Johann Anton: DICHTUNGEN

Johann Anton wurde am siebzehnten august 1900 in Graz geboren und wuchs in Halle an der Saale auf wo sein vater als direktor der psychiatrischen universitätsklinik arbeitete. 

Als siebzehnjähriger überlebte er das inferno der schützengräben - sein zwillingsbruder nicht. Während des studiums in Marburg kam er zu George. Nach seiner dissertation bei Friedrich Wolters in Kiel 1924 · dem abschluss des jurastudiums und einem studienaufenthalt mit Berthold von Stauffenberg in Paris arbeitete der junge historiker bis zu seinem tod am siebenundzwanzigsten februar 1931 im Auswärtigen Amt. Er hatte sich eine rolle im diplomatischen dienst gewünscht. 

Die DICHTUNGEN wurden auf veranlassung Stefan Georges von Victor Frank · Berthold von Stauffenberg und Johanns bruder Walter aus dem nachlass ausgewählt.

 

Hier soll nur ein eindruck dieser zeugnisse ermöglicht werden. Die AUFZEICHNUNG wurde gekürzt. Die gedichte sind thematisch ganz eigenständig und sprachlich - etwa mit sehr harten zeilensprüngen und anklängen aus ländlicher umgangssprache - alles andere als epigonale versuche die sich damit begnügen den ton Georges zu treffen. MICHELANGELO ist ein zyklus von neun gedichten. Die meisten beschäftigen sich mit einzelnen werken des künstlers · eines wird von Vittoria Colonna gesprochen. Max Kommerell hatte in den gemeinsamen jahren mit Johann Anton dichtungen Michelangelos übersezt und 1931 veröffentlicht. Unter der überschrift NAPOLEON finden sich drei längere dramatische szenen deren lezte hier ungekürzt übernommen wurde. Über Napoleon hatte Johann Anton seine dissertation geschrieben. Von den neunzehn WIDMUNGEN sind hier fünf zu lesen. Etwas ganz besonderes sind die neun BALLADEN. Von ihnen wurden nur zwei weggelassen. Sie entwickeln Georges verkürzenden stil weiter ohne an balladenhafter stimmung einzubüssen. DER SOHN DES SEEMANNS weint weil er nicht versteht dass sich die deutsche hochseeflotte deren auslaufen er bei kriegsende in Kiel beobachtete im juni 1919 selbst versenkte nachdem sie ein halbes jahr in Scapa Flow interniert gewesen war. Und in den revolutionswirren erschlägt ihm der mob noch den vater. Allein gelassen steht der knabe für eine orientierungslos gewordene konservative jugend. Den tiefen eindruck des kriegsgeschehens verraten auch die abschliessenden hundertundvierzehn - hier nicht berücksichtigten - verse unter dem titel VATERLAND. 

DER MEISTER  
EINE AUFZEICHNUNG AUS DEM JAHRE 1929

Wer in sein zimmer kommt - wie wenige dürfen es - wird immer denselben leisen duft darin finden . .  man erzählt von Alexander es sei etwas wie rosen um ihn in der luft gewesen. Wer je den Meister im bilde des spiegels gesehn · wird es nicht vergessen: das unfassliche geheimnis des umgekehrten bildes . . dass schon die treueste wiedergabe des lebendigen um unermessliches hinter dem wirklichen bleibt wird ihn erschrecken - was ist dann noch die sage oder gemaltes das von den Ewigen bleibt?

Man sieht ihn selten allein. Die kleinen orte die ihn kennen sind noch voll vom zeitfremden schauspiel wie inmitten der jungen der greise Meister ging. Das volk hat mehr auge als der bürger: es sah die fülle des weissen haares und erriet wieviel die - immer erstrebte nie erreichte - eintracht von jugend und alter bedeute. Man wird später die stillen strassen aufsuchen wo mit der morgensonne sich sein fenster öffnete · wo manchmal schon einer der jüngsten wartete · indessen rings die bürger schliefen. Und zahllose wege im weiten vaterland und ruhmlose orte werden nur gelten weil ER dort ging mit seinen drei · mit seinen sieben · mit seinen zehn getreuen. (...)

Es gibt keine gehobene runde ohne ihn. Schon jezt ist es schlechthin abzeichen des ranges um ihn zu wissen oder nicht. So geliebt wurden vielleicht nur zwei drei sterbliche. Wir schweigen von den nächsten. Wem aber boten sich jünglinge an zu niederen diensten · zitterten krieger die ihn einmal sprechen durften · zu wem machten blonde söhne der heimat lange fahrten um ihn einmal vorübergehen zu sehen? An einem abend in einer nördlichen stadt lagen vor seiner tür gehäufte lilien - man wusste nicht wer sie gebracht. 

