Georges avantgardismus kann ein blick auf den Palazzo dei Congressi in Rom (im für die weltausstellung von 1942 entstandenen viertel EUR) bewusstmachen. Adalberto Libera entwarf das gebäude ein vierteljahrhundert später als George den STERN DES BUNDES und das zehnte gedicht des ERSTEN BUCHS: Ich bin der Eine und bin Beide (8110). Auch scheinbar ohne viel tiefe graben sich doch beide ins gedächtnis: gedicht wie palast.

8  DER STERN DES BUNDES

80  EINGANG 801-9 
81  ERSTES BUCH 8101-30 
82  ZWEITES BUCH 8201-30
83  DRITTES BUCH 8301-30
84  SCHLUSSCHOR

erschien ende 1913 in zehn exemplaren und im januar 1914 folgte die öffentliche ausgabe. Poetischer hätte der ursprünglich vorgesehene titel LIEDER AN DIE HEILIGE SCHAR geklungen. Viele halten es für selbstverständlich bei der endgültigen bezeichnung nur an Maximin zu denken. Dabei ist es kaum weniger naheliegend dass das buch selbst als leitstern gedacht war. Es wird oft sogar als das gesetzbuch des Staates bezeichnet wie der Kreis seit den zwanziger-jahren von den meisten beteiligten genannt wurde. Das wäre irreführend wenn es an zwang und strafe erinnert. Allerdings ist der neue gedichtband nüchtern schmuck- und meist reimlos kalt und jedenfalls lehrhaft gehalten und vom JAHR DER SEELE oder erst recht von den HYMNEN weit entfernt. Viele mögen dieses buch nicht besonders aber für die jungen der zwanziger-jahre wie Victor Frank und die brüder Stauffenberg war es ein Heiliges. Es blieb von seinem erscheinen vor kriegsausbruch bis 1928 das aktuellste buch Georges. Die tausend verse bilden hundert gedichte die in drei Büchern zu je dreissig dargeboten werden. Davor finden sich neun im EINGANG und der SCHLUSSCHOR bildet als hundertstes gedicht den höhepunkt. Die dreissig gedichte jedes buches bilden drei zehnergruppen deren erstes gedicht jeweils mit einer in versalien gesezten zeile beginnen während sich jedes zehnte - also lezte - gedicht der gruppe reimt.

80 EINGANG 801-9

Die neun gedichte entstanden wol spätestens 1910.

801 DU STETS NOCH ANFANG UNS UND END UND MITTE

„Herr der Wende” ist Maximin oder vielleicht der gott als dessen verkörperung er bisweilen gesehen wird. Der preis jedenfalls gilt seinem irdischen leben („unser preis auf deine bahn hienieden”) und der sprecher hofft dass dieser preis bis zu seinem stern hinaufdringe. So dürfte sich der buchtitel mindestens auch auf Maximin beziehen. 

Die anrede des gepriesenen als anfang mitte und ende entspricht - dies wird jedenfalls gern festgestellt - einer ähnlichen formulierung aus der Offenbarung des Johannes („Alpha und Omega”) wo sie die allumfassende bedeutung des gottes unterstreicht (zahlreiche weitere antike fundstellen bei Bruno Pieger in Wk 2017, 486 erste anmerkung). Dann wird es kein zufall sein dass George ähnlich klingen möchte wie der neutestamentliche profet aus der zeit der zerstörung des Jerusalemer tempels (vergleiche vers fünf). Allerdings empfindet Pieger diese anrede geradezu als rücknahme der vergöttlichung zumindest im christlichen sinn: was anfang und ende hat ist göttlich allenfalls für ein zeitalter. Auch hinter der merkwürdigen verbindung „stets noch” mag ein hinweis auf die abkehr von einer christlichen gottesvorstellung stecken. 

Wie gewohnt beginnt die geschichte von Maximin mit einer darstellung der krise und mündet in die bekannte licht-metaforik. Die krise ist hier nur noch die der zeit - alles persönliche bleibt nunmehr ungenannt. Stattdessen wird das aus 6215 bekannte „fiebern der väter” genannt dem das eigene „andre fiebern” gegenübergestellt wird: der traum von den doch unerreichbaren thronen der griechischen götter („unerreichbar” nicht mehr weil sie so weit oben stehen sondern weil sie eben der vergangenheit angehören). Beide fieber aber sind „sucht der ferne” und schwächen nur (der begriff „blut” wird hier noch dichterisch für den sitz der menschlichen kräfte verwendet).

Es kommt ja darauf an Maximin über seine eigene wende vom menschen zum gott hinaus als herrn einer wende zwischen zwei weltaltern ins gedächtnis zu rufen als den ihn George von anfang an eingeführt hatte (also in den ersten abschnitten der VORREDE T09). Offenbar ist es dieser revolutionäre zug den George ihm hier mehr denn je zuschreibt und kein zufall wenn Böhringer gerade Victor Frank die neue bezeichnung aufgreifen lässt (EA 1965, 37) - Frank der mindestens so sehr wie seine freunde - die Stauffenbergs - politisch interessiert war und die wende herbeisehnte wie ein beträchtlicher teil der jugend zwanzig jahre zuvor beim erscheinen des STERNs. Da lag der jugendtag auf dem Hohen Meissner erst einige monate zurück und gerade im Wandervogel wurde der STERN populär. Als „Herr der Wende” konnte der in die jahre kommende Maximin noch einmal einige strahlkraft erlangen - auch wenn sich sein wirken im grunde doch auf seine blosse existenz beschränkt: genug für einen geliebten aber zu wenig für eine führergestalt. 

