offenbar mitgenommen hatte: sein schuss auf einen fliegenden schwan war nicht tödlich gewesen sondern hatte ihn lediglich verlezt. Er versuchte vergebens das tier gesundzupflegen in dem er etwas ihm seelisch verwandtes empfand. Im blick des sterbenden vogels glaubte er den vorwurf für die gewalt zu erkennen die er ihm angetan hatte: ihn in einen „neuen kreis der dinge” zu zwingen.
Dieses „lebenbild” legt die frage nach dem grund des mitleids nahe - eine frage die in Schopenhauers metafysik durchaus eine antwort hätte finden können die ja eigentlich auch im gedicht schon durchscheint. Dass er sie hier so brüsk zurückweist ist bezeichnend für Georges einstellung zur modernen filosofie.
8327 Du trugst in holder scham die stirn gesenkt
In formvollendeter haltung lässt Anselm Feuerbach den gastgeber Agathon zu später stunde sogar den zügellos dionysischen Alkibiades willkommen heissen. Ein grösserer gegensatz als der zwischen diesen beiden jungen männern scheint kaum denkbar zu sein. Aber der nach seinem sieg im wettstreit gekrönte dichter - seinen erfolg zu feiern war ja anlass des gastmahls - weiss: wenn die frauen erst weggeschickt sind wird der geniale liebling der Athener auch in betrunkenem zustand noch zum gelingen des abends beitragen können. Denn eigentlich hat er weit höhere ansprüche an sich als nur partygänger zu sein. Tatsächlich sollte Alkibiades' rede auf Sokrates unsterblich werden. Den tiefsten eindruck aber hinterliess sie bei George. (Das Gastmahl des Platon (ausschnitt) · 1869)
3 der Sinn : das sinnliche begehren das sich - nach der lehre der Diotima - beim jüngeren menschen des leibes bedient und auf den leib gerichtet ist · sich beim älteren aber zu einem geistigen vorgang weiterentwickelt. Der veranschaulichung seiner unentrinnbar steuernden gewalt dient die mythische gestalt des göttlichen Eros - daher die gross-schreibung.
6 des mahles herr : bezeichnung für den Eros der als das vereinbarte gesprächsthema des abends das gastmahl sozusagen beherrschte
Es spricht Sokrates im rückblick auf zwei seiner in Platons Symposion dargestellten begegnungen mit dem nun nur in gedanken angesprochenen Alkibiades - oder George zu Ludwig Thormaehlen (M). Im Symposion haben die teilnehmer ihre rede bereits gehalten als der betrunkene Alkibiades hinzukommt. Das gibt ihm die freiheit nicht wie alle anderen über den Eros sondern über Sokrates zu sprechen den er - dem in Athen angesichts seiner jugendlichen schönheit und eines charismatischen auftretens alle zu füssen liegen - verehrt und beneidet. Der alte ist bekanntermaassen unansehnlich aber er verfügt über die tugend die Alkibiades bei sich selbst schmerzlich vermisst: Sokrates vermag sich selbst zu beherrschen. Und so erzählt er wie er eines abends - nach langem gespräch war der filosof müde geworden und wollte sich schlafen legen - unter die decke des mannes schlüpfte der ihn durchaus als anziehend empfand. Eigentlich war er sich sicher dass Sokrates die unverhoffte gelegenheit körperlicher nähe nutzen werde - und er legte es wol auch darauf an. Das hätte Alkibiades nämlich das quälende gefühl seiner unterlegenheit genommen das er ansonsten gegenüber keinem anderen menschen empfand. Aber es kam anders: Sokrates berührte ihn die ganze nacht hindurch kein einziges mal. Stattdessen lagen sie nebeneinander - so heisst es bei Platon - wie brüder.
Diese einzigartige stärke also rühmt Alkibiades nun in seinem vortrag und bestätigt damit genau die theorie der platonischen liebe die Sokrates in seiner vorangegangenen rede vorgetragen hatte. Nach Platons darstellung soll sie ursprünglich von der weisen Diotima stammen und von Sokrates übernommen worden sein.
Im gedicht wird der angesprochene in der ersten und der lezten zeile daran erinnert wie er „in holder scham” und mit gesenkter stirn auf das nachtlager des sprechers geschlichen kam : unsicher also im bewusstsein des eigenen mangels und des doch recht hinterlistigen plans. Dass ihn auch die filosofische fragestellung nach dem nur „wandelnden" und dem erstrebenswerteren „bleibenden heil" antreibt spricht allerdings für ihn. Das sich sichtbar drehende rad und die unverrückt an ihrem ort bleibende achse stellen dafür das dichterische bild.
Alkibiades möchte nicht zu denen gehören die sich bereits mit dem geringeren zufrieden geben weil sie vom höheren gar nichts wissen. Zu diesem höheren gehört das selten dauerhafte verliebtsein in den schönen aber der alterung unterworfenen leib nicht. Wer aber - Diotima folgend - das unvergängliche schöne an sich geschaut hat wird der faszination des einzelnen leibes nicht mehr bedürfen. Ein junger mann in der art des Alkibiades wird sich davon aber - das „ahnte" Sokrates schon früh - durch die blosse behauptung nicht überzeugen · durch ein „buch” nicht belehren lassen lassen. Bei Platon wird dies dadurch zum ausdruck gebracht dass er Alkibiades den sozusagen theoretischen und für ihn wertlosen teil des abends verpassen lässt. Er braucht die „lebendige hand” - die anschauliche lebenserfahrung - um herauszufinden was „bleibend heil” · also nicht vergänglich ist. Und zu dieser erfahrung hat der Alkibiades-Thormaehlen längst verstehende Sokrates-George ihm bereits verholfen: tatsächlich „schwieg der leib” als Sokrates der lust nicht unterlag. Hildebrandt dürfte sie zutreffend beschrieben haben wenn er vom „Erlebnis des übergeschlechtlichen Eros” spricht · dem „Augenblick eines überschwenglichen Glückes, in dem der Jünger unterscheiden lernt, was ewige Achse des Geschehens und was wandelnde Erscheinung ist” (HW, 389f.).