Im dichtesten gewühl der menschen steht oft der Meister und die kleine runde. Jeder küsst voll ehrfurcht die weisse hand ehe er geht. Die menge stuzt kaum. Wie er mitten durch sie hindurchschreitet im dunkel verschwindend merkt sie nicht was geschieht. 

Sein leben ist völlig offenkundig: tausende haben ihn gesehen - erkennen ihn (wie wäre er zu verkennen?) wissen wer mit ihm ist. Seine verborgenheit ist von der umwelt erfunden die nur das gedachte liebt und erträgt. So ist gleiche legende die abgeschlossenheit seiner runde: jeder ist willkommen der sich dort zu halten vermag. (...)

Neid und erstaunen folgt seinen jüngern - längst ist sein kreis zum begriff geworden. Hat einer je bedacht was es heisst streitbare geister männliche naturen in einklang zu bringen · glaubt man im ernst es sei leichter drei von ihnen beisammen zu halten als ein staatswesen zu leiten? Man täusche sich nicht mit jesuitischen oder preussischen formen: die der Meister leitet müssen ein maass von unabhängigkeit erringen ohne das er eine abhängigkeit nicht genehmigt. Durch die anrede allein: ‚Meister du musst mir noch erklären’ gewann ein kind unsrer gaue sein herz. Viele aber hat er vermieden von denen nichts zu erwarten war als treueste hingabe und unbedingter glaube. (...)

MICHELANGELO

VITTORIA COLONNA

 

‚Bilder die mit seinen augen weinen

Starren an den wänden aus den nischen · 

Tränen weckend wie der jüngling zwischen

Den verzweifelnden in engen steinen. 

 

Manchmal nur im spiegel einer frauen-

Seele ihm den eignen wert zu weisen

Selten ihn zu mahnen und mit leisen

Händen wenden sein versunknes schauen:

 

Anders hab ich keinen teil - die wilde

Seele lebt vom ruhme  ihrer leiden - 

Niemals kannst du - stolzer - dich bescheiden

Mit dem trost der schwesterlichen milde’

ABSCHLUSS II: DAS ENDE

 

Spät ging er durch die leergewordnen gassen

Verehrt · geliebt · der furcht- und wunderbare

Mit königlichem gruss und stumm gelassen

Im hermelin der hundert jahre.

 

Noch einmal breitet er den ganzen stolz

Des starren greises vor des lieblings füsse ·

Der sieger war · nur weil er lebte · schmolz

In tränen noch einmal vor solcher süsse.

 

Dann rüstete er fromm sein haus und flehte

Um ruh zu dem der an dem kreuze litt

Und ging als lezter - hinter ihm verwehte

Ein sturm im sand den lezten göttertritt. 

NAPOLEON

SANKT HELENA

 

LAS CASES: Jezt scheint die sonne überm fernen Frankreich

Am felde rasten die um mittag - kinder

Fragen nach uns: wo sind die bunten reiter?

Die mutter kehrt sich ab wenn dann das jüngste

Sie drängt: warum kommt nie der kaiser

durch unsern ort? - und alle werden stumm

Und geht das kinn gesenkt zurück zur mahd . . . 

Weit dort im osten sitzen in den zelten

Fremdaugige krieger um ein fahles bild:

‚Wo ist er jezt?’ ‚sie sagen dass im innern

Er über hundert fürsten siegte’ ‚nein - 

Er steht am Eufrat’ ‚nein - er ist zurück

Und hat entboten dein- und unsren stamm.’ -

Woher er kam · wohin er ging das wissen

Kaum wir - Das sind: die lezten der getreuen.

GOURGAUD: Wie kann ein sinn dies rätsel fernen: lebend 

Geht um sein schaffen in der welt - sein leib

Welkt hier zum schatten . . was ist wirklichkeit?

Zwei neger graben dort im garten - Er

Besichtigt die befestigungen - siehst du’s?

Zehn fuss breit im geviert mit graben türmchen ·

Kein kind ist damit zu erschrecken - mir

Zerbrachs das herz. Las Cases sag mir: soll

Man wünschen dass dies daure - darfst du sagen

Enden sei besser als so halb zu sein?

