»Da sieht er offen seinen arm« (4301). Der mittelalterliche segens-gestus sezt alle fünf finger ein. Drei weisen nach oben um anzuzeigen in wessen namen der segen gesprochen wird: des Vaters · des Sohnes und des Heiligen Geistes - des dreifaltigen Gottes also. Der segnende aber ist allein der Sohn - mensch und gott zugleich. Auf diese doppelheit weisen die beiden nach unten gerichteten finger.
4 DIE BÜCHER DER HIRTEN- UND PREISGEDICHTE · DER SAGEN UND SÄNGE
UND DER HÄNGENDEN GÄRTEN
43 SAGEN 4301-11
44 SÄNGE EINES FAHRENDEN SPIELMANNS 4401-14
43 SAGEN 4301-11
4301 SPORENWACHE
I,2 edelknecht: angehender ritter vor dem ritterschlag · aus adliger familie. Das dritte jahrsiebent bildete die lehrzeit eines knappen der ja adliger abstammung ist und deshalb edelknecht genannt wird. Mit der schwertleite begann danach ein neuer abschnitt im leben des jungen ritters. In der nacht vor dieser zeremonie in der ihm in der kirche von seinem herrn neben dem schwert auch helm und neue sporen verliehen werden sollen muss er in einer in der kirche befindlichen kapelle wachen und - das gedicht weist darauf schon voraus oder nimmt es geradezu vorweg - am morgen die busse ablegen. Diese nacht - hier beim altar der kapelle - war die sporenwache. Über den altar ist ein weisses tuch gebreitet - daher wird er hier zelt genannt.
III,3 Mal: grabmal in einer nische (»wölbung«) dieser kapelle · hier mit einem engel als schildhalter. An den toten ahnen erinnert eine liegende aus stein gehauene skulptur in ritterrüstung. Es könnte sich auch um ein relief handeln. Die gross-schreibung betont die ehrwürdigkeit dieses kunstwerks. Zur ausstattung des altars gehört auch eine madonna mit kind · entweder als gemälde oder als skulptur.
VII,1 bei den rosmarinen : Die rosmarine rücken das erinnerte mädchen in die nähe des marienbilds (vermutlich auf dem altar) · jedenfalls wenn man sich das sakrale kunstwerk vorstellt als eine Madonna im rosenhag. Der im gedicht nicht erwähnte blick auf den rosenhag - er wandert erst später zum kind - löst im knappen die erinnerung an den rosmarin in jenem kräutergarten aus in dem er einst den menschen erblickte der ihn nun so erregt. Das ineinanderverschwimmen von weltlicher und religiöser szenerie gibt dem inneren geschehen eine blasfemische bedeutung die dem jungen mann sofort bewusst ist: er spürt erschrocken einen schauer.
IX,4 offen seinen arm : auslassung der konjunktion »und« vor »offen«
XI,4 einfalt : hier eine bezeichnung für die geradlinige unverstellte wesensart des jünglings. Womöglich aber sogar wie im modernen sprachgebrauch leicht abwertend gemeint.
XII,5 haus : meint im gegensatz zu der kleinen seitenkapelle die grosse kirche von der her auch die orgeltöne zu hören sind
Zwischen drei fünfzeilern bietet die kleine ballade jeweils vier vierteilige strafen. Man kann diesen knappen als die mittelalterliche entsprechung zum antiken hirten aus 4104 auffassen. Beider wege enden im hochgefühl religiöser ergriffenheit. Bemerkenswert sind die unterschiede. Es wäre nicht ergiebig brächte auch 4104 die sexualität des viehhüters ins gespräch die ihn doch gar nicht bewegt - weil sie keiner bevormundung unterliegt und weil er ohnehin darübersteht. Ohne andere menschen an seiner seite ist sein alleinsein sinnbild seiner freiheit die ihn ermächtigt zugleich auch priester und sänger zu sein. Der edelknecht hingegen ist nur deshalb allein weil ein »gesetz« es vorsieht. Er »muss«. Angesichts des rittergrabs ordnet er sich der ihn verpflichtenden standes-tradition seiner adligen familie unter. Er hat religiöse formeln gelernt von denen er sich hier allerdings nicht mehr binden lässt. Aber sein sündenbewusstsein - ausgelöst durch die erinnerung an ein mädchen - macht ihn klein und lässt ihn leiden. Dabei hat er sie - man sollte aber besser sagen: es - nicht einmal berührt. Ungewollt erschien nur kurz das bild des kindlichen wesens im langen rock vor seinen augen. Er sieht gar nicht die frau in ihr und stellt sie sich nicht etwa unbekleidet vor. Angedeutet werden soll nicht etwa die liebe zu einem kind sondern die zu einem menschen dessen geschlecht offen bleibt. Trotzdem ist die abwesenheit jeder sexuellen andeutung hier von grösster bedeutung und vollkommen ernst gemeint - gerade weil die erotische hingezogenheit offen zutage liegt. Sie genügt dass er vor sich selbst so erschrickt dass ihm erst kalt und dann heiss wird. Seine abergläubische angst vor der bedrohung durch das böse versucht er mit einer ebenso abergläubischen geste abzuwehren.
Doch die angesichts der harmlosigkeit der so oder so aufzufassenden mädchenvorstellung geradezu lächerlichen gewissensbisse werden erst durch die vergebende geste des christuskinds (»offen seinen arm« ausstreckend) besänftigt. Das erzeugt die dankbarkeit die in dem schwur gipfelt sich künftig willenlos dem kampf der christlichen ritterschaft ein- und unterzuordnen - sich also einem der adeligen orden anzuschließen die in der zeit der kreuzzüge aufblühten und wie die mönchsorden nur männern offenstanden. Für diesen Christus gäbe er sein Leben gern von dem er sich angenommen fühlt. Vergebung ist aber kein gutheissen. Denkbar wäre allerdings auch dass die nicht eindeutig einzuordnende geste sogar eine segnung andeutet. So kann der jüngling sie aber nicht aufgefasst haben - bittet er doch in seinen worten an Christus um vergebung für mögliche künftige übertretungen (v.38). Vom irrglauben an seine besondere sündhaftigkeit vermochte er sich also nicht zu befreien.
Jedenfalls ist er bereit den preis zu entrichten den jeder ritterorden von allen aufnahmewilligen einfordert. Die selbstdisziplinierung · der in der vorlezten strofe thematisierte kampf gegen die eigene »schwäche« wird nie zu ende gehen und vielleicht nicht auf dauer gelingen. Der junge ritter ist übrigens auch die gegenfigur zu dem SCHÜLER der sich den weg zu den schönen leibern nicht von den klosterbrüdern verbieten liess (vgl. 053). Der ist aber kein mensch des mittelalters mehr. Beide haben viel von George selbst. Die tarnung des nach einem vorgestellten mädchen schmachtenden edelknechts ist ebenso notwendig wie angesichts der gewollten durchschaubarkeit so gut wie aufgehoben.
Wenn man die freiheit und den stolz des antiken hirten gegenüberstellt ist es nicht schwierig zu verstehen dass das christliche zeitalter keineswegs als die höhere stufe aufgefasst wird. Der hirte braucht kein christuskind mit vergebenden armen denn ihm hat niemand seine sündhaftigkeit eingeredet. Zwar hat der edelknecht die für sein zeitalter höchste bewusstseinsstufe ebenso erreicht wie der hirtenjunge und ist 4301 nicht sofort als antichristliche propaganda zu erkennen. Aber gerade das macht gelungene propaganda aus. »Hellas ewig unsre liebe« (6107) gilt in den BÜCHERN schon genauso wie im TEPPICH. 4301 liefert die begründung. Wie üblich bei Stefan George ist alles nur indirekt gegen das christentum gerichtet: niemand käme auf die idee den edelknecht gering zu schätzen. Trotzdem wird die welt des hirten als besser erkannt und aufgewertet. Vielleicht ist SPORENWACHE das gedicht in dem sich Georges vorstellung der übergeschlechtlichen liebe schon ankündigt. Vielleicht aber ist auch sein abstand zu dem schuldbewussten angehenden ritter oder wenigstens seiner zeit angedeutet wenn von dessen einfalt die rede ist.
Aus dem rahmen fällt nun die lezte strofe in der vom sprecher berichtet wird wie ein weiterer wunsch von dem mit bildstarker vorstellungskraft begabten edelknecht besitz ergreift. Indem er zu sehen vermeint wie vom altar ein ganzer »schwarm von engelsköpfen« auffliegt - mit denen die weisse altardecke bestickt ist und die nun leben zu gewinnen scheinen? - und er mit dem verehrten vorfahren zusammenzufliessen glaubt meint er sogar das einverständnis seiner alten familie zu erfahren das ihm angesichts seines erotischen begehrens zuvor sicher fragwürdig erschien. Der auffallende und bei George seltene harte bruch des metrums unterstreicht diesen außergewöhnlichen eintritt in eine welt des halluzinierens den man in anbetracht der vielen einsamen stunden in der langen nacht der sporenwache durchaus nicht als skurril empfinden muss. Ob man dieser letzten strofe - und eigentlich auch weiteren teilen des gedichts - aber nicht doch einen ironischen unterton unterstellen darf? Er durfte freilich nicht so stark ausfallen dass er das ernstnehmen des ganzen gefährdete - eine aufgabe der sich George im BUCH DER SAGEN UND SÄNGE noch mehrmals stellte. Dass sein sprecher Gott »Den da oben« nennt dürfte der junge betende nicht gut gefunden haben. Und dass die fliegenden engelsköpfe eroten verdächtig ähnlich sehen wird ihm in seiner einfalt kaum aufgefallen sein.
4302 DIE TAT
ähnelt trotz des triumfalen ausgangs eher einem amoklauf. Er wird ausgelöst durch das gefühl des gegenüber dem vorigen gedicht jüngeren knappen bei einer frau keine beachtung zu finden. Aber schon davor wird deutlich dass er sich gern als mann der tat sehen würde: er hofft im spiegel des brunnenwassers einen helden erkennen zu können. Zu einem richtigen helden passt freilich nicht ganz dass ihn die vermeintliche missachtung durch die frau so aus der bahn wirft dass er stundenlang weint und gar nicht wahrnimmt wie heiss inzwischen die sonne vom himmel brennt. Das spricht ebenso für sein noch eher »knabenhaftes« gemüt wie zuvor das verspielte aber unsinnige werfen von kieselsteinen in den brunnen.
In diesen stunden von »trotz und trauer« reift wol der entschluss ausgerechnet am abend in die wälder aufzubrechen die eigentlich allen anderen - die ihn davor auch wolmeinend warnen - das herz vor angst klopfen lassen. Dass er ganz ausser sich ist erklärt denn auch dass er allein mit einem degen ein giftiges feuer speiendes ungeheuer überwältigt. Erst danach beruhigt sich sein inneres und er begibt sich beim schein einer fackel auf der bahn die er beim hinweg durch das gestrüpp schlug zurück. Ausserhalb des waldes orientiert er sich schliesslich - immer geradeaus blickend - an der linie zwischen dem helleren nachthimmel und dem boden (bis er so den umriss der elterlichen burg erkennen kann). Wenn M im gegenteil meint er setze »ohne Verzug seine Bahn der Abenteuer fort« macht das aus mehreren gründen gar keinen sinn und lässt die von George betonte beruhigung seines wesens (die ihm auch das »schöne« wiedergibt) ausser acht. Es sei ihm gewünscht dass er die liebe seiner Melusine vielleicht doch noch gewinnt wenn er mit diesem sieg noch einmal vor sie treten kann.
4303 FRAUENLOB
Die überschrift lässt einigen humor erkennen. Denn das lob von frauen hält sich hier in engen grenzen. Tatsächlich war Frauenlob der beiname eines späten minnesängers · Heinrich von Meissen · und dieser name bezieht sich auf seinen marienleich · ein umfangreiches in der Manesse-handschrift überliefertes gedicht über die heilige Maria während George hier den eindruck erweckt als habe der sänger tagein tagaus den frauen als »priester ihrer schönheit« gedient - ohne dafür in irgendeiner weise entlohnt worden zu sein. Wegen seines ausgeprägten selbstbewusstseins war Frauenlob zu lebzeiten nicht unumstritten. Es kommt auch hier zum ausdruck wo Frauenlob selbst als sprecher auftritt. George wird dieser charakterzug die identifikation nicht erschwert haben.
I,2 schneckenbögen : voluten
I,4 mit hohlen gängen : laubengänge
II,8 levante : die länder des östlichen mittelmeers. Von dort wurden kostbare stoffe bezogen.
Schliesslich stellt Frauenlob der schon den tod nahen fühlt sich sein eigenes begräbnis vor wobei er endlich einmal von frauen gelobt wird. Nun erweisen sie ihm »königliche ehre« und weinen um ihren toten bewunderer. Georges idee dürfte ausgelöst worden sein durch Alfred Rethels spätromantische zeichnung »Bestattung Heinrich Frauenlobs durch edle Frauen« aus der mitte des neunzehnten jahrhunderts in dem Frauenlob noch einmal populär wurde. In diesem bild tragen frauen einer legende entsprechend seinen sarg. In Mainz wo Frauenlob im dom bestattet liegt ist ein grosses gymnasium nach ihm benannt.
