9 DAS NEUE REICH
95 DAS LIED 9501-12
Was ich noch sinne und was ich noch füge / Was ich noch liebe trägt die gleichen züge
Dieses zweizeilige motto ist den zwölf volksliedhaften gedichten vorangestellt und wer sich mit dem lezten beschäftigt kann seine berechtigung verstehen.
9501 Welch ein kühn-leichter schritt
M fasst das gedicht als einleitung auf weil es drei „Bezirke des Volkslieds”nennt: den alten märchengarten das archaische dickicht der sage und die schwermut des liedes die dem „kühn-leichten schritt” entgegensteht. Gleich das anschliessende gedicht wirkt mit seinen zwei zeitebenen wie das exemplum zu dieser theorie. Und schwermut hat es zum verschenken.
9502 DAS LIED
I,2 flück : gefiedert. Wie die haut des noch nicht gefiederten jungvogels nackt ist so hat auch hier noch kein bartwuchs eingesezt. Möglicherweise ein hinweis darauf dass in dem knaben ein sänger steckt.
V,1 vor tagen : meint die sieben jahre der abwesenheit
Der titel des frühen gedichts - es muss vor 1910 entstanden sein - bezieht sich auf das lied des hirten dem die kinder die es in jeder generation wieder singen unsterblichkeit verleihen. Sieben jahre zuvor war der hirte noch ein „knecht” - also wie der „edelknecht” in 4301 im jünglingsalter - der sich im „wunderwald” verlief und nach erfolgloser suche für tot erklärt wurde. Als er eines morges unvermittelt wieder auftaucht erkennt ihn - die eltern leben nicht mehr - keiner mehr und was er erzählt wird nicht ernst genommen: dass er im wunderwald auf menschen mit goldener haar- und schneeweisser hautfarbe traf und dass er wie zum beweis sich einzelne wörter ihrer sprache hat merken können. Angesichts der frühen tageszeit halten ihn die leute für nüchtern aber daher für „toll”. Nun muss er täglich das vieh hinaustreiben und hüten - hat damit keinen anteil an der dorfgemeinschaft - und nur die kinder meiden seinen umgang nicht. Wenn er singt - oft „bis in die tiefe nacht” setzen sie sich neben ihn um den sich ansonsten niemand kümmert. Sein lied bewahren sie über seinen tod hinaus im gedächtnis.
Der aussenseiter der nur die jüngeren um sich schart den zugang zu einer den anderen im „dickicht” (9501) verborgenen mythischen welt fand aber dort ebenfalls ausgeschlossen blieb - der zugang zum fest blieb ihm verwehrt - wirkt mit seinen deutlich unbürgerlichen zügen wie das alter ego des Dichters. Er fällt besonders dadurch auf dass er sich weder in der märchen- noch in der sagenwelt um zugehörigkeit bemüht und sein ausgeschlossenwerden jedesmal willig hinnimmt. Hinzu kommt dass er wörter spricht die sonst niemand versteht. Das erinnert an die liebe des jungen George zu seinen geheimsprachen.
