Seit 1919 - als es noch gar keine NSDAP gab - kennzeichnete das von Melchior Lechter geschaffene schöne swastika-signet die wissenschaftlichen veröffentlichungen in Georges verlag der Blätter für die Kunst. Das symbol hatte mit einer völkischen oder antisemitischen denkweise nichts zu tun sondern war wie in den fernöstlichen religionen - in denen sich Lechter wie wenige andere auskannte - das zeichen eines glückerfüllten fruchtbaren lebens oder eines heilswunschs. Zudem ist naheliegend dass George in ihm ein bild für sein geschichtsverständnis sah so dass er sich mit dem swastika-zeichen regelrecht identifizierte. So dürfte es nicht schwierig zu verstehen sein was der gehenkte - hinter dem sich doch im grunde George selbst verbirgt - meint wenn er ankündigt das todeszeichen des balkens oder kreuzes in das rad „umzubiegen": die gewissheit dass die eigene weltsicht gewichtig genug dazu sei · dass sie bei aller verdammung und selbst seinem tode zum trotz nicht untergehen werde und darin am ende ihr „triumf" bestehe. George scheint sich damit - wenn auch nicht allen ernstes - Christus anzugleichen. Aber der gehenkte war wirklich (zumindest im rechtspositivistischen sinn) ein verbrecher (womit sich George im gegensatz zu Christus identifizieren konnte) und George konnte von vornherein - anders als Christus - nicht einmal die absicht haben mehr zu sein als der stern der „kleinen schar".
Morwitz erinnert an die ähnlichkeit von DER GEHENKTE mit dem gedicht Nietzsches:
Unter Feinden (nach einem Zigeuner-Sprichwort)
Dort der Galgen, hier die Stricke / Und des Henkers roter Bart, / Volk herum und gift'ge Blicke - / Nichts ist neu dran meiner Art! / Kenne dies aus hundert Gängen, / Schrei's euch lachend ins Gesicht: / „Unnütz, unnütz, mich zu hängen ! / Sterben? Sterben kann ich nicht !"
Bettler ihr ! Denn euch zum Neide / Ward mir, was ihr - nie erwerbt: / Zwar ich leide, zwar ich leide - / Aber ihr - ihr sterbt, ihr sterbt ! / Auch nach hundert Todesgängen / Bin ich Atem, Dunst und Licht - / „Unnütz, unnütz, mich zu hängen ! / Sterben? Sterben kann ich nicht !"
9 DAS NEUE REICH
92 (Gespräche) 921-4
Der begriff „Gespräche" wurde aus M übernommen.
921 DER GEHENKTE
„Der Frager” - augenscheinlich dem personal der hinrichtungsstätte zugehörig - hat den toten gehenkten vom galgen genommen und fordert ihn zum reden auf. Den rest des gedichts nimmt dessen monolog ein in dem er schildert wie er die stunden vor der hinrichtung erlebte als er durch die johlende menge zum stadttor geschleppt wurde. Man warf mit steinen nach ihm und zeigte gesten der verachtung · er aber erkannte in jedem von ihnen wenigstens einen seiner „frevel” - „nur schmäler oder eingezäumt von furcht”. Damit bestreitet er einen grundsätzlichen moralischen unterschied zwischen sich und den bürgern. Er hat aber mehr mut zu tun was die anderen nur aus angst vor der strafe unterlassen.
Ausserhalb der stadt beim richtplatz angekommen erkennt er in den mienen der ratsherren sowol ekel wie mitleid (das George als die schwerste strafe für einen menschen empfand). Sein lachen spricht ihnen ein recht dazu ab. Er weiss wie sehr die gesellschaftliche ordnung auf „sünder” angewiesen ist. Erst dadurch konnte die „tugend” auf den gesichtern der ratsherren und ihrer frauen und töchter zu strahlender erscheinung gebracht werden (dass „die guten” das böse geradezu erschaffen und bewahren um erst vor diesem hintergrund als gute richtig zur geltung zu kommen ist einer der bekanntesten gedanken Nietzsches).
Schon als ihm die schlinge umgelegt wurde habe er seinen „triumf” vorhergesehen: dass nämlich die bürger (gemeint sind deren nachkommen: „in eurem samen”) bald seine gedanken übernehmen werden · er eines tages als held und gar als gott besungen werde (womit er sich Christus anzugleichen scheint) und dass er in kurzer zeit „diesen starren balken” - also den querbalken des galgens (vielleicht auch das kreuz · selbst wenn davon nicht ausdrücklich die rede ist) zum rad (der swastika) und damit das gegenwärtige in sein gegenteil umbiegen werde. Gemeint sein dürfte mit dem bild die bevorstehende umwertung von werten oder der zu erwartende gesellschaftliche umbruch für die man nicht unbedingt auferstehen müsste: es genügt ja ein weiterleben des hinterlassenen werks. Moral wird hier also nicht als sammlung überzeitlich gültiger starrer regeln aufgefasst. Dadurch kann der gesetzesbrecher seine würde in dem gedanken wiederfinden dass seine tat lediglich zu den rechtsvorstellungen seiner eigenen zeit nicht passt · von einer anderen aber anders beurteilt würde. Dieser relativismus gehört zu den grundgedanken der antiken sofistik und dass er gerade George schon in die wiege gelegt sein musste versteht sich von selbst. Unverzichtbar ist er auch allen die beim widerstand gegen ein unrechtsregime gesetze verletzen müssen. Eberhard Zeller berichtet dass Stauffenbergs mitverschwörer Fritz-Dietlof von der Schulenburg das gedicht 1942 bei einem empfang vorgetragen habe (1994, 245). Graf Schulenburg war es dann der bei seinem prozess im august 1944 den „Volksgerichtshof" aufforderte nur noch ein halbes jahr zu warten - dann würde man ihm recht geben. Er hoffe aber dass Hitler schon das nächste attentat nicht mehr überleben werde. Noch am tag des urteils wurde er in Plötzensee am galgen erhängt.
Arnold Böcklin: Faun, einer Amsel zupfeifend (ausschnitt).
Sehr ähnlich ist dieser müssiggängerische antike faun - oder Pan - trotz seiner bocksfüsse dem Georgeschen drud nicht. Er verdöst seine zeit auf heiteren waldwiesen bis er mittags erwacht um zu seinem spass den einsamen hirten zu erschrecken. Georges neuzeitlicher drud aber redet dem menschen mit tiefem ernst ins gewissen weil es ums überleben geht. Seine strenge botschaft ist rhetorisch staunenswert geschliffen aber nicht angenehm. Vielleicht wirkt er auch deshalb abstoossender als der faun wie ihn Böcklin sich 1863 vorstellte. Trotzdem gelingt es ihm bei George nicht einmal für einen augenblick die selbstgewissheit des modernen menschen zu erschüttern. Der ist nämlich nicht mehr so schreckhaft wie der antike der noch ein Höheres ahnte vor dem er ehrfurcht empfand.
