Georges avantgardismus kann ein blick auf den Palazzo dei Congressi in Rom (im für die weltausstellung von 1942 entstandenen viertel EUR) bewusstmachen. Adalberto Libera entwarf das gebäude ein vierteljahrhundert später als George den STERN DES BUNDES und das zehnte gedicht des ERSTEN BUCHS: Ich bin der Eine und bin Beide (8110). Auch scheinbar ohne viel tiefe graben sich doch beide ins gedächtnis: gedicht wie gebäude.
8 DER STERN DES BUNDES
erschien ende 1913 in zehn exemplaren und im januar 1914 folgte die öffentliche ausgabe. Poetischer hätte der ursprünglich vorgesehene titel LIEDER AN DIE HEILIGE SCHAR geklungen. Viele halten es für selbstverständlich bei der endgültigen bezeichnung nur an Maximin zu denken. Dabei ist es kaum weniger naheliegend dass das buch selbst als leitstern gedacht war. Es wird oft sogar als das gesetzbuch des Staates bezeichnet wie der Kreis seit den zwanziger-jahren von den meisten beteiligten genannt wurde. Das wäre irreführend wenn es an zwang und strafe erinnert. Allerdings ist der neue gedichtband nüchtern schmuck- und meist reimlos kalt und jedenfalls lehrhaft gehalten und vom JAHR DER SEELE oder erst recht von den HYMNEN weit entfernt. Viele mögen dieses buch nicht besonders aber für die jungen der zwanziger-jahre wie die brüder Stauffenberg war es ein Heiliges. „Der Stern ist das buch der neuen jugend, ganz hell und ganz hart" lässt Boehringer Victor Frank sagen (EA, 37). Es blieb von seinem erscheinen vor kriegsausbruch bis 1928 das aktuellste werk Georges. Die tausend verse bilden hundert gedichte die in drei Büchern zu je dreissig dargeboten werden. Davor finden sich neun im EINGANG und der SCHLUSSCHOR bildet als hundertstes gedicht den höhepunkt. Die dreissig gedichte jedes buches ergeben drei zehnergruppen deren erstes gedicht jeweils mit einer in versalien gesezten zeile beginnt während sich jedes zehnte - also lezte - gedicht der gruppe reimt.
80 EINGANG 801-9
Die neun gedichte entstanden wol spätestens 1910.
801 DU STETS NOCH ANFANG UNS UND END UND MITTE
Nicht mehr nur Eros sondern ein politischer gewordener „Herr der Wende” ist der in den ersten drei versen angesprochene gott. M aber der in ihm den bereits in LOBGESANG (7321) angesprochenen erkennt stellt ihn sich dort schon als eine chimäre zwischen Eros Dionysos und Apoll vor die auf der erde „in viel wechselnder Gestalt" erscheint, die aber stets nach menschlichem Vorbild geformt ist" (M, 266). Er habe „sowohl eine Wende im Leben des Dichters als auch eine Weltenwende herbeigeführt" (M, 341f.). Immer gehe von ihm „der bewegende und belebende Anhauch aus" der „in geistigen Rausch" versetze und „die Pein der Leidenschaft" bringe „die wiederum Leben erhält" (M, 266).
"Unser preis auf deine bahn hienieden dringt hinan zu deinem sterne": der Herr der Wende ist der stern des Bundes (aus dem von Melchior Lechter illustrierten gedenkbuch für Maximin (1906).
Hier nun wird als dessen verkörperung Maximin angesehen. Der aber steht - da der gott eben in „in viel wechselnder Gestalt" erscheint - nur noch neben anderen. Eine dieser weiteren verkörperungen wird im neunzehnten gedicht des ERSTEN BUCHs auftreten: sie wird dort einfach „Herr" genannt · betritt ebenfalls eine stadt die samt tempel wiederum vor dem untergang steht · und erstickt damit alle zweifel hinsichtlich der genealogischen herkunft Ilis im wol etwas später entstandenen BRAND DES TEMPELS (924). Ili steht schliesslich wie kein anderer für die wende von einem zum anderen weltzeitalter. Wir kennen nicht zufällig nur seine mutter. Sein transzendenter vater wird im werk Georges nur einmal genannt: eben hier am beginn des STERN.
Es ist konsequent dass diese heimliche gottheit keinen namen trägt. Trotzdem verbirgt sich im denkbild des Herrn der Wende die einflussreichste figur der vorstellungswelt des späten George. Einmal spricht Victor Frank die bezeichnung aus: in Boehringers Ewigem Augenblick (EA, 37). Aber dann können sich selbst die eingeweihtesten nicht über ihn einigen.
„Unser preis" jedenfalls gilt seinem irdischen leben („unser preis auf deine bahn hienieden dringt hinan” und nicht wie KG, 322 „unser preis dringt auf deine bahn hienieden") und der sprecher hofft dass dieser preis bis zu ihm · zu seinem stern hinaufdringe. So wird sich der buchtitel auf den Herrn der Wende beziehen und doch zugleich auf seine erscheinung auf erden. M sagt es eindeutig: „Dieser Stern des Gottes ist der Stern des Bundes derer, die seinem Licht auf der Erde folgen".
Ungleich wichtiger dürfte den jugendlichen lesern - gleich ob am ende des kaiserreichs oder der Weimarer Republik - der begriff „wende" gewesen sein. Beim erscheinen des STERN lag der jugendtag auf dem Hohen Meissner erst einige monate zurück und gerade im Wandervogel wurde der STERN geschäzt. Es war geschickt Maximin über seine eigene wende vom menschen zum gott hinaus als den lenker einer wende zwischen zwei weltaltern ins gedächtnis zu rufen als den ihn George von anfang an einzuführen versuchte (also in den ersten abschnitten der VORREDE T09). Als inkarnation des neu ersonnenen Herrn der Wende konnte der in die jahre kommende Maximin noch einmal einige strahlkraft erlangen - auch wenn sich sein wirken im grunde doch auf seine blosse existenz beschränkt: genug für einen geliebten aber zu wenig für eine führergestalt wie sie Ili oder selbst der Herr aus 8119 überzeugender darstellen.
Die anrede des gepriesenen als anfang mitte und ende entspricht - dies wird jedenfalls gern festgestellt - einer ähnlichen formulierung aus der Offenbarung des Johannes („Alpha und Omega”) wo sie die allumfassende bedeutung des gottes unterstreicht (weitere antike fundstellen bei Bruno Pieger in Wk 2017, 486 erste anmerkung). Dann wird es kein zufall sein dass George ähnlich klingen möchte wie der neutestamentliche profet aus der zeit der zerstörung des Jerusalemer tempels (vergleiche vers fünf). Allerdings empfindet Pieger diese anrede geradezu als rücknahme der vergöttlichung zumindest im christlichen sinn: was anfang und ende hat ist göttlich allenfalls für ein zeitalter. Auch hinter der merkwürdigen verbindung „stets noch” mag ein hinweis auf die abkehr von einer christlichen gottesvorstellung stecken. Erst recht wagt man kaum die frage zu stellen was aus dem Herrn der Wende einmal wird wenn die wende erfolgt ist. Vermutlich wird er sich einfach wieder wandeln: den bedürfnissen der beter entsprechend. Das wäre nicht überraschend in anbetracht der auffassung dass jeder gott - so ernst es George auch ist mit dem heiligen - menschlicher vorstellung entsprang. Dies gibt dem profeten - dem mittler - eine ganz andere freiheit.
Wie gewohnt beginnt die geschichte des ab der zehnten zeile angesprochenen Maximin - eigentlich mehr des vergegenwärtigten Kronberger - mit einer darstellung der krise und mündet in die bekannte licht-metaforik. Die persönliche krise ist hier von jener der zeit kaum zu unterscheiden. Dahinter scheint absicht zu stecken · auch das wiederholte „uns" muss nicht den plural bedeuten und ist in der zwölften zeile sogar eindeutig nur auf den sprecher zu beziehen. Eindeutig ist Georges wunsch zu erkennen dass Maximin mehr sein soll als ein persönliches ereignis.
Die krankheit äussert sich in einem erschlaffenden „fiebern" das neben jenes aus 6215 und 9101 bekannte und für die deutsche geschichte so bedeutsame „fiebern der väter” gesezt (und damit also aufgewertet) wird: dem traum von den doch unerreichbaren thronen der griechischen götter („unerreicht” nicht mehr weil sie so weit oben stehen sondern weil sie eben der vergangenheit angehören) der als „sucht der ferne” nur schwächte (der begriff „blut” wird hier noch dichterisch für den sitz der menschlichen kräfte verwendet). Anders als das fruchtlose schwärmen „der väter" habe das erneute „sehnen" (in dem man eine erotische komponente nicht überhören muss) mit dem auftreten Maximins seine „erfüllung" gefunden · war er doch schöner als jedes bild (denkbild oder „Standbild" (M)? - es ist naheliegend sich an die gerade in München nicht seltenen götterstatuen zu erinnern denen ein denkbild ja zugrundeliegt) und greifbarer als jeder traum. Die aus dem zweiten abschnitt von T09 bekannte begegnung am Siegestor wird hier abgewandelt und hinterlässt einen noch wuchtigeren eindruck.
802 Der du uns aus der qual der zweiheit löstest
3 Rausch und Helle : üblicherweise aufgefasst als anwendung der vorstellung Nietzsches von einem dunklen dionysischen und einem hellen apollinischen wesenszug der kunst. Grossbuchstaben wegen des bezugs zum Göttlichen.
10 Zu dem ein Himmlischer sich niederliess : Silene (oder Diana) die nachts den schlafenden Endymion besuchte wäre freilich eine weibliche „Himmlische”. M erzählt George habe ein bestimmtes „Endymion-Relief im Lateran” gekannt und geschäzt (das sich zur zeit Georges tatsächlich im damaligen Lateranmuseum befand - unter der bezeichnung „Diana und Endymion”. Römische särge wurden verständlicherweise gern mit einer darstellung des schlafenden Endymion geschmückt. Entweder hat George - vielleicht aus metrischen gründen - das masculinum als beide geschlechter umfassend verstanden oder er hat sich ganz bewusst zu einer änderung entschieden. Einerseits gab es keinerlei veranlassung sich an den bekannten mythos halten zu müssen - Endymion wird ja namentlich nicht einmal erwähnt - und zum anderen könnte er selbst der „Himmlische” sein der in der „kommunion” mit Maximin - von der schon im fünften abschnitt der VORREDE T09 die rede war - gedichte gebiert so wie Diana-Silene die töchter von Endymion).
11 mit palmen und mit rosen : ruft das bild wach wie Jesus in Jerusalem als Messias begrüsst wird und erinnert zugleich an den engel im ersten gedicht des VORSPIEL (6101). Auch Maximilian wurde von George bei v. Heiselers maskenfest mit blumen geschmückt (mit einem roten nelkenkranz allerdings).