Doch sei noch einmal daran erinnert dass die frauen dem sänger in der realität des gedichts eben gerade keine anerkennung zollen der deshalb auf »ein ganzes leben dunklen duldertums« zurückblickt. Man fühlt sich ein wenig an den George der HYMNEN und PILGERFAHRTEN erinnert der sich in 109 ebenfalls »dulder« nannte.
4304 TAGELIED
I,8 : missgeschick: hier das unglück der näher rückenden trennung der liebenden
II,2 : "fürder" ist direkt aus dem mittelhochdeutschen übernommen für "künftig". Gemeint ist hier der schwur des sprechers dass ihm sein gegenüber - genauer: dessen "leib" - wie bisher auch in zukunft "keusch" · und damit unantastbar sei. Dessen leib wird anschliessend auch "heilig" (II,6) genannt. Es handelt sich demnach nicht um eine sexuelle beziehung.
III,7 : vorlezter vers: betonung auf »dann«
Ein tagelieddialog wie aus den besten zeiten der minnesänger: es geht um die klage über den abschied nach gemeinsam im haus (also der kemenate) der frau verbrachter nacht. Wenn morgens der wächter ruft ist für den mann die zeit zum aufbruch gekommen. Hier ist es noch längst nicht so weit denn der morgen graut noch kaum. Doch bekümmert das bevorstehende die frau so sehr dass sie nicht mehr als zweimal zwei verse herausbringt während der tatenfrohe mann sie mit versprechungen wortreich zu beruhigen versucht. Dabei verweist er stolz auf seine selbstbeherrschung weil seine anfangs genannten »freuden« auch in den verbleibenden stunden sich auf das »beschauen« beschränken und er ihr bis zum abschied so ehrfurchtsvoll wie sonst nur einem engel oder gar Gott begegnen werde. Der frau wird - in der denkweise des hohen minnesangs - dadurch der ethisch hohe wert des sprechers bewusst gemacht. Das begründet wiederum die wertschätzung die sie ihm entgegenbringt.
Und bei künftigen turnieren oder im kriegerischen gefecht werde das seidentuch mit ihrem namen die rolle eines glücksbringers spielen (so dass ihm - wie viele männer werden schon ähnliches versprochen haben - also nichts passieren kann). Der in allzu selbstgewissem ton vorgetragene verweis auf die magischen kräfte des edlen stoffs - ob er selbst tatächlich an sie glaubt bleibt offen - wird nur knapp und verhalten beantwortet. Sie ahnt dass ihre unmittelbar bevorstehenden abschiedstränen vielleicht nicht die einzigen bleiben werden. Während der mann in durchaus wolmeinender absicht meinte die geliebte auf recht leichtfertige weise trösten zu können lässt sie sich nichts vormachen · spricht das von ihm für überflüssig erklärte gebet erst recht · erspart ihm aber doch taktvoll den ausdrücklichen widerspruch .
George hat nie blosse kopien von originalen abgeliefert. Hier lässt er keinen mittelalterlichen ritter sprechen. Dem hätte ein seidentuch nicht das gebet ersetzen und ein schöner leib nicht dieselbe ehrerbietung wie ein engel oder Gott abnötigen können. Unter den klassischen minnesängern kam allenfalls Morungen einmal in ähnliche nähe zur blasfemie. Wie oft im minnesang wirkt auch bei George die frau fast schon überlegen in ihrer nüchternen zurückhaltung. Es darf aber auch angemerkt werden dass sie in 4304 nie ausdrücklich als frau angesprochen · von ihm bei aller zuneigung doch eher wie ein kind behandelt wird und George im Kreis den von ihm verliehenen namen auch einige bedeutung beimaass.
Viel mehr als der alte minnesang beeindruckt Georges TAGELIED als ausdruck tiefer und beiderseitiger liebe ohne dass das hohe ethos auch nur die geringsten einbussen erführe. Im gegenteil: während das mittelalterliche tagelied morgens offenlässt oder gar augenzwinkernd andeutet was in der nacht sich abspielte findet sich ein höhepunkt dieser art bei George ausdrücklich nicht. Die frühen morgenstunden sind daher die unverminderte fortsetzung der nächtlichen "freuden" und nicht lediglich nachspiel und ausklang. Dass "auch fürder" entschiedene keuschheit herrschen wird tut dem "glück" des zusammenseins keinen abbruch. "Leib" und "inbrunst" machen deutlich dass die erotik nicht verbannt ist aus der entsexualisierten beziehung. Für Georges liebes-ethik dürfte das gedicht von zentraler bedeutung sein.
4305 IM UNGLÜCKLICHEN TONE DESSEN VON . . .
Das gegenteilige extrem des weiblichen empfindens wird in diesem minnelied dargestellt. Hier wird wie so oft im minnesang dick aufgetragen: was M die »Intensität des einseitigen Liebens« (des mannes) nennt ebenso wie die geringschätzung durch die herrin und schliesslich die unerschütterlichkeit des ritterlichen sängers der trotz aller verletzungen durch kämpfe und die gleichgültigkeit der frau nicht nachlässt im lob der dame. Deren zynisches verhalten ist freilich die vorausetzung dafür dass er seine ethische qualität so eindrucksvoll demonstrieren kann. Bemerkenswert ist die idee den worten des mannes die form eines briefes (als schriftrolle) zu geben und diesen so einzuleiten dass der leser darüber sogleich in kenntnis gesezt wird. Sich selbst mit einem toten gleichzusetzen steigert zugleich die wirkung der klage auf das publikum des vortrags - worauf der minnesang ja immer bedacht war. Natürlich steht die für den tod verantwortliche fest. Schon bei Heinrich von Morungen wurde die herrin »toeterin« genannt.
4306 IRRENDE SCHAR
Wie in Wolfram von Eschenbachs Parzival werden hier gralssage und templerorden zusammengebracht. Denn dass mit der irrenden schar die templer gemeint sind - dazu als symbol - war schon M klar.
Der ritterorden der Templer entstand nach der eroberung Jerusalems zur sicherung der pilgerwege. Er war dem papst unterstellt und nicht etwa dem könig von Jerusalem oder sonst einem weltlichen herrscher. Sie wurden deshalb oft als staat im staat bezeichnet und als staat bezeichnete sich ja viele jahre später auch der Kreis selbst. Das gedicht deutet also an wie früh George von einem solchen konzept fasziniert war.
Ihr grossmeister residierte auf dem Tempelberg. Ein tempel«herr« (denn er war ja adliger herkunft) war zur keuschheit verpflichtet und hatte dem orden sein leben lang zu dienen. Die ritter widmeten sich auch wohltätigen zwecken - in der vierten strofe wird etwa auf die segensreiche wirkung der hospitäler angespielt. »Drob« also darob oder deshalb (nicht droben) jubelt ihnen das volk zu - genau so wie es anderentags wie schon zu beginn gezeigt den rittern nur mit hass begegnet. Denen ist das urteil der masse aber ohnehin gleichgültig obwol sie für das heil der anderen selbst leid auf sich nehmen. Das sie antreibende motiv wird in der zweiten strofe angegeben: es ist die wiederherstellung eines von aller not freien goldenen zeitalters oder die errichtung einer glücklichen - das heisst schönen - welt auf erden (in diese richtung deutet die vorstellung mit einem goldenen pflug (das motiv stammt von Hesiod) zu ackern) die der welt ihrer eigenen ursprünglichen und im mythischen liegenden herkunft entspricht. Konsequent hat George hier alle im christlichen glauben wurzelnden antriebe durch antikische überdeckt. Das volk versteht derlei uneigennützige beweggründe natürlich nicht und empfindet die rätselhaften jungen männer als »irrende schar« aus einer anderen welt.
Die werden aber auch älter und verbringen den »späten abend« ihres lebens mit festlichem gesang in den »unvergänglich neuen und schönen hallen« der gralsburg wo das heiligtum des grals - hier »Höchstes Licht« genannt - ihr alter mit einem milden licht verklärt. Wenn der gral ursprünglich eine schale war in der das blut Christ aufgefangen wurde ist die vorstellung nicht so abwegig dass er in den besitz der tempelherren gelangte.
Über den verbleib dieses besitzes ist viel spekuliert worden. Jedenfalls sah sich der papst schliesslich gezwungen den templern seinen schutz zu entziehen. Der durch seine militärische stärke und schenkungen mächtig gewordene orden wurde nach der muslimischen rückeroberung des Heiligen Lands verboten und den rittern der prozess gemacht. Dabei spielte der zu beginn des gedichts genannte »böse blick« in form erfundener gerüchte die wesentliche rolle: angeblich seien sich die tempelbrüder allzu nahegekommen. Im SIEBENTEN RING hat George den templern noch ein bekanntes programmatisches gedicht gewidmet (7209).
4307 DER WAFFENGEFÄHRTE I
Auch hinter Justinus Kerners um 1900 jedem bekannter ballade »Preisend mit viel schönen Reden« (1818) steckt eine sage: wie sich der erste herzog von Württemberg · der gründer der Tübinger universität · rühmt dass er als einziger fürst im schoosse jedes seiner untertanen einschlafen könne ohne böses befürchten zu müssen. Tatsächlich war Eberhard im Bart populärer als irgendein politiker heute. Im schooss eines hirtenknaben schlummert der marmor-herzog seit 1881 im Mittleren Schlossgarten in Stuttgart. Gleichwol verführt der populäre moralismus die studenten dazu sich des namens ihrer Eberhard-Karls-Universität zu schämen und die lezten spuren der vergangenheit mit einer bigotten zuckerschicht zu verdecken.
Allerdings gibt M als vorlage ein bronzerelief im Konstanzer dom an. Aber auch im gedicht liegt der ältere im schooss des jüngeren sprechers und dass die für George-gedichte völlig ungewöhnliche und hier ansonsten nicht notwendige erwähnung eines barts (erst recht bei einem sympathie-träger eigentlich ein unding) kein hinweis auf den beinamen des lezten grafen von Württemberg sein soll möchte man nicht annehmen.
Man könnte sich die beiden waffengefährten durchaus als tempelritter vorstellen. Hier ist sich der sprecher seiner jugendlichen unbedachtheit bewusst geworden. So hörte er nicht auf den wolmeinenden rat sich vom »sündeschloss« fernzuhalten wohin ihn »süsse stimmen« sirenengleich lockten. Aber er ist dankbar dass der ältere »bruder« ihn durch sein körperliches eingreifen vor dem erotischen abenteuer bewahrt hat. Dieser ist vorbild und erzieher zu einem anständigen lebenswandel und kann dabei wie gezeigt wachsweich mild oder auch eisenhart auftreten. Unter bezug auf diesen vers hat Cajo Partsch schon als fünfzehnjähriger den älteren waffengefährten mit seinem mentor identifiziert: »Das ist genau Helmut« (Küpper) und das ganze »wundervolle« gedicht in sein tagebuch abgeschrieben. (2014/15, 224). Beim zweiten zusammentreffen mit George am ersten februar 1930 durfte er erstmals vorlesen und wählte dieses gedicht aus.
4308 DER WAFFENGEFÄHRTE II
Den sieg im kampf gegen eine feindliche übermacht hat der ältere freund mit seinem leben bezahlt. Gerade in seiner noch jugendlich wirkenden unsicherheit lässt der nun auf sich allein gestellte doch den erfolg der erziehung deutlich erkennen. Die ähnlichkeiten mit den tagebucheinträgen von Partsch während der berufsbedingten abwesenheiten Küppers sind frappierend.
4309 VOM RITTER DER SICH VERLIEGT
Ein ritter dessen kriegerische tatkraft unter seiner sehnsucht und verliebtheit leidet »verliegt« sich. Dann würde er morgens nicht so entschieden wie in 4304 zum abschied drängen sondern noch ein wenig liegen bleiben.
Hier befindet sich der sprecher offensichtlich in einem vergleichbaren raum und hört im burghof ein tor anschlagen. Das geräusch löst vorstellungen in ihm aus die darauf hindeuten dass er im grunde doch fast lieber ein mehr tatbetontes ritterliches leben führen möchte. Er malt sich aus wie die gewappneten reiter unter den besorgten weiblichen abschiedsrufen vom balkon aufbrechen oder wie gäste unter einer weinlaube vom burgherrn bewirtet werden und sogar der klang einer laute zu vernehmen ist. Das erinnert ihn an zeiten wo er vielleicht als knappe ein »ahnungsloses« aber doch schönes leben führen konnte in dem er noch nicht hin- und hergerissen war. Dass die frau bei der er doch wol eigentlich liegt schon gar keine erwähnung mehr findet verwundert sicher nicht allzusehr. Das sich-verliegen macht also keinen richtigen ritter froh. Manchmal denkt man wirklich schon an den STERN DES BUNDES.