922 DER MENSCH UND DER DRUD
Ein drud ist ein äusserlich dem menschen ähnlicher waldgeist oder schrat. Das wort hat sich im bekannten „drudenfuss” noch erhalten. M denkt an den „antiken Zentaur, Satyr oder Faun” - jedenfalls an eine „Verkörperung der Naturkraft”. Er ist bei George - was ihm sein selbstbewusstsein verleiht - ein unverzichtbares mittleres (aber nicht unbedingt ein mittler) zwischen mensch und gott (und damit in Georges religiosität wichtiger als das unfassbare göttliche selbst). Sein aussehen geht aus dem gedicht hinreichend hervor. Der drud des gedichts lebt von der jagd in abgelegenen „waldgebirgen”. Nur weil er als dem an einem bach sitzenden der mensch begegnet sich wegen des nahen wasserfalls nicht zurückziehen kann kommt es überhaupt zu dem zusammentreffen: „Nicht dich noch mich wird freun dass du mich fandst.” Hier spricht der drud wie der seher in einer antiken tragödie. In der tat zeigt der mensch statt freude nur überraschung einem wesen zu begegnen das er für ausgestorben hielt. Er glaubt aber sogleich zu wissen dass es „nutzlos” sei und nennt es - damit sein eigenes unkultiviertsein verratend - in grobem ton ein „hässlich ungetüm”. Der drud antwortet mit stolz denn er weiss dass - ist seinesgleichen erst einmal ganz ausgelöscht - die natur dem menschen nichts mehr zu bieten haben wird: nicht einmal wasser (mit dem der drud offenbar eng verbunden ist). Der drud ist also ein indikator für leben und fruchtbarkeit und alles andere als nutzlos selbst wenn er für sich nicht göttliches vermögen beansprucht. Vielmehr ist die ehrfurcht vor ihm dieselbe wie die ehrfurcht vor der natur.
Erneut zeigt die antwort des menschen seine ganze dummheit. Er fühlt sich durch den belehrenden ton eines „weit niedreren” herausgefordert und zählt die taten auf mit denen er seinen dünkel begründet: das auslöschen von „hyder (also der vielköpfigen antiken hydra) riese drache greif” - das roden des „unfruchtbaren” hochwalds das trockenlegen von sümpfen und die zähmung des rindes. Er nennt die ausbeutung der meerestiefen den abbau von bodenschätzen und die errichtung steinerner denkmäler zur feier menschlicher überlegenheit. Für „licht” und „ordnung” habe der mensch gesorgt - da sei kein bedarf mehr für ein „überbleibsel grauser wildnis”.
Sein gegenüber versucht dieser überheblichkeit entgegenzuwirken. Der mensch glaube die geschenke der natur nur seiner eigenen „list” zu verdanken und übersehe die schonungsbedürftigkeit der natur weil er den „rand” - die dem menschen gesezten grenzen - nicht beachtet und daher übertritt. Für den drud ist natur wie eine art kette die zerbricht wenn nur eines ihrer glieder zerstört werde.
Anders als der nur sich selbst anerkennende mensch gesteht er der gegenseite zu dass ihr „sinn” viel vermöge und ihr „walten gut” sei - jedenfalls „zur rechten weile”. Zu hochfliegende absichten · die lösung aller bindungen zu „tier und scholle” und das unvermögen alles einzelne „im gang der dinge” - im grossen zusammenhang zu verstehen seien „das schlimmste” für den menschen - und dessen sei er sich nicht bewusst.
Die entgegnung des menschen - für bewahrung und rettung seien doch die götter zuständig - bezeichnet der drud als töricht. Es dürfe nicht auf göttliches eingreifen gesezt werden und wer werden und vergehen wirklich lenkt wisse man nicht. Ein drud rede nie von göttern. Er nimmt also eine agnostizistische position ein um das bequeme verschieben von verantwortung zu unterbinden und wird deshalb gescholten „zuchtlos” zu sein. Der mensch beendet den diskurs mit schmähenden worten über das äussere des druds und droht ihm mit dem einsatz seiner waffe den er bisher nur wegen der nähe des druds zum menschen vermieden habe - ein zeichen dafür wie sehr der mensch noch immer von seiner höherwertigkeit überzeugt ist und wie wenig er die lehre des druds verstand.
Das lezte wort hat der drud. Es sind mehrere merksätze die er dem menschen einzuprägen sucht: „Mit allen künsten lernt ihr nie was euch / am meisten frommt (wessen ihr wirklich bedürft)”. „Uns tilgend tilgt ihr euch”. Und abgeschlossen wird mit einer sentenz die Georges ehrfürchtigen kampf gegen die entzauberung der welt beinhaltet: „Nur durch den zauber bleibt das leben wach”. Dieser gedanke gebe dem gedicht - so M - „hymnischen Charakter”.
923 GESPRÄCH DES HERRN MIT DEM RÖMISCHEN HAUPTMANN
19 des Sonnenherrn : anspielung auf den kult des sol invictus oder natürlich des Elagabal. Dass beide kulte zur zeit Christi in Rom noch nicht verbreitet waren spielt für George keine rolle.
20 auf den eilanden der Mütter und der Drei : anspielung auf verehrungen mütterlicher gottheiten auf Sizilien und den mysterienkult der drei (oder vier) Grossen Götter (Kabiren) auf Samothrake
22 der nackten büsser : in Ägypten soll es in der spätantike - natürlich noch nicht zur zeit Christi - eremiten gegeben haben die ihren körpern bussübungen auferlegten. Der heilige Onophrius beispielsweise gilt als schutzpatron von München und wurde von Dürer gemalt. Mit den gymnosophisten - asketen denen Alexander auf seinem zug in Indien · also nicht am Nil begegnete - besteht kein zusammenhang.
33 lymphe : hier eher im weitesten sinn als blut zu verstehen
George habe „gewöhnlich die lateinische Form griechischer Namen bevorzugt” gleichwol diesmal den römer Philippos genannt „weil das ganze Gedicht den griechischen Charakter hervorhebt” (M). Der pferdefreund selbst aber verkörpert gewiss gerade nicht den typus des griechen wie ihn George sich vorstellte. Er nähert sich Christus mit schmeichelnden worten die darauf hinauslaufen dass er mit einer bitte gehör zu finden wünscht obwol er nicht zu den christen gehört. Er sei aber „eine bedrängte seele” die des rats bedürfe. Viel eindruck macht er damit nicht denn Christus ist er kein überflüssiges wort wert. Immerhin darf er nun seine sechs fragen loswerden bei denen man immer ein lauern auf schwachpunkte zu fühlen glaubt so als sei er ein moderner interviewer. Der Herr scheint ihn und seine rührselige geschichte von anfang an durchschaut zu haben und zeigt - Christus hin, Christus her - weder milde noch mitleid. So dürfte dieser erlöser eher aus Bingen denn aus Bethlehem stammen und hier - das gedicht entstand spätestens 1914 - vor allem verraten wie er sich einen jünger nicht vorstellt: mit fragen löchernd die „kritisch" klingen aber nur einen mangel an ehrfurcht verraten und niemandem gewinn bringen.