Alles andere wandelt die aus dem zweiten abschnitt von T09 bekannte begegnung am Siegestor nur ab hinterlässt aber einen noch wuchtigeren eindruck.

802 Der du uns aus der qual der zweiheit löstest

3 Rausch und Helle : üblicherweise aufgefasst als anwendung der vorstellung Nietzsches von einem dunklen dionysischen und einem hellen apollinischen wesenszug der kunst. Grossbuchstaben wegen des bezug zum Göttlichen.

10 Zu dem ein Himmlischer sich niederliess : Silene (oder Diana) die nachts den schlafenden Endymion besuchte wäre freilich eine weibliche „Himmlische”. M erzählt George habe ein bestimmtes „Endymion-Relief im Lateran” gekannt und geschäzt (das sich zur zeit Georges tatsächlich im damaligen Lateranmuseum befand - unter der bezeichnung „Diana und Endymion”. Römische särge wurden verständlicherweise gern mit einer darstellung des schlafenden Endymion geschmückt. Entweder hat George - vielleicht aus metrischen gründen - das masculinum als beide geschlechter umfassend verstanden oder er hat sich ganz bewusst zu einer änderung entschieden. Einerseits gab es keinerlei veranlassung sich an den bekannten mythos halten zu müssen - Endymion wird ja namentlich nicht einmal erwähnt - und zum anderen könnte er selbst der „Himmlische” sein der in der „kommunion” mit Maximin - von der schon im fünften abschnitt der VORREDE T09 die rede war - gedichte gebiert so wie Diana-Silene die töchter von Endymion).

11 mit palmen und mit rosen : ruft das bild wach wie Jesus in Jerusalem als Messias begrüsst wird und erinnert zugleich an den engel im ersten gedicht des VORSPIELS 6101. Auch Maximilian wurde von George bei v. Heiselers maskenfest mit blumen geschmückt (mit einem roten nelkenkranz allerdings).

Auch hier ist der in Maximin sich verkörpernde („fleischgewordene”) gott mitgemeint. Maximin werden züge von drei jünglingen verliehen die zu den schönsten der griechischen sage gehören: Ganymed den sich Zeus auf den Olymp holte (hier ähnelt er dem Goetheschen Ganymed) und zum sternbild (des wassermanns) machte · Hermaphroditos der die namen beider eltern trug und mann und frau zugleich wurde nachdem er nackt in einen teich („frühlingswelle”) gestiegen war · Endymion dem Zeus ewige jugend verlieh indem er ihn in andauernden schlaf versezte (was ihn nicht hinderte mit Silene die den immer anziehend bleibenden nachts besuchte über fünfzig kinder zu zeugen). Jeder für sich vermochte eine grenze zu überschreiten: des raums des geschlechts und der zeit. Maximin aber ist nicht die schönheit eines bestimmten menschen zu eigen sondern die des menschen schlechthin - die sich in ihm mit der göttlichen vereint. Das ist seine „doppel-schöne”. Die fähigkeit zur verschmelzung vermochte Maximin auch zu spenden: menschen die bisher unter der „qual der zweiheit” litten insofern sie in ihrer begrenztheit bestimmt sind durch das was sie vermögen und das was sie nicht vermögen. Durch seine anwesenheit vermochte Maximin ein ekstatisches hochgefühl zu verleihen das diese zweiheit vergessen liess. Hier reicht er sogar heran an die qualität eines monotheistischen gottes der allumfassend ist und ausser dem es nichts gibt. 

Andernorts wird eher der eindruck erweckt dass seine göttlichkeit sofort erkannt wurde (etwa in 7401). Dem scheint der lezte satz zu widersprechen. Offensichtlich hat George eine systematische gottesvorstellung gar nicht angestrebt sondern in den Maximin-gedichten wechselnde vorstellungen gestaltet. 

803 Ihr wisst nicht wer ich bin . .  nur dies vernehmt:

8 von veilchenfarbenen von todesblumen : eine form der verkürzung die die erste nennung von „blumen” einspart und zugleich offen lässt ob eine konjunktion wie „und” oder „also” eingefügt werden könnte. So entsteht ein unterschied zu der banalen eindeutigkeit der alltagssprache. M ist sich sicher dass mit den todesblumen blaue anemonen gemeint seien. Allerdings waren früher veilchenkränze beliebt und Maximilian selbst trug einen bei einer feier zum erscheinen der siebenten folge der BfdK (Wolters 1930, 316) - und war wenige tage danach tot. Maximin mag mit den veilchen von den angesprochenen treue eingefordert haben. Doch könnte gefragt werden ob „veilchenfarbene” tatsächlich für „veilchen” stehen kann und ob hier nicht zweierlei blumen gemeint sind. „Todesblumen” sind eigentlich chrysanthemen. 

9 Und tragt die reine flamme vor : M verweist auf den entsprechenden römischen brauch „bei jeder sakralen Feier”.

11 Schon ward ich was ich will : bemerkenswert ist Ms hinweis dass im griechischen mythos auch die nach ihrem vorzeitigen tod ebenfalls entrückten heroen Herakles und Achill über die möglichkeit verfügten ihr eigenes schicksal selbst zu wählen. 