4310 DER EINSIEDEL
In ein breit angelegtes bild des mittelalters gehört sicher auch der einsiedler der in der selbst gewählten einsamkeit gott ganz nahe zu kommen versucht. MIt dieser figur hat der EINSIEDEL aber nicht viel gemeinsam. Schon das offene fenster ist ein fingerzeig dass ihn das leben draussen durchaus noch interessiert und die reben- und holunderblüte steht gewiss nicht für weltverneinung. Vor allem aber möchte er sein einsiedlertum doch eigentlich aufgeben wenn er sich wünscht dass der junge mann bei ihm bleiben möge. Der aber kam nur um sich kurz auszuruhen und trösten zu lassen angesichts der niederlagen die ihm das leben bereitete. Seinem alter entsprechend locken ihn ruhm und waffentat mehr als frieden und sicherheit. Der sprecher nimmt es in beherrschter resignation hin. Er kennt weder bevormundung noch besitzanspruch und die nicht etwa willkürliche entscheidung der höheren mächte bejaht er mit dem begriff »sorgen« letztendlich. Darin liegt seine frömmigkeit. Aber statt von gott spricht er von den himmeln. Er ist eher ein vertreter der antike und nicht so sehr des christentums.
Hildebrandt hat recht wenn er darauf verweist dass George eigentlich kein freund eines »leichten und sichern friedens« war (1960, 79). Umso eindrucksvoller zeigt der Dichter mit dieser wortwahl das im grunde vorbildliche liebevolle besorgtsein des älteren der sich zu recht sorgen um das leben des jungen draufgängers macht. Deshalb auch ist die formulierung »der himmel sorgen« genau richtig getroffen. Es sind nur andere aber ebenso berechtigte sorgen: dass dieser zur tat geschaffene junge unter der obhut des einsiedels seiner bestimmung nicht gerecht würde - und weil der einsiedel das auch ahnt stellt er sich nicht quer. Keineswegs gibt er seinem eigenen wünschen nach. Auch in diesem gedicht steckt schon einiges von der harten BUND-ethik (vgl. etwa 8328 und 8329) nur dass hier noch weit liebevoller formuliert und wol auch empfunden wird. Der George von 1895 hätte Bernhard von Uxkull noch nicht in den todbringenden krieg zurückgeschickt.
Dessen mentor bemerkt zu dem »sohn« dass »der gekränkte Stolz ein bezeichnendes Erlebnis der Jugend« sei »die niemals den Erfahrungen des Alters traut und alle Erhebungen und Enttäuschungen selbst spüren will und durchzumachen hat«. Offenbar nicht mit vollem recht wird Morwitz immer gern als besonders streng geschildert.
4311 DAS BILD
I,3 vesper : im katholischen ritus der gottesdienst des späten nachmittags wozu das läuten der hier erwähnten vesperglocke(n) erklingt.
I,3 hinter rauchenden meilern : In kohlemeilern erzeugte holzkohle war im mittelalter (und noch weit darüber hinaus) der energieträger für die eisenerzeugung. Hier verweisen die meiler auf die einsame lage des klosters in einem wald.
Dort nämlich lebt der sprecher innerlich viel mehr wie ein richtiger einsiedler als der EINSIEDEL. Sein blick in der mönchszelle geht nicht durchs offene fenster nach aussen - so dass er sich auch von dem SCHÜLER der dritten LEGENDE (053) unterscheidet - sondern wendet sich ganz dem BILD der muttergottes zu das neben seiner »lagerstatt« steht. Er betet so inbrünstig zu ihr dass er ganz wie der knappe am anfang des zyklus (4301) kein gebetbuch braucht. Und er umarmt und küsst die statue sogar. Solch ein abend ohne die gesellschaft der mönche ist ihm lieber als der tag und die schatten gefallen ihm besser als alle farben. Mit dem chorgesang im kalten kirchenschiff und der zuwendung zu den gräbern der ehrwürdigen verstorbenen hat er zuvor den tag verbracht: doch scheinen ihm die lebenden mitbrüder nicht viel zu bedeuten.
Aber dann sagt er sich doch so scharf vom christlichen glauben los - und das am ende des ganzen mittelalter-zyklus! Ganz anders der ausgang der HIRTENGEDICHTE wo dem wirklich leidenden SIEGER der gedanke an eine ähnliche revolte ganz fern bleibt und das lezte wort »götter« lautet. Hier aber endet die liebe zur angeflehten gottheit allein durch die allzu lange zurückweisung die er nun auch als probe seines glaubens keineswegs mehr hinzunehmen bereit ist. Die biblischen wundergeschichten wiederholen sich nicht in der realität · die gottheit tritt durch kein zeichen in erscheinung und das BILD bleibt tot. Dabei hatte er gar keinen wunsch geäussert - es ging also wol um seine erlösende annahme vor gott. Man mag darüber spekulieren warum er sich so ausgeschlossen fühlte - das ist der springende punkt in diesem gedicht. M spricht zu recht davon dass die ich-form der beiden lezten gedichte auf die in ihnen enthaltenen »mehr persönlichen Darstellungen« hinweist (85).
Dennoch ist die absage noch kein endgültiger abschied. Im lezten gedicht der SÄNGE wird Maria auf eine besondere weise erneut angesprochen - aber ohne dass die »brennende liebe« noch einmal aufflackert.
»Da sieht er offen seinen arm« (4301). Der mittelalterliche segens-gestus sezt alle fünf finger ein. Drei weisen nach oben um anzuzeigen in wessen namen der segen gesprochen wird: des Vaters · des Sohnes und des Heiligen Geistes - des dreifaltigen Gottes also. Der segnende aber ist allein der Sohn - mensch und gott zugleich. Auf diese doppelheit weisen die beiden nach unten gerichteten finger.
4 DIE BÜCHER DER HIRTEN- UND PREISGEDICHTE · DER SAGEN UND SÄNGE
UND DER HÄNGENDEN GÄRTEN
43 SAGEN 4301-11
44 SÄNGE EINES FAHRENDEN SPIELMANNS 4401-14
43 SAGEN 4301-11
4301 SPORENWACHE
I,2 edelknecht: angehender ritter vor dem ritterschlag · aus adliger familie. Das dritte jahrsiebent bildete die lehrzeit eines knappen der ja adliger abstammung ist und deshalb edelknecht genannt wird. Mit der schwertleite begann danach ein neuer abschnitt im leben des jungen ritters. In der nacht vor dieser zeremonie in der ihm in der kirche von seinem herrn neben dem schwert auch helm und neue sporen verliehen werden sollen muss er in einer in der kirche befindlichen kapelle wachen und - das gedicht weist darauf schon voraus oder nimmt es geradezu vorweg - am morgen die busse ablegen. Diese nacht - hier beim altar der kapelle - war die sporenwache. Über den altar ist ein weisses tuch gebreitet - daher wird er hier zelt genannt.
III,3 Mal: grabmal in einer nische (»wölbung«) dieser kapelle · hier mit einem engel als schildhalter. An den toten ahnen erinnert eine liegende aus stein gehauene skulptur in ritterrüstung. Es könnte sich auch um ein relief handeln. Die gross-schreibung betont die ehrwürdigkeit dieses kunstwerks. Zur ausstattung des altars gehört auch eine madonna mit kind · entweder als gemälde oder als skulptur.
VII,1 bei den rosmarinen : Die rosmarine rücken das erinnerte mädchen in die nähe des marienbilds (vermutlich auf dem altar) · jedenfalls wenn man sich das sakrale kunstwerk vorstellt als eine Madonna im rosenhag. Der im gedicht nicht erwähnte blick auf den rosenhag - er wandert erst später zum kind - löst im knappen die erinnerung an den rosmarin in jenem kräutergarten aus in dem er einst den menschen erblickte der ihn nun so erregt. Das ineinanderverschwimmen von weltlicher und religiöser szenerie gibt dem inneren geschehen eine blasfemische bedeutung die dem jungen mann sofort bewusst ist: er spürt erschrocken einen schauer.
IX,4 offen seinen arm : auslassung der konjunktion »und« vor »offen«
XI,4 einfalt : hier eine bezeichnung für die geradlinige unverstellte wesensart des jünglings. Womöglich aber sogar wie im modernen sprachgebrauch leicht abwertend gemeint.
XII,5 haus : meint im gegensatz zu der kleinen seitenkapelle die grosse kirche von der her auch die orgeltöne zu hören sind
Zwischen drei fünfzeilern bietet die kleine ballade jeweils vier vierteilige strafen. Man kann diesen knappen als die mittelalterliche entsprechung zum antiken hirten aus 4104 auffassen. Beider wege enden im hochgefühl religiöser ergriffenheit. Bemerkenswert sind die unterschiede. Es wäre nicht ergiebig brächte auch 4104 die sexualität des viehhüters ins gespräch die ihn doch gar nicht bewegt - weil sie keiner bevormundung unterliegt und weil er ohnehin darübersteht. Ohne andere menschen an seiner seite ist sein alleinsein sinnbild seiner freiheit die ihn ermächtigt zugleich auch priester und sänger zu sein. Der edelknecht hingegen ist nur deshalb allein weil ein »gesetz« es vorsieht. Er »muss«. Angesichts des rittergrabs ordnet er sich der ihn verpflichtenden standes-tradition seiner adligen familie unter. Er hat religiöse formeln gelernt von denen er sich hier allerdings nicht mehr binden lässt. Aber sein sündenbewusstsein - ausgelöst durch die erinnerung an ein mädchen - macht ihn klein und lässt ihn leiden. Dabei hat er sie - man sollte aber besser sagen: es - nicht einmal berührt. Ungewollt erschien nur kurz das bild des kindlichen wesens im langen rock vor seinen augen. Er sieht gar nicht die frau in ihr und stellt sie sich nicht etwa unbekleidet vor. Angedeutet werden soll nicht etwa die liebe zu einem kind sondern die zu einem menschen dessen geschlecht offen bleibt. Trotzdem ist die abwesenheit jeder sexuellen andeutung hier von grösster bedeutung und vollkommen ernst gemeint - gerade weil die erotische hingezogenheit offen zutage liegt. Sie genügt dass er vor sich selbst so erschrickt dass ihm erst kalt und dann heiss wird. Seine abergläubische angst vor der bedrohung durch das böse versucht er mit einer ebenso abergläubischen geste abzuwehren.
Doch die angesichts der harmlosigkeit der so oder so aufzufassenden mädchenvorstellung geradezu lächerlichen gewissensbisse werden erst durch die vergebende geste des christuskinds (»offen seinen arm« ausstreckend) besänftigt. Das erzeugt die dankbarkeit die in dem schwur gipfelt sich künftig willenlos dem kampf der christlichen ritterschaft ein- und unterzuordnen - sich also einem der adeligen orden anzuschließen die in der zeit der kreuzzüge aufblühten und wie die mönchsorden nur männern offenstanden. Für diesen Christus gäbe er sein Leben gern von dem er sich angenommen fühlt. Vergebung ist aber kein gutheissen. Denkbar wäre allerdings auch dass die nicht eindeutig einzuordnende geste sogar eine segnung andeutet. So kann der jüngling sie aber nicht aufgefasst haben - bittet er doch in seinen worten an Christus um vergebung für mögliche künftige übertretungen (v.38). Vom irrglauben an seine besondere sündhaftigkeit vermochte er sich also nicht zu befreien.
Jedenfalls ist er bereit den preis zu entrichten den jeder ritterorden von allen aufnahmewilligen einfordert. Die selbstdisziplinierung · der in der vorlezten strofe thematisierte kampf gegen die eigene »schwäche« wird nie zu ende gehen und vielleicht nicht auf dauer gelingen. Der junge ritter ist übrigens auch die gegenfigur zu dem SCHÜLER der sich den weg zu den schönen leibern nicht von den klosterbrüdern verbieten liess (vgl. 053). Der ist aber kein mensch des mittelalters mehr. Beide haben viel von George selbst. Die tarnung des nach einem vorgestellten mädchen schmachtenden edelknechts ist ebenso notwendig wie angesichts der gewollten durchschaubarkeit so gut wie aufgehoben.
Wenn man die freiheit und den stolz des antiken hirten gegenüberstellt ist es nicht schwierig zu verstehen dass das christliche zeitalter keineswegs als die höhere stufe aufgefasst wird. Der hirte braucht kein christuskind mit vergebenden armen denn ihm hat niemand seine sündhaftigkeit eingeredet. Zwar hat der edelknecht die für sein zeitalter höchste bewusstseinsstufe ebenso erreicht wie der hirtenjunge und ist 4301 nicht sofort als antichristliche propaganda zu erkennen. Aber gerade das macht gelungene propaganda aus. »Hellas ewig unsre liebe« (6107) gilt in den BÜCHERN schon genauso wie im TEPPICH. 4301 liefert die begründung. Wie üblich bei Stefan George ist alles nur indirekt gegen das christentum gerichtet: niemand käme auf die idee den edelknecht gering zu schätzen. Trotzdem wird die welt des hirten als besser erkannt und aufgewertet. Vielleicht ist SPORENWACHE das gedicht in dem sich Georges vorstellung der übergeschlechtlichen liebe schon ankündigt. Vielleicht aber ist auch sein abstand zu dem schuldbewussten angehenden ritter oder wenigstens seiner zeit angedeutet wenn von dessen einfalt die rede ist.