Die erste gilt natürlich der wahrheit der wunder die man Christus nachsagt. - Der zeigt sich genervt: diese zeichen seien „vor allem volk” geschehen womit die frage eigentlich für überflüssig erklärt wird. Er verschweigt nicht dass auch die „Kraft des Glaubenkönnens” (M) zu den voraussetzungen gehöre die für ein wunder nötig seien. Da der zweifelnde hauptmann keine glaubensstärke aufbringt könne dieser themenbereich aber gar nicht zu den fragen gehören die das von ihm beklagte bedrängtsein verursachen.
Warum er den untersten predige · den fischern und zöllnern die sein „licht” doch gar nicht erfassen können während er zu „den Weisen” nicht spreche? - Hilflos seien blöde und kluge und menschliche weisheit sei nicht immer viel wert denn „der welt erlösung” komme „nur aus entflammtem blut”. Das spielt wieder auf die skepsis des fragenstellers an denn ohne „entflammtes blut” fehlt ihm die voraussetzung um die „Begeisterung” (M) zu entwickeln die für eine jünger- oder anhängerschaft an eine neue glaubensgemeinschaft erforderlich wäre.
Vor dem dritten anlauf verweist der römer auf die bei seinen reisen erworbene kenntnis der rhetorik - er meint damit die filosofische ethik - und der im bereich des imperiums angesiedelten religionen: Wer nach ihrem „kern” fragt treffe überall auf die gleiche kunde. Dies zielt sicherlich auf die goldene regel. Ein solches „allgültiges gesetz” habe er „von früh auf” eingehalten. Ob Christus ein anderes habe? - Wäre es anders - so die kühle antwort - hätte Philippos ihn doch gar nicht aufgesucht. Das ist freilich kein klares nein oder ja.
Die vierte frage möchte wissen ob Christus jemals einen tanz - hier reigen genannt - anführte was in den mysterienkulten der zeit voraussetzung war um einen gläubigen mit dem Gott vermitteln zu können - oder ob die mysterien mit dieser bedingung im irrtum seien. Christus bezichtigt hingegen den fragenden des irrtums. Er habe sehr wol mit der ganzen schar der jünger getanzt. Es sei jezt aber noch lange nicht die zeit um über den „Christ im tanz” zu sprechen. Erst müssten weltzeitalter abgelaufen sein die unter dem zeichen Christi standen.
Auf die frage ob mit dem reich Christi auch das ende der geschichte verbunden sei weil es ewig währt erhält der hauptmann keine antwort: sein sinn bliebe verwirrt gleich wie eine antwort ausfiele. Inzwischen aber kniet er vor dem Herrn und fragt warum er ihn nicht in seinen bannkreis aufnehme. Die antwort lässt an deutlichkeit nichts vermissen. Er sei zu schwach um „Gottes kraft” ertragen zu können · er möge aufstehen und weggehen.
924 DER BRAND DES TEMPELS
Kulturgüter werden in kriegen zumindest dann selten geschont wenn es um religion und eroberung geht. Bisweilen stehen die zerstörer auf einer kulturell eher niedrigeren stufe als die denen ihr zerstörerisches werk die identität oder einfach ihren reichtum rauben soll. Bekannte beispiele wären die hunnen · die germanen oder die persischen truppen die die Akropolis niederbrannten. Als kultiviert geltende völker verhielten sich aber nicht weniger barbarisch wie man sich gerade als Deutscher eingestehen muss. Trotzdem löst dieser eigentlich nicht ungewöhnliche und von den besiegten gern übertrieben brutal dargestellte vorgang immer wieder empörung (man könnte auch von reflexen und ritualen der empörung sprechen ohne ihnen damit jedes recht abzusprechen) aus: zulezt etwa bei den zerstörungen durch den Islamischen Staat oder die Taliban. Was hinter dem kulturvandalismus steckt hat vor kurzem Hermann Parzinger in einer gross angelegten untersuchung aufgedeckt: »Verdammt und vernichtet. Kulturzerstörungen vom alten Orient bis zur Gegenwart.« Das Buch erschien 2021 bei C. H. Beck und George hätte es bestimmt gekauft - oder von Karl Wolfskehl ausgeliehen. Da gerade bei dem vertreter eines zyklischen geschichtsbildes das interesse jedem untergang müde gewordener alter und dem aufstieg kraftvoller neuer · wenngleich ursprünglich eher primitiver kulturen gelten muss hat George eines seiner faszinierendsten und ganz gewiss auch schönsten gedichte diesem thema gewidmet.
Der mehr oder weniger regelmässige untergang eines kulturvolks und seiner kulturgüter gilt in zyklischen geschichtsbildern nicht als unglück und rückschlag sondern als bedingt durch eine gesetzmässigkeit (George nennt sie gern den »fug« also eine schicksalhafte fügung) gegen die auch die götter machtlos sind · die zwar verzweiflung hervorrufen mag der aber mit moralischer verurteilung der zerstörer zu begegnen nicht angemessen ist: Diese sieger werden neues errichten (oder einen neuanfang wenigstens ermöglichen) und auch ihre epoche wird nur von zeit sein · schliesslich ermüden und herabsinken · zulezt zerstört werden.
Dies bedeutet nicht zwangsläufig das rechtfertigen jeder zerstörung von kulturgut. Nur wenn die alte kultur ihr lebensrecht verloren hat und die neue kraftvoll das tor zu einer zukunft zu errichten vermag muss die moral verstummen. Dieses neue zu verkörpern maassen sich freilich viele an - meist leicht durchschaubar weil sie nur andere formen des alten darstellen · gemeinhin lässt sich alles erst im nachhinein beurteilen. Der IS war es nicht. Russland wird es nicht sein und seine bewunderinnen rechts und links schon gar nicht.
