Johann Anton: DICHTUNGEN
Johann Anton wurde am siebzehnten august 1900 in Graz geboren und wuchs in Halle an der Saale auf wo sein vater als direktor der psychiatrischen universitätsklinik arbeitete.
Als siebzehnjähriger überlebte er das inferno der schützengräben - sein zwillingsbruder nicht. Während des studiums in Marburg kam er zu George. Nach seiner dissertation bei Friedrich Wolters in Kiel 1924 · dem abschluss des jurastudiums und einem studienaufenthalt mit Berthold von Stauffenberg in Paris arbeitete der junge historiker bis zu seinem tod am siebenundzwanzigsten februar 1931 im Auswärtigen Amt. Er hatte sich eine rolle im diplomatischen dienst gewünscht.
Die DICHTUNGEN wurden auf veranlassung Stefan Georges von Victor Frank · Berthold von Stauffenberg und Johanns bruder Walter aus dem nachlass ausgewählt.
Hier soll nur ein eindruck dieser zeugnisse ermöglicht werden. Die AUFZEICHNUNG wurde gekürzt. Die gedichte sind thematisch ganz eigenständig und sprachlich - etwa mit sehr harten zeilensprüngen und anklängen aus ländlicher umgangssprache - alles andere als epigonale versuche die sich damit begnügen den ton Georges zu treffen. MICHELANGELO ist ein zyklus von neun gedichten. Die meisten beschäftigen sich mit einzelnen werken des künstlers · eines wird von Vittoria Colonna gesprochen. Max Kommerell hatte in den gemeinsamen jahren mit Johann Anton dichtungen Michelangelos übersezt und 1931 veröffentlicht. Unter der überschrift NAPOLEON finden sich drei längere dramatische szenen deren lezte hier ungekürzt übernommen wurde. Über Napoleon hatte Johann Anton seine dissertation geschrieben. Von den neunzehn WIDMUNGEN sind hier fünf zu lesen. Etwas ganz besonderes sind die neun BALLADEN. Von ihnen wurden nur zwei weggelassen. Sie entwickeln Georges verkürzenden stil weiter ohne an balladenhafter stimmung einzubüssen. DER SOHN DES SEEMANNS weint weil er nicht versteht dass sich die deutsche hochseeflotte deren auslaufen er bei kriegsende in Kiel beobachtete im juni 1919 selbst versenkte nachdem sie ein halbes jahr in Scapa Flow interniert gewesen war. Und in den revolutionswirren erschlägt ihm der mob noch den vater. Allein gelassen steht der knabe für eine orientierungslos gewordene konservative jugend. Den tiefen eindruck des kriegsgeschehens verraten auch die abschliessenden hundertundvierzehn - hier nicht berücksichtigten - verse unter dem titel VATERLAND.
DER MEISTER
EINE AUFZEICHNUNG AUS DEM JAHRE 1929
Wer in sein zimmer kommt - wie wenige dürfen es - wird immer denselben leisen duft darin finden . . man erzählt von Alexander es sei etwas wie rosen um ihn in der luft gewesen. Wer je den Meister im bilde des spiegels gesehn · wird es nicht vergessen: das unfassliche geheimnis des umgekehrten bildes . . dass schon die treueste wiedergabe des lebendigen um unermessliches hinter dem wirklichen bleibt wird ihn erschrecken - was ist dann noch die sage oder gemaltes das von den Ewigen bleibt?
Man sieht ihn selten allein. Die kleinen orte die ihn kennen sind noch voll vom zeitfremden schauspiel wie inmitten der jungen der greise Meister ging. Das volk hat mehr auge als der bürger: es sah die fülle des weissen haares und erriet wieviel die - immer erstrebte nie erreichte - eintracht von jugend und alter bedeute. Man wird später die stillen strassen aufsuchen wo mit der morgensonne sich sein fenster öffnete · wo manchmal schon einer der jüngsten wartete · indessen rings die bürger schliefen. Und zahllose wege im weiten vaterland und ruhmlose orte werden nur gelten weil ER dort ging mit seinen drei · mit seinen sieben · mit seinen zehn getreuen. (...)