Aus dem rahmen fällt nun die lezte strofe in der vom sprecher berichtet wird wie ein weiterer wunsch von dem mit bildstarker vorstellungskraft begabten edelknecht besitz ergreift. Indem er zu sehen vermeint wie vom altar ein ganzer »schwarm von engelsköpfen« auffliegt - mit denen die weisse altardecke bestickt ist und die nun leben zu gewinnen scheinen? - und er mit dem verehrten vorfahren zusammenzufliessen glaubt meint er sogar das einverständnis seiner alten familie zu erfahren das ihm angesichts seines erotischen begehrens zuvor sicher fragwürdig erschien. Der auffallende und bei George seltene harte bruch des metrums unterstreicht diesen außergewöhnlichen eintritt in eine welt des halluzinierens den man in anbetracht der vielen einsamen stunden in der langen nacht der sporenwache durchaus nicht als skurril empfinden muss. Ob man dieser letzten strofe - und eigentlich auch weiteren teilen des gedichts - aber nicht doch einen ironischen unterton unterstellen darf? Er durfte freilich nicht so stark ausfallen dass er das ernstnehmen des ganzen gefährdete - eine aufgabe der sich George im BUCH DER SAGEN UND SÄNGE noch mehrmals stellte. Dass sein sprecher Gott »Den da oben« nennt dürfte der junge betende nicht gut gefunden haben. Und dass die fliegenden engelsköpfe eroten verdächtig ähnlich sehen wird ihm in seiner einfalt kaum aufgefallen sein.
4302 DIE TAT
ähnelt trotz des triumfalen ausgangs eher einem amoklauf. Er wird ausgelöst durch das gefühl des gegenüber dem vorigen gedicht jüngeren knappen bei einer frau keine beachtung zu finden. Aber schon davor wird deutlich dass er sich gern als mann der tat sehen würde: er hofft im spiegel des brunnenwassers einen helden erkennen zu können. Zu einem richtigen helden passt freilich nicht ganz dass ihn die vermeintliche missachtung durch die frau so aus der bahn wirft dass er stundenlang weint und gar nicht wahrnimmt wie heiss inzwischen die sonne vom himmel brennt. Das spricht ebenso für sein noch eher »knabenhaftes« gemüt wie zuvor das verspielte aber unsinnige werfen von kieselsteinen in den brunnen.
In diesen stunden von »trotz und trauer« reift wol der entschluss ausgerechnet am abend in die wälder aufzubrechen die eigentlich allen anderen - die ihn davor auch wolmeinend warnen - das herz vor angst klopfen lassen. Dass er ganz ausser sich ist erklärt denn auch dass er allein mit einem degen ein giftiges feuer speiendes ungeheuer überwältigt. Erst danach beruhigt sich sein inneres und er begibt sich beim schein einer fackel auf der bahn die er beim hinweg durch das gestrüpp schlug zurück. Ausserhalb des waldes orientiert er sich schliesslich - immer geradeaus blickend - an der linie zwischen dem helleren nachthimmel und dem boden (bis er so den umriss der elterlichen burg erkennen kann). Wenn M im gegenteil meint er setze »ohne Verzug seine Bahn der Abenteuer fort« macht das aus mehreren gründen gar keinen sinn und lässt die von George betonte beruhigung seines wesens (die ihm auch das »schöne« wiedergibt) ausser acht. Es sei ihm gewünscht dass er die liebe seiner Melusine vielleicht doch noch gewinnt wenn er mit diesem sieg noch einmal vor sie treten kann.
4303 FRAUENLOB
Die überschrift lässt einigen humor erkennen. Denn das lob von frauen hält sich hier in engen grenzen. Tatsächlich war Frauenlob der beiname eines späten minnesängers · Heinrich von Meissen · und dieser name bezieht sich auf seinen marienleich · ein umfangreiches in der Manesse-handschrift überliefertes gedicht über die heilige Maria während George hier den eindruck erweckt als habe der sänger tagein tagaus den frauen als »priester ihrer schönheit« gedient - ohne dafür in irgendeiner weise entlohnt worden zu sein. Wegen seines ausgeprägten selbstbewusstseins war Frauenlob zu lebzeiten nicht unumstritten. Es kommt auch hier zum ausdruck wo Frauenlob selbst als sprecher auftritt. George wird dieser charakterzug die identifikation nicht erschwert haben.
I,2 schneckenbögen : voluten
I,4 mit hohlen gängen : laubengänge
II,8 levante : die länder des östlichen mittelmeers. Von dort wurden kostbare stoffe bezogen.
Schliesslich stellt Frauenlob der schon den tod nahen fühlt sich sein eigenes begräbnis vor wobei er endlich einmal von frauen gelobt wird. Nun erweisen sie ihm »königliche ehre« und weinen um ihren toten bewunderer. Georges idee dürfte ausgelöst worden sein durch Alfred Rethels spätromantische zeichnung »Bestattung Heinrich Frauenlobs durch edle Frauen« aus der mitte des neunzehnten jahrhunderts in dem Frauenlob noch einmal populär wurde. In diesem bild tragen frauen einer legende entsprechend seinen sarg. In Mainz wo Frauenlob im dom bestattet liegt ist ein grosses gymnasium nach ihm benannt.
Doch sei noch einmal daran erinnert dass die frauen dem sänger in der realität des gedichts eben gerade keine anerkennung zollen der deshalb auf »ein ganzes leben dunklen duldertums« zurückblickt. Man fühlt sich ein wenig an den George der HYMNEN und PILGERFAHRTEN erinnert der sich in 109 ebenfalls »dulder« nannte.
4304 TAGELIED
I,8 : missgeschick: hier das unglück der näher rückenden trennung der liebenden
II,2 : "fürder" ist direkt aus dem mittelhochdeutschen übernommen für "künftig". Gemeint ist hier der schwur des sprechers dass ihm sein gegenüber - genauer: dessen "leib" - wie bisher auch in zukunft "keusch" · und damit unantastbar sei. Dessen leib wird anschliessend auch "heilig" (II,6) genannt. Es handelt sich demnach nicht um eine sexuelle beziehung.
III,7 : vorlezter vers: betonung auf »dann«
Ein tagelieddialog wie aus den besten zeiten der minnesänger: es geht um die klage über den abschied nach gemeinsam im haus (also der kemenate) der frau verbrachter nacht. Wenn morgens der wächter ruft ist für den mann die zeit zum aufbruch gekommen. Hier ist es noch längst nicht so weit denn der morgen graut noch kaum. Doch bekümmert das bevorstehende die frau so sehr dass sie nicht mehr als zweimal zwei verse herausbringt während der tatenfrohe mann sie mit versprechungen wortreich zu beruhigen versucht. Dabei verweist er stolz auf seine selbstbeherrschung weil seine anfangs genannten »freuden« auch in den verbleibenden stunden sich auf das »beschauen« beschränken und er ihr bis zum abschied so ehrfurchtsvoll wie sonst nur einem engel oder gar Gott begegnen werde. Der frau wird - in der denkweise des hohen minnesangs - dadurch der ethisch hohe wert des sprechers bewusst gemacht. Das begründet wiederum die wertschätzung die sie ihm entgegenbringt.
Und bei künftigen turnieren oder im kriegerischen gefecht werde das seidentuch mit ihrem namen die rolle eines glücksbringers spielen (so dass ihm - wie viele männer werden schon ähnliches versprochen haben - also nichts passieren kann). Der in allzu selbstgewissem ton vorgetragene verweis auf die magischen kräfte des edlen stoffs - ob er selbst tatächlich an sie glaubt bleibt offen - wird nur knapp und verhalten beantwortet. Sie ahnt dass ihre unmittelbar bevorstehenden abschiedstränen vielleicht nicht die einzigen bleiben werden. Während der mann in durchaus wolmeinender absicht meinte die geliebte auf recht leichtfertige weise trösten zu können lässt sie sich nichts vormachen · spricht das von ihm für überflüssig erklärte gebet erst recht · erspart ihm aber doch taktvoll den ausdrücklichen widerspruch .
George hat nie blosse kopien von originalen abgeliefert. Hier lässt er keinen mittelalterlichen ritter sprechen. Dem hätte ein seidentuch nicht das gebet ersetzen und ein schöner leib nicht dieselbe ehrerbietung wie ein engel oder Gott abnötigen können. Unter den klassischen minnesängern kam allenfalls Morungen einmal in ähnliche nähe zur blasfemie. Wie oft im minnesang wirkt auch bei George die frau fast schon überlegen in ihrer nüchternen zurückhaltung. Es darf aber auch angemerkt werden dass sie in 4304 nie ausdrücklich als frau angesprochen · von ihm bei aller zuneigung doch eher wie ein kind behandelt wird und George im Kreis den von ihm verliehenen namen auch einige bedeutung beimaass.
Viel mehr als der alte minnesang beeindruckt Georges TAGELIED als ausdruck tiefer und beiderseitiger liebe ohne dass das hohe ethos auch nur die geringsten einbussen erführe. Im gegenteil: während das mittelalterliche tagelied morgens offenlässt oder gar augenzwinkernd andeutet was in der nacht sich abspielte findet sich ein höhepunkt dieser art bei George ausdrücklich nicht. Die frühen morgenstunden sind daher die unverminderte fortsetzung der nächtlichen "freuden" und nicht lediglich nachspiel und ausklang. Dass "auch fürder" entschiedene keuschheit herrschen wird tut dem "glück" des zusammenseins keinen abbruch. "Leib" und "inbrunst" machen deutlich dass die erotik nicht verbannt ist aus der entsexualisierten beziehung. Für Georges liebes-ethik dürfte das gedicht von zentraler bedeutung sein.
4305 IM UNGLÜCKLICHEN TONE DESSEN VON . . .
Das gegenteilige extrem des weiblichen empfindens wird in diesem minnelied dargestellt. Hier wird wie so oft im minnesang dick aufgetragen: was M die »Intensität des einseitigen Liebens« (des mannes) nennt ebenso wie die geringschätzung durch die herrin und schliesslich die unerschütterlichkeit des ritterlichen sängers der trotz aller verletzungen durch kämpfe und die gleichgültigkeit der frau nicht nachlässt im lob der dame. Deren zynisches verhalten ist freilich die vorausetzung dafür dass er seine ethische qualität so eindrucksvoll demonstrieren kann. Bemerkenswert ist die idee den worten des mannes die form eines briefes (als schriftrolle) zu geben und diesen so einzuleiten dass der leser darüber sogleich in kenntnis gesezt wird. Sich selbst mit einem toten gleichzusetzen steigert zugleich die wirkung der klage auf das publikum des vortrags - worauf der minnesang ja immer bedacht war. Natürlich steht die für den tod verantwortliche fest. Schon bei Heinrich von Morungen wurde die herrin »toeterin« genannt.
4306 IRRENDE SCHAR
Wie in Wolfram von Eschenbachs Parzival werden hier gralssage und templerorden zusammengebracht. Denn dass mit der irrenden schar die templer gemeint sind - dazu als symbol - war schon M klar.
Der ritterorden der Templer entstand nach der eroberung Jerusalems zur sicherung der pilgerwege. Er war dem papst unterstellt und nicht etwa dem könig von Jerusalem oder sonst einem weltlichen herrscher. Sie wurden deshalb oft als staat im staat bezeichnet und als staat bezeichnete sich ja viele jahre später auch der Kreis selbst. Das gedicht deutet also an wie früh George von einem solchen konzept fasziniert war.
Ihr grossmeister residierte auf dem Tempelberg. Ein tempel«herr« (denn er war ja adliger herkunft) war zur keuschheit verpflichtet und hatte dem orden sein leben lang zu dienen. Die ritter widmeten sich auch wohltätigen zwecken - in der vierten strofe wird etwa auf die segensreiche wirkung der hospitäler angespielt. »Drob« also darob oder deshalb (nicht droben) jubelt ihnen das volk zu - genau so wie es anderentags wie schon zu beginn gezeigt den rittern nur mit hass begegnet. Denen ist das urteil der masse aber ohnehin gleichgültig obwol sie für das heil der anderen selbst leid auf sich nehmen. Das sie antreibende motiv wird in der zweiten strofe angegeben: es ist die wiederherstellung eines von aller not freien goldenen zeitalters oder die errichtung einer glücklichen - das heisst schönen - welt auf erden (in diese richtung deutet die vorstellung mit einem goldenen pflug (das motiv stammt von Hesiod) zu ackern) die der welt ihrer eigenen ursprünglichen und im mythischen liegenden herkunft entspricht. Konsequent hat George hier alle im christlichen glauben wurzelnden antriebe durch antikische überdeckt. Das volk versteht derlei uneigennützige beweggründe natürlich nicht und empfindet die rätselhaften jungen männer als »irrende schar« aus einer anderen welt.
Die werden aber auch älter und verbringen den »späten abend« ihres lebens mit festlichem gesang in den »unvergänglich neuen und schönen hallen« der gralsburg wo das heiligtum des grals - hier »Höchstes Licht« genannt - ihr alter mit einem milden licht verklärt. Wenn der gral ursprünglich eine schale war in der das blut Christ aufgefangen wurde ist die vorstellung nicht so abwegig dass er in den besitz der tempelherren gelangte.