Gegen das freisprechen der sieger und das Georges naturell eigentlich fremde (vergleiche 4114) mitleidlose ignorieren des leids der anderen seite hat freilich auch der von ihm (wie selbst von Nietzsche) geschäzte Jacob Burckhardt eindrucksvoll protestiert (wenngleich dabei mehr auf das Hegelsche geschichtsdenken zielend). Seine »Weltgeschichtlichen Betrachtungen« von 1905 waren im Kreis bestandteil des literaturkanons - als einziges werk eines modernen historikers unter den »Nötigen« (vergleiche Groppe 2001, 485 oder »Der Kanon«). Georges standpunkt in dieser frage geht aus 924 deutlich hervor. Trotzdem sei · auch wenn es überflüssig ist · daran erinnert wie sehr gerade in Georges gedichten kulturgüter wie kirchen schlösser und parks immer wieder eine herausragende rolle spielen und welche zuwendung der ständig reisende Dichter ihnen an seinen wechselnden aufenthaltsorten entgegenbrachte. Auch die jüngsten im Kreis übernahmen dieses interesse - Michael Stettler wäre nur ein beispiel. Es ist unsinnig ganz undifferenziert den eindruck zu erwecken George würde als »Virtuose des Abbruchs« deren untergang zugunsten einer »Tabula rasa« jemals feiern (so Osterkamp 2010, 246).
Der am ende dieses in klassische blankverse gesezten einakters den flammen zum opfer fallende tempel war in besseren zeiten religiös-kultureller mittelpunkt eines nun aber von barbarischen nomaden eroberten staats (und ist es längst nicht mehr) dessen fürsten zulezt keine rühmliche rolle spielten. Der vorlezte war geistesschwach und der lezte floh noch in der verlorenen schlacht und verlor dabei sein leben. So ist die regentschaft den tempelpriestern zugefallen. Das gespräch von fünf von ihnen bildet den ganzen inhalt von Georges denkbar undramatisch konzipiertem drama und so wie die römischen geschichtsschreiber die brutalität der plündernden und blutrünstigen westgoten und vandalen maasslos übertrieben · so verzerren auch die priester das handeln der fremden eroberer und den charakter ihres anführers. George hat dieses gesetz der geschichtsschreibung aus der sicht der unterlegenen genau abgebildet. Jeder ernsthafte germanist wird diese perspektivität berücksichtigen und nicht das übertriebene auch noch seinerseits übertreiben.
Den adel des landes hat der glaube an den sieg verlassen - und damit seine existenzberechtigung. Das handel treibende bürgertum kennt - wenig überraschend - kein anderes interesse als einen niedrigeren steuersatz. Die masse des »stumpfen volks« ist erwartungsgemäss auch nicht besser: mehr als brot und spiele verlangt sie nicht. Keiner weint der feigen und geistig unterdurchschnittlichen regierung eine träne nach. Und natürlich gibt es als untrüglichste zeichen der »fäulnis« die populisten die bildzeitung und all die verräterischen sogenannten bündnisse und alternativen: »giftige eifrer« die gesetz und staat schon immer verachteten der gleichwohl auch hier »lass« also nachlässig genug war seine inneren feinde zu schonen die längst genau wie heute mit den äusseren gemeinsame sache machen. Man muss George nicht als einen profeten verehren - er beschreibt doch nur die immer gleichen symptome einer sterbenden gesellschaft die ihm von den antiken historikern her so vertraut waren wie den heutigen von ihrer tageszeitung. »Der staat ward faul / Und flach und dreist der bürger« heisst es in 9339.
Die biederen priester verdienen keinen spott - aber format hat ganz allein eine junge charismatische frau: Pamfilia die in der thronfolge die nächste wäre und von den priestern zu verhandlungen mit dem jungen eroberer geschickt wird. Dort tritt sie mutig auf und argumentiert klug. Als sie dennoch nichts für den tempel erreicht - vielleicht (das ist fraglich) sogar nichts erreichen kann wo der untergang ja eben aus dem fug resultiert - gibt sie sich voll trauer selbst den tod. Den priestern ist damit die lezte hoffnung aber nicht der moralische leitstern genommen. Sie alle bezeichnen Pamfilia und ihre selbsttötung in ehrenden worten als vorbildlich - was beweist dass sie ethisch noch immer über substanz verfügen und nicht ohne den von Pamfilia neu geweckten stolz sterben werden: vielleicht schon in den nun auflodernden flammen (weshalb nur der neu hinzutretende »fünfte« (mit dem ältesten sechste) priester sozusagen irrtümlich »Rettet euch!« rufen kann). Damit hätte die junge frau noch im tod einen lezten · achtung gebietenden beitrag geleistet und zudem das sinnlose dahinvegetieren einer überflüssig und würdelos gewordenen elite verhindert.
Auf der gegenseite überstrahlt der namen- wie bartlose junge barbarenfürst alles mit seinem scharfen verstand und hohen ethos. Das gerücht Pamfilia habe sich in ihn verliebt findet nur der älteste priester in seiner beschränktheit »widrig« - tatsächlich wäre nichts naheliegender als eine verbindung der beiden. Mit der hoffnung »dass sie ihn rühre« hat sich der zweite aber gründlich verrechnet. Der junge barbar den sein freund (der offenbar in kluger schonung aus politik und krieg noch herausgehalten wird und demzufolge noch jünger sein muss) »Ili« nennt hat für ihre reize nichts übrig weil er von seiner geschichtlichen sendung überzeugt ist die er das »recht« nennt (hier ist die parallele zu dem bild das der junge George von sich zeichnete unübersehbar). Darin bestehen seine glut und seine verantwortung und gegen die ablenkung durch ein junges mädchen ist er so immun wie gegen jegliche schmeichelei (weshalb der vierte priester ihn in seinem botenbericht sogar »keusch« nennt) oder das versprechen von ruhm falls er den tempel verschone (womit Pamfilia ihn auf geheiss der priester zu locken versucht).
Sein sprechen ist unmissverständlich wenn er die handelsherren die nichts verstanden haben und ihn mit einem ihrer gewohnten herrscher verwechseln mit der verdienten antwort abblitzen lässt: sie werden ihre ansprüche der neuen zeit anzupassen haben. Und nicht alle neugeborenen stellt er unter staatlichen schutz. Die Tibeter des zwanzigsten jahrhunderts waren nicht die ersten die erfuhren dass eroberer zur stabilisierung der verhältnisse bevölkerungspolitik betreiben. Auch müssen in nachkriegszeiten · den zeiten der knappheit · prioritäten gesezt werden - das ist moralisch nicht verwerflich sondern geboten. Osterkamp gibt sich sehr empört über die angeblich »unüberbietbare Brutalität« (2010, 246) in Ilis antwort an die schwangeren bittstellerinnen (2010, 247). Hätte sich der Goetheforscher doch einmal erinnert wie gnadenlos der barbarenkönig Thoas aus persönlichem zorn seine soldaten auf zwei wehrlose fremde hezt und sie zu töten befiehlt während Ili · was Osterkamp natürlich wieder einmal übersieht · lediglich klagen zurückweist und ansonsten nur den konjunktiv verwendet ! Freilich spricht mit Ili ein viehzüchtender nomade der es anders als die einheimischen gewohnt ist dass bei futtermangel notfalls ein »wurf« geopfert werden muss.