Dieser widerspruch ist folge der unsicherheit über Maximins eigentliches wesen - und der bestätigt sie hier klar. Er spricht zu einem zeitpunkt an dem ihm sein tod bereits vor augen steht der ihn aber als wandel bloss seiner „form” nicht beunruhigt zumal er auch noch selbst „gewählt” und nicht aufgezwungen ist. Es scheint als wende Maximin sich - lebewol sagend - an den Kreis (was den eindruck seiner zugehörigkeit erweckt obwol er doch kaum einem mitglied je begegnet war) wenn er versichert dass er sein „wesen” nicht verändern zugleich aber auch „nie wie ihr” sein werde wenn er nun sein irdisches handeln in „wort und tat” aufgebe das kaum erst begonnen war und ihn erst richtig zum menschen gemacht hätte. Aus allem soll seine göttlichkeit unbestreitbar hervorgehen. Da kein anlass besteht einen solchen tod nicht anzunehmen sollen die freunde sich auf den trauerritus ruhig schon vorbereiten. Mit unerschütterlicher selbstgewissheit verweist der nun schon auf die „andre bahn” wechselnde auf seine abschiedsgabe die kein gewöhnlicher sterblicher hätte spenden können: „mut und kraft” und jene glut „tief in euren seelen” (die alle doch in wahrheit ausweis der Georgeschen lyrik sind an der nun aber wie schon mehrmals gezeigt Maximin für immer beteiligt ist). Vor allem sei jedoch an die dankbarkeit erinnert die George in den ersten abschnitten der VORREDE T09 als boden des ganzen kults erscheinen liess.

In die unsicherheit über Maximins wesen versucht M etwas licht zu bringen. Maximin sei unbewusst zur „Inkarnation des Gottes” geworden mit dem sich nun wieder zu vereinen er sich hier bemühe. 

804 Der strom geht hoch . .  da folgt dies wilde herz

7f. : Pieger zieht das heute in mode gekommene ritzen in betracht (Wk, 492f.). Aber für derlei unwürdige torheiten ist bei George eigentlich kein platz. Sich zu ritzen hat noch keinem jemals „rat” beschert. Und das wasser in dem sich die blutstropfen dann auflösen würden ist nicht „fülle”. Selbst bei hochwasser bleibt es doch gerade das gegenteil: wilde ödnis. 

Als inkarnation ist Maximin auch hier zu verstehen. Sein „erdenleib” ist das „enge heiligtum” für den gott und so schmal und schlank dass ein arm genügt um ihn zu umfassen. Er ist aber stark genug um den sprecher dessen gedanken gern zu den sternen gehen würden zu „bannen”: das tut ihm durchaus gut denn er als mensch hat sich auf den erdentag zu beschränken (in 7407 hatte Maximin diesen erdentag mit einer klar umrissenen aufgabe gefüllt). So ist er nun sich selbst nicht mehr fremd: er spricht in der ersten person während er vor dem auftauchen Maximins - in den ersten acht zeilen - von sich wie von einem anderen in der dritten person sprach. 

Da fühlte er - eigentlich ein „wildes herz” - sich wie gelähmt. Der brand in ihm - das erbe nicht von tausend jahren sondern von jahrtausenden - entzündete keinen. Wie schon in anderen gedichten ist der blick in den spiegel eines gewässers auch hier der ausdruck der ratlosigkeit und der suche nach orientierung. Aber die sich verlaufenden wellen des hochwasser führenden stromes erinnerten ihn an die vielen menschen die er nicht länger bei sich halten konnte (nicht die erste anspielung auf die vor kurzem erfolgte trennung von den Münchner kosmikern) und an jene die für ihn schon früher verloren gingen. Nun glaubte er nicht mehr an besserung noch zu lebzeiten (also vor dem verlust seiner lezten tropfen bluts die sich in der „endlos lauten fülle” verlieren als die ihm die welt vorkam) . .  So stand es um ihn als Maximin erschien ihn „ergriff” und sich als ein wahrer „herr der wende” erwies. 

805 War wieder zeiten-fülle? Welche glut 

2 : der vers ist einem gedicht Maximins entnommen: „Sonnenaufgang” (abgedruckt zulezt bei Gremm 2023, 329).

Hier wird gezeigt dass die erwartung einer zeitenwende (nachdem die aktuelle zeit als „gefüllt” empfunden wird) also des anbruchs einer neuen zeit in den monaten vor dem erscheinen Maximins die stimmung im Schwabinger kosmikerkreis (von dem sich George dann aber trennte) ausmachte. Die ankunft der gottheit mit der das neue zeitalter beginnen sollte wurde - wie aus den lezten versen hervorgeht - in der art von gebeten beschworen. Es ist leicht zu erkennen dass die kosmiker eher nachtaktiv waren. Die mehrzahl der verse ist dem geschehen der nacht gewidmet in der zulezt ein bestimmt dionysischer „geist” die feiernden in den rausch der dunkleren art versezte. Die „schemen” die dann vom um so helleren mittagslicht geblendet werden sind vielleicht nicht wie M angibt (und dabei sicher an Schuler denkt) „Träger von Substanzen vergangener Zeiten” sondern lediglich übernächtigte die „halt” suchten. Es war George der ihn mit Maximin präsentieren wollte: als einen erfolg wie er ihnen nicht beschieden war. 