Es gibt keine gehobene runde ohne ihn. Schon jezt ist es schlechthin abzeichen des ranges um ihn zu wissen oder nicht. So geliebt wurden vielleicht nur zwei drei sterbliche. Wir schweigen von den nächsten. Wem aber boten sich jünglinge an zu niederen diensten · zitterten krieger die ihn einmal sprechen durften · zu wem machten blonde söhne der heimat lange fahrten um ihn einmal vorübergehen zu sehen? An einem abend in einer nördlichen stadt lagen vor seiner tür gehäufte lilien - man wusste nicht wer sie gebracht.
Im dichtesten gewühl der menschen steht oft der Meister und die kleine runde. Jeder küsst voll ehrfurcht die weisse hand ehe er geht. Die menge stuzt kaum. Wie er mitten durch sie hindurchschreitet im dunkel verschwindend merkt sie nicht was geschieht.
Sein leben ist völlig offenkundig: tausende haben ihn gesehen - erkennen ihn (wie wäre er zu verkennen?) wissen wer mit ihm ist. Seine verborgenheit ist von der umwelt erfunden die nur das gedachte liebt und erträgt. So ist gleiche legende die abgeschlossenheit seiner runde: jeder ist willkommen der sich dort zu halten vermag. (...)
Neid und erstaunen folgt seinen jüngern - längst ist sein kreis zum begriff geworden. Hat einer je bedacht was es heisst streitbare geister männliche naturen in einklang zu bringen · glaubt man im ernst es sei leichter drei von ihnen beisammen zu halten als ein staatswesen zu leiten? Man täusche sich nicht mit jesuitischen oder preussischen formen: die der Meister leitet müssen ein maass von unabhängigkeit erringen ohne das er eine abhängigkeit nicht genehmigt. Durch die anrede allein: ‚Meister du musst mir noch erklären’ gewann ein kind unsrer gaue sein herz. Viele aber hat er vermieden von denen nichts zu erwarten war als treueste hingabe und unbedingter glaube. (...)
MICHELANGELO
VITTORIA COLONNA
‚Bilder die mit seinen augen weinen
Starren an den wänden aus den nischen ·
Tränen weckend wie der jüngling zwischen
Den verzweifelnden in engen steinen.
Manchmal nur im spiegel einer frauen-
Seele ihm den eignen wert zu weisen
Selten ihn zu mahnen und mit leisen
Händen wenden sein versunknes schauen:
Anders hab ich keinen teil - die wilde
Seele lebt vom ruhme ihrer leiden -
Niemals kannst du - stolzer - dich bescheiden
Mit dem trost der schwesterlichen milde’
ABSCHLUSS II: DAS ENDE
Spät ging er durch die leergewordnen gassen
Verehrt · geliebt · der furcht- und wunderbare
Mit königlichem gruss und stumm gelassen
Im hermelin der hundert jahre.
Noch einmal breitet er den ganzen stolz
Des starren greises vor des lieblings füsse ·
Der sieger war · nur weil er lebte · schmolz
In tränen noch einmal vor solcher süsse.
Dann rüstete er fromm sein haus und flehte
Um ruh zu dem der an dem kreuze litt
Und ging als lezter - hinter ihm verwehte
Ein sturm im sand den lezten göttertritt.
NAPOLEON
SANKT HELENA
LAS CASES: Jezt scheint die sonne überm fernen Frankreich
Am felde rasten die um mittag - kinder
Fragen nach uns: wo sind die bunten reiter?
Die mutter kehrt sich ab wenn dann das jüngste
Sie drängt: warum kommt nie der kaiser
durch unsern ort? - und alle werden stumm
Und geht das kinn gesenkt zurück zur mahd . . .
Weit dort im osten sitzen in den zelten
Fremdaugige krieger um ein fahles bild:
‚Wo ist er jezt?’ ‚sie sagen dass im innern
Er über hundert fürsten siegte’ ‚nein -
Er steht am Eufrat’ ‚nein - er ist zurück
Und hat entboten dein- und unsren stamm.’ -
Woher er kam · wohin er ging das wissen
Kaum wir - Das sind: die lezten der getreuen.
GOURGAUD: Wie kann ein sinn dies rätsel fernen: lebend
Geht um sein schaffen in der welt - sein leib
Welkt hier zum schatten . . was ist wirklichkeit?
Zwei neger graben dort im garten - Er
Besichtigt die befestigungen - siehst du’s?
Zehn fuss breit im geviert mit graben türmchen ·
Kein kind ist damit zu erschrecken - mir
Zerbrachs das herz. Las Cases sag mir: soll
Man wünschen dass dies daure - darfst du sagen
Enden sei besser als so halb zu sein?