Auch wenn er die regeln der diskursethik und die tabus heutiger political correctness nicht kennt vermag Ili höflich und pointiert zu argumentieren. Er ist alles andere als ein ungehobelter »Gewaltherrscher« (Osterkamp 2010, 246). Pamfilia wird in ehren zu einem echten gespräch auf augenhöhe empfangen. Er ist überzeugt als ein »gesandter« einer höheren gesetzlichkeit den besiegten härte zu vermitteln indem er ihnen das erschlaffende nimmt. Deshalb beeindruckt es ihn nicht als Pamfilia die »gnade« ins spiel bringt - eine kulturelle errungenschaft. Er ersezt den begriff durch den der weniger religiös festgelegten »milde«: sie sei dann berechtigt wenn sie nicht »sinn« verletze - wenn ihr das vom »recht« beabsichtigte nicht entgegensteht. Dies ist für ihn zugleich eine frage des eigenen überlebens: milde zu sein wo er es nicht darf würde ihn »morgen brechen«. Das ist konsequent gedacht: dem fug nicht zu dienen wäre ein versagen und das schicksal würde ihn dafür strafen. Hier pubertär über seine »phallische Härte« zu spotten ist für einen journalisten eine alltägliche · für einen germanisten aber eine peinliche fehlleistung (Osterkamp 2010, 248). Härte die zudem immer auch als härte gegen sich selbst gedacht ist (auch bei Ili: dass er sich der staats-räson beugen und den vertrauten begleiter Clelio opfern musste verdüsterte sein ganzes wesen) stellt für George nicht aus persönlicher vorliebe in jeder hinsicht eine zentrale kategorie dar. Im einundzwanzigsten jahrhundert mag ein in gesicherten und liberalen verhältnissen lebender professor härte für altbacken halten. Ob · wenn alle sie sich gänzlich abgewöhnt haben und niemand sie mehr sich und anderen zumuten will · unsere welt-krisen noch zu bewältigen sind ist aber noch lange nicht ausgemacht.
Ilis sendungsbewusstsein ist natürlich nicht einzigartig und findet sich ähnlich bei Robespierre Lenin oder Himmler was weder für noch gegen ihn spricht. Keinesfalls ist sendungsbewusstsein von vornherein ein freispruch. Doch dürfen eben die grossen unterschiede nicht übersehen werden:
George hat mit aller sorgfalt dafür gesorgt dass bei Ili nichts auf persönliche befriedigung · bereicherung oder ruhmsucht als triebfeder seines politischen handelns hindeutet. Es fällt Ili nicht einmal leicht seine rolle zu spielen (er zögert bevor er das bittgesuch für den tempel ablehnt) - Ili zielt vor allem nicht auf vernichtung (als selbstzweck) sondern auf erneuerung denn diese litterarische figur entsprang Georges zyklischem geschichtsbild. So wie er persönlich frei von jeglicher unbeherrschtheit ist · den jähzorn nicht kennt · »zu kühl zum hass« ist und beinahe einer maschine ähnelt · so frei ist sein politisches handeln von jeder gewalttätigkeit gegen menschen. Keinem und vor allem: keiner hat er je ein haar gekrümmt !
Ihn als »vernichtungsvirtuosen« (Osterkamp 2010, 247) zu dämonisieren beruht auf schludrigem germanisten-handwerk - oder auf obsession. Vernichten will Ili nur den tempel - die heutige germanistik kennt er ja nicht. Nicht vernichten sondern »härten« will er die priester · nicht gegen andere menschen. Im gegenteil: härte hat mit vitalität und leben zu tun. Ihre erfordernis ergibt sich daraus dass die priester »erschlafft« sind und ihre glut verloschen ist - weshalb sich sonst niemand aus der bevölkerung auch nur in der nähe des somit überflüssig gewordenen tempels blicken lässt. »Das Volk« setze »alles daran, um den Tempel zu erhalten« behauptet Vordtriede (1983, 280). Dann wäre Ili wirklich ein verbrecher. Aber das gegenteil trifft zu: das »Volk« rührt eben keinen finger für den tempel und interessiert sich so wenig dafür wie heutige einwohner von Berlin-Mitte für die örtlichen kirchen.
Weil sie härte erst wieder gewinnen müssen sind sie nicht fähig sich diesen status einzugestehen. Der brand ihres geliebten tempels ist mittel zu diesem zweck denn nichts härtet besser als ertragenes leid. Selbst die handelsherren müssen nicht sterben: als alternative wird ihnen der verzicht auf ihren egoismus angeboten.
Nicht maschine sondern sehr mensch war hingegen Ilis »einziger vertrauter« Clelio der von Stefan George deutlich als kontrastfigur eingeführt wird: sein untergang ist nicht wie Osterkamp missverstehen will von George als folge seiner »Anfälligkeit für Weiblichkeit« (2010, 246) gestaltet. Solch misstönendes gekrächz dürfte selbst an Ilis barbarenhof die ewige verbannung nach sich gezogen haben. Nur die deutsche germanistik feiert jeden noch so unbeholfnen stammler.
Clelio starb weil er sich vom feind mit gold und sex bestechen liess - und Ili handelt mit der nötigen konsequenz. Korruption lässt sich mit Ilis ethischem anspruch an politische oder militärische führung nun einmal nicht vereinbaren. Er gibt dem ehemaligen freund dennoch - so menschlich wie ritterlich - die möglichkeit zum freitod. Und selbst das ist gerade nicht - Osterkamp kann einfach nicht lesen - als »Befehl« (ebd.) sondern von George mit einigem aufwand ausdrücklich als »bitte« gestaltet. Und selbst dazu ringt Ili sich erst nach drei tagen bedenkzeit durch: lieber hätte er den Clelio wol ganz verschont. Der könnte sogar fliehen - aber in Ilis welt haben selbst die verbrecher noch anstand und halten ein gegebenes wort. Ili ist feinfühlig genug um seitdem schwer darunter zu leiden dass er seine persönlichen wünsche dem politisch oder geschichtlich gebotenen unterordnen musste.
Ein ähnlich schmerzliches opfer verlangt er - und weil er es selbst erbrachte mit grösstem recht - auch anderen ab. Den politischen (und unangebracht überall mildernden) einfluss seiner mutter als »gefährtin und beratrin« beendet er durch ihre ehrenhafte verbannung in ein nahe gelegenes kloster. Ein echter »Gewaltherrscher« hätte missliebige familienangehörige und hochverräter einfach umgebracht. Aufgabe eines germanisten wäre gewesen Ili vor der verwechslung mit Kim Jong Un zu bewahren. Stattdessen führt er sie erst gezielt herbei: Osterkamp ist ein germanist der versagt.