Auch hier ist der in Maximin sich verkörpernde („fleischgewordene”) gott mitgemeint. Maximin werden züge von drei jünglingen verliehen die zu den schönsten der griechischen sage gehören: Ganymed den sich Zeus auf den Olymp holte (hier ähnelt er dem Goetheschen Ganymed) und zum sternbild (des wassermanns) machte · Hermaphroditos der die namen beider eltern trug und mann und frau zugleich wurde nachdem er nackt in einen teich („frühlingswelle”) gestiegen war · Endymion dem Zeus ewige jugend verlieh indem er ihn in andauernden schlaf versezte (was ihn nicht hinderte mit Silene die den dadurch immer anziehend bleibenden nachts besuchte über fünfzig kinder zu zeugen). Jeder für sich vermochte eine grenze zu überschreiten: des raums des geschlechts und der zeit. Maximin aber ist nicht die schönheit eines bestimmten menschen zu eigen sondern die des menschen schlechthin - die sich in ihm mit der göttlichen vereint. Das ist seine „doppel-schöne”. Die fähigkeit zur verschmelzung vermochte Maximin auch zu spenden: menschen die bisher unter der „qual der zweiheit” litten insofern sie in ihrer begrenztheit bestimmt sind durch das was sie vermögen und das was sie nicht vermögen. Durch seine anwesenheit vermochte Maximin ein ekstatisches hochgefühl zu verleihen das diese zweiheit vergessen liess. Hier reicht er sogar heran an die qualität eines monotheistischen gottes der allumfassend ist und ausser dem es nichts gibt.
Andernorts wird eher der eindruck erweckt dass seine göttlichkeit sofort erkannt wurde (etwa in 7401). Dem scheint der lezte satz zu widersprechen. Offensichtlich hat George eine systematische gottesvorstellung gar nicht angestrebt sondern in den Maximin-gedichten wechselnde bilder gestaltet.
803 Ihr wisst nicht wer ich bin . . nur dies vernehmt:
8 von veilchenfarbenen von todesblumen : eine form der verkürzung die die erste nennung von „blumen” einspart und zugleich offen lässt ob eine konjunktion wie „und” oder „also” eingefügt werden könnte. So entsteht ein unterschied zu der banalen eindeutigkeit der alltagssprache. M ist sich sicher dass mit den todesblumen blaue anemonen gemeint seien. Allerdings waren früher veilchenkränze beliebt und Maximilian selbst trug einen bei einer feier zum erscheinen der siebenten folge der BfdK (Wolters 1930, 316) - und war wenige tage danach tot. Maximin mag mit den veilchen von den angesprochenen treue eingefordert haben. Doch könnte gefragt werden ob „veilchenfarbene” tatsächlich für „veilchen” stehen kann und ob hier nicht zweierlei blumen gemeint sind. „Todesblumen” sind eigentlich chrysanthemen.
9 Und tragt die reine flamme vor : M verweist auf den entsprechenden römischen brauch „bei jeder sakralen Feier”.
11 Schon ward ich was ich will : bemerkenswert ist Ms hinweis dass im griechischen mythos auch die nach ihrem vorzeitigen tod ebenfalls entrückten heroen Herakles und Achill über die möglichkeit verfügten ihr eigenes schicksal selbst zu wählen.
Dieser widerspruch ist folge der unsicherheit über Maximins eigentliches wesen - und der bestätigt sie hier klar. Er spricht zu einem zeitpunkt an dem ihm sein tod bereits vor augen steht der ihn aber als wandel bloss seiner „form” nicht beunruhigt zumal er auch noch selbst „gewählt” und nicht aufgezwungen ist. Es scheint als wende Maximin sich - lebewol sagend - an den Kreis (was den eindruck seiner zugehörigkeit erweckt obwol er doch kaum einem mitglied je begegnet war) wenn er versichert dass er sein „wesen” nicht verändern zugleich aber auch „nie wie ihr” sein werde wenn er nun sein irdisches handeln in „wort und tat” aufgebe das kaum erst begonnen war und ihn erst richtig zum menschen gemacht hätte. Aus allem soll seine göttlichkeit unbestreitbar hervorgehen. Da kein anlass besteht einen solchen tod nicht anzunehmen sollen die freunde sich auf den trauerritus ruhig schon vorbereiten. Mit unerschütterlicher selbstgewissheit verweist der nun schon auf die „andre bahn” wechselnde auf seine abschiedsgabe die kein gewöhnlicher sterblicher hätte spenden können: „mut und kraft” und jene glut „tief in euren seelen” (die alle doch in wahrheit ausweis der Georgeschen lyrik sind an der nun aber wie schon mehrmals gezeigt Maximin für immer beteiligt ist). Vor allem sei jedoch an die dankbarkeit erinnert die George in den ersten abschnitten der VORREDE T09 als boden des ganzen kults erscheinen liess.
In die unsicherheit versucht M etwas licht zu bringen. Maximin sei unbewusst zur „Inkarnation des Gottes” geworden mit dem sich nun wieder zu vereinen er sich hier bemühe.
804 Der strom geht hoch . . da folgt dies wilde herz
7f. : Pieger zieht das heute in mode gekommene ritzen in betracht (Wk, 492f.). Aber für torheiten ist bei George eigentlich kein platz. Sich zu ritzen hat noch keinem jemals „rat” beschert. Und das wasser in dem sich die blutstropfen dann auflösen würden ist nicht „fülle”. Selbst bei hochwasser bleibt es doch gerade das gegenteil: wilde ödnis.
Als inkarnation ist Maximin auch hier zu verstehen. Sein „erdenleib” ist das „enge heiligtum” für den gott und so schmal und schlank dass ein arm genügt um ihn zu umfassen. Er ist aber stark genug um den sprecher dessen gedanken gern zu den sternen gehen würden zu „bannen”: das tut ihm durchaus gut denn er als mensch hat sich auf den erdentag zu beschränken (in 7407 hatte Maximin diesen erdentag mit einer klar umrissenen aufgabe gefüllt). So ist er nun sich selbst nicht mehr fremd: er spricht in der ersten person während er vor dem auftauchen Maximins - in den ersten acht zeilen - von sich wie von einem anderen in der dritten person sprach.
Da fühlte er - eigentlich ein „wildes herz” - sich wie gelähmt. Der brand in ihm - das erbe nicht von tausend jahren sondern von jahrtausenden - entzündete keinen. Wie schon in anderen gedichten ist der blick in den spiegel eines gewässers auch hier der ausdruck der ratlosigkeit und der suche nach orientierung. Aber die sich verlaufenden wellen des hochwasser führenden stromes erinnerten ihn an die vielen menschen die er nicht länger bei sich halten konnte (nicht die erste anspielung auf die vor kurzem erfolgte trennung von den Münchner kosmikern) und an jene die für ihn schon früher verloren gingen. Nun glaubte er nicht mehr an besserung noch zu lebzeiten (also vor dem verlust seiner lezten tropfen bluts die sich in der „endlos lauten fülle” verlieren als die ihm die welt vorkam) . . So stand es um ihn als Maximin erschien ihn „ergriff” und die kraft des „Herrn der Wende” erwies.
805 War wieder zeiten-fülle? Welche glut
2 : der vers ist einem gedicht Maximins entnommen: „Sonnenaufgang” (abgedruckt zulezt bei Gremm 2023, 329).
Hier wird gezeigt dass die erwartung einer zeitenwende (nachdem die aktuelle zeit als „gefüllt” empfunden wird) also des anbruchs einer neuen zeit in den monaten vor dem erscheinen Maximins die stimmung im Schwabinger kosmikerkreis (von dem sich George dann aber trennte) ausmachte. Die ankunft der gottheit mit der das neue zeitalter beginnen sollte wurde - wie aus den lezten versen hervorgeht - in der art von gebeten beschworen. Es ist leicht zu erkennen dass die kosmiker eher nachtaktiv waren. Die mehrzahl der verse ist dem geschehen der nacht gewidmet in der zulezt ein bestimmt dionysischer „geist” die feiernden in den rausch der dunkleren art versezte. Die „schemen” die dann vom um so helleren mittagslicht geblendet werden sind vielleicht nicht wie M angibt (und dabei sicher an Schuler denkt) „Träger von Substanzen vergangener Zeiten” sondern lediglich übernächtigte die „halt” suchten. Es war George der ihn mit Maximin präsentieren wollte: als einen erfolg wie er ihnen nicht beschieden war.
806 Schon war der raum gefüllt mit stolzen schatten
5 auf metallnen glänzen : nicht verb sondern plural des substantivs „glanz”
Alfred Schuler war damals überzeugt als wiedergeburt eines römers auf die welt gekommen zu sein (vergleiche das ihm gewidmete zeitgedicht 7106). Die vorstellung wirkte ansteckend und so gab es bei den abendlichen treffen der kosmiker - dann „séancen” genannt - versuche mit den vorfahren in berührung zu kommen. Die aber blieben allenfalls „stolze schatten” nicht nur „edler holder” originale der antike sondern neben ihnen auch „urnächtig früher” germanen vielleicht · alle unfähig sich zu „verdichten”. Die doppelten und dreifachen punkte sind vielsagend: es ist hier eindeutig dass George solche fruchtlosen (angedeutet durch den kreis) schattenspiele immer „bleicher” werdender zittriger gestalten nur noch als quälend empfand und sich statt „nebliger dünste” echte „formen” wünschte. Aus der dionysischen „purpurwelle” sollen (das verb steht im imperativ) „silberfüsse” auftauchen: der dreifuss ist ein attribut Apolls (mit dem deshalb auch gern die Pythia dargestellt wurde) und das bekenntnis zu Apoll eine absage an die kosmiker.
807 Ergeben steh ich vor des rätsels macht
1 ergeben : demütig · in hingebungsvoller ehrerbietung
4 versehrt : verlezt. Maximin starb also bevor ihm sein irdisches handeln enttäuschungen und verletzungen einbringen konnte.
Wie ein zweiter erlöser wirkt Maximin dessen tod als opfertod erscheint. Alle im Kreis sollen darauf verzichten durch fragen und deutungen alles über ihn herausfinden und die drei „rätsel” Maximins lösen zu wollen. Diese „ergebenheit” ist eine frage des respekts vor dem heiligen und der sprecher lebt sie den anderen gleich zu beginn vor. Vielleicht aber spricht er doch eher mit sich selbst · als einem der sich immer noch martert mit den quälenden fragen die sich wieder und wieder um den nie verstandenen tod des geliebten jungen drehen der ihm so unwiederbringlich entronnen war wie der einzige andere ebenbürtige: Hofmannsthal.