9503 SCHIFFERLIED
ABSCHIED YVOS VON JOLANDA
Yvos erster gedanke gilt Jolanda - aber nur um ihr die trennung mitzuteilen. In wirklichkeit wird Jolanda davon aber nichts erfahren und deshalb umsonst auf ihn warten. In jeder der vier strofen spricht er sie nur in gedanken an. Es scheint zwei gründe zu geben die Yvo zu dem abschied zwingen (der ja eben gar keiner ist). Er hat einen mord begangen aber die leiche so gut versteckt dass man sie nicht finden werde. Insofern mag die untat vielleicht gar nicht ausschlaggebend für die flucht sein. Man erfährt nichts über das erwürgte opfer und den anlass des verbrechens - es könnte wie schon M vermutet aus eifersucht begangen worden sein. Yvo spricht selbst von einer kühlenden wirkung (offenbar weil sein „blut" im zorn über den nebenbuhler erhizt war) im moment des vollzugs (aber Ockenden denkt sogar an eine abkühlung seiner „Liebesgefühle gegenüber Jolanda” (Wk, 661) - in dem er gleichzeitig wusste dass ihm „das nahe glück” nun nicht mehr erreichbar war. Daneben aber spürt er wie ihn das meer lockt und nennt das schiff seinen freund. Er scheint mit leib und seele „schiffer” zu sein was ihm vielleicht sogar wichtiger ist als häusliches liebes- und familienglück. Daran könnte in der siebenten zeile gedacht sein: „Du ahnst wol viel das lezte kaum . . ” Vielleicht aber meint sie nicht mehr als die zuversicht dass Jolanda nicht einmal ahnen werde wie sehr sich ihr freund in schuld verstrickte. An ihr trägt Yvo nicht leicht - das zeigt die ganze lezte strofe. Er bringt den wunsch zum ausdruck wenigstens Jolanda möge „rein” bleiben (wobei aber vielleicht nur an ihre jungfräulichkeit gedacht ist) · in ihrer klage sich langsam beruhigen und im gebet auch um sein seelenheil flehen.
Hildebrandt meint George habe mit dem SCHIFFERLIED auch ein „Vorbild für die Jungen” geben wollen: „Den jungen Dichtern wollte George zeigen, in welche Richtung er sie gern gelenkt: volkhaft, konkret, gedrängt - nicht epigonisch, erhaben, verstiegen.” (HW, 454). In der tat findet sich genau ein solches gedicht unter Johann Antons balladen mit dem (vielleicht an Georges DAS LIED erinnernden) titel „Ballade” das ebenfalls von einem mord handelt und sogar Georges zeilenspaltung nachahmt (1935, 62-64).
9504 Horch was die dumpfe erde spricht:
Das gedicht wurde schon unzählige male diskutiert. Selbst Heidegger und Gadamer haben sich dazu geäussert. Es ist so dunkel wie die lezten fragen die es aufwirft unlösbar sind. Eindeutig scheint nur zu sein dass der mensch einerseits so frei ist wie man es vögeln - und das gedicht fügt hinzu: fischen - nachsagt. Und doch sind gerade diese tiere schnell opfer von fallenstellern oder fischernetzen. Dem menschen wird unterstellt dass er - das ist offenbar grundsätzlich so - in etwas „hängt” so dass eine absolute freiheit kaum mehr ist als ein trügerischer eindruck. Das wird niemanden überraschen der in den gedichten vom fug und von loos gelesen hat unter deren herrschaft das menschliche leben verläuft. Allerdings entspricht es dem Georgeschen menschenbild gerade nicht sich jeden menschen als determiniert von äusseren faktoren vorzustellen wie es bei den George verhassten naturalisten üblich war. Doch passt das gedicht gut zu der oft beschriebenen bescheidenheit und schlichtheit die gerade aus dem zyklus DAS LIED spricht. M sieht in ihm den geist eines im abstieg begriffenen zeitalters und in der tat klingen die eng zusammengehörenden zeilen fünf bis sieben wie ein rückblick auf eine höhere aber vergangene stufe des menschseins.