Ili jedoch zeigt dass seine wertschätzung der milde viel mehr als rhetorik ist und zögert auch nicht sich mit dem kloster einer kulturstätte der besiegten zu bedienen. Das deutet nicht nur auf persönliche grösse sondern ist ein weiterer hoffnungsvoller fingerzeig dafür dass die entwicklung immer wieder in richtung der kultur gehen wird. Wie schlecht muss man lesen · wie verbohrt muss man sein um dieses zukunftsfrohe gedicht als einen »Text von stupender Inhumanität« (Osterkamp 2010, 245 - und nochmal genauso in OF 2010, 13) misszuverstehen ! Mit genau demselben vorwurf hatte Osterkamp übrigens schon den ganz anders gearteten Algabal gegeisselt (2005, 242). Vor lauter besessenheit scheint ihm der überblick über seine austauschbaren leerformeln manchmal abhanden zu kommen.
Als die mutter vergleichbar mit Pamfilia eine ethische argumentation beginnt und auf eigentlich sehr geschickte und eindrucksvolle weise die tugend der dankbarkeit anspricht entgegnet er ganz ähnlich: von einer so gearteten moral geleitetes handeln wäre gleichbedeutend mit seinem verderben. Selten hat George ein so ergreifendes bild weiblicher mütterlichkeit (es gibt auch andere mütterlichkeit · vergleiche 113) gezeichnet wie hier wo die alte frau sich erinnert wie sie ihren sohn vor den wölfen rettete und wie ihr keine mühe zu schwer war ihn als kind täglich aus engem felstal die berge hinaufzutragen · wol wissend dass nur das licht der sonne ihm stärke und glück verleihen würde. Der mutter so viel raum zu geben · eine solche kampagne für weiblichkeit und mütterlichkeit zu führen wäre für den verlauf der handlung nicht erforderlich gewesen. George hätte die mutter auch als einfach nur nervendes klageweib schnell abwickeln können. Ilis mutter ähnelt übrigens der Georges. Sabine Lepsius berichtet dass Eva George »eine herbe, opferbereite Mutter« gewesen sei »die zum Beispiel ihre drei Kinder umschichtig täglich den Berg herauf in die Sonne trug, die ihnen nach überstandener Krankheit Heilung bringen sollte.« (1935, 41) George selbst gab ihr im KINDLICHEN KALENDER T02 züge der Hildegard von Bingen.
In diesem zusammenhang hat eine aussage Ilis viele interpreten sehr verunsichert: Die stimme einer frau habe nur »in der zeit der zelte und der züge« ihr recht. Nicht aber später - nach den errungenen siegen - »im palast«. Dabei ergibt sich das richtige verständnis der vermeintlich »misogynen aussage aus dem kontext heraus ganz einfach und folgerichtig: Um die herrschaft - den palast - kämpfen in der zeit der züge viele. George denkt eben doch ganz offensichtlich stark vom modell der völkerwanderungszeit her und lässt Ilis volk nicht zufällig unscharf die »Heunen« · Ili aber ausdrücklich einen »Hunnen« nennen. Nur der sieger unter diesen nomadisierenden völkern - der besitzer des eroberten festen »palasts« - darf sich als vollstrecker eines höheren willens wähnen. Dann aber - erst dann · für den kurzen moment der vernichtung (oder vitalisierung) des besiegten alten - ist es sein recht wie seine pflicht in einem vollkommen rationalen akt und »zu kühl zum hass« alle auf milde · gnade und moralische orientierung zielenden tendenzen in die schranken zu weisen. Den weiblichen einfluss auf die politik deshalb für eine zeit auszuschliessen - und dem weiblichen ganz nebenbei damit vornehm zu ersparen sich hände und seele schmutzig zu machen - hat überhaupt nichts zu tun mit einer von Osterkamp behaupteten errichtung »des Neuen Reichs der reinen Männlichkeit« (2010, 251) in dem alle frauen der »Exorzierung von Weiblichkeit« zum opfer fallen (2010, 248). Dann hätte die für Ilis überleben und damit für das weltgeschichtliche geschehen völlig unverzichtbare rolle dieser mutter im NEUEN REICH doch gerade keinen platz erhalten dürfen !
Für die sich anschliessende kulturelle entwicklung gilt die frau bei George erst recht als unentbehrlich. Da passt kein blatt papier zwischen ihn und den Goethe der »Iphigenie« - nur ist kultur eben nicht jederzeit der höchste wert. Aber niemals würde der barbar Ili das andere geschlecht so hemmungslos verhöhnen wie es Goethe seinem barbaren Thoas erlaubt: »Sei ganz ein Weib und gib / dich hin dem Triebe, der dich zügellos / ergreift« (V. 465ff.). Und diesem Thoas lässt Goethe als moralischem sieger das lezte wort - ohne von Osterkamp dafür je gerügt zu werden. Freilich ist Thoas zulezt nicht mehr so böse - aber Ili war es schon zu beginn nicht. Das ist bezeichnend: Osterkamps irrationale obsession gegen George hat eben spezifische wurzeln wie sie bei Goethe nicht vorliegen. Und dieser obsession opfert er die elementarsten regeln filologischen arbeitens: »alle alten Tempel« setze Ili in brand · »alle alten Ordnungen« reisse er nieder · »alle alten götter« stürze er. Und »Geissel Gottes« lasse er sich nennen - das macht den leser glauben er steuere gar die medienpolitik wie Stalin (2010, 245f.) Es klingt beeindruckend aber nichts davon ist wahr. Osterkamp verfälscht wissentlich und um der dramatisierenden wirkung willen. Ili nennt sich selbst »Geissel Gottes«. Die »Geissel Gottes« ist kein mörder sondern der arzt. Geisseln töten nicht - sie sind ein instrument der vom höchsten »recht« geforderten busse. Dass Ili alle ordnungen einreisst wird bei George nirgends behauptet - man hört allenfalls von einer aufgerissenen strasse. Ein einziger tempel brennt. Kein einziger gott wird gestürzt - nicht einmal eine statue. Das wäre - und das ist wichtig - ja auch gar nicht nötig denn die alten götter sind kraftlos geworden (wie alle götter wenn der glaube nachgelassen hat). Der besiegte staat ist wie ein organismus verwelkt. Man kann es leider nicht anders sagen: nichts stimmt bei Osterkamp - nichts und immer wieder nichts. Und Osterkamp zeigt keine ahnung von Georges geschichtsbild. Natürlich kennt er es. Aber er braucht die dämonisierung von Ili-George. Denn das brutale Ili-bild zielt allein auf George · den ebenso brutalen vernichter der moderne.