LAS CASES: Denkt dies nicht Gourgaud denkt nicht an die heimat ·

Das grosse zu erinnern hält uns wach ·

Kein trauern darf dies eine hüllen: nie - 

Sags selber - lebten männer mehr als wir . .

Gourgaud · so viel war wirklich ! so viel gross !

GOURGAUD: Im süden war es damals im gebirge

Ums lagerfeuer hockten sie zerlumpt

Und maassen ab zwei finger brot für jeden:

‚Wenn keiner kommt und hilft - noch heut und morgen - 

Dann frisst du erde’ und am dritten tag

Kam einer aus der ebene und half.

Die alten führer bissen ihre bärte

Als sie ihn sahn und schalten: fant und kind - 

Doch keiner dens nicht packte wie der ging

Und redet und befahl · und bald erschraken 

Sie vor dem blick und so zerpresstem mund. 

LAS CASES: Noch später als er rings das land bezwungen

Und stadt um stadt bis zur lagune · wussten

Sies kaum: wer war das der die fahne

Dem fähndrich aus der hand nahm und die seinen

- Am flusse wars - zum feind hinüberriss?

GOURGAUD: Beim wein erzählten manchmal seine nächsten

Wie ihn die schönste frau der steilen insel

Wo wein oliven und kastanienbäume

Ans ufer dringen · mitten auf dem kirchgang

Geboren habe - dass in einem ort

Des festlands man noch eine stelle zeige

Wo er als aufstand rings die flecken sengte

Mondnächtelang vom park zum fluss geschaut. 

LAS CASES: Ein jedes kannte ihn: Knaben trugen täppisch

Am schopf die mütze quer wie seinen hut ·

Die weiber schelten wenn er ohne gruss

Vorüberreitet - abends aus den schenken 

Lärmts: dies für ihn! das seinem nächsten sieg !

GOURGAUD: Wie er für jahre dann verschwand - in wüsten

Die heiden schlug - indes an unsren grenzen 

Geschazte städte brannten . . hin zum hafen

Strömte das volk als aufkam: Er ist da. 

Jeds sah ihn heil aus seinem nachen steigen

Mit dem er · hiess es · sich allein gewagt

Mitten durch feinde übers meer - das lärmen

Der menge stickt was er gesagt - doch jeder

Begriffs wie er nach norden reckt die faust.

Dort in der hauptstadt balgten schon die weiber

Um handvoll hafer - die in den palästen 

Sandten schon boten an den feind . . drei tage

Jagt durch die gassen seine reiterei · 

Dann zieht er ein: am neunten des november

Schweigt das gesindel: er allein befiehlt.

LAS CASES: Dann wars wie eine grosse stille: mondelang

Strahlt nächtlich der palast aus allen fenstern

Er wacht im innern für das land . . da dröhnt

An einem sonnentag die alte orgel

Im dom der stadt: gefolgt von hundert pagen

Zieht er aus seinem schloss · als kaiser grüssen

Ihn die getreuen - durch den weihrauch blinkt

An seinem schwert der wiederaufgefundne

Glückstein der ahnen. 

GOURGAUD               Schon am nächsten morgen

Sass er im sattel - quer den schwarzen hut

Im grauen mantel seiner ersten schlachten

Sprengt er nach osten - über kurzem hiess es 

Sieg ! Sieg ! den ganzen tag sei das gestirn

Freundlich gestanden über see und hügel. 

Abends empfing er zwei besiegte kaiser

Im zelt · und ging zur nacht noch zu den seinen

Und fragte nach den toten. 

LAS CASES                           Danach war

Des erdteils grenze grenze seines reichs.

Des nordens völker schlugen ihre bücher

Wo viel vom Helden und Erlöser steht

Und fragten: ist ers? ist ers nicht? - dieweil

Murmelt die jugend schon von neuen zügen.

Mitten durchs land vom Rhein zur Elbe fuhr 

Damals zur nacht der kaiserliche wagen . . 

Erschreckt und wie den zug von geistern sah

Das volk die reihn der fackeln durch den nebel

‚Blutfarbe’ raunten sie ‚wo fährt er hin?’

Doch er entschwand jenseits der grossen ströme

Mit ihm ein riesenheer aus siebzig stämmen.

Fern immer ferner klang der kriegslärm - bleiern

Wartet der erdteil . . einmal wusste jemand

Er habe brand gelegt an die uralte

Goldne tartarenburg - ein andrer hatte

Nachricht er sei hinab nach Indien

Im bunten turban - doch die auf den dörfern

Wiesen entsezt den unstern überm feld . . .