9505 SEELIED
I,1 an der kimm : am horizont
II,2 feim : gischt (meerschaum)
Das allen anderen „fremde weib” im lezten haus der strasse zu dem sich nie ein besucher verirrt führt zwar ein aussenseiterdasein lebt aber nicht in grosser not: es gibt vorräte in „küch und kammer” · die fischernetze wie das ganze haus und der haushalt sind gut in schuss. Man hat behauptet es gehe in dem gedicht um das lebensgefühl aller alt gewordenen · dabei gibt es an keiner stelle einen hinweis auf das alter der frau. Nicht zufällig lebt sie allein - jedenfalls gibt es niemanden der ihr eine erwähnung wert wäre. Und ausdrücklich stellt sie - die sprecherin - fest dass es für sie keine freude in dieser einsamkeit gibt. Bis auf eine ausnahme: wenn abends das nackte blonde kind mit den im dämmerlicht leuchtenden augen erscheint und dabei „tanzt und singt” bis seine „bahn” hinter dem fischerboot endet als sei es selbst ein himmelskörper: dann empfindet sie den „kurzen anblick” als „lust”. Anders als die eingangs beschriebene sonne erscheint das kind nicht an jedem tag. Die frau aber begibt sich täglich in der stunde des sonnenuntergangs zur düne und wartet auf das schauspiel. Wenn der „liebe gast” nicht erscheint hat ihr der ganze tag zu nichts getaugt und das obwol nie ein wort zwischen beiden gewechselt wurde. Dass er ihr trotz seines erscheinens stets unerreichbar sein wird spielt für sie gar keine rolle · ihr genügt ja der blosse „anblick”.
Man kann noch immer eine tonbandaufnahme hören wie der alte Robert Boehringer das SEELIED hersagt. Aber niemand weiss genau wie er es verstand. Seine tiefe wahrheit wird ihm trotz aller verkleidungen nicht unzugänglich gewesen sein. Wenn er ausgerechnet dieses gedicht auswählte muss er gewusst haben dass es zu Georges wichtigsten zählt. M gibt sich ungerührt und lenkt das interesse des lesers auf den gleichen wortstamm von „feim" und (engl.) „foam".
9506 DIE TÖRICHTE PILGERIN
Das geheimnisvolle lied lässt fragen sowol nach der pilgerin als auch nach dem sprecher völlig offen der ihr aufhalf als sie am wegrand lag. Sie ist „wie vor müde” gestürzt: also nur scheinbar aus müdigkeit die sie vortäuschte? Oder will der sprecher lediglich andeuten dass die müdigkeit nur ein eindruck war der allerdings durchaus zutreffen könnte? Dabei scheint sie es doch auf ihn abgesehen zu haben. Nach ihren eigenen worten kam sie schon öfter an dem mann vorbei der aber nie einen blick für sie übrig hatte. So könnte die enttäuschte den vorgeblichen „unfall” bewusst herbeigeführt haben um aufmerksamkeit zu erregen und endlich ein paar erste worte zu wechseln. Und doch muss sie erkennen dass auch diese begegnung sie ihrem ziel nicht näher bringt: er bleibt augenscheinlich sehr spröde. So nimmt sie sich vor ihm künftig in einem „schmuckren kleid” zu begegnen · rechnet aber auch hier schon - zumindest insofern nicht „töricht” - mit erneuter erfolglosigkeit und tröstet sich mit dem gedanken dass er sie dennoch beachten müsste weil er sich erinnern wird wie er ihr einst aufhalf.
Er hingegen hat an derselben stelle - an der kuppe - schon einmal einer frau geholfen: einer schwangeren die nicht mehr allein mit dem schweren ballen heu zurechtkam den sie tragen sollte. Hat dieser ort insgeheim eine schicksalhafte bedeutung auch für ihn? Die recht sorgfältige beschreibung seiner lage könnte ein hinweis darauf sein - oder lediglich zur ländlich-volksliedhaften stimmung beitragen.
Die wichtigste frage aber gilt der bezeichnung „töricht”. Dass George sich auf Goethes novelle „Die pilgernde Törin” bezog und sie lediglich zum gedicht umschreiben wollte ist am wenigsten wahrscheinlich. Man wird natürlich an Jesu gleichnis von den törichten jungfrauen im Matthäus-evangelium erinnert die auch schnell müde wurden und sich anders als die klugen jungfrauen zur wichtigsten begegnung ihres lebens nicht richtig vorbereitet hatten. Aber hätte es wirklich geholfen sich gleich das „schmuckre kleid” anzulegen und den „kümmerlichen rock” im schrank zu lassen? Entspricht gar die frau der ersten begegnung die arbeitet und ein kind zur welt bringen wird den klugen jungfrauen deren lampenöl - so deutete Hilarius v. Poitiers die parabel im anschluss an rabbinische deutungen von vorgängertexten - ihre guten taten bedeutet wie sie die törichten eben nicht vorzuweisen haben? Die zweite aber wird „maid” genannt und scheint folglich jünger zu sein - zu jung für kinder und beruf. So bleibt der einzige deutlich erkennbare grund für die abwertung ihr starrsinniges begehren eines mannes der zwar wie ein kavalier handelt aber auf ihre avancen überhaupt nicht eingeht. Das gibt ihr nicht zu denken · vielmehr baut sie einfach auf ihre hartnäckigkeit. Das kann man schon töricht nennen.