806 Schon war der raum gefüllt mit stolzen schatten

5 auf metallnen glänzen : nicht verb sondern plural des substantivs „glanz”

Alfred Schuler war damals überzeugt als wiedergeburt eines römers auf die welt gekommen zu sein (vergleiche das ihm gewidmete zeitgedicht 7106). Die vorstellung wirkte ansteckend und so gab es bei den abendlichen treffen der kosmiker - dann „séancen” genannt - versuche mit den vorfahren in berührung zu kommen. Die aber blieben allenfalls „stolze schatten” nicht nur „edler holder” originale der antike sondern neben ihnen auch „urnächtig früher” germanen vielleicht · alle unfähig sich zu „verdichten”. Die doppelten und dreifachen punkte sind vielsagend: es ist hier eindeutig dass George solche fruchtlosen (angedeutet durch den kreis) schattenspiele immer „bleicher” werdender zittriger gestalten nur noch als quälend empfand und sich statt „nebliger dünste” echte „formen” wünschte. Aus der dionysischen „purpurwelle” sollen (das verb steht im imperativ) „silberfüsse” auftauchen: der dreifuss ist ein attribut Apolls (mit dem deshalb auch gern die Pythia dargestellt wurde) und das bekenntnis zu Apoll eine absage an die kosmiker. 

807 Ergeben steh ich vor des rätsels macht

1 ergeben : demütig · in hingebungsvoller ehrerbietung

4 versehrt : verlezt. Maximin starb also bevor ihm sein irdisches handeln enttäuschungen und verletzungen einbringen konnte. 

Wie ein zweiter erlöser wirkt Maximin dessen tod als opfertod erscheint. Alle im Kreis sollen darauf verzichten durch fragen und deutungen alles über ihn herausfinden und die drei „rätsel” Maximins lösen zu wollen. Diese „ergebenheit” ist eine frage des respekts vor dem heiligen und der sprecher lebt sie den anderen gleich zu beginn vor. Vielleicht aber spricht er doch eher mit sich selbst · als einem der sich immer noch martert mit den quälenden fragen die sich wieder und wieder um den nie verstandenen tod des geliebten jungen drehen der ihm so unwiederbringlich entronnen war wie der einzige andere ebenbürtige: Hofmannsthal. 

Hinzu kommt die überzeugung dass die lezten antworten ohnehin „in ewiger nacht” bleiben („ewiger” wird durch die senkungsspaltung noch eigens verlangsamt und die in den zwei schlusspunkten angedeutete schweigeminute verstärkt den ernsten eindruck) und die drei fragen offen bleiben müssen: nach der beziehung zwischen dem sprecher und Maximin · nach der durch dessen „gesetz” bestimmten notwendigkeit seines selbstopfers das er trotz seines lächelns als schmerzvoll empfindet - „erdverliebt” nennt Pieger ihn deshalb (Wk, 497) - und schliesslich nach der erlösenden wirkung dieser hingabe in der er - erneut „seinem gesetz” gemäss (was ihn zu einem christusgleichen wesen macht) - seine „erfüllung” findet. Ihn als „Retter” also salvator oder erlöser zu preisen ist um so mehr geboten und gleich das nächste gedicht soll diese forderung einlösen. 

Erneut wird also die dankbarkeit beschworen die darin begründet liegt dass der sprecher sich schon „verfallen” wähnte und dann durch Maximin noch einmal „neu gedieh”. Dass er dem Kreis noch zur verfügung steht ist demnach allein Maximin zu verdanken - und insofern fühlt er sich als dessen kind obwol er ihn - den fragenden und lernenden Maximilian · den erst durch Georges dichtung geschaffenen Maximin - doch wie beziehungsweise als sein eigenes kind ansah. Aber der gedanke der gegenseitigen kindschaft findet sich schon - M zeigt es - bei dem barocken mystiker Angelus Silesius (und in 7419). 

808 Nun wachs ich mit dir rückwärts in die jahre

2 in heimlicherem bund : bezugnahme auf den „andren bund” in 7419

Nie war Maximin wirkungsmächtiger als in diesem gedicht. Angesprochen wird eigentlich der „geist” dessen verkörperung er war und den der sprecher „rückwärts” blickend in vielem zu erkennen glaubt das ihm aus der geschichte vertraut ist · seien es die fehden des mittelalters oder die entdeckungsfahrten der frühen neuzeit (oder die im gegensatz zu den ritterlichen fehden gewaltigen italienreisen und kreuzzüge der kaiser) · auch kunstwerke werden gemeint sein. Sogar in den „wahrsagungen” Hölderlins (von denen schon in T085 die rede war und die hier „seher-spruch” genannt werden) sieht der sprecher hier freilich noch „verhüllte” offenbarungen dieses geistes. 

Die verse sieben und acht dürften sich auf Deutschland und seinen „stolzen nachbarn” Frankreich beziehen der 1871 ja besiegt worden war. In diesem Deutschland sieht der sprecher den geist in abständen eingreifend wirksam. Feuer („ein zuckend lohen”) und wasser („eine goldne flut”) sind bilder seiner macht. Das ist der Herr der Wende: er kann zerstörerisch erscheinen und wirkt doch immer fruchtbringend. Man denkt wieder einmal an den BRAND DES TEMPELS 924 - und Pieger spricht von „Georges Phänomenologie des Geistes” (Wk, 498). 