Hinzu kommt die überzeugung dass die lezten antworten ohnehin „in ewiger nacht” bleiben („ewiger” wird durch die senkungsspaltung noch eigens verlangsamt und die in den zwei schlusspunkten angedeutete schweigeminute verstärkt den ernsten eindruck) und die drei fragen offen bleiben müssen: nach der beziehung zwischen dem sprecher und Maximin · nach der durch dessen „gesetz” bestimmten notwendigkeit seines selbstopfers das er trotz seines lächelns als schmerzvoll empfindet - „erdverliebt” nennt Pieger ihn deshalb (Wk, 497) - und schliesslich nach der erlösenden wirkung dieser hingabe in der er - erneut „seinem gesetz” gemäss (was ihn zu einem christusgleichen wesen macht) - seine „erfüllung” findet. Ihn als „Retter” also salvator oder erlöser zu preisen ist um so mehr geboten und gleich das nächste gedicht soll diese forderung einlösen.
Erneut wird also die dankbarkeit beschworen die darin begründet liegt dass der sprecher sich schon „verfallen” wähnte und dann durch Maximin noch einmal „neu gedieh”. Dass er dem Kreis noch zur verfügung steht ist demnach allein Maximin zu verdanken - und insofern fühlt er sich als dessen kind obwol er ihn - den fragenden und lernenden Maximilian · den erst durch Georges dichtung geschaffenen Maximin - doch wie beziehungsweise als sein eigenes kind ansah. Aber der gedanke der gegenseitigen kindschaft findet sich schon - M zeigt es - bei dem barocken mystiker Angelus Silesius (und in 7419).
808 Nun wachs ich mit dir rückwärts in die jahre
2 in heimlicherem bund : bezugnahme auf den „andren bund” in 7419
Nie war Maximin wirkungsmächtiger als in diesem gedicht. Angesprochen wird eigentlich der „geist” dessen verkörperung er war und den der sprecher „rückwärts” blickend in vielem zu erkennen glaubt das ihm aus der geschichte vertraut ist · seien es die fehden des mittelalters oder die entdeckungsfahrten der frühen neuzeit (oder die im gegensatz zu den ritterlichen fehden gewaltigen italienreisen und kreuzzüge der kaiser) · auch kunstwerke werden gemeint sein. Sogar in den „wahrsagungen” Hölderlins (von denen schon in T085 die rede war und die hier „seher-spruch” genannt werden) sieht der sprecher hier freilich noch „verhüllte” offenbarungen dieses geistes.
Die verse sieben und acht dürften sich auf Deutschland und seinen „stolzen nachbarn” Frankreich beziehen der 1871 ja besiegt worden war. In diesem Deutschland sieht der sprecher den geist in abständen eingreifend wirksam. Feuer („ein zuckend lohen”) und wasser („eine goldne flut”) sind bilder seiner macht. Das ist der Herr der Wende: er kann zerstörerisch erscheinen und wirkt doch immer fruchtbringend. Man denkt wieder einmal an den BRAND DES TEMPELS 924 - und Pieger spricht von „Georges Phänomenologie des Geistes” (Wk, 498).
Für die zukunft ist noch mehr zu erwarten: wenn der geist sich neu gebiert und damit wieder körperlich in erscheinung tritt ohne des verhüllenden schleiers noch zu bedürfen wird er als „herz” des Kreises schlagen weil er - das geht nicht so weit darüber hinaus wie es klingt - eben der geist der wahren jugend Deutschlands ist: und diese „heilige jugend” ist ja nichts anderes als die „heilige Schar” des ursprünglichen buchtitels oder eben die „runde” (nichts hätte George ferner gelegen als alle jungen deutschen in bausch und bogen für heilig zu erklären). Dann entfällt jeder unterschied zwischen blossem „hoffen” und sicherer „gewähr”. Der geist funktioniert wie ein mahdi. Er lässt erwartungsvoll in die zukunft blicken · sicherer aber ist immer die tröstende wirkung auf die nach plötzlichem verlust zurückbleibenden. Der Kreis stand freilich dem kaiser im Kyffhäuser näher.
809 Wer ist dein gott? All meines traums begehr ·
2 hehr : edel und uneigennützig
14 mitte : gemeint ist wol wer wie ein profet oder die priesterschaft zwischen gott und menschen vermittelt. Der alten mitte wurde in 7714 die daseinsberechtigung abgesprochen.
Von dem urbild „das in den vielen menschlichen gestalten (...) zeit- und näherungsweise eine verkörperung findet” ist auch in T106 die rede. Dort werden Dantes Beatrice und Shakespeares W. H. als verkörperungen ins spiel gebracht. Natürlich ist jede verkörperung platonischer tradition folgend nur „näherungsweise”. Als der dem urbild - „meinem”: dem urbild wie der sprecher es sich vorstellt (also „schön und hehr”) - am nächsten kommende · dessen verkörperung er immer schon „begehrt” hat und schliesslich in „reinst” möglicher gestalt erblickte (das präteritum „fand” verweist auf das zurückliegende erlebnis) wird hier nun (das ist auch wenn die namensnennung fehlt keine gewagte spekulation) Maximin gesehen der damit seinen platz neben den längst legendär gewordenen idealgestalten Dantes und Shakespeares einnehmen kann. Er wird als „Er” und damit als der bezeichnet in dem der sprecher seinen „Gott” erkennt.
Dessen urbild verdankt sich nicht geschmack oder willkür sondern der „gewalt” der sexualität des sprechers · verleiht dem („dem einen” ist der sprecher selbst) aber „wert und grösse” (bewirkt also nicht etwa schande) und ist in ihm „quelle” und „brand” so wie der angesprochene des vorigen gedichts ein „lohen” entzünden und eine „flut” verursachen konnte - dort aber im grossen. Wie dieser gott auch hier seinen wirkungskreis neu belebend erweitert nachdem er zuerst nur den sprecher befreite und stärkte schildern die anschliessenden verse acht bis zehn: „Durch jede ader” meint wol nicht mehr nur die adern des sprechers. Die erneuerung des alten wurde bereits im vorigen gedicht dargestellt.
Das transzendente wesen des gottes - der als zwar reiner aber eben noch nicht erscheinender gott bezeichnenderweise keine gross-schreibung verdient die ihm (dem Herrn der Wende") 801 noch zugestand - drückt sich im bild des sterns aus - des so weit wie nur möglich von uns entfernten womit George auch antiken vorbildern folgt. Dieser gott bleibt ein „geheimnis" in das allenfalls ein träger „höchster weihe" einblick hat (die hörbare ironie soll auf Georges desinteresse daran hinweisen). Vor allen in erscheinung getreten ist er jedoch in seinem „sohn" - also seiner verkörperung Maximin. Sie entstand folgerichtig aus „sternenzeugung" und wäre doch ohne den geist der „neuen mitte" - also seines verkünders - nie geboren worden. Für mischungen - wie hier die aus christlichen mit buddhistischen (auch Boehringer lässt George über Buddha dozieren (EA, 51)) und dazu noch modernen vorstellungen hat sich George nie geniert.
In 807 war Maximin ja als „mein kind" bezeichnet worden. Dass götter von menschen geschaffen sind hatte bereits der novize im WEIHESPIEL (S3) verkündet. Seine geburt als göttliches wesen ist also nicht möglich ohne menschen: wenn nicht mit „mitte" nur der eine mittler selbst gemeint ist von dem ja schon die ersten zeilen sprachen kann sie als werk der ganzen gemeinde · der „runde” angesehen werden zu deren „herz” er schliesslich wird (vergleiche 808). Damit aber hätte dieser EINGANG zum eigentlichen thema des buchs hingeführt. Und der erst nur „mein Gott” war ist nun der gott aller geworden.
81 ERSTES BUCH 8101-30
Die zweite zehnergruppe befasst sich mit der zeitgenössischen gesellschaft und knüpft insofern an die ZEITGEDICHTE (71) an. Nun aber wird den feststellungen insofern noch mehr gewicht verliehen als der Dichter zuvor - in der ersten zehnergruppe - seinen anspruch begründet viel mehr als nur eine unter vielen meinungen kundzutun. Mit früheren freunden sezt sich George in der dritten zehnergruppe auseinander.
8101 DA DEIN GEWITTER O DONNRER DIE WOLKEN ZERREISST
Das gedicht findet sich 1910 in den BfdK und spielt auch gleich auf die krisenhaften vorkriegsjahre an. Ist es in solchen zeiten zulässig sich um schöne „klänge” zu bemühen - sich also der dichtung zu widmen? Der gott erwidert dass mit harfe und leier gleich ob die zeit nun steigt oder stürzt nicht nur sein willen verkündet wird sondern auch alles was ohnehin als „unwandelbar” gilt. Und etwas mehr wie im vertrauen fügt er hinzu: jedem neugeborenen fürsten müsse schon in der wiege „ein heldengesang” zu ohren kommen. M ergänzt dass ähnliches schon von Hesiod überliefert sei und die antike daran glaubte dass die geburt der grössten - wie Alexander oder Augustus - von der dichtkunst vorbereitet worden sei. Die frage des eingangs hat eine entschiedene antwort gefunden: dichtkunst ist nicht abhängig von der zeit sondern konstituiert diese erst. Im neunten gedicht der gruppe (Kommt wort vor tat kommt tat vor wort?) wird das noch einmal bekräftigt. Damit aber ist auch die herausragende bedeutung des dichters - oder jedenfalls : das Dichters - festgestellt. Um seine besonderheit geht es in der ersten zehnergruppe.
8102 All die jugend floss dir wie ein tanz
Der gott „der hier wie im ‚Lobgesang’ als ‚Herr’ bezeichnet wird” (M) eröffnet den dialog mit einer anspielung auf die verse des jugendlichen dichters die ihm „wie ein tanz” vorkamen oder wie „berauschtes spiel”. Das klingt angesichts der eher ans erhabene grenzenden aufgabenbestimmung von dichtung im vorigen gedicht fast wie eine missbilligung. Er spricht von „horn und flöte” und damit von ganz anderen instrumenten als „harfe und leier” denen er zuvor ihre berechtigung zugestanden hatte. Der angesprochene rechtfertigt sich mit seiner absicht die „sonnensöhne” des gottes „locken” zu wollen · er habe die „not des wandertumes”auf sich genommen bis er solche gefunden habe in denen er ihre göttliche abstammung sicher erkennen konnte. Sein leben lang sei es ihm nur darum gegangen den gott zu suchen (also seine verkörperungen). Man versteht Ms geschickten hinweis auf LOBGESANG (7321) jezt richtig.