Über den verbleib dieses besitzes ist viel spekuliert worden. Jedenfalls sah sich der papst schliesslich gezwungen den templern seinen schutz zu entziehen. Der durch seine militärische stärke und schenkungen mächtig gewordene orden wurde nach der muslimischen rückeroberung des Heiligen Lands verboten und den rittern der prozess gemacht. Dabei spielte der zu beginn des gedichts genannte »böse blick« in form erfundener gerüchte die wesentliche rolle: angeblich seien sich die tempelbrüder allzu nahegekommen. Im SIEBENTEN RING hat George den templern noch ein bekanntes programmatisches gedicht gewidmet (7209).
4307 DER WAFFENGEFÄHRTE I
Auch hinter Justinus Kerners um 1900 jedem bekannter ballade »Preisend mit viel schönen Reden« (1818) steckt eine sage: wie sich der erste herzog von Württemberg · der gründer der Tübinger universität · rühmt dass er als einziger fürst im schoosse jedes seiner untertanen einschlafen könne ohne böses befürchten zu müssen. Tatsächlich war Eberhard im Bart populärer als irgendein politiker heute. Im schooss eines hirtenknaben schlummert der marmor-herzog seit 1881 im Mittleren Schlossgarten in Stuttgart. Gleichwol verführt der populäre moralismus die studenten dazu sich des namens ihrer Eberhard-Karls-Universität zu schämen und die lezten spuren der vergangenheit mit einer bigotten zuckerschicht zu verdecken.
Allerdings gibt M als vorlage ein bronzerelief im Konstanzer dom an. Aber auch im gedicht liegt der ältere im schooss des jüngeren sprechers und dass die für George-gedichte völlig ungewöhnliche und hier ansonsten nicht notwendige erwähnung eines barts (erst recht bei einem sympathie-träger eigentlich ein unding) kein hinweis auf den beinamen des lezten grafen von Württemberg sein soll möchte man nicht annehmen.
Man könnte sich die beiden waffengefährten durchaus als tempelritter vorstellen. Hier ist sich der sprecher seiner jugendlichen unbedachtheit bewusst geworden. So hörte er nicht auf den wolmeinenden rat sich vom »sündeschloss« fernzuhalten wohin ihn »süsse stimmen« sirenengleich lockten. Aber er ist dankbar dass der ältere »bruder« ihn durch sein körperliches eingreifen vor dem erotischen abenteuer bewahrt hat. Dieser ist vorbild und erzieher zu einem anständigen lebenswandel und kann dabei wie gezeigt wachsweich mild oder auch eisenhart auftreten. Unter bezug auf diesen vers hat Cajo Partsch schon als fünfzehnjähriger den älteren waffengefährten mit seinem mentor identifiziert: »Das ist genau Helmut« (Küpper) und das ganze »wundervolle« gedicht in sein tagebuch abgeschrieben. (2014/15, 224). Beim zweiten zusammentreffen mit George am ersten februar 1930 durfte er erstmals vorlesen und wählte dieses gedicht aus.
4308 DER WAFFENGEFÄHRTE II
Den sieg im kampf gegen eine feindliche übermacht hat der ältere freund mit seinem leben bezahlt. Gerade in seiner noch jugendlich wirkenden unsicherheit lässt der nun auf sich allein gestellte doch den erfolg der erziehung deutlich erkennen. Die ähnlichkeiten mit den tagebucheinträgen von Partsch während der berufsbedingten abwesenheiten Küppers sind frappierend.
4309 VOM RITTER DER SICH VERLIEGT
Ein ritter dessen kriegerische tatkraft unter seiner sehnsucht und verliebtheit leidet »verliegt« sich. Dann würde er morgens nicht so entschieden wie in 4304 zum abschied drängen sondern noch ein wenig liegen bleiben.
Hier befindet sich der sprecher offensichtlich in einem vergleichbaren raum und hört im burghof ein tor anschlagen. Das geräusch löst vorstellungen in ihm aus die darauf hindeuten dass er im grunde doch fast lieber ein mehr tatbetontes ritterliches leben führen möchte. Er malt sich aus wie die gewappneten reiter unter den besorgten weiblichen abschiedsrufen vom balkon aufbrechen oder wie gäste unter einer weinlaube vom burgherrn bewirtet werden und sogar der klang einer laute zu vernehmen ist. Das erinnert ihn an zeiten wo er vielleicht als knappe ein »ahnungsloses« aber doch schönes leben führen konnte in dem er noch nicht hin- und hergerissen war. Dass die frau bei der er doch wol eigentlich liegt schon gar keine erwähnung mehr findet verwundert sicher nicht allzusehr. Das sich-verliegen macht also keinen richtigen ritter froh. Manchmal denkt man wirklich schon an den STERN DES BUNDES.
4310 DER EINSIEDEL
In ein breit angelegtes bild des mittelalters gehört sicher auch der einsiedler der in der selbst gewählten einsamkeit gott ganz nahe zu kommen versucht. MIt dieser figur hat der EINSIEDEL aber nicht viel gemeinsam. Schon das offene fenster ist ein fingerzeig dass ihn das leben draussen durchaus noch interessiert und die reben- und holunderblüte steht gewiss nicht für weltverneinung. Vor allem aber möchte er sein einsiedlertum doch eigentlich aufgeben wenn er sich wünscht dass der junge mann bei ihm bleiben möge. Der aber kam nur um sich kurz auszuruhen und trösten zu lassen angesichts der niederlagen die ihm das leben bereitete. Seinem alter entsprechend locken ihn ruhm und waffentat mehr als frieden und sicherheit. Der sprecher nimmt es in beherrschter resignation hin. Er kennt weder bevormundung noch besitzanspruch und die nicht etwa willkürliche entscheidung der höheren mächte bejaht er mit dem begriff »sorgen« letztendlich. Darin liegt seine frömmigkeit. Aber statt von gott spricht er von den himmeln. Er ist eher ein vertreter der antike und nicht so sehr des christentums.
Hildebrandt hat recht wenn er darauf verweist dass George eigentlich kein freund eines »leichten und sichern friedens« war (1960, 79). Umso eindrucksvoller zeigt der Dichter mit dieser wortwahl das im grunde vorbildliche liebevolle besorgtsein des älteren der sich zu recht sorgen um das leben des jungen draufgängers macht. Deshalb auch ist die formulierung »der himmel sorgen« genau richtig getroffen. Es sind nur andere aber ebenso berechtigte sorgen: dass dieser zur tat geschaffene junge unter der obhut des einsiedels seiner bestimmung nicht gerecht würde - und weil der einsiedel das auch ahnt stellt er sich nicht quer. Keineswegs gibt er seinem eigenen wünschen nach. Auch in diesem gedicht steckt schon einiges von der harten BUND-ethik (vgl. etwa 8328 und 8329) nur dass hier noch weit liebevoller formuliert und wol auch empfunden wird. Der George von 1895 hätte Bernhard von Uxkull noch nicht in den todbringenden krieg zurückgeschickt.
Dessen mentor bemerkt zu dem »sohn« dass »der gekränkte Stolz ein bezeichnendes Erlebnis der Jugend« sei »die niemals den Erfahrungen des Alters traut und alle Erhebungen und Enttäuschungen selbst spüren will und durchzumachen hat«. Offenbar nicht mit vollem recht wird Morwitz immer gern als besonders streng geschildert.
4311 DAS BILD
I,3 vesper : im katholischen ritus der gottesdienst des späten nachmittags wozu das läuten der hier erwähnten vesperglocke(n) erklingt.
I,3 hinter rauchenden meilern : In kohlemeilern erzeugte holzkohle war im mittelalter (und noch weit darüber hinaus) der energieträger für die eisenerzeugung. Hier verweisen die meiler auf die einsame lage des klosters in einem wald.
Dort nämlich lebt der sprecher innerlich viel mehr wie ein richtiger einsiedler als der EINSIEDEL. Sein blick in der mönchszelle geht nicht durchs offene fenster nach aussen - so dass er sich auch von dem SCHÜLER der dritten LEGENDE (053) unterscheidet - sondern wendet sich ganz dem BILD der muttergottes zu das neben seiner »lagerstatt« steht. Er betet so inbrünstig zu ihr dass er ganz wie der knappe am anfang des zyklus (4301) kein gebetbuch braucht. Und er umarmt und küsst die statue sogar. Solch ein abend ohne die gesellschaft der mönche ist ihm lieber als der tag und die schatten gefallen ihm besser als alle farben. Mit dem chorgesang im kalten kirchenschiff und der zuwendung zu den gräbern der ehrwürdigen verstorbenen hat er zuvor den tag verbracht: doch scheinen ihm die lebenden mitbrüder nicht viel zu bedeuten.
Aber dann sagt er sich doch so scharf vom christlichen glauben los - und das am ende des ganzen mittelalter-zyklus! Ganz anders der ausgang der HIRTENGEDICHTE wo dem wirklich leidenden SIEGER der gedanke an eine ähnliche revolte ganz fern bleibt und das lezte wort »götter« lautet. Hier aber endet die liebe zur angeflehten gottheit allein durch die allzu lange zurückweisung die er nun auch als probe seines glaubens keineswegs mehr hinzunehmen bereit ist. Die biblischen wundergeschichten wiederholen sich nicht in der realität · die gottheit tritt durch kein zeichen in erscheinung und das BILD bleibt tot. Dabei hatte er gar keinen wunsch geäussert - es ging also wol um seine erlösende annahme vor gott. Man mag darüber spekulieren warum er sich so ausgeschlossen fühlte - das ist der springende punkt in diesem gedicht. M spricht zu recht davon dass die ich-form der beiden lezten gedichte auf die in ihnen enthaltenen »mehr persönlichen Darstellungen« hinweist (85).
Dennoch ist die absage noch kein endgültiger abschied. Im lezten gedicht der SÄNGE wird Maria auf eine besondere weise erneut angesprochen - aber ohne dass die »brennende liebe« noch einmal aufflackert.
SÄNGE EINES FAHRENDEN SPIELMANNS 4401-14
4401 Worte trügen · worte fliehen
Zuerst wird die alltäglichem sprechen mit seinen mal trügerischen mal schnell vergessenen wörtern entgegengesezte dichtkunst dafür gelobt dass sie allein »die seele ergreifen« könne. Das also deutet die absicht der SÄNGE an die dafür keine ausgeklügelten kunstfertigkeiten benötigen und die verszahl und -länge auf ein minimum reduzieren. Alles soll so klingen wie von einem kind gesungen. Die in den rittersälen verlangte hohe kunst (in der kein sänger etwas persönliches von sich preisgibt weil er nur in einer rolle auftritt) und die übertriebenen heldengeschichten aus fabelwelten dürfen nicht erwartet werden. Ob das der angesprochenen seele gefallen oder ob sie darüber höhnen wird ist gar nicht entscheidend. Denn einmal muss der sprecher ihr ja doch mit persönlicher ansprache entgegentreten. Diese seele wird aber als eine nur im traum gesehene und seitdem nicht mehr vergessene bezeichnet. Eine solche konstruktion war schon im minnesang beliebt weil die minne zu einer sozusagen ganz unkörperlichen dame die keuschest mögliche war. Auch die eingangs vorgetragene entschuldigung für eine mögliche unvollkommenheit der dichtung stammt aus dem standard-repertoire mittelalterlicher litteratur.
4402 Aus den knospen quellen sachte
Wenn der rauhreif in der frühlingssonne taut sieht es so aus als würden aus den blattknospen der bäume tropfen quellen. Am vortag scheint der anblick den sprecher selbst noch zum weinen gebracht zu haben. Nun aber hat er verstanden dass er seinen trost darin findet dass in jedem jahr von neuem die sonne wärmer wird und die welt sich verjüngt.
4403 Dass ich deine unschuld rühre
Es ist ein ehrendes sprechen oder doch auch ein zeichen von schüchternheit wenn das gegenüber nicht direkt sondern durch seine tugend als pars pro toto angesprochen wird. Allerdings kann »unschuld« auch auf das jugendliche alter zielen.
Wenn das du die drei vorgeschlagenen möglichkeiten wie der sprecher ihm gefallen könnte nicht »begreift«: wird dieser dann ein anderes du suchen oder sich ein herz fassen und direkter über seine wünsche sprechen? Aber selbst über diesen einfachen ausweg wagt er nicht zu ende zu sprechen.
4404 Heisst es viel dich bitten
Hier wird das einfache bereits zu einem recht raffinierten sprechen. Die im hohen minnesang geforderte unterwürfigkeit des sängers wird auch hier demonstriert · in der lezten strofe aber noch einmal gesteigert. Würde sie ihm ohne zu sprechen einen blossen wink geben - natürlich keinen zu freundlichen - der so verhalten ist dass er ihn kaum wahrnehmen könnte und aus dem lediglich ein ertragen seiner anwesenheit hervorginge - wäre das nicht schon wie ein erhörtwerden? Er glaubt also dass er ihre gunst gewinnen könnte ohne dass sie sich so erniedrigen müsste ihm eine deutliche gunstbezeugung zu gewähren.
4405 So ich traurig bin
Auch auf diesen hauch eines zeichens ihrerseits kann sogar auch noch verzichtet werden. Dann bleibt nur noch die blosse vorstellung. Dabei geht es hier nicht um visuelle sondern um die vorstellung des klangs der stimme. Dieser klang kann woltuend wirken und den gram mindern. Gerade der ältere George hat es mehr und mehr geliebt beim vorlesen von gedichten den klang der jungen stimmen zu geniessen.