Auch grössere haben sich mit Ili schwergetan. Werner Vordtriede etwa ringt geradezu um ein gerechtes urteil - nennt ihn einen »erbarmungslosen Vernichter« und »Brandstifter« und lässt sich doch anmerken dass er es eigentlich besser weiss. Man muss ihm zugutehalten dass er - der mit achtzehn jahren 1933 unmittelbar nach seinem abitur allein ins ausland emigrierte und erst nach jahrzehnten zurückkehrte - alleinherrschern keine sympathien mehr entgegenbringen konnte. George eine andere haltung zuzugestehen fiel ihm offenbar schwer gerade weil Vordtriede noch zu der generation von germanisten gehörte die sich nicht ausschliesslich als gegner Georges verstanden. Wenn er wenigstens nicht ausdrücklich behauptet dass Ili die bücher 1933 auch verbrannt hätte und immerhin zugibt dass »dieser Hunne mit Hitler nicht identisch ist«: dann ist das aber doch das mindeste was man auch von einem germanisten mit seiner biografie erwarten muss. Hinzu kommt dass ausgerechnet Vordtriede überhaupt nicht zu spüren scheint wie George diese figur erotisch aufgeladen hat. Aus diesen gründen muss seine antwort auf die von ihm gestellte frage »Wie beurteilt George diesen von ihm erschauten barbaren?« zu einem desaster werden: »George, Verkünder des 'schönen Lebens' kann nicht auf Seiten des Zerstörers stehen.« Als hätte George das »schöne leben« ohne eine gestalt wie Ili überhaupt für möglich halten können ! Dass Vordtriede George schliesslich mit der idee zu retten versucht er habe mit Ili die Deutschen warnen wollen - »so einer könnte kommen, wenn ihr bereit seid, eure Kultur aufzugeben« - ist rührend gutgemeint · und immerhin ein beispiel für eine germanistik die noch ehrfürchtig genug war sich als anwalt der litteratur und nicht als ihr ankläger zu verstehen (alle zitate aus Vordtriede 1983, 281).
An oberflächlichkeit leidet Vordtriedes darstellung aber leider genauso wie die Osterkamps. Es ist unfassbar wieviel die beiden einäugigen einfach nicht wahrnehmen. Schon unter Ilis herrschaft kündigt sich bereits ein neuer kreislauf · der erneute aufbau von kultur an. Das macht Stefan George schon im ersten satz des gedichts klar: die pflastersteine der handelsstrassen werden zwar aufgerissen - aber es wird auch gras gesät (eine eindeutige geste ! Der blosse zerstörer hätte es sich selbst aussamen lassen) · ein erster schritt (und heute sitzen im rat jeder grösseren stadt mindestens drei fraktionen die nichts anderes im sinn führen). Sein heer »hält er in zucht«: wilde ausschreitungen der soldateska gibt es schon nicht mehr. Wie kann man ihn dann »Hunne« nennen? Nicht gewalt ist mehr grundlage des ihm von seinem volk entgegengebrachten gehorsams sondern das hohe ethos das er sich selbst auferlegt (und dessen verfall stets zeichen einer kultur im niedergang ist) wenn er »mässig« (für die mehr luxus gewöhnten priester sogar »dem bettler gleich«) lebt und sich als »schlichter kriegsgenoss« denselben gefahren aussezt wie seine soldaten. Wie kann man dann noch im ernst herumrätseln auf welcher seite wol George steht? Auch erste religiöse rituale haben bereits begonnen. Das gibt sogar den priestern eine tröstliche perspektive: In fünfhundert jahren werde der tempel neu entstehen. So ist der lezte satz die fortführung des ersten: auch die mit der aussaat des grases begonnene kultur wird eine blütezeit erleben.
Pamfilia aber - Georges Iphigenie - ist die tragische heldin in diesem schauspiel. Osterkamp sieht in ihr lediglich das opfer von Ilis brutalität. Schlimm weil ihm dadurch entgeht dass sie als autonome persönlichkeit in den selbst gewählten tod geht: sie hat in dem aussichtslosen kampf gegen das schicksal ganz gewiss nicht versagt und könnte in ehren zu ende leben - aber es kommt ihr darauf an den priestern ein vorbild zu geben: es gilt den stolz zu bewahren. Sie sei gestorben - so erklärt es der Älteste - weil sie es nicht ertragen wollte vor dem gegner als flehende bittstellerin aufgetreten zu sein. Mit ihrem stolzen »hochgemuten herz« und ihrer opferbereitschaft erfüllt sie gerade die charakterlichen ansprüche Georges und lässt sogar Iphigenie alt aussehen. Osterkamps lieblingswort von der »ethischen superiorität« (die George angeblich immer nur männern oder sich selbst zuschreibe) könnte hier einmal mit recht verwendet werden. Aber Pamfilia ist dem sonst so gern moralisierenden germanistikpapst kein anerkennendes wort wert: zuzugeben dass George ausgerechnet im angeblich frauenlosen NEUEN REICH eine solch strahlende frauengestalt geschaffen hat würde das mühsam zusammengebastelte zerrbild von diesem autor und seinem lezten grossen werk ad absurdum führen. Wie gebannt starrt der virtuose der dämonisierung nur auf Ili und schiebt dessen »Annihilierungsblick« ( ! ) auch noch die schuld am tod ihrer mägde in die schuhe. Dabei hat der ja nicht einmal Pamfilia in den tod gezwungen. Die mägde aber sterben weil das die treue gegen ihre charismatische herrin demonstriert der sie dienen: anders als bei all den korrumpierten männern · dem mutlosen adel · den geldgeilen händlern und den giftigen eiferern hat Stefan George die welt der frauen noch als intakt gezeichnet. Sie müsste all den männern · den dekadenten verrätern der kultur die schamröte ins gesicht treiben. Nur indem Osterkamp über beide frauengestalten - Ilis mutter und erst recht Pamfilia - lieblos und unsensibel hinweggeht · sie für seine zwecke missbraucht · in ihrer eigenständigkeit sie aber gar nicht wahrnimmt kann der unsinn im spiel bleiben: Georges NEUES REICH sei eine »Welt, in der es keine Frauen gibt« (in OF 2010, 13). Die frauen aber um die Osterkamp so effektvoll seine tränen vergiesst interessieren ihn doch gar nicht. Er selbst ist es - nicht George - der »die Auslöschung von Weiblichkeit« (ebd.) auf dem gewissen hat.