8328 Spruch und ratschlag freund und lehrer
Auch wenn hier ein viel jüngerer als der Dichter spricht handelt es sich nicht um ein rollengedicht. Es stammt von Ernst Morwitz. George überarbeitete nur die ersten sechs zeilen die sich um die verwundbarkeit des jugendlichen drehen dem „freund und lehrer” keinen beistand leisten konnten. Die sehr weitreichende zusicherung von lebenslangem dienst und verlässlicher gefolgschaftstreue erwächst aus dankbarkeit und überzeugung. Morwitz hat sie in die tat umgesezt und bewahrte sich doch stets eine äussere und innere unabhängigkeit.
8329 Entlassen seid ihr aus dem innern raum
1 aus dem innern raum : der begriff weist darauf hin dass hier die angehörigen des inneren George-Kreises gemeint sind.
2 zelle : im mittelhochdeutschen der bescheidene mönchische wohnraum oder ein kleines kloster
Tröstlich mag manchem erscheinen dass die schönheit der jugend sich doch nicht in nichts auflöst sondern sich nur - jedenfalls bei den hier angesprochenen - immerhin zu (mentaler) stärke verwandelt hat. Und stärke zählt sicherlich mehr wenn es nun - da jeder der verabschiedeten „im gang getrennt im zweck gesellt” seinen eigenen lebensweg zu beschreiten hat - um „zukünftiges wagen” gehen wird.
Diese stärke entstand durch „überschattung des Erweckers”. Der begriff des überschattens wird bei Luther im neuen testament im sinne von „befruchten” verwendet (M) · aber wessen samen ist gemeint? Die gross-schreibung deutet erneut auf den Eros hin auch wenn mancher sich ungläubig fragen dürfte ob George gerade in diesem gedicht wirklich an keiner stelle von sich selbst sprechen sollte.
Ganz eindeutig ist hingegen das bekenntnis zum wirken aller kreismitglieder innerhalb der gesellschaft auf die offenbar grösstmöglicher einfluss genommen werden soll. Es geht also gerade nicht - oder nicht mehr - darum sich von der welt abzuschliessen und dem selbstzweck einer klosterähnlichen gemeinde zu frönen - an die nur noch der begriff „zelle” erinnert. Ihre türen aber sind geöffnet und die brüder geradezu hinausgeworfen. Das verblassen ihrer schönheit ist sicher nicht ursächlich · doch mag die gleichzeitigkeit durchaus erwähnt werden.
Die zellen müssen ja nicht lange leerstehen. Es war die generation der „GRÜNDUNG" (8321) die zu beginn der zehnergruppe gepriesen wurde und nun auszog. Der Kreis ist dadurch nur jünger geworden. Die gefahr der überalterung und erstarrung die andere anfangs kampfstarke weltanschauliche oder politische gemeinschaften üblicherweise bedroht hat für den George-Kreis nie bestanden.
8330 Nachdem der kampf gekämpft das feld gewonnen
Mit zwei umarmenden reimen wird die lezte zehnergruppe geschlossen. Diesmal „besingt der Dichter nicht das Erlebte, sondern das Verheißene” (HW, 390). Denn der kampf zu dem im vorigen gedicht ausgezogen wurde ist nun gewonnen - das zeigen allein schon die siegerkränze. Insgeheim wird etwas vom vorigen gedicht zurückgenommen: die kämpfer ziehen „heimwärts” als sei die ganze expedition doch nur auf zeit angelegt gewesen. Der abstand zur gesellschaft bleibt also zumindest vorerst gewahrt. Ermöglicht wird dieser rückzug wol durch das ausbringen der „frischen saat”. Nicht eroberung war also der sinn der ausfahrt. Beim fest wird das „heilige Loblied” gesungen: das ist ein wirklich religiöser hymnus dem deshalb die gross-schreibung gebührt und der den STERN DES BUNDES feierlich abschliesst.
84 SCHLUSSCHOR
Gottes pfad ist uns geweitet
Gottes land ist uns bestimmt
Gottes krieg ist uns entzündet
Gottes kranz ist uns erkannt.
Gottes ruh in unsren herzen
Gottes kraft in unsrer brust
Gottes zorn auf unsren stirnen
Gottes brunst auf unsrem mund.
Gottes band hat uns umschlossen
Gottes blitz hat uns durchglüht
Gottes heil ist uns ergossen
Gottes glück ist uns erblüht.
Die gleichmässig dreigeteilte reihung wurde im vorigen gedicht „das heilige Loblied” genannt. M verweist auf seine einzelstellung die ihm das angemessene gewicht verleiht. Der SCHLUSSCHOR wurde zum abschluss der morgendlichen totenfeier am sechsten dezember 1933 von Walter Anton · Victor Frank und Cajo Partsch vorgetragen als das grab bereits geschlossen war.