8103 Da schon Dein same den ich trug in fahr
5ff. Dass ich (...) / Dein heiliges geheimnis treu behüte : Der ausdruck leistet zweierlei. Er macht das vertrauen des Angesprochenen zum sprecher ebenso deutlich wie dessen bereitschaft zu unbedingter loyalität. Sich über eine vermeintliche wichtigtuerei Georges zu echauffieren der von einem geheimnis raune ohne darüber aufschluss zu geben ist deshalb nicht angebracht. Ausgerechnet von George zu erwarten er müsse geheimnisse entzaubern kann ohnehin nur auf einem grundsätzlichen nichtverstehen dieses dichters beruhen.
Der sprecher stellt sich als apostel des gottes dar der schon in zeiten von not und gefahr dessen botschaft in sich trug und sie weithin so säte dass sie nun bereits „unausrottbar grünt”. Für die restliche dauer seines lebens (dem „süssen licht”) erbittet er von seinem herrn die kraft weiterhin - gleich ob ihn freunde preisen oder die menge über ihn murrt - treu sein geheimnis zu wahren um dadurch sich des göttlichen segens würdig zu erweisen. Der sprecher steht also dem gott näher als jedem einzelnen unter den menschen zu denen er abstand hält.
8104 Dies ist der fügung meistes dass du lebst
Hier und in den beiden folgenden gedichten ist der sprecher selbst der (von dem gott) angesprochene auch wenn sich diese verse im grunde schon an die jünger richten. Er weiss dass sein überleben dem wunsch der „fügung” (M spricht gleichbedeutend vom schicksal) entspricht die dafür sorgt dass er bei jedem ihm (also ebenfalls von der fügung) zugeteilten „fall” doch alllenfalls wankt weil ihm das vermögen gegeben ist sich zu „doppeln” oder sich zu „spalten”. Während selbst die besten fallen bricht ihn daher nichts. Zugleich aber ist er doch freudig bereit sich schliesslich - wenn er als dichter sich dem „werkes-ziel” schon nahe fühlt - dem ihm nun erscheinenden „Höheren” als „erster diener” unterzuordnen: anstatt ihn „heillos” zu bekämpfen findet er darin sein glück. M weist auf parallelen zu MANUEL UND MENES oder dem herrscher der HÄNGENDEN GÄRTEN hin und nennt auch 7766 · nicht aber das VORSPIEL.
8105 Als sich dir jüngling dein beruf verkündigt
3 Treffend heisst es bei Schneider dass der einsame sprecher schon „im Schulalter” in seinem „Ausgestoßensein” das eigentlich alle betreffende, von ihnen aber nicht eingestandene mangelhafte seiner zeit - „gemeint ist zweifellos das Preußen-Deutschland der ‚Gründerjahre’” - „als einziger ‚trägt’, also allein, gleichsam stellvertretend - so sein Glaube - vor der Gestirnswelt verantwortet” (in KG 2017, 345).
Die in dramatischen farben ausgemalte jugendkrise betont das gefühl des ausgestossenseins dessen der die aufgabe einer erneuerung (der lyrik - im lezten vers als umkehr bezeichnet) ganz allein zu tragen hatte und deshalb als qualvoll empfand. Bestärkt aber wurde er durch das wort der (von ihm selbst angerufenen) sterne (die hier die „fügung” des vorigen gedichts ersetzen) „bild” und „klang” in nie gehörter weise zu gestalten und auf diesem für andere fremdartigen weg nicht auf führung („leite”) durch die damals „ersten” (also führenden dichter) zu setzen sondern unterstützung erst viel später durch jene zu erwarten die dann bereits in der von ihm geprägten umgebung geboren wurden.
Der auftrag „‚Verbleib!’” untersagt das aufgeben. Verboten wird auch jegliche klage über das leid. „Du selber bist das leid” ist hingegen eine ermunterung: dann lässt sich schliesslich etwas ändern. Von anderen nichts erwarten zu dürfen ist ein gedanke der sich schon beim jungen George findet (vergleiche 0128).
Auch dieses gedicht ist mit seiner „harten Ethik” (ebd.) schon klar auf die jünger berechnet denen hier nicht nur eine opferbereite erlösergestalt - fast schon ein zweiter Christus (Pieger denkt auch an Empedokles den Hölderlin „‚ein Opfer seiner Zeit’” nannte (Wk, 524)) - vor augen geführt wird. Sie dürfen sich vielmehr auch selbst als teil einer von den sternen angekündigten konstellation empfinden.
8106 Dass unfassbar geschehn in vorgeburten
6 zitat der lezten zeile des fünften bilds von MANUEL (S12).
Eigentlich unergründliches erklären manche bisweilen mit dem verweis auf schuld oder verdienst in früheren verkörperungen einer seele erklärt - also unter zuhilfenahme eines blicks auf längst vergangenes. Die sich solches „schön” ausdenken werden hier mit leicht spöttischem unterton „dichter” genannt. (Mit dieser preisgabe des beinahe heiligen begriffs ist die eisige kälte dieses gedichts bereits angedeutet.) Aber wie schon das vorige gedicht darstellte sieht sich der sprecher am beginn eines so gänzlich neuem dass es durch nichts früheres bestimmt sein kann. Seine erklärung findet es allein im „frühsten traum” des jugendlichen genius und so fordert sich der sprecher auf auch künftig nie anders zu handeln und zu schaffen als dieser traum es immer schon gebietet. Der traum gab ihm das sichere gefühl „geführt” zu werden und ein erwählter (der schicksalhaften fügung) zu sein. Nur dadurch konnte er dem in dem zitat angesprochenen „druck” alles ihm entgegenstehenden standhalten. Aus einem ähnlichen nichts - der text spricht von einem staubkorn - und damit ohne jeglicher tradition zu dank verpflichtet zu sein entstand der vom sprecher errichtete „staat” mit seiner „währung” (den maassstäben) seiner „sprache” und seinem „gesetz”. Es bleibt nicht aus sich hier an KINDLICHES KÖNIGTUM (4506) und den lezten abschnitt von URSPRÜNGE (7502) zu erinnern auch wenn der hinweis auf eine biografische einzelheit hier gerade nicht das verständnis erleichtern dürfte.
Dies diente aber nicht dazu ihm nun für alle zeiten den genuss der ehren zu sichern. Denn nachdem alles „verrichtet” war ging es ihm nicht um einen „thron”: er zog einfach „fort in weitre welten” ohne dass ihn dieses hintersichlassen des erreichten je schmerzlich berührt hätte. Die als ältere oft sentimental gewordenen dichterfürsten haben - im westen wie dann auch im osten - nach ehrungen für zurückliegende verdienste geradezu gelechzt · empfingen sie mit tränen der ergriffenheit und zierten sich höchstens dann einmal wenn dafür der beifall des feuilletons winkte. Sehr Alten käme da vielleicht immer noch Grass als erster in den sinn. Schriftsteller die allenfalls ihrer eigenen zeit etwas zu sagen haben retten freilich auch noch so viele preise nicht vor dem vergessenwerden.
George hat nie danach gestrebt im mittelpunkt öder empfänge zu stehen. Die üblichen huldigungen durch den kulturbetrieb hat er - und zwar im alter erst recht - verachtet und gemieden. Während hundert jahre danach die einst als jugendliche rebellen verkleideten unternehmer aus der popkultur schliesslich doch vor der queen auf die knie fielen oder im weissen haus ein ständchen sangen entzog sich George aller vereinnahmung. Seinen revolutionären anspruch lässt das gedicht gut erkennen - aber auch dass er die revolution als permanente gedacht hat.
8107 Wem Du dein licht gabst bis hinauf zu dir
Noch einmal wird der gott angesprochen wie zulezt im dritten gedicht als vom samen die rede war den der sprecher einst vom gott empfing und zum gedeihen brachte. Hier nun wird er als licht bezeichnet - beide begriffe sind der mystik entnommen - das „bis hinauf zu dir” reiche. M spricht von dem „ihm allein Offenbarten” - das aber in blosse worte gefasst und an „die menge” gerichtet nach kurzer wirkung bald verdürbe und dann erst wieder eines neuen „weckers” bedürfte der es aufgreift und wiederum „spendet”. Der sprecher versichert dem gott damit wie in 8103 seine zuverlässige verschwiegenheit und anschliessend seine unbedingte loyalität. Er will was der gott ihm zu bieten hat zuletzt zwar in ganzem umfang erfahren · zunächst aber nur einen ersten teil davon zu fassen versuchen. Er will nicht mehr als den ihm zugeteilten platz ausfüllen indem er die seiner lebenszeit zugewiesene „arbeit” leistet und wie ein gefäss oder werkzeug gewissermaassen teil dieses göttlichen werden. Selbst als ein dienender wird der Meister aufgewertet · nach seiner hingabe mag sich auch der jünger richten.
8108 Nennt es den blitz der traf den wink der lenkte:
9 ewe : zeitalter
Das gedicht gilt dem „ding das in mich kam” ohne dass erneut von einem göttlichen verursacher die rede wäre. Vielmehr wird stattdessen ein „nichts” ins spiel gebracht. Es kann - zumal es ungreifbar und in worten eigentlich nicht zu beschreiben ist - unterschiedlich benannt werden - schon die mystik hatte freude an allerlei neckischen bezeichnungen dafür und George sezt ihr kaum neues entgegen - wirkt aber wie ein keim der dem kunstwerk erst innere kraft oder das vermögen des entzündens verleiht. Der sprecher trägt es also in sich und daher ist er nicht einer von unzähligen die an einem punkt eines geradlinig verlaufenden fortschrittsprozess für kurze zeit einmal eine rolle spielen.
Wie radikal er mit ihm bricht zeigen die formen des kreisens - er spricht von reigen und ring - die das „neue Weltalter” (Pieger in Wk, 509) verbildlichen in das er „führt” · ja sogar „reisst”: M spricht vom „Wendepunkt der Geschichte”. Dies erinnert - auch in der sprachlichen gewalttätigkeit - an das aus DER GEHENKTE (921) bekannte revolutionäre umbiegen des kreuzes in ein rad. „Ich bin ein end und ein beginn” sagt das göttliche im abschluss der zehnergruppe (8110) als dessen organ sich der sprecher empfindet.
8109 Kommt wort vor tat kommt tat vor wort? Die stadt
Streng genommen gibt das gedicht keine ausdrückliche antwort - die ja schon das erste gedicht des zyklus nahelegte - aber beide beispiele sprechen auch hier für das wort als auslöser der tat: der körperlich auch noch hinfällige und damit von aller tat besonders weit entfernte antike dichter-sänger („Barde”) vermochte mit seinen versen das „gebrochne heer” wieder aufzurichten und wird deshalb als „spender” des sieges geehrt. M sieht in dem nach Sparta geschickten Athener Tyrtaios das vorbild dessen lieder nach Pausanias in der schlacht am grossen graben - im zweiten messenischen krieg - den siegeswillen der spartiaten gegen die Messenier steigerten - und damit leztere endgültig zu heloten werden liessen.