Für die zukunft ist noch mehr zu erwarten: wenn der geist sich neu gebiert und damit wieder körperlich in erscheinung tritt ohne des verhüllenden schleiers noch zu bedürfen wird er als „herz” des Kreises schlagen weil er - das geht nicht so weit darüber hinaus wie es klingt - eben der geist der wahren jugend Deutschlands ist: und diese „heilige jugend” ist ja nichts anderes als die „heilige Schar” des ursprünglichen buchtitels oder eben die „runde” (nichts hätte George ferner gelegen als alle jungen deutschen in bausch und bogen für heilig zu erklären). Dann entfällt jeder unterschied zwischen blossem „hoffen” und sicherer „gewähr”. Der geist funktioniert wie ein mahdi. Er lässt erwartungsvoll in die zukunft blicken · sicherer aber ist immer die tröstende wirkung auf die nach plötzlichem verlust zurückbleibenden. Der Kreis stand freilich dem kaiser im Kyffhäuser näher. 

809 Wer ist dein gott? All meines traums begehr ·

2 hehr : edel und uneigennützig

14 neue mitte : im unterschied zu der "mitte" etwa in 7714.

Von dem urbild „das in den vielen menschlichen gestalten (...) zeit- und näherungsweise eine verkörperung findet” ist auch in T106 die rede. Dort werden Dantes Beatrice und Shakespeares W. H. als verkörperungen ins spiel gebracht. Natürlich ist jede verkörperung platonischer tradition folgend nur „näherungsweise”. Als der dem urbild - „meinem”: dem urbild wie der sprecher es sich vorstellt (also „schön und hehr”) - am nächsten kommende · dessen verkörperung er immer schon „begehrt” hat und schliesslich in „reinst” möglicher gestalt erblickte (das präteritum „fand” verweist auf das zurückliegende erlebnis) wird hier nun (das ist auch wenn die namensnennung fehlt keine gewagte spekulation) Maximin gesehen der damit seinen platz neben den längst legendär gewordenen idealgestalten Dantes und Shakespeares einnehmen kann. Er wird als „Er” und damit als der bezeichnet in dem der sprecher seinen „Gott” erkennt. 

Dessen urbild verdankt sich nicht geschmack oder willkür sondern der „gewalt” der sexualität des sprechers · verleiht dem („dem einen” ist der sprecher selbst) aber „wert und grösse” (bewirkt also nicht etwa schande) und ist in ihm „quelle” und „brand” wie der angesprochene des vorigen gedichts ein „lohen” entzünden und eine „flut” verursachen konnte - dort aber im grossen. Wie dieser gott auch hier seinen wirkungskreis erweitert nachdem er zuerst nur den sprecher befreite und stärkte schildern die anschliessenden verse acht bis zehn: „Durch jede ader” meint wol nicht mehr nur die adern des sprechers. Die erneuerung des alten wurde bereits im vorigen gedicht dargestellt. 

Der erst nur „mein Gott” war ist damit „der gott” geworden. Zu seiner zeugung - das liegt weit zurück - mag es der sterne bedurft haben. Die patent-rechte für ihn liegen bei George (der schon den novizen im WEIHESPIEL S3 verkünden liess dass götter von menschen geschaffen sind). Seine geburt als "der Gott" aber ist erneut nicht möglich ohne menschen: sie ist das werk der „neuen mitte” · der „runde” zu deren „herz” er schliesslich wird (vergleiche 808). Damit hat dieser EINGANG zum eigentlichen thema des buchs hingeführt. 

81  ERSTES BUCH 8101-30

Die zweite zehnergruppe befasst sich mit der zeitgenössischen gesellschaft und knüpft insofern an die ZEITGEDICHTE (71) an. Nun aber wird den feststellungen insofern noch mehr gewicht verliehen als der Dichter zuvor - in der ersten zehnergruppe - seinen anspruch begründet viel mehr als nur eine unter vielen meinungen kundzutun. Mit früheren freunden sezt sich George in der dritten zehnergruppe auseinander. 

8101 DA DEIN GEWITTER O DONNRER DIE WOLKEN ZERREISST

Das gedicht findet sich 1910 in den BfdK und spielt auch gleich auf die krisenhaften vorkriegsjahre an. Ist es in solchen zeiten zulässig sich um schöne „klänge” zu bemühen - sich also der dichtung zu widmen? Der gott erwidert dass mit harfe und leier gleich ob die zeit nun steigt oder stürzt nicht nur sein willen verkündet wird sondern auch alles was ohnehin als „unwandelbar” gilt. Und etwas mehr wie im vertrauen fügt er hinzu: jedem neugeborenen fürsten müsse schon in der wiege „ein heldengesang” zu ohren kommen. M ergänzt dass ähnliches schon von Hesiod überliefert sei und die antike daran glaubte dass die geburt der grössten  - wie Alexander oder Augustus - von der dichtkunst vorbereitet worden sei. Die frage des eingangs hat eine entschiedene antwort gefunden: dichtkunst ist nicht abhängig von der zeit sondern konstituiert diese erst. Im neunten gedicht der gruppe (Kommt wort vor tat kommt tat vor wort?) wird das noch einmal bekräftigt. Damit aber ist auch die herausragende bedeutung des dichters - oder jedenfalls : das Dichters - festgestellt. Um seine besonderheit geht es in der ersten zehnergruppe. 