Ray Ockenden bietet im Werkkommentar 2017 eine ganz unaufgeregte interpretation des kleinen dramas (Wk, 621-7) in der er zeigt wie differenziert George die einzelnen priester gezeichnet hat und welchen »grundsätzlichen einwand« (624) Ili gegen sie vorbringt. Er kann als Ilis eigentliche botschaft verstanden werden. Den kern seines handelns sieht Ili nämlich im befreien: »vom wust«. »Wust« ist das funktionslos gewordene (und natürlich auch das immer schon überflüssige): »götter die euch nicht mehr helfen« und »bücher bilder die euch nicht mehr heben«. »Wust« ist deshalb auch der tempel der solche bücher und bilder birgt. Sie haben nur noch musealen charakter und wirken nicht mehr. Sie loszuwerden ist gewinn - und fällt doch unendlich schwer · nicht nur den priestern. Ilis zentraler vorwurf den Ockenden meint zielt auf die intellektuelle schwäche der priester: »Ihr wisst nicht was euch nüzt«. Ili weiss es: alles loszuwerden was nicht »hebt«. Was uns »heben« kann und was mit »heben« gemeint ist zeigt eigentlich Georges ganze dichtung - und sie leistet es auch selbst. Weil sie ein höheres lebensgefühl vermittelt haben sich so viele ihr geöffnet und sind bei ihr geblieben.
So lässt sich der erkenntnis-vorsprung ermessen den Ili auch vor Pamfilia hat die sich lieber umbringt als Ilis wahrheit auch nur zur kenntnis zu nehmen · geschweige denn ihm dafür auch noch zu danken. Der vorwurf wiegt nicht allzu schwer: auch die klügere Kassandra war ihren Troern keine rettung mehr. Dass Ili die intellektuell ähnlich den priestern nicht mehr Zeitgemässe nicht als ihm ebenbürtige partnerin akzeptieren kann (was er sich vielleicht sogar noch offenhielt als er sie »gleich einer königin« empfing) ist folgerichtig. Ihr tod den abzuwenden ihr die einsicht fehlte ist es auch. Die Troer gingen ähnlich ehrenhaft unter - nur intellektuell waren sie den Griechen nicht mehr gewachsen.
Ockenden zeigt wie stark sich die diskussion der forschung um die frage drehte ob sich George selbst mit Ili identifizierte. Angesichts der dargestellten botschaft Ilis und ihrer unermesslichen bedeutung für eine konsumgesellschaft · angesichts der ähnlichkeit der mütter Ilis und Georges · und natürlich auch weil beide künder der erneuerung keine frau an ihrer seite haben kann kein zweifel bestehen dass diese identifikation tatsächlich weit geht. Vielleicht ist sie nicht unbegrenzt. Der älteste priester scheint ganz zulezt einen verborgenen hinweis zu geben: »jener Hunne« . . würde dann wol die neue kultur nicht errichten und hätte im grunde seine funktion bereits erfüllt. Denn nach Attilas tod (es wäre fast geschmacklos hier auf dessen nähere umstände einzugehen) verschwanden die Hunnen aus der mitte Europas · die katalysatoren der veränderung · ohne nennenswerte spuren zu hinterlassen. Der gar nicht so radikale neuanfang wurde von anderen kräften geleistet. Dann wäre Ili weit davon entfernt von George in ein absolutes recht gesezt worden zu sein. Indem ihm eine erziehung der starrsinnigen Besiegten misslingt - und dadurch auch die vielleicht beabsichtigte verschmelzung (worauf sein insgesamt doch zur schonung der Besiegten neigendes vorgehen deutet) ist er sogar schon ein scheiternder - auch darin George ähnlich. Ganz offensichtlich sollte er Georges gedanken der »friedlichen Durchdringung vom Geistigen her« erproben den George 1919 alternativ zur umfassenden vernichtung als voraussetzung der erneuerung formulierte (E. Landmann 1963, 70).
Vielleicht aber will der gottesmann angesichts des erschütternden tods seiner liebenswerten Herrin den in seinen augen schuldigen nur schmähen. Der begriff »Hunne« war nach Wilhelms hunnenrede von 1900 im weltkrieg · als das gedicht entstand · zum schimpfwort für die Deutschen geworden (und blieb es noch im zweiten) und man darf womöglich erwägen ob Ili mit diesem wort nicht beinahe zum Deutschen · gar zum alter ego Georges wird.
Womöglich kann der älteste priester mit seinem begrenzten verstand den Ilis worte nicht erreichten auch einfach nicht begreifen dass der junge herrscher mehr als ein Hunne ist - und Morwitz’ kommentar der Ilis hunnentum bestreitet und auf die herkunft der »Heunen« von den hünen · den riesen verweist lag ihm ja nicht vor. Geschichte lässt sich nicht vorhersagen: man weiss es eben nie im voraus wer nur Hunne ist. Ilis ethnische zugehörigkeit ist aber auch gar nicht das wichtigste.
Das sind Ilis worte. Sie sind der grund dass der brand dieses tempels mehr ist als die meisten der von Parzinger beschriebenen schändungen. Sie nicht zu hören bedeutet den eigenen untergang. So ist der BRAND auch eine lezte warnung.
Ilis worte mögen darüber hinaus ausdruck jenes »Vernichtungsblicks auf die Moderne« sein den Osterkamp seinem autor zuschreibt (H 2016, 215). Man kann ihm ja auch einmal recht geben. Aber dass die moderne - würde sie ihren wust nur aufgeben - überleben dürfte hat Osterkamp nicht gesehen. So dünkelhaft wie der priester · der Ili trotz seines sieges nicht ernst nimmt und als minderwertigen Hunnen unterschäzt ignoriert Osterkamp starrsinnig was George-gedichte zu sagen haben: »eine Botschaft haben sie nicht« (2002, 43).
DER BRAND DES TEMPELS hatte übrigens einen vorgänger: DIE BRIEFE DES KAISERS ALEXIS AN DEN DICHTER ARKADIOS T051. Hier haben nicht die hunnen das land erobert aber die skythen stehen schon an der grenze des augenscheinlich kleinasiatischen reichs. Alexis ist sein schwacher jugendlicher herrscher. Die wahre macht liegt bei seiner mutter - der »Augusta«. Ihr aber fehlt gänzlich die warmherzige fürsorglichkeit von Ilis mutter. Unberührt von der verzweiflung ihres sohnes sezt sie durch dass Alexis' freund Eumenes - das pendant zu Clelio - wegen einer angeblichen respektlosigkeit sterben muss. Das prosastück entstand spätestens 1893. Im viel jüngeren BRAND DES TEMPELS wird die mutter des herrschers - in den BRIEFEN noch eine art Katharina von Medici - nun zum inbegriff elterlicher fürsorglichkeit und unverdientermaassen zum opfer männlicher unerbittlichkeit.
Bei George nehme die misogyne tendenz von jahr zu jahr · von band zu band zu: was Osterkamp seinen lesern wieder und wieder einzutrichtern versucht beruht allein auf seiner selektiven wahrnehmung. Ein vergleich des BRANDS mit den BRIEFEN belegt genau das gegenteil.