Das zweite beispiel ist Georges persönlichem erleben entnommen. Hier stehen für das „wort” der „traum” der dem erscheinen Kronbergers - „das kind” genannt (was also nicht das alter bezeichnet sondern die vaterschaft des träumenden beansprucht - ursächlich voranging und sich aus „fron” - was hier den willen zur unterordnung oder anerkennung bezeichnet - aber auch „lust” zusammensezte deren unbedenklichkeit durch das ehrwürdige prädikat „hehr” bescheinigt wird. Ganz ohne materie ging es freilich nicht. Die schnöde erde aber wird durch das in diesen zusammenhängen gern verwendete adjektiv „süss” angemessen aufgewertet.
8110 Ich bin der Eine und bin Beide
Ich bin der Eine und bin Beide / Ich bin der zeuger bin der schooss / Ich bin der degen und die scheide / Ich bin das opfer bin der stoss / Ich bin die sicht und bin der seher / Ich bin der bogen bin der bolz / Ich bin der altar und der fleher / Ich bin das feuer und das holz / Ich bin der reiche bin der bare / Ich bin das zeichen bin der sinn / Ich bin der schatten bin der wahre / Ich bin ein end und ein beginn.
6 bolz: pfeil
Hier ist der Dichter nun endlich als sprachrohr jenes „Höheren” (8104) zu verstehen wie es im ersten dritten und vierten · im siebenten und achten gedicht sich bereits andeutete. Insofern hat seine entwicklung das ihr immer schon innewohnende ziel erreicht. Die zwölf gereimten und im zeilenstil streng parallel gebauten verse sind eine dichterische illustration der göttlichen eigenschaft mehr als ein Begrenztes zu sein und damit zugleich das gegenteilige in sich zu fassen. Es ist ja auch naheliegend dass der gott sich einmal gern selbst an die „heilige schar” wendet an die allein das ganze buch ja ursprünglich gerichtet war. M aber meint dass George hier - unter dem eindruck „der indischen und pythagoräischen Lehre” - vielmehr sein unmittelbar eigenes empfinden ausspricht. So hat das göttliche eben abgefärbt. Schneider sieht zu recht die klare absicht: „offensichtlich kam es dem Dichter darauf an, das Angesprochensein von einem Höheren, Göttlichen und die Selbstrede (...) unscheidbar zu verschränken.” (KG 2017, 345)
8111 AUS PURPURGLUTEN SPRACH DES HIMMELS ZORN:
1 AUS PURPURGLUTEN : Ist das "endzeitliche Abendrot" (M) - oder etwa doch das morgenrot gemeint? Pieger erinnert daran dass der gott sich im vorangegegangenen gedicht „ein end und ein beginn” nannte (Wk, 512).
Triremen (oder griechisch trieren) sind antike kriegsschiffe mit je drei auf unterschiedlicher höhe angeordneten reihen von ruderern auf jeder seite. Die gemeinde des hier zitierten gottes verfügt damit immer noch über ein stolzes und kämpferisches fortbewegungsmittel auch wenn sie es gerade nur zur flucht verwendet. Und keineswegs ist sie vom kurs abgekommen der sie zum heiligen bezirk mit seinen tempeln führt. Die harfe spielenden mitglieder sind der kunst zugewandt und ihre opferbereitschaft beweist ihre dem vorherrschenden gewinnstreben entgegengesezte gesinnung und haltung. Auch die ihren weg mit aller leidenschaft („brünstig”) noch suchenden sind vom zorn des gottes ausgenommen. Der ganze „rest” des deutschen volkes „ist nacht und nichts”. Schon vor über hundert jahren werden sein geist hier als so krank · seine tatkraft als so erlahmt empfunden dass der gott gar nicht mehr hinschauen mag. Das gedicht ist gut geeignet um den doch immer nur kleinen Kreis auch in zeiten zu bestärken in denen ihm seine gesellschaftliche einflusslosigkeit besonders bewusst werden musste obwol die politik sich als ohnmächtig - also unfähig zu notwendiger „tat” - erwies: in den jahren die ungehindert in den weltkrieg führten in dem einige seiner besten ihr leben liessen · oder die zeit der weltwirtschaftskrise als in Deutschland jene kräfte aufstiegen die kein unabhängiges denken mehr neben sich duldeten.
8112 Alles habend alles wissend seufzen sie:
Diesmal werden die eben noch kritisierten zitiert nachdem der sprecher in der eingangszeile lediglich voranschickte dass ihnen der zugang zu besitz und wissen völlig offensteht. Sie aber erweisen sich als beständig klagende: ihr bedrängtes und „karges leben” sehen sie durch allgegenwärtigen mangel bestimmt. Der sprecher aber weiss von dem korn das unbeachtet die speicher im dachgeschoss ihrer häuser füllt · vom wind davongetragen wird und sich doch immer wie von selbst neu anhäuft · von ihren kellern wo sie den wein achtlos auf den lehmboden schütten und sogar von dem gold für das sich jeder nur bücken müsste der in seiner armseligen kleidung geradezu darüberstolpert. Es scheint so dass hier metafern geboten werden. M glaubt dass mit den vernachlässigten gütern die jugend gemeint sei. Das würde freilich auch bedeuten dass den in jeder generation sich wiederholenden klagen über sie die berechtigung abgesprochen wird. Der nachwuchs habe - so M · hier Georges denken aufgreifend - wertschätzung verdient, solange er „noch nicht die Lebensführung der Älteren nachahmend zu der seinen gemacht hat.” M lobt „die Abenteuerlust der Knaben” und ihre „Bewunderung für Ältere, wenn jene einen vom üblichen abweichenden, kühneren Weg einschlagen.” George habe dann von der „gerade den Deutschen innewohnenden Traumfähigkeit der Jugend” gesprochen die „sich in der Art des Blickens ausdrückt”. Aus heutiger sicht lässt sich Georges gedicht über die bei aller wohlhabenheit doch immer nur in einem fort klagenden bürger vielleicht auch ganz unmittelbar verstehen.
8113 Die ihr die wilden dunklen zeiten nennt
10 In trocknem taumel : M erklärt diesen ausdruck aus Georges vorstellung dass es auch einen „unschöpferischen” rausch oder wahn gebe.
„Im dreizehnten Gedicht hält der Dichter den Zeitgenossen vor, dass sie Perioden der Weltgeschichte, so auch des Mittelalters, wild und dunkel nennen, weil sie sich selbst in die Annahme hineinlügen, sie lebten in einer freien, milden und klugen, das heisst hier aufgeklärten Zeit. Jene heute geschmähten Zeiten hatten vor der Gegenwart voraus, dass in ihnen noch der Glaube an eine höhere, das Mass setzende Macht lebendig war, selbst wenn damals der Weg zu Gott durch Grausen, Marter, Mord, Fratze, Wahn und Irrtum gesucht wurde. Die heutige Zeit ist die erste, die den Glauben an Gott völlig zu beseitigen strebt” (M). An dessen stelle werde nach ganz anderem vorbild als dem göttlichen und mit einem beschönigenden namen ein „götze” gesezt dem die menschen ihr „bestes” in den rachen werfen. M sieht in diesem bild eine kindheitserinnerung des Dichters an die hindu-todesgöttin Kali nachwirken der - sogar noch im einundzwanzigsten jahrhundert - kinder geopfert wurden.
Damit würde das gedicht an das vorige anknüpfen. Allerdings versteht Pieger unter dem „besten” des menschen „seine Transzendenz” (Wk, 514) und somit den grund der menschenwürde.
Die eigentlich gemeinte frevlerische erziehung - auf welche die zeitgenossen auch noch stolz seien - mache die menschen feige und zu billigem preis käuflich und führe zu ihrer angleichung an den götzen bis dessen eiter das ursprünglich göttliche blut in ihren adern schliesslich völlig ersetzen werde.
8114 Ihr baut verbrechende an maass und grenze:
Die fehlende ehrfurcht vor dem richtigen „maass” und das leugnen jeglicher „grenze” sezt der sprecher mit einem verbrechen gleich. Die bilder stammen aus dem bereich des bauens: das fundament (M spricht klarer verständlich von dessen „nachträglichem Verstärken”) zusätzlichen stützkonstruktionen (die etwa an mittelalterliche kathedralen denken lassen mit denen die eigentlich gemeinte neuzeitliche hybris vielleicht schon ihren anfang nahm) und reparaturen (M spricht vom „Flicken der Risse”) sind nicht mehr dienlich um das selbst herbeigeführte wanken des einsturzgefährdeten ganzen zu beenden. Aber wenn die verantwortlichen sich ihrer ratlosigkeit bewusst werden · wenn ihnen ihre vorstellung eigener grenzenloser allmacht nun wie ein "spukgebild" vorkommt und sie in ihrer lebensangst den himmel nach einem ausweg fragen schallt höhnendes gelächter zurück. Der gott (manche glauben auch: der sprecher) sieht das schlimmste bevorstehen: „zehntausend” würden mit wahnsinn geschlagen · weitere zehntausend durch eine seuche dahingerafft werden und schliesslich werde der krieg (der wie die schon genannten strafen nicht auf göttlicher willkür beruht sondern als notwendige folge des menschlichen verbrechens an maass und grenze (also des verbrechens am über dem göttlichen stehenden fug) anzusehen ist und deshalb „heilig” genannt wird) eine um ein vielfaches höhere zahl von menschenleben kosten. Dies sind keine drohungen denn hier wird unabänderliches angekündigt. Der göttliche sprecher ist kaum mehr als ein zuschauer
Ohne das verbüssen der strafe wird keine neue zukunft möglich sein. Es kann keine rede davon sein dass die bevorstehenden katastrofen - und sei es nur scheinbar - vom Dichter herbeigeredet oder gar „mit angemaßter Sehergeste” (so allzu missverständlich Wk, 514) verhängt würden. Im übrigen trat bekanntlich alles ein: der weltkrieg der tausenden buchstäblich den verstand kostete · und im anschluss daran die Spanische Grippe die freilich noch viel mehr menschen das leben raubte als die vier kriegsjahre.