LAS CASES: Denkt dies nicht Gourgaud denkt nicht an die heimat ·
Das grosse zu erinnern hält uns wach ·
Kein trauern darf dies eine hüllen: nie -
Sags selber - lebten männer mehr als wir . .
Gourgaud · so viel war wirklich ! so viel gross !
GOURGAUD: Im süden war es damals im gebirge
Ums lagerfeuer hockten sie zerlumpt
Und maassen ab zwei finger brot für jeden:
‚Wenn keiner kommt und hilft - noch heut und morgen -
Dann frisst du erde’ und am dritten tag
Kam einer aus der ebene und half.
Die alten führer bissen ihre bärte
Als sie ihn sahn und schalten: fant und kind -
Doch keiner dens nicht packte wie der ging
Und redet und befahl · und bald erschraken
Sie vor dem blick und so zerpresstem mund.
LAS CASES: Noch später als er rings das land bezwungen
Und stadt um stadt bis zur lagune · wussten
Sies kaum: wer war das der die fahne
Dem fähndrich aus der hand nahm und die seinen
- Am flusse wars - zum feind hinüberriss?
GOURGAUD: Beim wein erzählten manchmal seine nächsten
Wie ihn die schönste frau der steilen insel
Wo wein oliven und kastanienbäume
Ans ufer dringen · mitten auf dem kirchgang
Geboren habe - dass in einem ort
Des festlands man noch eine stelle zeige
Wo er als aufstand rings die flecken sengte
Mondnächtelang vom park zum fluss geschaut.
LAS CASES: Ein jedes kannte ihn: Knaben trugen täppisch
Am schopf die mütze quer wie seinen hut ·
Die weiber schelten wenn er ohne gruss
Vorüberreitet - abends aus den schenken
Lärmts: dies für ihn! das seinem nächsten sieg !
GOURGAUD: Wie er für jahre dann verschwand - in wüsten
Die heiden schlug - indes an unsren grenzen
Geschazte städte brannten . . hin zum hafen
Strömte das volk als aufkam: Er ist da.
Jeds sah ihn heil aus seinem nachen steigen
Mit dem er · hiess es · sich allein gewagt
Mitten durch feinde übers meer - das lärmen
Der menge stickt was er gesagt - doch jeder
Begriffs wie er nach norden reckt die faust.
Dort in der hauptstadt balgten schon die weiber
Um handvoll hafer - die in den palästen
Sandten schon boten an den feind . . drei tage
Jagt durch die gassen seine reiterei ·
Dann zieht er ein: am neunten des november
Schweigt das gesindel: er allein befiehlt.
LAS CASES: Dann wars wie eine grosse stille: mondelang
Strahlt nächtlich der palast aus allen fenstern
Er wacht im innern für das land . . da dröhnt
An einem sonnentag die alte orgel
Im dom der stadt: gefolgt von hundert pagen
Zieht er aus seinem schloss · als kaiser grüssen
Ihn die getreuen - durch den weihrauch blinkt
An seinem schwert der wiederaufgefundne
Glückstein der ahnen.
GOURGAUD: Schon am nächsten morgen
Sass er im sattel - quer den schwarzen hut
Im grauen mantel seiner ersten schlachten
Sprengt er nach osten - über kurzem hiess es
Sieg ! Sieg ! den ganzen tag sei das gestirn
Freundlich gestanden über see und hügel.
Abends empfing er zwei besiegte kaiser
Im zelt · und ging zur nacht noch zu den seinen
Und fragte nach den toten.
LAS CASES: Danach war
Des erdteils grenze grenze seines reichs.
Des nordens völker schlugen ihre bücher
Wo viel vom Helden und Erlöser steht
Und fragten: ist ers? ist ers nicht? - dieweil
Murmelt die jugend schon von neuen zügen.
Mitten durchs land vom Rhein zur Elbe fuhr
Damals zur nacht der kaiserliche wagen . .
Erschreckt und wie den zug von geistern sah
Das volk die reihn der fackeln durch den nebel
‚Blutfarbe’ raunten sie ‚wo fährt er hin?’
Doch er entschwand jenseits der grossen ströme
Mit ihm ein riesenheer aus siebzig stämmen.