4406 Sieh mein kind ich gehe.
Durch seine kürze und einfachheit des sprechens sowie die tendenz zur raffinierten übersteigerung passt dieses gedicht in den zyklus · hat aber mit minnesang gar nichts mehr zu tun und gehört wie 4310 zu den gesetzen über den richtigen umgang mit jüngeren. In eine ganz ähnliche richtung gehen auch die LIEDER 7609 und 7610.
III,2 Gemeint ist hier: unter keinen umständen darf der jüngere in irgendeiner weise »versehrt« - also geschädigt werden.
Bevor sich das nicht vermeiden liesse ist es besser zu »gehen« so dass M missverständlich von einem »Abschiedsgedicht« spricht obwol es hier nicht um ein geschehen geht. Natürlich ist mit der zweiten person des singulars keine wirkliche rede zu dem »kind« gemeint. Vielmehr soll auch durch die sprachliche form ausgedrückt werden dass es hier allein um den jüngeren geht. Mit einer ausnahme die nicht ernst genug genommen werden kann: jedes leiden des jüngeren schmerzt erst recht den älteren.
Im übrigen hat M ungeachtet seiner üblichen und inzwischen zu ignorierenden verschleierungen einige klarsichtige formulierungen gefunden. Es gehe dem sprecher darum zu verhindern dass die jüngere seite »Wissen um die allem Menschenleben innewohnende Mühe und Pein« erlange. Dadurch würde der »Duft ihrer Wange unwiederbringlich verlorengehen« (M verweist hier auf den synonymen begriff der unschuld in 4403). Deshalb strebe der sprecher »nicht nach Erfüllung seines Liebens« sondern nach »Erhaltung der am meisten anbetungswürdigen Vorerlebensstufe« · nicht nach »Leidenschaft« sondern »nach Verewigung von Schönheit« im sinne eines »künstlerischen Trachtens«.
Natürlich wusste George dass es schon dem vater des Buddha nicht gelang seinen sohn vor dem anblick des leides der welt zu bewahren. Es geht in dem gedicht nur darum die forderung nach behutsamkeit zu unterstreichen.
4407 Dieses ist ein rechter morgen ·
Wie in 4403 geht es hier um das wagnis die wünsche des sprechers deutlicher zum ausdruck zu bringen. Aber der konjunktiv dominiert: der sprecher wird nichts über seinen treueid sagen und nicht einmal das lob der herrin wird dem bislang schüchternen über die lippen gehen. Zwar wäre das fast schon sommerliche wetter gut dafür geeignet ihn mutiger und sie empfänglicher zu machen - aber sie wandeln eben nicht zusammen die immergrüne hecke entlang. George trifft hier gut den manchmal selbstironischen charme des minnesängers der augenzwinkernd eine für das publikum leicht durchschaubare pose als prahlhans einnimmt.
4408 Ist es neu dir was vermocht
Diesmal spricht der spielmann zu sich selbst. Deshalb erfährt man nicht worauf seine erwartung beruht er werde bald eine antwort bekommen. Fällt sie ablehnend aus ist für trost schon gesorgt: man stirbt nicht deshalb. Wie bei vielen minneliedern wird damit aber auch hier ein erster schritt weg von der idee des ganz hohen minnesangs getan bei dem eigentlich eher untröstlichkeit demonstriert wird weil der mann ja sein ganzes dasein in den minnedienst zu legen behauptet.
4409 Ein edelkind sah vom balkon
IV,4 gelass : ein eher wenig benuzter kleiner raum in den man sich zum alleinsein zurückziehen kann
Das adlige mädchen erwartete alles vom lied des hier »fiedler« genannten spielmanns ohne aber zu wissen worum es eigentlich gehen wird: der freudige blick und das fromme horchen verweisen auf seine kindlichkeit. Sogar seinen ring hat es dem fiedler zugeworfen um ihn vorweg für seine kunst zu belohnen. Nun aber empfindet sich das mädchen wie durch eiserne fesseln behindert und schimpft den urheber deren böser schmied zu sein. Die zukunftsfrohe stimmung der ersten verse hat sich nun ins gegenteil verkehrt.
Das gedicht ist damit eine variation des in 4406 geäusserten gedankens und führt vor augen wie sich »Müsste doch versehren« auswirken kann. Wenn allerdings · was bisweilen vermutet wurde · der fiedler mit dem FAHRENDEN SPIELMANN identisch ist zeigt dieser keinerlei anzeichen dass ihn das leiden des mädchens berührt (was von 4406 her zu erwarten wäre). Im gegenteil: er würde recht zynisch und beinahe stolz das von ihm verursachte leiden vortragen. In einer solchen abwertung der geliebten könnte man eine anspielung auf den späten minnesang vermuten und an Neidhart denken.
4410 DAS LIED DES ZWERGEN I
II,3 fliess : wie das berühmte Goldene Vlies fell eines schafes
Höflich führt sich der zwerg in diese friedliche miniatur-welt ein die genau im gegensatz zu dem vom sänger hinter sich gelassenen »fabelreich der riesen« (4401) steht.
4411 DAS LIED DES ZWERGEN II
II,3 der feien sohn : der sohn einer fee
Und stellt sich nun als zwergenfürst vor.
4412 DAS LIED DES ZWERGEN III
I,1 schrein : schatztruhe
Daher kann er den kindern - hier dem minimalistischen prinzip des zyklus folgend auf drei reduziert die wie in einem »Abzählreim« (Wk, 147) angesprochen aber dann also zufällig gefunden und eben gerade nicht in irgendeiner weise »ausgewählt« (ebd.) werden - geschenke (gemeint sind wol eigentlich weissagungen) anbieten und (allein darum geht es doch) ein nachdenken über das wertvollste in gang setzen: reichtum und luxus - waffen und die gunst schöner frauen die dem künftigen ritter auf seinem ganzen lebensweg nicht fehlen werde . . oder nichts davon - das gilt dem »Werkkommentar« kurioser weise als »Verwünschung« (ebd.) - aber den zugang zur kunst was überhaupt nicht bedeuten muss dass dem armen kind nun das schwere »Schicksal eines Dichters« auferlegt werde (ebd.). M spricht von »Schicksalsgaben, die früh verliehen werden und den Verlauf des ganzen Lebens bestimmen«. Das gibt dem zwergenkönig ein ganz anderes gewicht und dieser kleinen dreiergruppe einen tiefen ernst.
Was die unschuldigen zwergenliedchen aber mit dem bei George angeblich »allenthalben artikulierten Thema der Selektion« ( ! ) zu tun haben sollen bleibt wol für immer das geheimnis von Jutta Schloon (Wk, 147). In Auschwitz gab es kriterien · in den zwergenliedern ein blindes schicksal. Vor allem berechtigt keines der lieder die drei kleinkinder mit jenen »Erwählten« in einem atemzug zu nennen die - in einer ganz anderen altersstufe und wiederum immer nach festgelegten kriterien zu denen gewiss nicht der tanz des ringelreigens gehört - in manchen George-gedichten eine rolle spielen. Dabei geht es nie darum reichtümer waffen oder gar frauengunst zu erhalten sondern in eine qualifizierte gruppe aufgenommen zu werden (allenfalls wäre noch an das eigene »erkorensein« zum dichter-herrscher zu denken wie es etwa in 4506 angesprochen wird). Es ist erstaunlich was für ein unsinn · dazu noch in eine übel geschmacklose formulierung gepackt · in Egyptiens »Werkkommentar« einzug halten durfte wo damit selbst an diesem ort George unterschwellig in die nähe des schlimmsten faschistischen verbrechens gerückt wird. Der herausgeber hätte »Selektion« ernster nehmen müssen - im doppelten sinn.
4413 ERWACHEN DER BRAUT
I,3 himmelshelden : M denkt hier an choräle die zum lob von Heiligen angestimmt werden.
Der reiz des gedichts besteht darin dass es völlig offen bleibt wie sich die junge braut dazu stellt dass sie vor der hochzeit mit einem jungen mann steht den sie noch gar nicht kennt. Diese fremdheit erweist sich auch darin dass sie noch nicht einmal an seinen namen denkt. Die choräle der hörner klingen nicht fröhlich sondern ernst und schwer. Ein naives bejahen der situation möchte man der frau also nicht unterstellen - auf ein beginnendes sich-auflehnen aber könnte sich die doppeldeutige überschrift vielleicht beziehen: in der liebe darf es die von ihr durch das modalverb »soll« bezeichnete fremdbestimmung durch eltern oder tradition nicht geben. Wieder ein gedicht das eine feine distanz zum mittelalter andeutet.
4414 Lilie der auen !
Die anreden der Maria beruhen auf historischen grundlagen. Ute Oelmann hat auf das damals tausendfach vervielfältigte gnadenbild der Maria del Buon Consiglio in einer römischen kirche und die noch bestehende · 1873 geweihte kirche »Mutter vom Guten Rat« in Frankfurt-Niederrad hingewiesen (2018, 44). Dass die »Herrin im rosenhag« sich auf den typus der Rosenmadonna und insbesondere auf das »von Stefan George besonders geliebte Gemälde von Stephan Lochner» mit den weissen madonnenlilien - einem weiteren symbol von Marias keuschheit - bezieht wird bei M erwähnt. George ersezt lediglich Maria durch die dem minnesang geläufige »Herrin«.
Der Madonna galt schon am ende von 4311 keine »brennende liebe« mehr · doch wird sie hier noch einmal angesprochen. Aber so kindlich und fromm ist das gemüt des sprechers durchaus nicht wie er den anschein zu geben versucht. Mit der Muttergottes leistung für gegenleistung aushandeln zu wollen macht sie zur geschäfts-partnerin und spricht ihr alles Heilige ab. Und der sprecher kann sich selbst als »ohne sünde« vorstellen obwol die dornenfreien rosen dieser hecke ja gerade die unschuld Mariens symbolisieren: es ist deren alleinstellungs-merkmal das der sprecher ihr stiehlt. Zugleich ist er sich seiner eigenen macht sehr wol bewusst: er kann »verkünden« und darauf ist alles Göttliche angewiesen. Nur M scheint im ernst an »die Einfalt des Beters« zu glauben. In wahrheit entpuppt sich der fromme ton als charmante blasfemie - profaner könnte der ausflug in das christliche mittelalter nicht enden. Trotzdem kann Ute Oelmann schreiben: »dieses Marienlied fasziniert« (2018,44). Seinen verfasser muss die Madonna im Rosenhag nämlich insgeheim immer noch angezogen haben · was Ms bemerkung ja auch bestätigt.
052 LEGENDEN II · FRÜHLINGSWENDE
M bezieht die vor dem hintergrund einer frühen antiken zeit spielende zweite legende auf das vierzehnte lebensjahr. Sie stellt den ablauf der ersten stunden eines tages dar an dessen abend der einzige sohn des fürsten feierlich in die gemeinschaft der männer eingeführt werden soll. In der nähe eines noch sehr einfachen tempels in einem hain erlebt man das morgendliche erwachen des tags in bukolischer landschaft. Hier wurden und werden noch rinder getötet und geopfert denn im zusammenhang mit den anstehenden festlichkeiten erhofft man sich zeichen der gunst von den befragten göttern. Ein alter priester erscheint mit dem jungen der sich »knabenhaft folgsam« an der hand führen lässt - wodurch der priester wie das sinnbild eines »pädagogen« also »knabenführers« wirkt.
Die darstellung von gesten ist ein wesentliches merkmal von Georges lyrischer kunst. Hier zeigt sich dass schon der junge George dieses mittel beherrscht und auch in der prosa verwendet. Lyrische texte sind ja eben kürzer als epische und George bemüht sich mit wenigen worten viel auszudrücken. Gesten sind mittel der sprachlichen verkürzung und darüber hinaus bringen sie zur anschauung was man ansonsten abstrakt und auch viel kunstloser nur behaupten müsste: »Dieser junge ist zwar bald vierzehn aber noch ein richtiges kind. Sein denken ist unkritisch und unselbständig · klaglos folgt er den autoritäten und weder ist er schon ein mann noch möchte er bald einer sein.« So ganz traut George seiner kunst noch nicht und deshalb fügt er »knabenhaft folgsam« hinzu. In der späteren lyrik wird es verdoppelnde hinweise nicht mehr geben. Dem geübten leser erscheinen sie überflüssig und beinahe lästig während der anfänger noch dankbar dafür ist.
Der junge trägt bereits ein seiner stellung entsprechendes gewand (es ist ihm noch beschwerlich · auch dies natürlich ein symbolischer hinweis dass ihn das bevorstehende überfordert). Denn er darf heute zwei götterbilder zum ersten mal betrachten. Vor einer amazonenhaften kriegsgöttin muss er mit einer schweren streitaxt · begleitet von markigen worten des priesters · seine kindlichkeit rituell besiegen und anschliessend bekommt er sein schwert wofür er gehorsam dankt und in »unbewusster list« seine freude äussert »weil ahnend dass er froh sein soll«. Das denkt man sich nicht aus · das hat man im leben selbst empfunden. Wir erkennen hier dass der junge die ganz kindliche naivität bereits abgelegt hat und das innere geschehen dem nur noch äusserlichen bild des folgsamen knaben schon nicht mehr ganz entspricht. Doch hütet er sich sein inneres zu zeigen. »Unbewusst« weiss er sich doch zu verstellen und diese täuschung deutet auf eine distanzierte kühle seines wesens. Von dem erwachsenen beginnt er sich schon zu lösen der ihm vergeblich versucht hat einzureden jeder »freigeborene guten samens« müsse die kraft der göttin empfinden und »für immer« anerkennen. Die mittels der geste herbeigeführte vorstellung des folgsamen knaben diente also hier nur als folie vor der sich die bereits erfolgte weiterentwicklung umso eindrucksvoller darstellen liess.