8115 Auf stiller stadt lag fern ein blutiger streif.
„Im fünfzehnten gedicht berichtet der Dichter von einer Vision, die er, wie er zu Karl Wolfskehl und jener zu mir sagte, vor 1913 auf einem Gang vor den Toren Münchens hatte. Ein blutroter Wolkenstreif zog sich über die Stadt hin, die so fern lag, dass man ihren Lärm nicht mehr vernehmen konnte. Aus dem Dunkel über dem Dichter bewegten sich Gewitterwolken gegen die Stadt, und inmitten von Donnerschlägen glaubte er, dumpfes Schreiten von Scharen, wie Klirren von Eisen, zu hören.” (M) Der im neunzehnten jahrhundert in dichtkunst und musik häufig aufgegriffene mythos vom wotansheer oder der wilden jagd dürfte diese „Vision” wol angeregt haben. Genau wie im mythos ist auch im gedicht das unheimliche geschehen mit einem nächtlichen unwetter verbunden. Vor allem schwankt seine bedeutung zwischen gut und böse. Im gedicht klingt der „helle ruf” daher „jubelnd drohend” und erzeugt im lyrischen ich „wut und kraft / Und schauer”. Die anschliessende frage ob das geheimnisvolle ereignis als „der lezte / Aufruhr der götter über diesem land” anzusehen sei ist ihrerseits zweideutig: werden sie sich also anschliessend ganz von Deutschland abwenden oder werden sie nach dem unheil das ihr auftritt - jedenfalls der des wotansheeres - ja ankündigt in einer besseren zukunft keinen anlass zu zürnen mehr haben? Die nähe zum vorigen gedicht ist offenkundig.
8116 Schweigt mir vom Höchsten Gut: eh ihr entsühnt
8 tenne : im landwirtschaftlichen anwesen wird hier das korn gedroschen - also von der spreu befreit. Der dreschplatz bestand ursprünglich aus gestampftem lehm oder holzdielen. Am haltbarsten war dann eine gepflasterte tenne. Die arbeit wurde im herbst und winter ausgeführt. Meist lag die tenne daher zwischen den wohn- und wirtschaftsgebäuden. Der begriff steht in enger beziehung zu der davor genannten „scholle”: der gepflügte acker lässt an die aussaat · die tenne an die ernte denken. So ist der ganze kreislauf des bäuerlichen lebens in nur zwei bildhaften begriffen zur darstellung gebracht.
Das „Höchste Gut” meint hier (nach ansicht vieler) gott. Aber sobald die selbst nicht entsühnten zeitgenossen sich über ihn äussern - M sagt sogar: wenn sie gottes macht preisen - machen sie ihn so niedrig wie sie selbst denken und sind: zu einem schwächlichen schatten. M bestimmt das „Höchste Gut” als „alles für den menschlichen (und damit meint er eigentlich: männlichen) Geist Unergründbare” und zählt somit auch die im gedicht mit gott in eine reihe gestellte frau - hinsichtlich ihrer „gebärenden Funktion” (obwol das gedicht genau genommen von der empfangenden spricht) - und das an dritter stelle genannte „Volk als Träger lebendiger Kraft” dazu. Woltuend ist dass wenigstens Ockenden das naheliegendste in erwägung zieht: dass „Höchstes Gut” eine „Lebensweise, die auf einem religiösen Fundament aufgebaut sein will” bezeichnet oder „im klassischen Sinne als höchstes Ziel der Menschheit” zu verstehen sei - oder kurz als „Ideal” wie es Gundolf gesehen habe (KG, 370). In diesem sinne handeln also nur die beiden ersten verse vom höchsten gut. Zwei punkte trennen sie deutlich ab vom dritten in dem allein es um gott geht und den Ockenden „als Umschreibung des alten Wortes: Wie einer ist, so auch sein Gott” versteht (KG, 371, mit hinweis auf EL, 103). Das wirft nun das richtige Licht auf die beiden eingangsverse: von der idealen lebensführung oder dem telos des menschlichen lebens sollen die nicht sprechen die selbst niedrig sind. Nicht viele germanisten liest man - wenn es um George geht - mit regelmässig so sicherem gewinn wie Ray Ockenden . . und geniesst dabei sogar noch eine in diesem fachbereich kaum mehr für möglich gehaltene skandalös uneitle sprache. Sie kommt ganz ohne die modischen affigkeiten aus mit denen sonstige germanisten sich gemeinhin ausweisen und einander zu übertrumpfen bemühen.
Auch über frau und volk zu urteilen billigt das gedicht den zeitgenossen nicht zu. Denn sie wüssten nichts vom „fug von scholle und gesteinter tenne” - dem eingebettetsein der körperlich arbeitenden in ihr natürliches und kulturelles umfeld. Die tenne - erst recht die „gesteinte” - als eine „der frühsten Erfindungen des menschlichen Geistes zur Nutzbarmachung der Frucht der Erde” ist also schon als dem geist zugehörig anzusehen. Der „rechte mit- und auf- und unterstieg” lässt Ockenden an das vom lauf der sonne geprägte leben des landmanns denken (KG, 375) · M hingegen an das verhältnis „zwischen Naturkraft und Geisteskraft” die „im Goldenen Zeitalter unlöslich miteinander vereint waren, deren Verbindungsfäden (die „zersplissnen goldnen fäden” des gedichts) heute aber zerfasert sind und erst neu geknüpft und verknüpft werden müssen” (und hierbei fühlt sich M an 7207 erinnert). Jedenfalls liefert das nie wirklich untergegangene goldene zeitalter mit seiner gesellschaftlichen harmonie George den hintergrund vor dem er die verurteilung der seit dem zwanzigsten jahrhundert nicht mehr dauerhaft zu ordnenden verhältnisse mit ihrer zerstrittenheit und ihren unlösbaren konflikten vornimmt - oder mit anderen worten: die verurteilung der üblicherweise als fortschritt missverstandenen gesellschaftlichen entwicklung. Und insofern den fortschrittsgläubigen zeitgenossen das goldene zeitalter eben nicht vor augen steht wird ihnen jegliche ahnung abgesprochen. Ockenden sieht bei den goldfäden übrigens keinen zusammenhang mit dem goldenen zeitalter und denkt stattdessen „trotz ihrer Mehrzahl” an den faden der Ariadne: „Dieser von redlichen, ordnungsbewussten Menschen (Ockenden meint die landbevölkerung) stets neu geknüpfte Faden könnte die geplagten Zeitgenossen (Ockenden meint das städtische bürgertum) aus dem Labyrinth der Moderne, vor der Gier des materialistischen Minotaurus retten.” (KG, 375).
Blindheit wird lezteren in ähnlicher weise zugeschrieben wenn der blick auf die frau fällt. Denn „all dies” sieht dieser personenkreis nicht: dass sie „in lust erstöhnen muss” obwol der geschlechtsakt von ihr doch als schmerzhaft und geradezu wie eine niederlage gegen den „stärkeren” empfunden wird. Natürlich muss nicht die einzelne frau erstöhnen. Sie „muss” auch nicht alles für ein bisschen lust in kauf nehmen weil George sie womöglich nicht anders als triebgesteuert sehen will. George denkt vielmehr vom fug her der den arterhalt fordert. „Die” frau „muss” in schmerz und lust erstöhnen da nur der geschlechtsakt „fruchtbar” ist. Ockenden spricht von Georges „Beharren auf dem Fundamentalen” (KG, 372. Auf das nachgeschobene „back to basics” hätte er freilich verzichten können). Weil ihnen dieser nüchterne - man möchte fast sagen: auf höherer ebene naturalistische - blick fehlt · damit aber auch die einfühlsame anteilnahme und schliesslich die echte wertschätzung des „weibes” würde George die verlogenen zeitgenossen mit all ihren romantisierenden liebesgeschichten die alles „schmerzenvolle” nicht wahrhaben wollen (und bei „lust” und gar „prall” rot anlaufen) am liebsten zum schweigen verurteilen.
Ob frau und volk wirklich - wie M glaubt - zum „höchsten gut” gezählt werden sollen ist doch wol als fraglich zu bezeichnen. Georges vielfach belegter respekt vor dem volk - das er sich freilich immer noch als volk von bauern und winzern vorstellt - spricht aber zweifellos aus diesen versen · so wie die opferbereitschaft die der frau zugesprochen wird und für George ja eine besonders geschäzte tugend darstellte. Das ändert nichts daran dass sie bei ihrem erscheinen gegen die kirche des in 8113 entlarvten götzen oder eines „instrumentalisierbaren” (KG, 371) gottes gerichtet waren - der nur noch „als Schirmherr und Garant einer materialistischen Lebensweise” (ebd.) dient - und dass sie die parteigänger der sozialdemokraten und die verteidiger der suffragetten im visier hatten · vielleicht sogar alle die George schon zu lebzeiten das heute noch übliche vorwarfen: sein abweichen von der religiösen oder auch ethischen norm und seine angeblich mangelnde wertschätzung von frau und volk (so schon David 1967, 297). Überzeugender aber sind doch Ockendens zweifel daran dass George „hier das Persönliche in den Vordergrund stellt” (KG, 369): vielmehr gehe es ihm im bemühen „um ein richtiges Verständnis der Grundprinzipien des menschlichen Lebens” darum „gängige Schlachtrufe der modernen Zeit in Frage (zu) stellen” (KG, 370). „Die Parole vom Volke, als Propagandawaffe sowohl von links wie von rechts eingesetzt, besonders in der unheilbringenden Kombination der beiden, die sich später national und sozialistisch nennen sollte, wird hier schon als Manipulation entlarvt.” (KG, 376).
8117 Einer stand auf der scharf wie blitz und stahl
8 heckt : der vorwurf lautet entweder dass alle sich in (angesichts der ernsten warnungen) leichtfertig rascher weise vermehren (so M) oder - wenn man das wort als eine von Georges üblichen verkürzungen nimmt - dass sie albernheiten und vorhaben aushecken. Beides belegt ihr nichtverstehen der genannten warnungen das im gedicht angeklagt wird.
Diese „Würdigung Nietzsche” (M) lobt dessen (die „klüfte” eher noch vertiefende) schärfe („wie stahl”) und seinen scharfsinn („wie blitz”) gleichermaassen. Der gewürdigte habe „ein Drüben hier auf der Erde” geschaffen (M) und der gesellschaft seiner zeit ihren wahnsinn so laut wie möglich bewusst zu machen versucht · dabei aber nur sich selbst so überanstrengt dass er schliesslich verstummen musste (natürlich eine anspielung auf Nietzsches tragisch langen lebensabend) und damit als „warner ging” . . während alle anderen ihr leben fortführten „als wäre nichts geschehen”. Das daraus folgende unheil wird wie in 8114 als nunmehr unabänderlich vorausgesehen. Das bild vom abwärts rollenden rad dem nun keiner mehr in die speichen greift um es zu bremsen schliesst eindrucksvoll ab. George eigentliches interesse gilt allerdings auch hier wieder der schuld der zeitgenossen.