8102 All die jugend floss dir wie ein tanz

Der gott „der hier wie im ‚Lobgesang’ als ‚Herr’ bezeichnet wird” (M) eröffnet den dialog mit einer anspielung auf die verse des jugendlichen dichters die ihm „wie ein tanz” vorkamen oder wie „berauschtes spiel”. Das klingt angesichts der eher ans erhabene grenzenden aufgabenbestimmung von dichtung im vorigen gedicht fast wie eine missbilligung. Er spricht von „horn und flöte” und damit von ganz anderen instrumenten als „harfe und leier” denen er zuvor ihre berechtigung zugestanden hatte. Der angesprochene rechtfertigt sich mit seiner absicht die „sonnensöhne” des gottes „locken” zu wollen · er habe die „not des wandertumes”auf sich genommen bis er solche gefunden habe in denen er ihre göttliche abstammung sicher erkennen konnte. Sein leben lang sei es ihm nur darum gegangen den gott zu suchen (also seine verkörperungen). Man versteht Ms geschickten hinweis auf LOBGESANG (7321) jezt richtig. 

8103 Da schon Dein same den ich trug in fahr

5ff. Dass ich (...) / Dein heiliges geheimnis treu behüte : Der ausdruck leistet zweierlei. Er macht das vertrauen des Angesprochenen zum sprecher ebenso deutlich wie dessen bereitschaft zu unbedingter loyalität. Sich über eine vermeintliche wichtigtuerei Georges zu echauffieren der von einem geheimnis raune ohne darüber aufschluss zu geben ist deshalb nicht angebracht. Ausgerechnet von George zu erwarten er müsse geheimnisse entzaubern kann ohnehin nur auf einem grundsätzlichen nichtverstehen dieses dichters beruhen. 

Der sprecher stellt sich als apostel des gottes dar der schon in zeiten von not und gefahr dessen botschaft in sich trug und sie weithin so säte dass sie nun bereits „unausrottbar grünt”. Für die restliche dauer seines lebens (dem „süssen licht”) erbittet er von seinem herrn die kraft weiterhin - gleich ob ihn freunde preisen oder die menge über ihn murrt - treu sein geheimnis zu wahren um dadurch sich des göttlichen segens würdig zu erweisen. Der sprecher steht also dem gott näher als jedem einzelnen unter den menschen zu denen er abstand hält. 

8104 Dies ist der fügung meistes dass du lebst

Hier und in den beiden folgenden gedichten ist der sprecher selbst der (von dem gott) angesprochene auch wenn sich diese verse im grunde schon an die jünger richten. Er weiss dass sein überleben dem wunsch der „fügung” (M spricht gleichbedeutend vom schicksal) entspricht die dafür sorgt dass er bei jedem ihm (also ebenfalls von der fügung) zugeteilten „fall” doch alllenfalls wankt weil ihm das vermögen gegeben ist sich zu „doppeln” oder sich zu „spalten”. Während selbst die besten fallen bricht ihn daher nichts. Zugleich aber ist er doch freudig bereit sich schliesslich - wenn er als dichter sich dem „werkes-ziel” schon nahe fühlt - dem ihm nun erscheinenden „Höheren” als „erster diener” unterzuordnen: anstatt ihn „heillos” zu bekämpfen findet er darin sein glück. M weist auf parallelen zu MANUEL UND MENES oder dem herrscher der HÄNGENDEN GÄRTEN hin und nennt auch 7766 · nicht aber das VORSPIEL. 

8105 Als sich dir jüngling dein beruf verkündigt

3 Treffend heisst es bei Schneider dass der einsame sprecher schon „im Schulalter” in seinem „Ausgestoßensein” das eigentlich alle betreffende, von ihnen aber nicht eingestandene mangelhafte seiner zeit - „gemeint ist zweifellos das Preußen-Deutschland der ‚Gründerjahre’” - „als einziger ‚trägt’, also allein, gleichsam stellvertretend - so sein Glaube - vor der Gestirnswelt verantwortet” (in KG 2017, 345). 

Die in dramatischen farben ausgemalte jugendkrise betont das gefühl des ausgestossenseins dessen der die aufgabe einer erneuerung (der lyrik - im lezten vers als umkehr bezeichnet) ganz allein zu tragen hatte und deshalb als qualvoll empfand. Bestärkt aber wurde er durch das wort der (von ihm selbst angerufenen) sterne (die hier die „fügung” des vorigen gedichts ersetzen) „bild” und „klang” in nie gehörter weise zu gestalten und auf diesem für andere fremdartigen weg nicht auf führung („leite”) durch die damals „ersten” (also führenden dichter) zu setzen sondern unterstützung erst viel später durch jene zu erwarten die dann bereits in der von ihm geprägten umgebung geboren wurden. 

Der auftrag „‚Verbleib!’” untersagt das aufgeben. Verboten wird auch jegliche klage über das leid. „Du selber bist das leid” ist hingegen eine ermunterung: dann lässt sich schliesslich etwas ändern. Von anderen nichts erwarten zu dürfen ist ein gedanke der sich schon beim jungen George findet (vergleiche 0128). 