Georges mutter war gläubige katholikin und die regelmässigen besuche der messe prägten seine kindheit. Es wird angenommen dass er auch ministrierte · und vorstellbar ist dass er wie die meisten kinder und schüler lernte und verinnerlichte sich den erwartungen nach aussen hin anzupassen · ganz besonders bei religiösen ritualen mit ihrem feierlichen ernst. Manchmal verweigern jungen diese unterwerfung: Frank Mehnerts - der später Victor Frank genannt wurde - nicht immer unbeschwerte schulzeit in Stuttgart - natürlich am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium - wird in dem schönsten buch geschildert das ein angehöriger des Kreises hinterlassen hat: ERINNERUNG AN FRANK von Michael Stettler »in Absprache mit Robert Böhringer« 1968 zusammengestellt.
Beim zweiten tempel geht es um das standbild einer fruchtbarkeits- oder liebesgöttin. Am eingang stehen holunderbüsche die üppigen blütenstaub (M sagt: duft) abgeben. Bei solch einem an sich nebensächlichen wenn nicht unnötigen detail muss natürlich an den symbolischen wert im zusammenhang einer initiationsfeier denken. Zudem können sie »leise lispeln und sündenah« - das nachgestellte zweite adjektiv findet sich oft bei George. Lispeln meint in der litteratur ein verführerisches flüstern. Die wortverbindung sündenah ist wieder eine form der verkürzung. Sie deutet an dass dem jungen hier ein verhalten nähergebracht werden soll das ihm wie ein verstoss gegen seine art oder seinen entwicklungsstand erscheint: das bild einer nackten frau zu betrachten. Deshalb vermag der knabe der eigentlich nun ein jüngling sein soll nur verschämt zu boden zu schauen. Im späteren Kreis verfügte besonders Frank über diese scheu. (Damals wurden jungen und mädchen in traditionellen gymnasien nicht gemeinsam beschult - nur die von George abgelehnte reformschulbewegung sezte sich für die koedukation ein. Heute drücken die geschlechter zwar nebeneinander die schulbank - müssen dafür aber in der u-bahn getrennt werden. Das ist die dialektik des fortschritts.) Der sonst so strenge priester zeigt deshalb beinahe einen anflug des lächelns und verspricht dass er am abend seine zurückhaltung verlieren werde wenn eine »reizende sklavin« ihm nach dem gelage körperlich näherkommt. Doch beweist der versuch den jungen mit einer ihm völlig gleichgültigen attraktion zu locken nur die entfremdung zwischen beiden. Der alte nimmt den jungen nicht ernst und erkennt das zeichen seiner besonderheit nicht an. Stattdessen unternimmt er einen zweiten anlauf: die weichen küsse der frauen seien eine belohnung für den starken. Er weiss genau dass kein junge in diesem alter zu den schwachen gehören möchte und er nennt sogar jeden einen toren der den »spenden« der frauen entsagen würde. Mit derartigem druck versuchen schon immer die täter den kindlichen opfern das neinsagen unmöglich zu machen.
Seine eltern hätten für ihn - wie es auf dieser kulturstufe üblich sei - bereits die künftige frau ausgewählt. So behauptet es jedenfalls M und für ihn wie auch für Karlauf ist die auserwählte mit der hier angekündigten sklavin identisch. Doch geht keiner von beiden auf die daraus entstehende zumutung ein dass der fürst für die angebliche "Hochzeitsnacht" (Karlauf 2007, 69) seines einzigen sohns nichts besseres als eine sklavin auszuwählen in der lage gewesen sein soll. Tatsächlich ist die sklavin für den priester lediglich eine dienstleisterin die dem jungen beibringen soll was von einem mann neben dem führen der waffen noch alles erwartet wird (von einer »Hochzeitsnacht« kann gar keine rede sein). Sie ist nur teil des initiationsrituals und wird danach nicht mehr benötigt. Deshalb will der knabe sie nur »heut ja gehorsam noch dulden«. Er wagt also wie so viele opfer derartiger vergewaltigungen nicht neinzusagen obwohl er im innersten ablehnt was mit ihm geschehen soll. Nur die eine lehrstunde mit ihr will er über sich ergehen lassen · und so wirkt er unangenehm berührt aber nicht verzweifelt wie er es sein müsste wenn er sein ganzes leben mit ihr zu teilen hätte. Kurt Hildebrandt (1960, 223) dürfte recht gehabt haben wenn er den priester und den fürstlichen vater in eins sezt. (In frühen kulturen und selbst noch bei den römern waren die fürsten ja oft zugleich die obersten priester.) Bei dieser lesart ist die »dunkel vom vater verheissene« lediglich die im morgendlichen tempel vom priester angekündigte sklavin und Ms bemerkung über die auswahl der lebensgefährtin durch die eltern wird hinfällig.
Mit dem besuch dieses zweiten tempels ist das pflichtprogramm vorerst absolviert und der sohn kann endlich tun was ihm freude verschafft: am weiher beim duft von minze und zwiebelgewächsen (also bärlauch) seine einsamkeit und freiheit genießen. Hier hat er schon oft »gestalten und taten« gesponnen. Zwei in Georges welt bis zulezt ganz zentrale begriffe: taten müssen nicht unbedingt · wie beim unsterblichen inbegriff einer »tat«: Stauffenbergs verschwörung · heldentaten sein aber doch leistungen die ins leben hinein wirken. Neben Stauffenberg wäre der wahrhaft tatkräftige Robert Boehringer zu nennen dessen taten im grunde dauerhaftere folgen hatten. Unzähligen menschen im nach 1945 hungernden Deutschland kam sein unermessliches und heute fast vergessenes lebenswerk zugute. Als erbe Georges sorgte er für die entstehung der verdienstvollen stiftung mit dem archiv. Und er war begründer der Stefan-George-Gesellschaft die ebenso noch existiert. Wer ihre webseite aufruft liest (im frühjahr 2021) auf der startseite von einem »Call for Papers für das George-Jahrbuch 14«. Dabei gilt es eine »Deadline« für die abgabe der »Abstracts« zu beachten. Boehringer ist eben seit fast einem halben jahrhundert tot.
»Gestalten« sind persönlichkeiten die einfluss auf den geschichtlichen verlauf haben. Im George-Kreis wurden über solche gestalten die sogenannten gestaltbücher geschrieben: über Cäsar (der die antike kultur nach Deutschland oder jedenfalls in Georges heimat das Rheinland brachte) · Napoleon (man war frankophil - George wurde ursprünglich Etienne gerufen und liess sich erst Stefan nennen als er Stéphane Mallarmé bewunderte (der sein leben ebenso als Etienne begann). Die nationale gesinnung wuchs erst nach dem verhassten Versailler Vertrag der das Rheinland ja besonders betraf) · über Goethe und Shakespeare · den staufer Friedrich II. (dessen biografie von Ernst Kantorowicz gilt als höhepunkt der geschichtsschreibung des Kreises und George selbst hat daran mitgewirkt) · über Nietzsche · Dante (mit dem sich George gern verglich) und natürlich über den ganz vergöttlichten Platon. Hier sind wol von der fantasie des knaben (über die der jugendliche George in unerhörtem maasse verfügte) ausgeschmückte mythische »gestalten« und ihre abenteuer gemeint die er »entsandte« also offenbar schon - vielleicht nur in gedanken - in textform brachte. Damit wird angedeutet dass der junge als künstler oder dichter aufzufassen ist. Nichts ist in heutigen schulen so sehr in verruf gebracht worden wie die orientierung an »gestalten« und die kenntnis von biografien. Friedrich II. oder Alexander werden in lehrplänen höherer schulen nicht einmal mehr erwähnt. Stattdessen werden statistiken und gesetzestexte · gesetzestexte und statistiken interpretiert · fantasie und gefühle geächtet und der geschichte wird bewusst alle faszination genommen. Die im Kreis gepflegte geschichts- und litteraturgeschichtsschreibung schäzte noch das sich-einfühlen in grosse individuen was dem jugendlichen bedürfnis nach begeisterung · identifikation und verherrlichung rechnung zollte (und von positivistischen historikern als unwissenschaftlich bekämpft wurde). In den dreissiger-jahren pilgerten gerade auch die staufer-begeisterten jüngsten wie Frank oder Cajo Partsch nach Palermo zum grab Friedrichs II. Wenn aber grosse persönlichkeiten nicht mehr verherrlicht · nicht einmal mehr dargestellt werden muss man sich nicht fragen warum Stettler sie nur noch unter greisen fand und Jugendliche kicker und rapper mit persönlichkeiten verwechseln weil sie luxuriöse wagen fahren und dicke goldketten tragen.
Diese zweite legende ist in ihrer formalen gestaltung noch kein meister- sondern erkennbar ein jugendwerk. Das sieht man nicht nur an der unvollkommenen metrischen gestaltung und der ungelenken wortstellung mit einer inversion die alles nur verschlechtert - »Gemessen sie zum heiligtum schreiten« klingt eher nach stolpern - sondern mehr noch an dem unbedarften einschalten einer art erzähler der jezt dem leser ein wissen mitteilt das dem jungen nicht bekannt sein kann. Denn er erblickt in noch grosser entfernung die vom priester-vater angekündigte sklavin. »Sie« - das grosse S weist hier auf ihre als bedrohlich empfundene überlegenheit - die ihm schon oft in lästiger weise nachstellte. Nun aber - so der auktoriale erzähler - hat sie erfahren dass ihre in langen wintermonaten vergeblichen mühen um des jungen gunst durch die bevorstehende »siegreiche nacht« doch noch belohnt werden. So lauert sie ihm schon seit dem morgen auf um an seinem antlitz zu erkennen was er empfindet. Er aber will sich seinen durch die folgsamkeit in den tempeln wohlverdienten »glücklichen mittag« nicht durch sie verderben lassen und schüttelt sie ab indem er sich auf einem umweg dem »lieben orte wo er nur herr ist« nähert. Hier kann er sich am ufer aus schilfrohr seine flöten schneiden und seinen gedanken nachhängen. Seine frohe stimmung wird nur getrübt durch den gedanken an das bevorstehende: den gratulierenden händedruck der abstossenden männer · ihr trinkgelage mit den gesängen · und erst recht die angekündigten liebesfreuden »die kaum er ahnt die lieber er miede«. So schaut er auf die wasseroberfläche · »nur immer sein eigenes bild« erblickend.
In der litterarischen tradition wird mit dieser geste · dann oft in verbindung mit symbolen wie der kreisform und im zusammenhang mit äusserer schönheit eine frevelhafte unfruchtbare eigenliebe wie bei dem aus antiker mythologie bekannten jüngling Narziss angedeutet · so vielfach bei Eichendorff. Hier aber ist dies die geste in der die beschäftigung mit dem eigenen denken sichtbar gemacht wird. Die im wasser schwankenden blumen die jezt noch nicht zum kranz gebunden sind dürften auf seine spätere anerkennung als dichter hindeuten. George wusste schon in der schulzeit als er nur für sich Petrarca übersezte dass ein grosser dichter im Heiligen Römischen Reich als poeta laureatus mit einem lorbeerkranz geehrt wurde. In solchen traditionen wird ja auch sein gedanke gewachsen sein dass bestimmte dichter wie gekrönte herrscher zu gelten haben. Allerdings kann man schlecht lorbeerblätter im waldsee schwimmen lassen - daher die blumen. Weniger hoch gegriffen aber vollkommen zulässig wäre es die blumen symbolisch als erste bestandteile von gedichten aufzufassen - im lezten abschnitt ist von »silben« die rede - die noch der form bedürfen (so wie die blumen · da noch nicht kranz · noch ungeformt sind). Es ist gar nicht wichtig diese frage zu entscheiden. Hier zählt nur dass der junge sich vom blick in den waldsee bestätigt sieht in seiner auffassung dass der sinn seines lebens weder im waffendienst noch in der gründung einer familie liegt. Sein los ist die existenz des künstlers und dies gibt ihm recht - so die auffassung Georges in der zeit seiner ästhetizistischen kunstauffassung - im bemühen sich von den anderen abzusondern. Dass er im wasser »nur immer sein eigenes bild« erblickt muss nicht auf ein bei George früh vorhandenes »Bewußtsein für die darin liegende Gefährdung« (Bozza 2016, 127) deuten. Denn für den ästhetizisten wäre keine verarmung ausgedrückt sondern gerade der erfolg das ziel erreicht zu haben: nichts von der profanen welt gelangt mehr in den blick.