8118 Wägt die gefahr für kostbar bild und blatt
Ob der sprecher nicht die gefahren im auge habe die der „grosse brand” - dass er bevorsteht scheint unstrittig zu sein - für die werke der bildenden kunst - vielleicht ist neben statuen und bauwerken auch an die schätze der bibliotheken gedacht - mit sich bringt · werke die er doch ebenso verehre wie die so fragenden zeitgenossen. Die antwort besteht aus einer grundsätzlichen beschwerde über die geläufige art des bewahrens im museum das hier „sammelgrab” genannt wird. Dort würden die kostbarkeiten erst recht vernichtet - wenn sie nicht schon zuvor der vergifteten luft - M sagt: dem „Gift der heutigen geistigen Zergliederung” - zum opfer fielen. Es wäre sicher falsch dem sprecher die unterschätzung der durch krieg und erdbeben verursachten risiken vorzuwerfen an die ohnehin jeder schon denkt. Ihm geht es um die nie auszuschliessende möglichkeit dass „aus noch kargern resten” - mögen sie sich also in noch schlechterem erhaltungszustand befinden als die archivierten bestände - sich doch dereinst „ein leben entzünden” könnte · dass also das nur scheinbar schon vergangene unverhofft eine neue wirkung entfaltet. Diese möglichkeit wäre vertan sobald das kunstwerk im museum sozusagen aus der welt geschafft würde: „Die art wie ihr bewahrt ist ganz verfall.”
8119 Weltabend lohte . . wieder ging der Herr
8 und Eins war not : zitat eines worts Jesu das er während eines besuchs bei Martha und Maria - den schwestern des Lazarus - in Bethanien an Martha richtete (Lukas 10,42). Die angesprochene war damit beschäftigt den besucher zu bedienen und fand es nicht gut dass Maria - scheinbar untätig - ihm lediglich zuhörte. Das aber bezeichnete Jesus als das wirklich notwendige.
Das gedicht bietet eine vorstellung Georges die sich nach dem im Lukas-evangelium berichteten einzug Jesu in Jerusalem richtet. Aber die „stadt mit tor und tempel” ist doch eine andere (wie eine chimäre aus München und Jerusalem) so wie der „Herr” nicht einfach mit dem sohn Gottes gleichzusetzen ist. Das gemeinsame ist vielmehr der untergang eines weltzeitalters - wobei Georges neutestamentlichen anklänge keine zweifel aufkommen lassen dass auch dieser untergang zugleich eine geburtsstunde sein wird. Und unschwer zu erkennen sind hinter den reichen die sich über den armen ankömmling amüsieren die zeitgenossen der vorangegangenen gedichte · die schon zu beginn der zehnergruppe den himmlischen zorn auslösten. Damals glühte purpurn was jezt loht. Der „Herr” aber bleibt kühl und erinnert stark an Ili im BRAND DES TEMPELS (924) der auch nicht hassen kann. Wie bei Ili dient auch hier die zerstörung der rettung: kein stein darf auf dem anderen bleiben wenn „das ganze” bewahrt werden soll. Beide sehen als einzige ihrer zeit genau was unter ihrer führung zu kommen hat. Beide sind unbestechlich - „nur Er sah links” heisst es deshalb über den „Herrn” den „spiel und sang” der anderen nicht ablenken können - und stehen weit über den beschränkten figuren ihrer umgebung. Ili und der „Herr” sind brüder: verkörperungen von Georges einem und einzigem gott - dem im ersten vers des EINGANG (801) verkündeten Herrn der Wende.
8120 Bangt nicht vor rissen brüchen wunden schrammen ·
6 ein stumpfes waffen : das von George verwendete mittelalterliche neutrum hat sich heute noch in dem verwandten wort „wappen” erhalten das sich aus „waffen” entwickelte. .
Vor den brüchen die eine wende zwischen zwei weltaltern mit sich bringt soll den angesprochenen nicht bange sein. Alles werde auch wieder genesen - zudem werde in allem dann ein „unmerkbar neuer hauch” leben. (Das gedicht macht bewusst dass die in der germanistik inzwischen übliche empörung über den angeblich nur sinnlos zerstörenden Ili - in 924 - weniger auf kenntnis denn auf gefühlsreflexen beruht.)
Aber wertlos wie ein leeres gehäuse · wie eine stumpfe waffe werden alle sein die sich in der blossen anpassung an die alte zeit erschöpften. Sie sind „schon genannt”: haben vielleicht titel und ränge · sind bekannt und erstarrt (und um einige von ihnen wird es in den nächsten gedichten gehen). „Kranz und krone” aber können nur dem im lezten vers so bezeichneten „Ungenannten” gebühren: also dem im ersten vers des STERN genannten Herrn der Wende der als namenloser ja ein ungenannter ist. Die nur acht gereimten verse beenden die zweite zehnergruppe mit einem radikal revolutionären bekenntnis.
8121 HELFER VON DAMALS ! RICHTTAG RÜCKT HERAN
6 himmels-manna : „Vernunft" (M). Das dürfte ein sinnvoller vorschlag sein. Gewissheit ist dass in den händen der früheren freunde die köstlichste speise - eben „himmels-manna” - zu „giftigem mohne” entwertet wird · was unterschwellig an das drogen-elend denken lassen soll.
8 rudel von verrassten hunden : nicht rassereine und daher als weniger gut veranlagt oder wertvoll angesehene hunde. Es handelt sich um eine wortneuschöpfung Georges.
Glaubt man M kommen die unvermeidlichen kosmiker auch im STERN nicht zu kurz obwohl die trennung von ihnen bei dessen erscheinen schon lange zehn jahre zurücklag. Aber auch Ute Oelmann scheint von ihnen genug zu haben und vermutet in den angesprochenen lieber „Intellektuelle wie Dessoir, Breysig, Georg und Gertrud Simmel und das Ehepaar Lepsius, von denen sich George in den Jahren der Entstehung des STERN DES BUNDES ablöste" (SW VIII, 135). Den ehemaligen freunden wird zugestanden einst helfer gewesen zu sein. Aber wenn wie bei einem gerichtstag die argumente für und gegen sie gewogen werden: dann ist es mit zuneigung und gefühlen vorbei und das band gelöst. Denn der sprecher hat sich weiterentwickelt während die freunde stehengeblieben sind. Fehlende redlichkeit der absichten - Pieger denkt an „Lebensreform und Welterneuerung” (Wk, 519) - wirft er ihnen nicht vor · auch „kraft und kunst" stehen ihnen zur verfügung. Pieger hat recht: „Was aber den Unterschied ausmacht zwischen dem jetzt gesetzten ‚Wir’ des Dichters und den Seinen und dem ‚Ihr’ der Ehemaligen lässt sich noch immer nicht leicht sagen” (ebd.). M muss das ähnlich empfunden haben weshalb er „himmels-manna” einfach mit vernunft gleichsezte weil er Georges abneigung gegen den irrationalismus der Münchner kosmiker natürlich kannte. Andererseits dürfte George die ihm zu einseitige wissenschaftsgläubigkeit der von Oelmann ins spiel gebrachten intellektuellen als die schwerer wiegende versündigung angesehen haben. Gegen sie wird die rede vom zu gift gewordenen manna wol eigentlich gerichtet sein.
Jedenfalls lässt das ergebnis ihres tuns den sprecher den denkbar härtesten vorwurf aussprechen: wie alle anderen zeitgenossen hätten auch seine einstigen freunde anteil daran dass alles auf ein „verruchtes end” zutreibt - indem nämlich eine jugend hervorgebracht werde die nicht mehr traumfähig ist. Das ist den gesichtern - „von vorzeitig Abgestumpften” (ebd.) - abzulesen. „Nur aus Traumfähigkeit, die für echte Jugend charakteristisch ist, entspringen Taten, die für die Gesamtheit wirksam sind." (M)
8122 Schwärmer aus zwang weil euch das feste drückt
2 not : notwendigkeit
Die angesprochenen werden als nicht selbstbestimmt empfunden: sie flüchten vor „dem Druck des Tatsächlichen” (M) in schwärmerei und bleiben in blossem sehnen gefangen weil sie ihre innere begrenztheit nicht abschütteln können. Der sprecher empfiehlt ihnen in der „trübe” ihrer vorstellungswelt zu verharren weil sie ansonsten sogar schuld auf sich laden könnten und die erkenntnis der lügenhaftigkeit ihres daseins sie überfordern würde. Während sie den blick kaum von ihm lösen können bedarf umgekehrt er ihrer nicht. Ihr denken oder künstlerisches handeln bedient sich bei dem was sie abzulehnen vorgeben. Die schwelle zu einem anderen leben zu überschreiten schaffen sie nicht. Sie wünschen sich in wirbelnder flut unterzugehen oder mit dem „grossen Jenseits” eins zu werden · erreichen aber nichts als in der finsternis eines ganz vulgären todes zu enden. Der „gestaltende apollinische Rausch” bleibe ihnen verschlossen (M). Zulezt werden sie ganz der lächerlichkeit preisgegeben: Ihr beschwörender ruf „brich hervor / O leuchtung lösung !" wirkt mit dem gestelzten stabreim und dem durch die wortneubildung manieriert klingenden wunsch nach erleuchtung wie die parodie eines esoterischen zauberspruchs. Es scheint kaum denkbar dass George bei diesen versen nicht die Münchner kosmiker vor augen hatte.
8123 Nun bleibt ein weg nur: es ist hohe zeit . .
In der zeit der wende wenn auch das für unerschütterlich gehaltene weich wird oder weichen muss bleibt nur noch „ein weg” - und der wird im modus des imperativs erst in den lezten zeilen genannt: nicht mehr wie die „schwärmer” des vorigen gedichts mit spekulativer metafysik und musik auf ein jenseitiges bezogen zu sein sondern sich dafür eines noch grösseren zu bedienen: des „wunderwerks der endlichkeit” · des irdischen menschen oder - wenn M recht hat - der plastischen kunst „deren Vorbild die menschliche Gestalt ist”. Dann könnte in diesem gedicht eine oder sogar die erklärung dafür gesehen werden weshalb das plastische gestalten im Kreis seit den zwanziger jahren solchen aufschwung nahm.
Dieser weg - auf den irdischen menschen zu setzen - wird jedem aus dem „stamm” gewiesen der sich erfüllt indem er - dank seiner "Traumfähigkeit" (M) an dem bild festhält das „ihm lang geschwant” · dafür sogar seinen „untergang” in kauf nähme und damit seinen „adel” beweist. Ihm entgegengesezt wird „das niedere” das nicht darauf besteht das zu vollenden worauf es angelegt ist · vielmehr sein leben wie im stadium der larve weiter fristet und sich sogar damit zufrieden gibt in dieser unvollendeten form zu sterben.
Die unsicherheit der deutungen dieses gedichts ist freilich gross - wie zulezt der aufsatz von Ludwig Lehnen zeigte (KG, 378-383).