9507 DER LEZTE DER GETREUEN
Ein schönes schlichtes loblied auf das selbstbestimmte dienen. Der könig ist „der Eine” für den sprecher und so endet jede der drei strofen mit seiner erwähnung. Weil er immer noch im ausland weilt - anscheinend ist er wie ein gebannter ins exil gegangen (wie in der napoleonischen zeit etliche europäische fürsten) kommt dem sprecher „die heimat leer” und er selbst sich darin „als fremdling” vor. Die freuden und feste der anderen lässt er an sich vorbeiziehen ohne sich daran zu beteiligen (oder enger am text: ohne die veranstaltungsdaten im kalender zu verfolgen). Ob sommer oder winter: er wartet nur auf den ruf seines königs. Bleibt dieses warten umsonst möchte er sterben „sobald ihn die Nachricht vom Tod seines Königs erreicht” (M). Dies empfindet er als das sinnvolle ziel für sein leben.
Was die parzen den römern und die moiren den griechen sind die nornen in der nordischen mythologie : weibliche wesen die - lebensfaden und schere zeigen es - einfluss auf menschliche und sogar göttliche schicksale nehmen. Sie hausen an der wurzel der esche Yggdrasil unter der die schicksalsquelle entspringt auf deren heiligem wasser das erste paar schwäne lebt. Denn alles wird weiss was von diesem wasser benezt wird. Fehlt aber der passende begriff ist der faden - so sieht es das gedicht- schnell gekappt.
9508 DAS WORT
I,2 saum : grenze I,4 born: quelle oder brunnen
Das gedicht wurde schon so oft erstaunlich wohlwollend besprochen (vielleicht weil es nichts George-spezifisches bietet?) - sogar Heidegger bezog sich darauf - dass niemand sich mehr dazu äussern muss der hier nur eine wenig originelle botschaft erkennt und der in klappernden paarreimen dargebrachten trockenen lehrhaftigkeit in altnordischer ummantelung kaum mehr als den ästhetischen reiz eines Ikea-regals abgewinnt. Die ausgerechnet graue norne die das wort nicht findet passt aber gut dazu. George benötigte die beiden anderen nicht und so hielt er sich an die älteste überlieferung die nur Urdr kennt.
9509 DIE BECHER
Der prunkende erste becher ist aus gold und enthält wein von dem jedem ein schluck zusteht. Das weiss man schon wenn das gefäss erhoben wird - und deshalb gibt es keinen „Verdruss”. Anders beim zweiten · dem unscheinbaren hölzernen becher der zum würfelspiel dient. Jeder hat nur einen wurf. Niemand kennt schon vorher das ergebnis oder kann nachträglich noch „drehen” was das unerbittliche schicksal in gestalt der drei steinernen also unveränderlichen würfel jedem zulost. Dass es dabei nicht immer ohne „Verdruss” abgeht wird zwar nicht ausdrücklich gesagt · doch ist die schlussfolgerung naheliegend.
9510 DAS LICHT
I,4 wes’t : form des seltenen verbs „wesen” das lediglich so viel wie das für dichterische zwecke ungeeignete „existieren” bedeutet. Die schreibweise soll das leseverständnis erleichtern.