Auch dieses gedicht ist mit seiner „harten Ethik” (ebd.) schon klar auf die jünger berechnet denen hier nicht nur eine opferbereite erlösergestalt - fast schon ein zweiter Christus (Pieger denkt auch an Empedokles den Hölderlin „‚ein Opfer seiner Zeit’” nannte (Wk, 524)) - vor augen geführt wird. Sie dürfen sich vielmehr auch selbst als teil einer von den sternen angekündigten konstellation empfinden. 

8106 Dass unfassbar geschehn in vorgeburten

6 zitat der lezten zeile des fünften bilds von MANUEL (S12). 

Eigentlich unergründliches erklären manche bisweilen mit dem verweis auf schuld oder verdienst in früheren verkörperungen einer seele erklärt - also unter zuhilfenahme eines blicks auf längst vergangenes. Die sich solches „schön” ausdenken werden hier mit leicht spöttischem unterton „dichter” genannt. (Mit dieser preisgabe des beinahe heiligen begriffs ist die eisige kälte dieses gedichts bereits angedeutet.) Aber wie schon das vorige gedicht darstellte sieht sich der sprecher am beginn eines so gänzlich neuem dass es durch nichts früheres bestimmt sein kann. Seine erklärung findet es allein im „frühsten traum” des jugendlichen genius und so fordert sich der sprecher auf auch künftig nie anders zu handeln und zu schaffen als dieser traum es immer schon gebietet. Der traum gab ihm das sichere gefühl „geführt” zu werden und ein erwählter (der schicksalhaften fügung) zu sein. Nur dadurch konnte er dem in dem zitat angesprochenen „druck” alles ihm entgegenstehenden standhalten. Aus einem ähnlichen nichts - der text spricht von einem staubkorn - und damit ohne jeglicher tradition zu dank verpflichtet zu sein entstand der vom sprecher errichtete „staat” mit seiner „währung” (den maassstäben) seiner „sprache” und seinem „gesetz”. Es bleibt nicht aus sich hier an KINDLICHES KÖNIGTUM (4506) und den lezten abschnitt von URSPRÜNGE (7502) zu erinnern auch wenn der hinweis auf eine biografische einzelheit hier gerade nicht das verständnis erleichtern dürfte.

Dies diente aber nicht dazu ihm nun für alle zeiten den genuss der ehren zu sichern. Denn nachdem alles „verrichtet” war ging es ihm nicht um einen „thron”: er zog einfach „fort in weitre welten” ohne dass ihn dieses hintersichlassen des erreichten je schmerzlich berührt hätte. Die als ältere oft sentimental gewordenen dichterfürsten haben - im westen wie dann auch im osten - nach ehrungen für zurückliegende verdienste geradezu gelechzt · empfingen sie mit tränen der ergriffenheit und zierten sich höchstens dann einmal wenn dafür der beifall des feuilletons winkte. Sehr Alten käme da vielleicht immer noch Grass als erster in den sinn. Schriftsteller die allenfalls ihrer eigenen zeit etwas zu sagen haben retten freilich auch noch so viele preise nicht vor dem vergessenwerden. 

George hat nie danach gestrebt im mittelpunkt öder empfänge zu stehen. Die üblichen huldigungen durch den kulturbetrieb hat er - und zwar im alter erst recht - verachtet und gemieden. Während hundert jahre danach die einst als jugendliche rebellen verkleideten unternehmer aus der popkultur schliesslich doch vor der queen auf die knie fielen oder im weissen haus ein ständchen sangen entzog sich George aller vereinnahmung. Seinen revolutionären anspruch lässt das gedicht gut erkennen - aber auch dass er die revolution als permanente gedacht hat.

8107 Wem Du dein licht gabst bis hinauf zu dir

Noch einmal wird der gott angesprochen wie zulezt im dritten gedicht als vom samen die rede war den der sprecher einst vom gott empfing und zum gedeihen brachte. Hier nun wird er als licht bezeichnet - beide begriffe sind der mystik entnommen - das „bis hinauf zu dir” reiche. M spricht von dem „ihm allein Offenbarten” - das aber in blosse worte gefasst und an „die menge” gerichtet nach kurzer wirkung bald verdürbe und dann erst wieder eines neuen „weckers” bedürfte der es aufgreift und wiederum „spendet”. Der sprecher versichert dem gott damit wie in 8103 seine zuverlässige verschwiegenheit und anschliessend seine unbedingte loyalität. Er will was der gott ihm zu bieten hat zuletzt zwar in ganzem umfang erfahren · zunächst aber nur einen ersten teil davon zu fassen versuchen. Er will nicht mehr als den ihm zugeteilten platz ausfüllen indem er die seiner lebenszeit zugewiesene „arbeit” leistet und wie ein gefäss oder werkzeug gewissermaassen teil dieses göttlichen werden. Selbst als ein dienender wird der Meister aufgewertet · nach seiner hingabe mag sich auch der jünger richten. 

8108 Nennt es den blitz der traf den wink der lenkte:

9 ewe : zeitalter

Das gedicht gilt dem „ding das in mich kam” ohne dass erneut von einem göttlichen verursacher die rede wäre. Vielmehr wird stattdessen ein „nichts” ins spiel gebracht. Es kann - zumal es ungreifbar und in worten eigentlich nicht zu beschreiben ist - unterschiedlich benannt werden - schon die mystik hatte freude an allerlei neckischen bezeichnungen dafür und George sezt ihr kaum neues entgegen - wirkt aber wie ein keim der dem kunstwerk erst innere kraft oder das vermögen des entzündens verleiht. Der sprecher trägt es also in sich und daher ist er nicht einer von unzähligen die an einem punkt eines geradlinig verlaufenden fortschrittsprozess für kurze zeit einmal eine rolle spielen. 