GOURGAUD: Bis heute glaubt das volk in manchen tälern

Das nicht was nun geschah: auf eisigen strassen

Prescht rückwärts an den Rhei ein schlitten - drin

Vermummt: der kaiser - keiner kennt den fremden

Der kommt allein zurück - auf langen reihn

Verschneiter hügel ruft der steppenvogel

In klaren nächten das entschlafne heer . . .

LAS CASES: Zwei jahre ficht er noch mit einer handvoll

Um jeden zoll und zaun · das landvolk bringt

Das lezte ihm aus kargen laden - endlich

Stürzt ihn verrat . .  im hof der grauen burg

Wo einst die feste klangen nimmt er abschied

Von knecht und krieger - seine feinde weinten

Wie er zulezt die fahne küsste . . . Einmal noch

Schallt von der küste her der ruf: es lebe 

Der kaiser ! wieder landet er im süden

Mit drei getreun erobert er provinzen

Dringt noch einmal zum thron wo noch sein zeichen

Auf goldner lehne glänzt. - Nach hundert tagen

Lässt er das land für immer: was ihm bleibt

Ist nur ein gang vom heck zum mast - dort flattern

Die farben seines ärgsten feindes.

GOUGAUD:                                          Tief

Im südmeer unter fremden sternen kreuzte

Ein kleines fahrzeug seinen weg · die waren 

Ohne berichte jahrlang - stolz beschaut

Der steuermann die fracht: geschenk für Ihn.

Als sies erfuhren stürzten maat und jungen

Zur reeling glaubtens nicht und schrien und schluchzten 

Wie dort der kaiser stumm vorüberfuhr . .

Lang immer wieder winkten sie - das sind

Die lezten die von ihm erzählen.

DER KAISER KOMMT MIT BERTRAM

DER KAISER:                                    Gourgaud

Das ist noch nicht das lezte - sag du’s Bertram

Wie man in schwarzen felsen einer insel

Mitten im weltmeer ihn begrub.

BERTRAM: Was sind die tränen eines volks - das schrie:

Bleibt ! Bleibt ! als ihr verliesst - und warf dann steine

Dem wagen nach. DIE solln euch nicht bejammern.

Niemalen soll von kind und kindeskindern

Eines erfahren was sich hier begab. 

Wir nehmen das geheimnis mit hinunter:

Genug der welt an EINEM Golgatha. 

LAS CASES: Bertram · und die ums licht jezt sitzen reden

Von ihrem kaiser · ist nicht lohn der treue

Um ihn zu weinen? dürfen ihre lieder

Nichts von ihm wissen · ihm den sie geliebt?

BERTRAM: Hat ein jahrzehnt der kaiserliche adler

Gewittert überm erdteil - sanken darum

Millionen für den einen dass am markte

Nun liedlein leiern wo die weiber plärren

Vom märchenkönig den sein glück verriet?

Besser der fluch den feige pfaffen schleudern

Dem korsischen teufel . .  jeder hass ist besser

Der feisten fürsten und verschreckten bürger

Die noch das rollen spüren unterm fuss

Von Seiner schlacht - als solcher sang wo nur 

Das bleibt was er mit linker hand getan.

DER KAISER: Was bleibt was nicht bleibt - unser wille kann

Das nicht für immer zwingen - wer vermisst

Sich zu erraten warum und für wen

Ich diesen weg bis ganz zum ende ging !

Sei jeder der er ist - ein jeder sage

Was er gesehn · geht Gourgaud · geht Las Cases - 

Liebt mich auch wenn ich nicht mehr bin  . .  das andre -

Bertram auch du - lass mich mit dem allein. 

WIDMUNGEN

ZWIESPRACHE   AN A

Es scheint vor der geneigten stirn das werben

Des liebenden fast wie ein leichtes spiel -

Langsam verdeckst du deine augen: ‚viel

Fehlt deinen schlägen die nur rinden kerben.

 

Tiefer musst du mit deinem eisen dringen

Begnügst du dich mit einer leichten beute?’

Vergieb der liebe · lieber · die dich heute

Nur leise streift mit neu-entrollten schwingen. 

 

Ein vogel kreisend um die feuerstätte

Scheint sich zu wiegen in dem dunst der brände -

Doch wer am abend ihn als asche fände ·

Ob der sein spiel am tag erraten hätte?

NORDKÜSTE   FÜR F. W.