DAS LICHT und das folgende gedicht entstanden erst 1928 und gelten als die lezten verse die George noch schuf. Sie beziehen sich auf Bernhard von Bothmer der als vierzehnjähriger um 1926 - zusammen mit seinem sechs jahre jüngeren bruder Dietrich - zu den zöglingen von Ernst Morwitz in Berlin gehörte. Dort studierte er in den dreissiger jahren ägyptologie und arbeitete am Ägyptischen Museum bei den Staatlichen Museen · war aber zugleich engagiert in der fluchthilfe für verfolgte des ns-regimes. Beide brüder folgten 1940 Morwitz in die USA wo sie in den kriegsjahren für die US Army arbeiteten: Bernhard der mehrere sprachen beherrschte im geheimdienst und Dietrich als soldat im Pazifikkrieg (die familie von Bothmer hatte ja eine lange tradition im preussischen offizierscorps). Danach wurde Bernhard ein führender spezialist für altägyptische kunst der wesentlich zur gestaltung des Luxor-Museums beitrug und zulezt eine professur in New York innehatte. Dietrich der noch in Berlin und Oxford das studium der archäologie begonnen hatte schloss es nach dem krieg in Berkeley ab und arbeitete dann ebenfalls teils für museen teils als professor in New York. Sein hauptinteresse lag auf dem gebiet bemalter attischer vasen. Morwitz machte ihn zu seinem erben.
Die beiden strofen bilden einen gegensatz. Die erste handelt von der „trauer” des sprechers weil der angesprochene sich „an abenden” anderen „mehr beglückten” zuwendet so dass für ihn nur der „abglanz” bleibt. M erläutert dazu dass Bothmer sich „mit dem damaligen freund S. M. näher verbunden fühlte”. Als im november 1928 das erscheinen des NEUEN REICHS mit einer lesung im Achilleion begangen wurde durfte Bothmer mit Silvio Markees schon daran teilnehmen. Auch er war erst sechzehn jahre alt · ein Berliner professorensohn und ebenfalls zögling von Morwitz der mit ihm 1933 zur totenfeier in Minusio reiste. Da hatte er gerade seine dissertation in medizin fertiggestellt. Als 1934 Morwitz' erstes buch über Georges werke herauskam war es Bernhard Silvio und Sven (-Erik Bergh) gewidmet. Alle drei waren 1912 geboren · lezterer promovierte 1939 in arabischer und persischer litteratur · leitete verlage in Schweden und den USA und war schliesslich in leitender funktion für die Vereinten Nationen tätig. Silvio Markees hingegen arbeitete bis 1939 an der Berliner Charité · danach in der Schweiz bei Hoffmann-La Roche. Zudem hatte er eine professur an der Basler universität inne. Er blieb aber ebenso wie die Bothmer-brüder mit Morwitz ein leben lang in verbindung.
In der zweiten strofe wird die trauer gewissermaassen widerrufen: das „süsse licht” leuchte doch für alle anwesenden gleichermaassen · es aber „fassen” zu wollen (im sinne eines körperlichen anfassens) wäre kindisch. Dass dieser triumf einer allzu pfiffigen altersweisheit über die leidenschaft nicht von dauer war beweist das anschliessende
9511 In stillste ruh
Stefan Georges leztes gedicht gilt der wirkung die Bernhard von Bothmer hinterliess. Dazu wird zuerst ein eindruck des lebensgefühls des alten George vermittelt der damals in Berlin meist bei Bondi wohnte und seine tage bei Thormaehlen im Achilleion verbrachte während Max Kommerell und Johann Anton das alltägliche erledigten · insbesondere die von George als lästig empfundene korrespondenz. Diese wirkung erscheint geradezu als störung der „stillsten ruhe” · als plötzlicher „schreck” für eine seele die sich längst in sicheren zustand völliger „besonnen"heit wähnte. Das wird in den beiden lezten strofen in zwei naturbildern wiederholt: dem „auf höhn” eigentlich fest stehenden baumstamm den ein sturm „noch spät” bis zum boden neigt · und - schon weit weniger „stolz” - der am strand liegenden längst von allem leben verlassenen muschel in die das laute meer noch einmal mit aller gewalt hineinspült - zugleich eine erinnerung an Morwitz’ NACHKLANG zu dem grossen gedicht AN DIE KINDER DES MEERES (9105) mit ähnlichem motiv.