Wie radikal er mit ihm bricht zeigen die formen des kreisens - er spricht von reigen und ring - die das „neue Weltalter” (Pieger in Wk, 509) verbildlichen in das er „führt” · ja sogar „reisst”: M spricht vom „Wendepunkt der Geschichte”. Dies erinnert - auch in der sprachlichen gewalttätigkeit - an das aus DER GEHENKTE (921) bekannte revolutionäre umbiegen des kreuzes in ein rad. „Ich bin ein end und ein beginn” sagt das göttliche im abschluss der zehnergruppe (8110) als dessen organ sich der sprecher empfindet.

8109 Kommt wort vor tat kommt tat vor wort? Die stadt

Streng genommen gibt das gedicht keine ausdrückliche antwort - die ja schon das erste gedicht des zyklus nahelegte - aber beide beispiele sprechen auch hier für das wort als auslöser der tat: der körperlich auch noch hinfällige und damit von aller tat besonders weit entfernte antike dichter-sänger („Barde”) vermochte mit seinen versen das „gebrochne heer” wieder aufzurichten und wird deshalb als „spender” des sieges geehrt. M sieht in dem nach Sparta geschickten Athener Tyrtaios das vorbild dessen lieder nach Pausanias in der schlacht am grossen graben - im zweiten messenischen krieg - den siegeswillen der spartiaten gegen die Messenier steigerten - und damit leztere endgültig zu heloten werden liessen.

Das zweite beispiel ist Georges persönlichem erleben entnommen. Hier stehen für das „wort” der „traum” der dem erscheinen Kronbergers - „das kind” genannt (was also nicht das alter bezeichnet sondern die vaterschaft des träumenden beansprucht - ursächlich voranging und sich aus „fron” - was hier den willen zur unterordnung oder anerkennung bezeichnet - aber auch „lust” zusammensezte deren unbedenklichkeit durch das ehrwürdige prädikat „hehr” bescheinigt wird. Ganz ohne materie ging es freilich nicht. Die schnöde erde aber wird durch das in diesen zusammenhängen gern verwendete adjektiv „süss” angemessen aufgewertet. 

8110 Ich bin der Eine und bin Beide

Ich bin der Eine und bin Beide / Ich bin der zeuger bin der schooss / Ich bin der degen und die scheide / Ich bin das opfer bin der stoss / Ich bin die sicht und bin der seher / Ich bin der bogen bin der bolz / Ich bin der altar und der fleher / Ich bin das feuer und das holz / Ich bin der reiche bin der bare / Ich bin das zeichen bin der sinn / Ich bin der schatten bin der wahre / Ich bin ein end und ein beginn.

6 bolz: pfeil

Hier ist der Dichter nun endlich als sprachrohr jenes „Höheren” (8104) zu verstehen wie es im ersten dritten und vierten · im siebenten und achten gedicht sich bereits andeutete. Insofern hat seine entwicklung das ihr immer schon innewohnende ziel erreicht. Die zwölf gereimten und im zeilenstil streng parallel gebauten verse sind eine dichterische illustration der göttlichen eigenschaft mehr als ein Begrenztes zu sein und damit zugleich das gegenteilige in sich zu fassen. Es ist ja auch naheliegend dass der gott sich einmal gern selbst an die „heilige schar” wendet an die allein das ganze buch ja ursprünglich gerichtet war. M aber meint dass George hier - unter dem eindruck „der indischen und pythagoräischen Lehre” - vielmehr sein unmittelbar eigenes empfinden ausspricht. So hat das göttliche eben abgefärbt. Schneider sieht zu recht die klare absicht: „offensichtlich kam es dem Dichter darauf an, das Angesprochensein von einem Höheren, Göttlichen und die Selbstrede (...) unscheidbar zu verschränken.” (KG 2017, 345)

8111 AUS PURPURGLUTEN SPRACH DES HIMMELS ZORN:

8112 Alles habend alles wissend seufzen sie:

8113 Die ihr die wilden dunklen zeiten nennt

8114 Ihr baut verbrechende an maass und grenze:

8115 Auf stiller stadt lag fern ein blutiger streif.

8116 Schweigt mir vom Höchsten Gut: eh ihr entsühnt

8117 Einer stand auf der scharf wie blitz und stahl

8118 Wägt die gefahr für kostbar bild und blatt

8119 Weltabend lohte . . wieder ging der Herr

8120 Bangt nicht vor rissen brüchen wunden schrammen ·

8121 HELFER VON DAMALS ! RICHTTAG RÜCKT HERAN

8122 Schwärmer aus zwang weil euch das feste drückt

8123 Nun bleibt ein weg nur: es ist hohe zeit . .

8124 Ihr Äusserste von windumsauster klippe

8125 Ihr fahrt in hitzigem tummel ohne ziel

8126 Ihr habt · fürs recken-alter nur bestimmte

8127 Unholdenhaft nicht ganz gestalte kräfte:

8128 Du hast des adlers blick der froh zur sonne

8129 Du hausgeist der um alte mauern wittert

8130 Fragbar ward Alles da das Eine floh: 

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