Fern immer ferner klang der kriegslärm - bleiern
Wartet der erdteil . . einmal wusste jemand
Er habe brand gelegt an die uralte
Goldne tartarenburg - ein andrer hatte
Nachricht er sei hinab nach Indien
Im bunten turban - doch die auf den dörfern
Wiesen entsezt den unstern überm feld . . .
GOURGAUD: Bis heute glaubt das volk in manchen tälern
Das nicht was nun geschah: auf eisigen strassen
Prescht rückwärts an den Rhei ein schlitten - drin
Vermummt: der kaiser - keiner kennt den fremden
Der kommt allein zurück - auf langen reihn
Verschneiter hügel ruft der steppenvogel
In klaren nächten das entschlafne heer . . .
LAS CASES: Zwei jahre ficht er noch mit einer handvoll
Um jeden zoll und zaun · das landvolk bringt
Das lezte ihm aus kargen laden - endlich
Stürzt ihn verrat . . im hof der grauen burg
Wo einst die feste klangen nimmt er abschied
Von knecht und krieger - seine feinde weinten
Wie er zulezt die fahne küsste . . . Einmal noch
Schallt von der küste her der ruf: es lebe
Der kaiser ! wieder landet er im süden
Mit drei getreun erobert er provinzen
Dringt noch einmal zum thron wo noch sein zeichen
Auf goldner lehne glänzt. - Nach hundert tagen
Lässt er das land für immer: was ihm bleibt
Ist nur ein gang vom heck zum mast - dort flattern
Die farben seines ärgsten feindes.
GOUGAUD: Tief
Im südmeer unter fremden sternen kreuzte
Ein kleines fahrzeug seinen weg · die waren
Ohne berichte jahrlang - stolz beschaut
Der steuermann die fracht: geschenk für Ihn.
Als sies erfuhren stürzten maat und jungen
Zur reeling glaubtens nicht und schrien und schluchzten
Wie dort der kaiser stumm vorüberfuhr . .
Lang immer wieder winkten sie - das sind
Die lezten die von ihm erzählen.
DER KAISER KOMMT MIT BERTRAM
DER KAISER: Gourgaud
Das ist noch nicht das lezte - sag du’s Bertram
Wie man in schwarzen felsen einer insel
Mitten im weltmeer ihn begrub.
BERTRAM: Was sind die tränen eines volks - das schrie:
Bleibt ! Bleibt ! als ihr verliesst - und warf dann steine
Dem wagen nach. DIE solln euch nicht bejammern.
Niemalen soll von kind und kindeskindern
Eines erfahren was sich hier begab.
Wir nehmen das geheimnis mit hinunter:
Genug der welt an EINEM Golgatha.
LAS CASES: Bertram · und die ums licht jezt sitzen reden
Von ihrem kaiser · ist nicht lohn der treue
Um ihn zu weinen? dürfen ihre lieder
Nichts von ihm wissen · ihm den sie geliebt?
BERTRAM: Hat ein jahrzehnt der kaiserliche adler
Gewittert überm erdteil - sanken darum
Millionen für den einen dass am markte
Nun liedlein leiern wo die weiber plärren
Vom märchenkönig den sein glück verriet?
Besser der fluch den feige pfaffen schleudern
Dem korsischen teufel . . jeder hass ist besser
Der feisten fürsten und verschreckten bürger
Die noch das rollen spüren unterm fuss
Von Seiner schlacht - als solcher sang wo nur
Das bleibt was er mit linker hand getan.
DER KAISER: Was bleibt was nicht bleibt - unser wille kann
Das nicht für immer zwingen - wer vermisst
Sich zu erraten warum und für wen
Ich diesen weg bis ganz zum ende ging !
Sei jeder der er ist - ein jeder sage
Was er gesehn · geht Gourgaud · geht Las Cases -
Liebt mich auch wenn ich nicht mehr bin . . das andre -
Bertram auch du - lass mich mit dem allein.
WIDMUNGEN
ZWIESPRACHE AN A
Es scheint vor der geneigten stirn das werben
Des liebenden fast wie ein leichtes spiel -
Langsam verdeckst du deine augen: ‚viel
Fehlt deinen schlägen die nur rinden kerben.
Tiefer musst du mit deinem eisen dringen
Begnügst du dich mit einer leichten beute?’
Vergieb der liebe · lieber · die dich heute
Nur leise streift mit neu-entrollten schwingen.