Die szenerie am seeufer ähnelt kindheitserinnerungen Georges der sich bekanntermassen dort wo die Nahe in den Rhein mündete im schilf ein ähnliches reich erbaute. (Das motiv taucht auch in KINDLICHES KÖNIGTUM 4506 UND URSPRÜNGE 7502 wieder auf.) Man hat in diesem hang zur absonderung eine narzisstische veranlagung entdecken wollen obwohl das verhalten des fürstensohns sogar noch weniger als das des klosterschülers (in der dritten legende) verbunden ist mit selbstbewunderung. Es gibt keine anzeichen für ein übertriebenes selbstwertgefühl · auch nicht für ein fehlendes. Das abendliche fest in dem doch er im mittelpunkt stehen wird löst bei ihm keine vorfreude aus. Es zieht ihn nur dorthin wo niemand ist der ihn bewundern könnte. Der narzissmusbegriff ist hier falsch verwendet und ohne jeden erkenntniswert. Weil man allgemein der auffassung ist George habe narzisstische züge gehabt - wofür es anzeichen schon aus der jugendzeit geben mag - ist es allzu verlockend das längst bekannte auch in der litterarischen figur entdecken zu wollen. Dies verstellt den blick darauf dass George hier gerade keine persönlichkeitsstörung darstellen möchte. Stattdessen ist die zeitweilige beschränkung auf sich selbst für einen künstlerisch oder filosofisch begabten jugendlichen ein gebot der notwendigkeit. Die LEGENDEN II und III verbindet die liebe der helden zum einsamen nachdenken - es sind die geburtsstunden ihres genies (oder vielleicht des Vornehmen. George ist mehr von Nietzsche · nicht von der zeitgenössischen psychologie her zu verstehen). Diese jungen müssen sich absondern denn sie spüren die gefahr durch den lästigen lärm und leeren zeitvertreib ihrer altersgenossen denen es langweilig wird kaum dass sie einen augenblick allein sind in dem sie dann die ganze armut ihres geistes empfinden. Dehnt sich der moment etwas aus - wie in der pandemie - beginnen schnell ihre lauten klagen · die regelverstösse und die depressionen. Schopenhauer hat hierüber alles notwendige bereits gesagt (in Parerga und Paralipomena). Natürlich bleibt auch M der sich sonst keine gelegenheit entgehen lässt auf die entlegensten antiken quellen zu weisen hier wie immer nüchtern · erwähnt Ovid in bezug auf die drei legenden kein einziges mal und bemerkt in der heutigen interpreten nicht mehr möglichen unaufgeregtheit: »Er ist in dem Alter, in dem es ihm am meisten gefällt, im Wasser des Waldsees auf sein eignes Spiegelbild den Blick zu richten«. Ein hinweis auf das delfische »Erkenne dich selbst« wäre nicht verkehrt gewesen denn das bemühen um selbsterkenntnis ist der sinn des symbolischen blicks in den see. (Zu beginn der zwanziger jahre hatte Morwitz als einführung »Die Dichtung Stefan Georges« geschrieben. Das buch erschien 1934 und erwähnt das Narziss-motiv ausdrücklich im hinblick auf einen kindlichen entwicklungsabschnitt. In dem viel umfangreicheren kommentar von 1962 ist der hinweis wolweislich getilgt.)
Festzuhalten ist bei dieser legende dass der junge als bereits stolzer fürstensohn angelegt ist und - ob er gleich die unterordnung äusserlich nicht verweigert - sich doch nur dort wolfühlt »wo er nur herr (seiner zeit und gedanken - aber nicht über andre !) ist«. Zweifellos mag er ichbezogen wirken und weder denkt er viel an seine eltern noch bedeuten ihm die göttinnen irgend etwas. Eltern und religion haben ihren einfluss bereits verloren. Der vater hat als priester versagt und ihm den eindruck vermittelt dass sichverstellen und bloss äusseres befolgen von ritualen mit den passenden mienen und gesten als »heiliger eifer« durchgehen und sogar anspruch auf belohnung begründen können. (Im KINDLICHEN KALENDER T02 gibt George einen einblick in sein religiöses erleben als jugendlicher · und auch dort läuft sogar das ganze kirchenjahr zwar ohne infragestellung aber nur wie ein blosser bilderbogen ab.) Er hat ebenso versagt weil er keine ehrfurcht zeigt vor den festgelegten entwicklungsabschnitten von denen auf dem weg der persönlichkeitsbildung keiner übersprungen oder abgekürzt werden darf. Indem er sich nicht scheut seine absicht »schwacher jugend wesen« vernichten zu wollen sogar offen auszusprechen diskreditiert er sich selbst vollständig.
Denn man darf seines sohnes kindliches alter und den zwischen kind und jugendlichem schwebenden entwicklungsstand nicht übersehen. M ist dieser fehler nicht unterlaufen - er versteht dass der knabe sich innerlich sträubt »in ein Reich zu dringen in das ihn eigenes Sehnen noch nicht zwingt« (1934, 22). Aber im Handbuch/Oelmann 2016 und ebenso bei Bozza 2016 und im Werkkommentar 2017 wird das unterschiedliche alter bei keiner der drei legenden auch nur erwähnt. David · angeblich der klassiker der germanistischen George-interpretation - bringt die legenden sogar heillos durcheinander (1967, 28). Das allgemeine desinteresse an Morwitz' angaben führt zu absurden konsequenzen: Im Handbuch wird der knabe, der sich doch eben noch brav an der hand führen liess und vor der Venus-statue schüchtern die augen senkte als »Mann« bezeichnet (103) als hätte sich George nicht alle denkbare mühe gegeben genau das gegenteil darzustellen. Oelmann unterwirft sich damit der im gedicht gerade als falsch kritisierten logik dieser archaischen tradition und dieses unfähigen vaters den knaben nach einem schema zu behandeln und ihn nicht als das individuum zu sehen das er wirklich ist - inbegriff pädagogischen versagens. Dabei ist das doch die zentrale idee des textes: zur trostlosen welt dieser unkünstlerischen männer zu gehören - wie sie in der vorstellung des jungen erstaunlich realistisch gezeichnet wird - ist zumindest nicht für jeden erstrebenswert und einen jungen vorzeitig in diese welt zu zwingen beraubt ihn seiner jugend · diesen jungen dazu noch seiner eigenart als künstler. Das ist bei George das verbrechen: vielleicht nicht aus moralischen aber gewiss aus ästhetischen gründen. Denn der junge wird · ist er erst einmal teil der hässlichen männerwelt · auch seiner schönheit beraubt werden: er wird prahlerisch mitreden · mittrinken und mitgrölen und mittöten müssen. Und ohne es genau zu durchschauen: er ahnt und spürt die gewalt die ihm droht · und in der gestaltung seiner rührenden versuche die am abend hereinbrechende realität auszublenden oder sich schönzureden und es sich mit dem vater-priester nicht zu verderben liegt ein grosser reiz dieser legende. Zu widerstand oder flucht (wie später der SCHÜLER) ist der knabe noch zu schwach und doch will er sich seine innere unabhängigkeit schon bewahren.
Das ziel seines halbbarbarischen stammes liegt auf der hand: ihn als waffen- und reproduktions-fähigen mann so schnell es nur geht nützlich zu machen. Und sicher auch die gegenwelt einer sich entziehenden oder mit ihrem willen und ihrer fantasie der erstarrten erwachsenenwelt sogar gefährlich werdenden jugend zu schwächen indem sie rasch integriert wird. Ähnlich leicht zu erkennen ist weshalb die germanistik seine minderjährigkeit ebenso barbarisch ignoriert. Gedacht wird vom bereits am anfang feststehenden ergebnis der interpretation her. Weil Osterkamp für seine auf einem fatalen lesefehler beruhende missdeutung von DER BLUMENELF 0117 eine zusätzliche stütze sucht um jene absurde "Sexualangst" (Osterkamp 2010, 260; Bozza 2016, 122; 144 echot in williger gefolgschaft) bescheinigen zu können die man George unterstellt und folglich in seinen figuren wiederfinden möchte muss der junge vorher zum mann transformiert werden. Denn wie lächerlich wäre diese diagnose bei einem dreizehnjährigen ! Aber auch unabhängig vom aspekt des alters deutet rein gar nichts in diesem text auf irgendeine angst: ein wenig missmutig aber völlig gelassen sieht der knabe dem abendlichen termin entgegen dem er ja gar nicht zu entfliehen versucht (was meist ganz übersehen wird) · und mit überdeutlicher anschaulichkeit hat George mehrfache bilder dafür entwickelt dass der junge anderes einfach wichtiger findet · und ganz direkt gesagt dass der termin dem jungen dichter zeit für das fügen von silben »unnütz« entzieht. Und dieses motiv des für-sich-allein-seins ist geläufig: in WEIHE 101 ist es voraussetzung für den kuss der muse und selbst Algabal erinnert sich wie er als knabe »im haine ruhe sucht« um eigenen gedanken nachzuhängen (331).
»Sexualangst« ist fortan das zentrale · bis zum überdruss wiederholte und gleichwol unreflektierte mantra in Osterkamps George-auffassung. Sein absoluter maasstab ist offenbar von Faust oder Werther genommen und gilt für alt und jung. Dem können Georges jünglinge · die nicht in jeder minute nach frauen schmachten · natürlich nicht gerecht werden.
Und niemand weiss was damit gemeint sein soll: der vorwurf eines moralischen versagens? ein konstrukt um den feind der bürgerlichen welt so lächerlich wie möglich zu machen? das attest einer psychischen erkrankung (welches auszustellen der germanist freilich gar nicht qualifiziert wäre) - ein rückfall ins neunzehnte jahrhundert? Geeignet ist der begriff allemal um Osterkamps nichtverstehen hinter einem spektakulären schlagwort zu verbergen das wenigstens für einen augenblick den anschein überlegenen expertentums erzeugt. Es ist dieselbe masche wie bei Raulffs »dunklen Netzwerken«: man denkt sich etwas aus um es sodann als erster aufzudecken und sich dafür vom feuilleton feiern zu lassen.
Eine weitere bemerkung soll der scheinbaren einseitigkeit des bilds gelten das von der »reizenden sklavin« (die für sich genommen völlig unbedeutend ist und keine eigenen konturen gewinnt) gezeichnet wird die den jungen nicht nur gar nicht reizt sondern die er als lästig und störend empfindet während der erzähler sogar das zerrbild der bösartig-falschen stalkerin zeichnet die sich nun - das wird vom erzähler überdeutlich betont - in jubelrufen wie über einen sieg freut - der ihr doch eigentlich nur in den schooss gefallen ist. Es drängt sich die frage auf womit sie diese scheinbare dämonisierung verdient hat. Findet sich nicht wenigstens hier der ersehnte hinweis auf die »Sexualangst« des autors der hinter dem erzähler steht? Selbst diese vermutung ist nicht die naheliegendste.
Denn indem es in FRÜHLINGSWENDE darum geht wie einem jungen ohne sein einverständnis der frühling seines lebens entwendet wird gerät die sklavin doch zur komplizin des anstifters der die fäden zieht während sie ausführt was nötig ist um den jungen vorzeitig zu einem dieser männer zu machen. Das aber vollzieht sie nicht wie der priester vorgibt in einem höheren sondern ganz im eigenen interesse: wonach ihr »glühender wille« verlangte wird ihr erfüllt und George macht das deutlich indem er sie so laut jubeln und sich als siegerin fühlen lässt. Aus diesem grund und weil der junge noch gar nicht durchschaut dass es um mehr geht als einen verlorenen abend fühlt sich der erzähler im recht die rolle des anklägers zu übernehmen. Des anklägers der frau: denn es handelt sich - mit heutigen worten - um nichts weniger als sexuelle gewalt gegen einen minderjährigen · verübt von der frau zur befriedigung ihres ganz persönlichen begehrens · unter dem schutz der priesterlichen autorität · mit hilfe des vom vater ausgeübten verbalen drucks und im einklang mit der gesellschaftlichen konvention. Und George zeigt sensibel wie wehrlos dieser übermacht das opfer ausgeliefert ist dessen art · dessen fühlen und wollen nicht wahrgenommen und schon gar nicht berücksichtigt werden.
Man möchte vielleicht einwenden dass kritik an den beiden unangebracht sei weil sie nichts anderes tun als den traditionen ihrer kultur entsprechend einen bald vierzehnjährigen in den kreis der männer aufzunehmen während der sich innerlich verweigernde knabe (auch wenn er die konvention ja nicht tatsächlich bricht) aus der sicht seines kulturkreises eigentlich versagt. Insofern ist daran zu erinnern dass die antike szenerie eben nur »einkleidung« ist (wie George sie später noch oft verwendet). Kein leser darf sich hier um historisches verständnis bemühen oder solches einfordern wollen. Georges gedichte erheben nie den anspruch der epoche in die sie gekleidet sind historisch gerecht zu werden. Sie sind lediglich auf seine zeit zu beziehen oder in einem überzeitlichen sinn zu verstehen. Wenn beispielsweise in FRÜHLINGSWENDE konventionen einer archaischen zeit zum thema gemacht zu werden scheinen geht es tatsächlich um die gesetze und haltungen die noch im zwanzigsten jahrhundert der seiner eigenart entsprechenden entfaltung des einzelnen willkürlich im weg stehen oder ihn zu einer seiner eigenart nicht entsprechenden lebensform nötigen.