8124 Ihr Äusserste von windumsauster klippe
3 des gott-gespenstes : anspielung auf das verbot den alttestamentlichen gott zu benennen oder bildlich darzustellen
Das gedicht spricht zwei „verkannte brüder” an: der eine blond und der andere schwarz der eine aus einem land des schnees und der klippen kommend der andere aus der hitze der wüste · beide aber gleich entfernt von dem land des heiteren meeres (worin M Italien vermutet). Diese brüder sind - weil sie beide vom ‚Äussersten’ stammen - „demselben schooss entsprungne” die sich gleichermaassen suchen und hassen: (nord)germanen und juden. „Immer schweifend” nennt George beide völker und denkt dabei sicher an die fahrten der normannen oder überhaupt die germanischen völker in der zeit der völkerwanderung · und an das jüdische leben in der diaspora oder die seinerzeit jedem bekannte sagengestalt des „wandernden juden” Ahasver.
Anlass des gedichts dürfte Ludwig Klages’ abneigung gegen juden gewesen sein die George - wie das gedicht ja gerade beweist - nicht teilte. Der blonde norddeutsche gehörte zu den Münchner kosmikern und seine einstellung war eine zu grosse belastung für den freundeskreis dem auch der jude Karl Wolfskehl angehörte - einer von Georges ältesten und engsten freunden - dessen haus ein bevorzugter treffpunkt war. George bemüht sich die gemeinsamkeiten der beiden völker bewusst zu machen und scheut dabei keine spitzfindigkeiten. Viel bruderliebe entstand dennoch nicht mehr zwischen Klages und Wolfskehl.
8125 Ihr fahrt in hitzigem tummel ohne ziel
Das gedicht spricht über die rastlosigkeit der „Nordgermanen” (M) die weder ihre innere leere ertragen noch von anderen hilfe erfahren können und deshalb in sich selbst ihren „ärgsten feind” sehen so dass sie keinen anderen ausweg als den freitod finden. M sieht auch diese verse als teil einer „antwort” auf Ludwig Klages (361). Das ist plausibel doch sollte nicht übersehen werden dass der name im gedicht so wenig fällt wie die nordgermanen genannt werden um die es George im grunde gar nicht ging.
8126 Ihr habt · fürs recken-alter nur bestimmte
Anders ist es bei diesem gedicht: die „hellhaarige schar” meint sicher jene germanen deren helden nicht mehr viel bewirkten nachdem die römer im land erschienen. Gleichwohl spricht Pieger - vielleicht weil ihn der zeitbedingt ein wenig völkisch klingende ton etwas geniert - lieber von einer „Menschenart” (Wk, 521).
Den angesprochenen bleibe nur die vermischung mit den eroberern wenn sie fortwirken wollen. Hinzu kommt der fast schon genüsslich vorgetragene hinweis auf die treulosigkeit der germanischen götter (beispiele nennt M). Das kann für den eigentlich gemeinten nicht sehr erhebend gewesen sein zumal er wusste dass der urheber der verse sich „im reich von korn und wein” beheimatet sah. Vielleicht aber tröstete er sich damit dass wenigstens sein „tierhaft kindhaft blut” gelobt wurde. Das deutet auf eine frische vitalität wenn auch nicht gerade im geistigen.
8127 Unholdenhaft nicht ganz gestalte kräfte:
Die hier so wenig schmeichelhaft beschriebenen sind - da widersprechen sich M und Pieger nicht - mit Ludwig Derleth und Alfred Schuler zwei weitere vertreter der kosmikerrunde „die Böses verkörpern” und „nicht völlig Gestalt geworden” sind (M). Noch ungünstiger fällt des sprechers urteil über die scheinbar „allweise” und „allhörige zeit” aus die jede belanglosigkeit wahr- und ernstnahm · das „unterirdisch rollen” der angesprochenen aber überhörte weshalb diese „dunkelste Verschollene” genannt werden. Der zeit wird der vorwurf gemacht eine gelegenheit versäumt zu haben die beide kosmiker boten: sie zu ihrer eigenen belebung zu nutzen. Denn in ihnen sei noch einiges von „Substanzen früherer Jahrhunderte” (M) lebendig gewesen. Dadurch blieb den kosmikern - so sieht es der sprecher - verwehrt „in das Wirkungsfeld der Zeit einbezogen” (M) zu werden. Vielmehr stürzten sie „in die Nacht zurück” und statt „zur Flamme zu werden” erloschen sie „wie Funken, die um schwelende Glut sprühen” (M).
8128 Du hast des adlers blick der froh zur sonne
7 mit seraphischem licht : die seraphim sind bei juden und christen die höchsten engel. Sie stehen am thron Gottes und leuchten als seien sie von feuer entbrannt.
Auch Ludwig Derleth - der katholik unter den kosmikern - wird als ein nicht mehr zur wirkung gekommener gesehen. Dass seine mit „erdströmen” verglichene kraft sich nicht entfalten konnte lag an dem zu eng gewordenen schooss einer kirche die der sprecher bereits als müde bezeichnet. Hingegen stellt er Derleth als einen kämpfer dar der mit den wirkmächtigsten katholiken in einem atemzug genannt · durch das wiederholte „so” mit ihnen sogar gleichgesezt wird: dem asketischen Franz von Assisi der das ärmste und niederste zu heiligen verstand · und dem charismatischen Bernhard von Clairvaux der das europäische rittertum für die idee der kreuzzüge begeisterte. Andererseits steht die anerkennung von anfang an unter vorbehalt. Denn an der fanatischen unduldsamkeit Derleths lässt George keinen zweifel. Dem christlichen „adler” sind „schlag und biss” so wenig fremd wie „strick und geissel” · „zorn und strenge” der mittelalterlichen büsser.
8129 Du hausgeist der um alte mauern wittert
10 zage füsse : lassen Pieger „an einen Knaben oder ein Sonnenkind denken” (Wk, 522)
Auch in den an Alfred Schuler gerichteten versen wird nichts verschwiegen. War seinem genie noch das grossartige zeitgedicht PORTA NIGRA (7106) gewidmet ist nun kaum mehr als spott geblieben. Schon in der ersten zeile - M bezieht die „bogen" tatsächlich auf die Porta Nigra - erinnert er an einen streunenden hund auch wenn er „hausgeist” genannt wird: mehr skurriler „Kobold” (M) als verehrungswürdiger römischer lar (als den ihn Pieger sehen möchte (Wk, 522)) zumal ihm - „nach schwängrung süchtig” dessen virilität ja gerade abgeht. Damit ist nun aber auch nicht gemeint dass er das zulezt genannte „weib Rom” verkörpere. Vielmehr ist Ms kommentar dazu bemerkenswert unmissverständlich: „Der Dichter lässt ihn nächtlich (...) kauern als Verkörperer des passiven römischen erotischen Begehrens” - und meint damit eine rolle die im antiken Rom den vornehmeren der männer jedenfalls nicht zukam - und in Augusta Treverorum von dem sich preisgebenden lustknaben ausgefüllt wird. Nach so viel ungewohnter offenheit liebenswert rührend ist dann immer Morwitz' diplomatisches bemühen: „Der Dichter glaubte, dass beide Prinzipe (das heisst also: das verachtete passive und das weit höher geschäzte aktive) nach Alter und Zeiten wechseln und zur Erhaltung lebendiger Kraft in gleicher Weise nötig sind”. Von der stolzen überlegenheit die Manlius auszeichnet und in 7106 auch seinen neuzeitlichen wiederkehrer ehren sollte ist Schuler in 8129 aber nichts mehr geblieben. Wie er hier „alte mauern” beschnuppert und sich begierig hinkauert um endlich genommen zu werden gleicht er mehr einem läufigen strassenköter. Der „hausgeist” ist bestenfalls ein ausgerissener haussklave.
Natürlich wird nicht unter den tisch gekehrt was Schuler immer wieder hoch angerechnet wurde: dass er bei seinen vorträgen über die römnische antike alle in seinen bann zu ziehen wusste wenn die blosse berührung der scherbe einer schale oder urne genügte um die anwesenden „fast körperhaft” empfinden zu lassen was Schuler sich vorstellte: beispielsweise den prunkvollen raum einer spätrömischen orgie mit blumengirlanden an goldenen säulen und mit purpurnen stoffen und kissen auf liegegestellen · daneben eiserne becken in denen glühende kohle duftöle drogen oder harze zum schmelzen brachte (sie sind schon aus 106 und 215 bekannt). Dies alles gipfelt schliesslich in der vorstellung jüngerer leiber die mit älteren „in allen formen der umarmung” verstrickt waren. Doch kaum wird es tag: da erweisen sich alle figuren als blosse „schatten” und der ganze „spuk” verblasst. Es waren die „üppig wirren prächte / Des weibes Rom” - „das der Dichter als Hure sieht” (M) um deren gunst sich die könige zu allen zeiten bemühen. Gemeint sind die in geschichtsschreibung und dichtung gegenwärtigen (daher das präsens) herrscher jeder art und besonders die mittelalterlichen deutschen könige die Rom immer wieder unterwerfen oder jedenfalls bestechen mussten bevor ihnen die von den päpsten verliehene kaiserkrone sicher war. Das war mit glanz verbunden und blutete doch - wie bereits ROM-FAHRER (6215) zeigte - alle kräfte aus.
8130 Fragbar ward Alles da das Eine floh:
Nach der den „helfern von damals” zu- und damit rückwärtsgewandten lezten gruppe soll nun deren zehntes gedicht mit zweimal vier versen die je einen umarmenden reim bilden den blick in die andere richtung drehen · wurde der STERN doch schon im EINGANG unter das zeichen des Herrn der Wende gestellt. Und wie im ersten eingangsgedicht (801) und den um Maximin kreisenden zyklen lässt sich die traumatische erinnerung an die krise nicht ausblenden · kann aber nun schon in zunehmender abstraktion vorgetragen werden. Dabei entsteht das bild einer vollständigen auflösung die schuldhaft verursacht wurde: durch die entbindung des „geists” aus allen beschränkungen - die den menschen wie das einengende geschirr eines zugtieres vorkamen - wodurch die „seele” zum objekt leichtfertigen spiels werden konnte.
Zu beginn der VORREDE war das sinnstiftende und nun verlorene „Eine” noch benannt worden als der „untergang des Heiligtumes” (T09) festgestellt wurde. Die majuskeln lassen die verwandtschaft beider begriffe erkennen. Für das dadurch entstandene gefühl innerer leere und damit der sinnlosigkeit steht nun das bild des dreschens von leerem stroh. Indem die sich dieses übels ihrer zeit immerhin schon bewusst gewordenen „helfer von damals” doch nur schatten hervorbrachten erwies sich dass sie die leere noch nicht füllen konnten. „Nun” aber ist es zeit die niedergeschlagenheit zu überwinden - „löst” ist als imperativ aufzufassen - denn „Tat” und „Bild” werden wieder möglich sein. Dass dafür der in Maximin in erscheinung getretene Herr der Wende verantwortlich ist wird nicht wiederholt. Doch ist die dadurch entstandene leerstelle des gedichts - genau in der mitte zwischen den beiden reimgebilden - vielleicht sogar wirkungsvoller.