9512 Du schlank und rein wie eine flamme
Das den abschluss des NEUEN REICHS bildende preislied auf Bernhard von Uxkull-Gyllenband ist deutlich älter. In keiner strofe wird der zeilenstil durchbrochen und der satzbau eines jeden der viermal vier verse gleicht bis auf zwei abweichungen dem der anderen drei verse. Dieser strenge parallelismus deutet auf die jahre des STERN DES BUNDES.
In der tat entstand das gedicht nach Georges eigener aussage kurz nach Uxkulls tod als der Dichter sich zu seiner schwester nach Königstein im Taunus zurückgezogen hatte - wo Uxkull und Adalbert Cohrs ihn im juli 1918 aus dem offiziers-erholungsheim in Schierke kommend möglicherweise noch einmal besuchten bevor sie sich wieder an die front begeben sollten.
Es greift äusserlich auf eine vorlage von Francis Vielé-Griffin zurück („Vous si claire et si blonde et si femme, / Vous tout le rêve des nuits printanières, / Vous gracieuse comme une flamme / Et svelte et frêle de corps et d’âme, / Gaie et légère comme les bannières ...”) und damit auf eine erinnerung an die eigene jugend als George den symbolisten in Paris kennen gelernt und sich dessen gedicht abgeschrieben hatte (vergleiche Wk IX, 175 mit hinweis auf B. Böschenstein, Studien zur Dichtung des Absoluten, 1968).
Es gibt eigentlich nur drei verschiedene strofen: die erste ist ganz dem „du” gewidmet und umschreibt es enthusiastisch als flamme und zarten tagesanbruch · als blühenden zweig eines „edlen stammes” und als geheimen quell. Dass hier alle vier elemente - feuer und luft · erde und wasser vertreten sind versteht Ockenden als hinweis auf „die Vollkommenheit des Angesprochenen" (Wk, 664). Dagegen stellt der sprecher in der dritten strofe sein eigenes handeln und den angesprochenen als dessen objekt dar. Dazwischen preist die zweite strofe die bedeutung des du als begleiter des sprechers am tag wie am abend · als einen der ihm mal kühle und mal wärme spendet und einen erregenden schauer hervorzurufen vermag - ganz so als sei der gerade erst verstorbene noch gar nicht tot - oder schon nicht mehr. Die lezte strofe wiederholt lediglich die verse der ersten in anderer reihenfolge so dass der blick jezt wieder allein auf das du gerichtet ist das nun ganz zulezt dem morgen gleicht - und dadurch dem dunklen tod der es raubte doch wieder entrissen und dem „licht" zurückgegeben wird:
„Du wie der morgen zart und licht."
Uxkulls auferstehung erfolgt nur viel dezenter als jene Maximins - wird aber dafür an die prominenteste stelle gerückt die George 1928 zu vergeben hatte: in die lezten zeile seines lezten werks.
Dass Georges abschluss des NEUEN REICHS ein preislied war - „ein Ehrenmal für den dichterisch äußerst begabten Freund" nennt es Ockenden (ebd.) - bestätigt noch einmal den wesentlichsten grundsatz seines lyrischen schaffens. Deshalb weist Ockenden auf den zusammenhang mit dem motto hin das dem zyklus vorangestellt ist (ebd.). Noch bemerkenswerter aber ist es als hinweis darauf wer zehn jahre nach Uxkulls selbstmord und ein paar jahre vor seinem eigenen tod dem Dichter noch immer unvergessen und lebendig vor augen stand. Es war nicht Kronberger.