Ein vogel kreisend um die feuerstätte
Scheint sich zu wiegen in dem dunst der brände -
Doch wer am abend ihn als asche fände ·
Ob der sein spiel am tag erraten hätte?
NORDKÜSTE FÜR F. W.
Treuloser sand der jede spur verweht
Ist weg und pfad den ersten knabentritten -
Von manchen weiss das kreuz das meerwärts steht
Die früh und jung noch in die tiefe glitten:
Wortlosen vätern die mit netz und kähnen
Den stürmen trotzen folgten sie nach armen
Spielen am strand und sahen ohne tränen
Die frauen um verschollene brüder barmen
Sie wollten anders nichts von meer und dünen
Als erster winddurchrauschter traum gebot:
Liebe und fahrten und den leichten kühnen
Von einer mutter nur beweinten tod.
Fast kinder noch besuchten wir die grotte
Wo aus den steinen kalk- und rosenfarb
Das ewige wasser tropft · du fandest: kichernd -
Ich wusste damals schon: so weint der fels.
Die jahre lehrten mich dich zu beneiden ·
Lachen wird not wo soviel stöhnt und stirbt . .
Sag: denkt dir noch wie du das weh der erde
Das da heraufquoll nahmst für plaudernd spiel?
Wie königskinder die umschlungen schaun
Vom turm zum feind und beide wissen: morgen
Fällt ihre burg - so redeten wir leise
Am fremden ufer streifend hand in hand.
Weisst du wieviel dein ruhiges auge damals
Mir war? - Ich sah dir lange nach als stolz
Dein schritt verklang wo vor der nacht voll fragen
Gross stand das Tor: des Kaisers siegesmal.
Erinnert dir der abend noch: am hange
Fuhr heimwärts (immer fernen klangs) ein wagen
Drunten im orte schlug ein hund - ganz silbern
Stieg durch die schatten dann der vesperton ·
Du bargst die stirn an meinem knie - nicht mir
Es galt dein zittern dieser heiligen erde
Die unter uns entschlief indes das heimchen
Wachhielt die nacht mit seinem trunkenen lied.
BALLADEN
BALLADE
Noch mancher weiss von jenem tag:
Voll mohn und blauem enzian lag
Der weg wo dicht die menge stund -
Auf einmal flogs von mund zu mund -
Er dessen einzug wimpel flor
Und teppich galten sei vorm tor
Südwärts die schlucht hinauf zum kar -
Ein köhlerbursch der mit ihm war
Zeigt ihm den weg man brachte bald
Den alten der zulezt im wald
Die beiden sah wo hinter rohr
Und weiden sich der weg verlor.
‚Seis drum’ das volk ging scheltend heim
Doch ward die woche drauf geheim
Bekannt: der habe sich im fels
Dem fusse folgend des gesells
Verirrt zur nacht wo. Ried und schlucht
Geräumt und schneise ward durchsucht . .
Wo sich die spur verlor im schilf
Stand schon die tafel ‚Mutter hilf
den sündern all’. Da liefs herum:
Der köhlerbursch im trunke dumm
Zeig prahlend in der mägde schwarm
Ringe aus gold am nackten arm.
Die büttel fahndeten ihn aus
Er sang und grub am meilerhaus ·
Mehr wusst er nicht: am weg der ging
Zum ulmenbruch sei ring bei ring
Lezthin am fest gesteckt im sand.
In fesseln später erst gestand
Die meintat er dem wärtel ein:
Wie sie den tag verbracht zu zwein
Jener an seiner schulter schlief
Als er ihn schlug und wie er tief
Im wald ihn barg sie suchten nach
Beim meilerhaus im tann am bach ·
Dort lag der tote unter birn-
Und schlehgestrüpp die weisse stirn
Und mund und augen in der flut
Die goldnen locken schwarz von blut
Man trug ihn abwärts . . dicht umstand
Das volk die gruft - doch als verschwand
Am tag des urtels kreuz und kranz
Und gar als man verwies des lands
Des buben greise mutter die
So hiess es laut das grab bespie
Wuchs das geraun um tisch und herd
Der braut der schwester ward verwehrt
Der gang zum grab . . Nur wo im schilf
Die tafel stand ‚o Mutter hilf
Den sündern all’ schlug der und der
Das kreuz · und manchmal ist weither
Am stock ein strauss: enzian und mohn -
Man sagt dass heimlich ihn die rohn
Berghirten bringen die dort knien
Spät wenn die herden talwärts ziehn.