Treuloser sand der jede spur verweht

Ist weg und pfad den ersten knabentritten - 

Von manchen weiss das kreuz das meerwärts steht

Die früh und jung noch in die tiefe glitten:

 

Wortlosen vätern die mit netz und kähnen

Den stürmen trotzen folgten sie nach armen

Spielen am strand und sahen ohne tränen

Die frauen um verschollene brüder barmen

 

Sie wollten anders nichts von meer und dünen

Als erster winddurchrauschter traum gebot:

Liebe und fahrten und den leichten kühnen

Von einer mutter nur beweinten tod. 

Fast kinder noch besuchten wir die grotte

Wo aus den steinen kalk- und rosenfarb

Das ewige wasser tropft · du fandest: kichernd - 

Ich wusste damals schon: so weint der fels.

Die jahre lehrten mich dich zu beneiden ·

Lachen wird not wo soviel stöhnt und stirbt . .

Sag: denkt dir noch wie du das weh der erde

Das da heraufquoll nahmst für plaudernd spiel?

Wie königskinder die umschlungen schaun

Vom turm zum feind und beide wissen: morgen

Fällt ihre burg - so redeten wir leise

Am fremden ufer streifend hand in hand. 

Weisst du wieviel dein ruhiges auge damals

Mir war? - Ich sah dir lange nach als stolz

Dein schritt verklang wo vor der nacht voll fragen

Gross stand das Tor: des Kaisers siegesmal. 

Erinnert dir der abend noch: am hange

Fuhr heimwärts (immer fernen klangs) ein wagen

Drunten im orte schlug ein hund - ganz silbern

Stieg durch die schatten dann der vesperton ·

Du bargst die stirn an meinem knie - nicht mir

Es galt dein zittern dieser heiligen erde

Die unter uns entschlief indes das heimchen

Wachhielt die nacht mit seinem trunkenen lied.

BALLADEN

BALLADE

Noch mancher weiss     von jenem tag:

Voll mohn und blauem     enzian lag

Der weg wo dicht     die menge stund -

Auf einmal flogs     von mund zu mund -

Er dessen einzug     wimpel flor

Und teppich galten     sei vorm tor

Südwärts die schlucht     hinauf zum kar -

Ein köhlerbursch     der mit ihm war 

 

Zeigt ihm den weg     man brachte bald

Den alten der     zulezt im wald

Die beiden sah     wo hinter rohr

Und weiden sich     der weg verlor.

‚Seis drum’ das volk     ging scheltend heim

Doch ward die woche     drauf geheim

Bekannt: der habe     sich im fels

Dem fusse folgend     des gesells

 

Verirrt zur nacht wo.     Ried und schlucht

Geräumt und schneise     ward durchsucht . .

Wo sich die spur     verlor im schilf

Stand schon die tafel     ‚Mutter hilf

den sündern all’.     Da liefs herum:

Der köhlerbursch     im trunke dumm

Zeig prahlend in     der mägde schwarm

Ringe aus gold     am nackten arm.

 

Die büttel fahndeten     ihn aus

Er sang und grub     am meilerhaus ·

Mehr wusst er nicht:     am weg der ging

Zum ulmenbruch     sei ring bei ring

Lezthin am fest     gesteckt im sand.

In fesseln später     erst gestand

Die meintat er     dem wärtel ein:

Wie sie den tag     verbracht zu zwein

 

Jener an seiner     schulter schlief

Als er ihn schlug     und wie er tief

Im wald ihn barg     sie suchten nach

Beim meilerhaus     im tann am bach ·

Dort lag der tote     unter birn-

Und schlehgestrüpp     die weisse stirn

Und mund und augen     in der flut

Die goldnen locken     schwarz von blut

 

Man trug ihn abwärts . .      dicht umstand

Das volk die gruft -     doch als verschwand

Am tag des urtels     kreuz und kranz

Und gar als man     verwies des lands

Des buben greise     mutter die

So hiess es laut     das grab bespie

Wuchs das geraun     um tisch und herd

Der braut der schwester     ward verwehrt

 

Der gang zum grab . .     Nur wo im schilf

Die tafel stand     ‚o Mutter hilf

Den sündern all’     schlug der und der 

Das kreuz · und manchmal     ist weither

Am stock ein strauss:     enzian und mohn -

Man sagt dass heimlich     ihn die rohn

Berghirten bringen     die dort knien

Spät wenn die herden     talwärts ziehn. 

DIE HÜTTE DES EINSIEDELS

Das seine bettstatt ! Hier

Schau schräg zum licht die bank

Wasser kommt her vom hang

Die blumen deckens schier.

 

Wie lange ist das her:

Du er und ich zu dritt ·

Der schimmel den er ritt

Scheut’ vor ich weiss nicht mehr. 

 

Verstundst du wie er da

Blass ward und sah vor sich?

Dann küsste dich und mich

Kehrt’ und nicht rückwärts sah?

 

Wie lang ist das vorbei . .

Kannst du ihn wiedersehn?

Ich will nur die da stehn

Rosen und akelei

 

Die liebt er damals · mir

Mitnehmen . .  spürst auch du

Sein lächeln seine ruh?

Die weinen sind nur wir. 

DER ALTE

Wenn dumpf sein krückstock scholl

Im dorf die kinder flohn ·

Die muhm der enkelsohn

Verschrien den greis für toll.

 

Der sprach mit tier und kraut

Oft grinst er durch das glas

Wenn wo zur hochzeit sass

Ein bräutigam und braut.

Am kirchhof wars: da schnitt

Er ab vom kreuz den Herrn

Und stiess · sie sahns von fern ·

Das holz mit schlag und tritt . . .

 

Heimlich begrub man ihn -

Kein auge kehrt sich seit

Zum fenster wo vorzeit

Sein weisses haar erschien. 

DAS SONNTAGSKIND

Mit andern kindern hab ich drauss

Gespielt wo’s fluder rinnt

Ich fand den ersten blumenstrauss

Galt als ein sonntagskind.

 

Da hört ich einst der büdnerfraun

Getuschel hinter mir:

‚Die mutter war ein findel · traun

Sie schrak vor einem tier

Am tage just wo sie gebar - 

Es nimmt kein gutes end’

Da lief ich fort verweint und bar

Bis wo mich keiner kennt.

 

Am strassenstein steht ringelblum

Ich schau wohin woher

Weiss wol · bald ist mein zeit herum

Bald sieht mich keines mehr. 

DER NARR

Mutter · schau · wieder vorm laden

Der · halb zerschlissen halb bloss - 

Schau: bänder vom gürtel am schooss

Schau: wieder den hund am faden !

 

Kommt so zu jedem feste . . 

Ist wahr dass klein er entlief?

Die burschen mustern ihn schief -

Hat doch kein fehl kein gebreste. 

Jezt lehnt er drüben am hause

‚Waldgänger’ schilt man ihn fort

Kehrn ihn zum bergweg hin - dort

Hat er wo · heissts · seine klause.

 

Mutter · schau · wie die dirnen

Lüstern den weg ihm versperrn

Schau · mutter · golden wie bern-

Stein weht sein haar vor der stirnen.

KUKUKSEI

Den tag lang barg er sich im boot

Er brannte stirn und nacken rot ·

Sie winkten ihm vom dünenhaus

Sie steckten zweig und wimpel aus ·

 

Umsonst · er schöpfte aus dem schiff

Das wasser · sang und summt und pfiff

Im nebel sass er hinterm feim

Erst unterm mond stahl er sich heim.

Der alte liess ihm was er bat

Raunt in der kammer dann: der hat

Die augen nicht von unserein

Dem hilft nicht frauensleut und wein

 

Ob der uns segen bringt ins fach?

Vielleicht sezt er den hahn aufs dach . .

So schaun die nachts der albe fängt

So findt man endlich: selbstgehängt.

DER SOHN DES SEEMANNS

Immer muss ich denken wie ganz klein

Mich der vater führte an die bucht

Wie er aus den vielen schiffen sein

Schiff mit augen mir herausgesucht.

 

Einmal fuhr die ganze flotte aus

Ich verstand noch nicht wie sie da schrien

Doch ich merkte: nie kam sie nach haus

Und dass jeder wegsah fragt ich ihn. 

 

Später hört ichs: hundert faden tief

Liegt die drunten kiel an kiel · kein feind

Selber taten sies · und wie ich lief

Hin zum vater schalt er dass ich weint.

 

Bis zum tag da brachten sie ihn an

Halberschlagen von dem pack im ort

Doch er kannt mich noch ‚jezt bist du dran’

Nickt er  nur - das war sein leztes wort.

 

Manchmal geh ich noch zu seinem grab

Was soll ich denn tun? und wo? und wann?

Immer muss ichs denken - und ich hab

Keinen den ich darum fragen kann. 

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