DIE HÜTTE DES EINSIEDELS
Das seine bettstatt ! Hier
Schau schräg zum licht die bank
Wasser kommt her vom hang
Die blumen deckens schier.
Wie lange ist das her:
Du er und ich zu dritt ·
Der schimmel den er ritt
Scheut’ vor ich weiss nicht mehr.
Verstundst du wie er da
Blass ward und sah vor sich?
Dann küsste dich und mich
Kehrt’ und nicht rückwärts sah?
Wie lang ist das vorbei . .
Kannst du ihn wiedersehn?
Ich will nur die da stehn
Rosen und akelei
Die liebt er damals · mir
Mitnehmen . . spürst auch du
Sein lächeln seine ruh?
Die weinen sind nur wir.
DER ALTE
Wenn dumpf sein krückstock scholl
Im dorf die kinder flohn ·
Die muhm der enkelsohn
Verschrien den greis für toll.
Der sprach mit tier und kraut
Oft grinst er durch das glas
Wenn wo zur hochzeit sass
Ein bräutigam und braut.
Am kirchhof wars: da schnitt
Er ab vom kreuz den Herrn
Und stiess · sie sahns von fern ·
Das holz mit schlag und tritt . . .
Heimlich begrub man ihn -
Kein auge kehrt sich seit
Zum fenster wo vorzeit
Sein weisses haar erschien.
DAS SONNTAGSKIND
Mit andern kindern hab ich drauss
Gespielt wo’s fluder rinnt
Ich fand den ersten blumenstrauss
Galt als ein sonntagskind.
Da hört ich einst der büdnerfraun
Getuschel hinter mir:
‚Die mutter war ein findel · traun
Sie schrak vor einem tier
Am tage just wo sie gebar -
Es nimmt kein gutes end’
Da lief ich fort verweint und bar
Bis wo mich keiner kennt.
Am strassenstein steht ringelblum
Ich schau wohin woher
Weiss wol · bald ist mein zeit herum
Bald sieht mich keines mehr.
DER NARR
Mutter · schau · wieder vorm laden
Der · halb zerschlissen halb bloss -
Schau: bänder vom gürtel am schooss
Schau: wieder den hund am faden !
Kommt so zu jedem feste . .
Ist wahr dass klein er entlief?
Die burschen mustern ihn schief -
Hat doch kein fehl kein gebreste.
Jezt lehnt er drüben am hause
‚Waldgänger’ schilt man ihn fort
Kehrn ihn zum bergweg hin - dort
Hat er wo · heissts · seine klause.
Mutter · schau · wie die dirnen
Lüstern den weg ihm versperrn
Schau · mutter · golden wie bern-
Stein weht sein haar vor der stirnen.
KUKUKSEI
Den tag lang barg er sich im boot
Er brannte stirn und nacken rot ·
Sie winkten ihm vom dünenhaus
Sie steckten zweig und wimpel aus ·
Umsonst · er schöpfte aus dem schiff
Das wasser · sang und summt und pfiff
Im nebel sass er hinterm feim
Erst unterm mond stahl er sich heim.
Der alte liess ihm was er bat
Raunt in der kammer dann: der hat
Die augen nicht von unserein
Dem hilft nicht frauensleut und wein
Ob der uns segen bringt ins fach?
Vielleicht sezt er den hahn aufs dach . .
So schaun die nachts der albe fängt
So findt man endlich: selbstgehängt.
DER SOHN DES SEEMANNS
Immer muss ich denken wie ganz klein
Mich der vater führte an die bucht
Wie er aus den vielen schiffen sein
Schiff mit augen mir herausgesucht.
Einmal fuhr die ganze flotte aus
Ich verstand noch nicht wie sie da schrien
Doch ich merkte: nie kam sie nach haus
Und dass jeder wegsah fragt ich ihn.
Später hört ichs: hundert faden tief
Liegt die drunten kiel an kiel · kein feind
Selber taten sies · und wie ich lief
Hin zum vater schalt er dass ich weint.
Bis zum tag da brachten sie ihn an
Halberschlagen von dem pack im ort
Doch er kannt mich noch ‚jezt bist du dran’
Nickt er nur - das war sein leztes wort.
Manchmal geh ich noch zu seinem grab
Was soll ich denn tun? und wo? und wann?
Immer muss ichs denken - und ich hab
Keinen den ich darum fragen kann.